Quelle: Archiv MG - ASIEN KAMPUCHEA - Staat in Indochina
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Marxistische Studentenzeitung 10/88
Kampuchea
DER VIETNAM-KRIEG IST NICHT ZU ENDE
Was hat eigentlich Kampuchea verbrochen, um in die westliche Li-
ste der staatlichen Problemfälle zu gelangen, die als störende
Ausnahmen in der Völkergemeinschaft einer gründlichen 'Lösung'
bedürfen? Diese weltpolitische Aufmerksamkeit ist ja für die be-
troffenen Bewohner dieses Landes kein Glücksfall; bevor die sich
jetzt absehbar an staatliche Verhandlungstische verlagert, ist
der Beweis, daß Kampuchea ein Krisenherd ist, schon längst prak-
tisch erbracht worden. Drei Rebellenbewegungen, die ihre Operati-
onsbasis in Thailand haben und entweder auf der Contraliste des
amerikanischen Staatshaushalts stehen oder von China militärisch
ausgestattet werden, tun das ihnen Mögliche, um die Opfer zu
schaffen, die gegen das Zufriedenlassen eines Staates sprechen,
über den keiner mehr als das zu wissen braucht, daß dort Bürger-
krieg ist.
Was an Kampuchea stört
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Von 'aggressiven' Versuchen Kampucheas, die politischen Verhält-
nisse in Südostasien zu 'destabilisieren', ist nie etwas bekannt
geworden. Wenn an der Grenze zu Thailand öfter geschossen wird,
dann weil es das Aufmischen in umgekehrter Richtung gibt. Die
weltpolitische Aktivität Kampucheas hat ihren Höhepunkt im Nach-
zählen der Nein-Stimmen bei der alljährlichen UNO-Verurteilung
der "illegitimen" Regierung in Pnom Penh. Auch um die 'Verletzung
der Menschenrechte' hat sich das Land nicht besonders verdient
gemacht. 1978 hat die jetzige Regierungsmannschaft die Roten
Khmer aus dem Land verjagt, deren Bluttaten im Namen einer radi-
kalen Umerziehung des kambodschanischen Volkes dem Westen damals
bewiesen haben, daß Kommunismus überhaupt eine Sache der Stein-
zeit ist. Heute zählen die gleichen Roten Khmer zum Bündnis des
"Demokratischen Kampuchea", dessen Recht auf Wiedereinzug in Pnom
Penh die USA mit Waffen unterstützen.
Das "Verbrechen", das dadurch gesühnt werden soll und das Kampu-
chea zu einem Konfliktherd gemacht hat, besteht in nichts Gerin-
gerem als darin, daß in Pnom Penh die falsche Regierung an der
Macht ist. Das ist ein sehr abstrakter - und darum totaler - Vor-
wurf. Er macht sich erst gar nicht abhängig von dem, was diese
Regierung treibt und will, im Land und außerhalb. Die Ausmalung
der Verbrechen, die sozialistische Planwirtschaft an Leib und
Seele der Menschen anrichten soll, kann bei Kampuchea gänzlich
entfallen; das interessiert keinen. Genau so wenig zählen Noti-
zen, daß heute die Bevölkerung wieder einigermaßen genährt herum-
läuft, daß auf dem Schwarzmarkt in Pnom Penh alles zu haben ist,
was kapitalistischer Fleiß in Ostasien zustandebringt, und daß
diese Schmuggelwirtschaft inzwischen offiziell als - wenn auch
mißtrauisch beäugter - Teil des "sozialistischen Aufbaus" aner-
kannt ist. Zu mehr als dieser wirtschaftlichen Öffnung bringt es
ein Land nicht, das von westlichen Staaten und deren Banken mit
Wirtschaftsboykott belegt ist.
