Quelle: Archiv MG - ASIEN KAMPUCHEA - Staat in Indochina


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       20.10.1989
       
       Kambodscha:
       

DER WESTEN SORGT FÜR "AFGHANISCHE VERHÄLTNISSE"

Vor kurzem hat Vietnam seine letzten Soldaten aus Kambodscha ab- gezogen. Prompt wurden hierzulande "Befürchtungen" laut über eine "mörderische Eskalation der Kämpfe" und "afghanische Verhält- nisse". Eine gelungene Heuchelei. Denn wer war und ist es denn eigentlich anderes als der Westen, der auf die Eskalation dieses "Krisenherdes" zielstrebig hingearbeitet hat? Als die Vietnamesen vor zehn Jahren in Kambodscha einmarschier- ten, sahen sie sich von Beginn an mit einer kompromißlosen west- lichen Feindschaftserklärung konfrontiert. Da hat es den Vietna- mesen gar nichts geholfen, daß sie mit den Roten Khmer ein - nach offizieller westlicher Sprachregelung - Regime von "menschenverachtenden, zivilisationszerstörenden Steinzeitkommu- nisten'' beseitigten. Unter deren Herrschaft sollen ,,zwischen 1975 und 1979 rund 1 Million Menschen oder sogar noch mehr umge- kommen" sein, "ermordet, verhungert". Die in bundesdeutschen Blättern wie z.B. der Süddeutschen Zeitung gerne mit viel Abscheu zitierten "Greueltaten" der Roten Khmer hätten im Falle eines westlich inspirierten Einmarsches noch allemal eine erstklassige, moralisch unangreifbare Rechtfertigung hergegeben - im Falle der vietnamesischen Militäraktion sollten sie kein guter Grund und keine Entschuldigung für gar nichts sein. Und genausowenig hat es den Vietnamesen im Westen genützt, daß sie in Kambodscha anstelle der Roten Khmer eine Regierung einsetzten, die - um es sich mit niemandem zu verderben - von Anfang an mit einer sozialistischen Umgestaltung nur sehr wenig im Sinn hatten. Für die USA und ihre Freunde im Freiheitslager stand die Verur- teilung des vietnamesischen Einmarsches vielmehr von vorneherein fest. Und zwar nicht wegen der Militäraktion als solcher. Das Verbrechen Vietnams besteht allein darin, kein treuer und botmä- ßiger Freund des Westens zu sein, sondern ein Bündnispartner der Sowjetunion. Deshalb war nach westlicher Definition der Einmarsch keine gutnachbarliche Hilfs- und Befreiungsaktion, sondern ein einziger Bruch des Völkerrechts, der nach allen Regeln westlicher Kriegs- und Erpressungskunst bestraft werden mußte. Genau das tat der "freie Westen" dann auch. Vietnam wurde mit ei- nem Wirtschafts- und Handelsembargo belegt, die neue kambodscha- nische Regierung diplomatisch isoliert und geächtet. Und vor al- len Dingen wurde das kambodschanische Volk in einer bemerkenswer- ten konzertierten Aktion unter Anleitung der USA, Hilfestellung der Chinesen und Vermittlung der UNO mit einer ureigenen funkel- nagelneuen "Widerstandskoalition" beglückt. Eine Widerstandsko- alition, die von der UNO mit den diplomatischen Ehren des allei- nigen Vertreters des kambodschanischen Volks, von den USA und China mit genügend Waffen und von Thailand mit einem sicheren Hinterland ausgestattet wurde, und die damit die kambodschanische Regierung und die Vietnamesen in einen ständigen verlustreichen Kleinkrieg verwickeln sollte. Daß sich diese Widerstandskoalition in ihren militärisch schlag- kräftigen Teilen bis heute im wesentlichen aus eben jenen "menschenverachtenden, zivilisationszerstörenden Steinzeitkommu- nisten" von den Roten Khmer zusammensetzt, und daß deren "Befreiungsaktionen" darin bestehen "die Bevölkerung mit brutaler Gewalt gefügig zu machen", - all das hat die USA und die anderen Menschenfreunde in der NATO nicht gestört. Zumal sie ja immer noch auf ihren Vorzeigeprinzen Sihanouk deuten können, dessen Söldnertruppe das Prädikat "bürgerlich-demokratisch" bekommen hat und als sehr ehrenwert gilt. Zur Schädigung Vietnams und der kambodschanischen Regierung wurde die Widerstandskoalition gegründet. Und diesen Auftrag haben auch die "Steinzeitkommunisten" von den Roten Khmer ganz ordentlich erfüllt: "Die Explosivkörper modernster chinesischer Bauart treffen die Landbevölkerung, Frauen und Kinder erleiden furchtbare Verstümme- lungen. Ganze Landstriche sind unpassierbar geworden, Reisfelder und Viehweiden liegen brach." Verhinderung des Aufbaus eines einigermaßen funktionsfähigen Staatswesens durch Organisation eines schlagkräftigen Terrorismus - das war schon immer das Rezept des Imperialismus, wann immer ein Regime einmal nicht nach seinem Geschmack war. Auf den Schein, diese imperialistische Drecksarbeit wäre kein billiger Terrorismus, sondern der bewunderungswürdige Widerstandskampf hochanständiger Freiheitshelden, auf diesen Schein kann der We- sten auch mal ganz gut verzichten. Für das gute imperialistische Gewissen tut's auch schon ein bißchen formelle Distanzierung und das Deuten auf die eigentlich schuldigen Chinesen, über die der Westen seine Unterstützung der Roten Khmer hauptsächlich abwic- kelt. Der Erfolg gibt dem Westen recht. Vietnam hat nach 25.000 toten Soldaten, einer ruinierten Wirtschaft und auf Drängen Moskaus den bedingungslosen Abzug seiner Truppen beschlossen. Und die Regie- rung in Kambodscha sucht ihr Heil jetzt erst recht in der offi- ziellen Anpassung an die westlichen Maßstäbe des Regierens und Wirtschaftens. Die "Süddeutsche Zeitung" könnte das neue Kam- bodscha darüber fast schon so etwas wie "ganz akzeptabel" finden: "Doch das Regime in Phnom Penh hat einen Wandel durchgemacht, der fast an ungarische oder polnische Tendenzen erinnert. Von den or- thodoxen Protektoren in Hanoi hat es sich soweit entfernt wie das bisher den Machtverhältnissen entsprechend möglich war. Für das Volk spürbar war dabei die relative Liberalisierung der Wirt- schaft, die Wiederzulassung der Privatinitiative. Ein deutliches Zeichen setzte Phnom Penh, als es vor gut einem viertel Jahr den Namen des Landes änderte: Statt 'Volksrepublik Kampuchea' heißt es seither 'Staat Kambodscha'. Ein neues Selbstverständnis signa- lisiert auch, daß aus der Verfassung die Eigenschaftswörter "revolutionär" und "sozialistisch" verbannt wurden. Dazu kommt noch, daß der Buddhismus wieder wie im früheren Königreich als Staatsreligion anerkannt wurde. Ausländische Beobachter hatten zunehmend den Eindruck, dieses Regime sei auf dem Wege, so etwas wie eine ganz akzeptable, sozusagen normale Regierung zu werden." Mit Korruption, einer reichen Elite, 8 Millionen Bauern unter dem Existenzminimum auf dem Land, einem blühenden Schwarzmarkt in Pnom Penh - so kennen und schätzen liberale Weltbetrachter ihre "Dritte Welt". Zu schade, wenn der w i r k l i c h e Richter in Sachen Lebensrecht von Nationen, die Washingtoner Regierung, das wieder mal ein bißchen anders sieht und erst einmal noch auf "afghanische Verhältnisse" Wert legt, damit die "Normalisierung" Kambodschas auch wirklich unwiderruflich wird. zurück