Von jeder Kenntnis ungetrübt, wird das Unrecht, Kampuchea in
falschen Händen zu wissen, nur um so klarer: In Pnom Penh hat ein
Marionettenregime das Sagen, das von Vietnam eingesetzt ist und
militärisch gestützt wird. Daß das ein Verbrechen an der
nationalen Khmer-Seele ist, leuchtet der westlichen
Öffentlichkeit ebenso spontan ein wie jedem Bundesbürger das
Glaubensbekenntnis seiner Politiker, die Anwesenheit amerikani-
scher GI-Boys sei das feste Unterpfand deutsch-amerikanischer
Freundschaft. Jedermann würde sich lächerlich machen, wenn er
dieses Bekenntnis als Eingeständnis der nationalen Ohnmacht Bon-
ner Politiker nehmen würde; für das von Vietnam "besetzte" Kampu-
chea ist das genau die richtige Sichtweise.
Obwohl es dieser Wahrheitsfindung nicht dient: Zur
"Unterdrückung" eines aufständischen Volkes, das gegen eine
"fremde" Regierung rebelliert, sind die vietnamesischen Truppen
nicht im Land. Eine innere Opposition, die wie in Afghanistan den
regierenden Kommunisten - die Machtausübung bestreitet, gibt es
nicht zu bekämpfen. Die kambodschanische Volksarmee und die viet-
namesischen Truppen bekommen es vielmehr militärisch nur mit den
wahren Nationalisten zu tun, die im Sold der USA und Chinas ste-
hen. Gelitten wird in Kampuchea auch nicht unter einem
"Ausplünderungsinteresse" Vietnams. Daß sich Völkerfreundschaft
lohnt, beweist Hanoi mit "brüderlicher Hilfe" - eine Tatsache,
die selbst hierzulande gerne hämisch vermeldet wird als eine
Last, die sich Vietnam eigentlich nicht leisten kann. Daß bei
solchen aus Staatsinteressen heraus angeordneten Völkerfreund-
schaften der volkseigene Nationalismus nicht ausstirbt, ist kein
Rätsel. Dafür braucht es keine Ethnologen, die rassistische Ah-
nenkunde betreiben und den Khmer- und Viet-Völkern eine von Adam
und Eva herrührende waldursprüngliche Abneigung andichten.
Unbelastet von exotischen Details, stellt sich für die zuständi-
gen Hüter einer gerechten Weltordnung das Problem Kampuchea ganz
einfach: Dieses Land leidet unter einer f a l s c h e n
S c h u t z m a c h t. Bevor Vietnam nicht wieder hinter seine
Grenzen, in die Isolierung, die der Westen durch den politischen
und wirtschaftlichen Boykott, den er über dieses Land verhängt
hat, zurückgedrängt ist, kann es keine befriedigende Lösung für
Kampuchea geben. Dem militärischen und politischen Willen der
USA, die derzeitigen Verhältnisse in Kampuchea zu verändern, ist
deshalb auch kein Programm für ein künftiges "demokratisches"
Kampuchea zu entnehmen. An diesem Land wird von den USA ein rein
negatives Interesse exekutiert: Ein wie auch immer gearteter Ein-
fluß Vietnams in Indochina hat kein Existenzrecht. Diesen Rege-
lungsbedarf melden die USA an - als Verhandlungsangebot an die
andere Seite.
Der Vietnamkrieg: Die USA befrieden eine Region
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So bleibt Kampuchea und seiner Bevölkerung die weltpolitische
Aufmerksamkeit erhalten anders als die studentische Protestbewe-
gung, die sich einst für den "Sieg im Volkskrieg" und für Ho-Chi-
Minh begeisterte, haben die Friedenspolitiker der USA weder den
Vietnamkrieg noch Vietnam vergessen. In und an Vietnam hatten die
USA mit der größten Streitmacht, die sie nach dem Zweiten Welt-
krieg losschickten, ein Lebensprinzip des Freien Westens durchge-
fochten: Die fällige Entkolonialisierung der "Dritten Welt" nicht
zu einer Einflußnahme des Ostens - werden zu lassen, sondern die
neue Staatenwelt in eine Weltordnung einzubinden, die in Front-
stellung gegen einen auf sich zurückgeworfenen Ostblock stand
("containment"). Eine solche Entwicklung war damals alles andere
als selbstverständlich. Für die Mittel im Kampf gegen die alten
Kolonialherren war die UdSSR die natürliche Anlaufstelle, und
ohne das Beiwort "sozialistisch" kam keine Befreiungsbewegung
aus. Gegen diese Gefahr, der die Amerikaner in ihrem unbefangenen
Wissenschaftsglauben den Namen "Domino-Theorie" gaben, traten die
USA in Vietnam an. Dort hatte sich mit der Niederlage Frankreichs
in Dien Bien Phu die Unfähigkeit der alten Kolonialmächte, für
die richtige Entkolonialisierung zu sorgen, exemplarisch gezeigt;
genauso wie Nordvietnam mit seinem Kampf für die nationale Wie-
dervereinigung gegen das westlich gestützte Regime in Saigon den
"aggressiven" Charakter des Weltkommunismus bewies.
An den Bomben- und 'Agent-Orange'-Teppichen, mit denen die USA
Vietnam belegten, wollte die Vietnambewegung die widerliche
Fratze des US-Imperialismus erkennen, der ohne Not und überzogen
Greueltaten in Vietnam beging. So dokumentierte sie allerdings
nur ihren Glauben an eine der demokratischen Führungsmacht zukom-
mende Rolle, sich überall in der Welt positiv einzumischen; der
Verstoß gegen diese zugedachte Aufgabe machte in ihren Augen den
Vietnamkrieg zum Völkermord. Mit der Interpretation des Rückzugs
der GIs aus Vietnam als Niederlage aus erzwungener Einsicht, war
der demonstrierte Zweifel an der Güte einer demokratischen Welt-
macht dann so gut wie verflogen - und das weitere Schicksal Viet-
nams, an dem die Völker der Welt sich ein Beispiel nehmen sollten
("zwei, drei, viele Vietnam!" ) war uninteressant geworden. Da
lagen bundesdeutsche Politiker, die damals die "Freiheit Berlins
in Vietnam verteidigt" sahen, der Wahrheit schon näher, also dem
entschiedenen Interesse des Westens, die Entkolonialisierung zu
einem Bollwerk gegen den Osten zu machen.
Am Ende zogen die USA ohne Not ab und überließen ihren Bünd-
nispartner Südvietnam der militärischen Gewalt des kommunisti-
schen Nordens. Dieselben Politiker, die Nordvietnam in die Stein-
zeit zurückbomben ließen, wunderten sich nachträglich darüber,
warum sie "unsere US-Boys" in den Dschungel geschickt hatten,
bloß um eine unfähige Marionettenregierung zu verteidigen.
Eine Lektion für die Sowjetunion und ihre Freunde
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Schließlich haben die Erfolge der USA im Vietnamkrieg ein anderes
Kaliber. Der Sowjetunion hat der Freie Westen in Vietnam bewie-
sen, daß jeder Einfluß der SU außerhalb des Ostblocks nur nomi-
nell bleiben sollte. Mit dem wiedervereinigten Vietnam hat der
Ostblock einen Bündnispartner dazugewonnen, der diesem keinen
Machtzuwachs bringt, sondern dem RGW als dauernder Pflegefall er-
halten bleibt. Dafür haben die Amerikaner gesorgt, indem sie in
Vietnam den Boden und die Wirtschaft auf Jahrzehnte hinaus rui-
niert haben. An dem so zerstörten Land demonstrierte der Westen,
daß sich für keinen Staat in der Welt eine Freundschaft mit der
Sowjetunion lohnt; statt der vertraglich versprochenen Aufbau-
hilfe der USA überzog der Westen Vietnam mit einem Wirtschafts-
boykott. Einen totalen Eintritt ins feindliche Lager hat seitdem
kein Drittwelt-Staat mehr beschlossen; Vietnam ist eine Ausnahme
in einer ansonsten demokratisch und weltwirtschaftlich geleiteten
Weltordnung geblieben.
Und doch stellt der Erfolg des Vietnamkrieges auch keinen ameri-
kanischen Politiker zufrieden - das ihnen angedichtete
"Vietnamtrauma" hat keinen US-Präsidenten seit Nixon davon abge-
halten, überall in der Welt regelnd einzugreifen. Vietnam bleibt
als Ausnahme in einer ordentlich vom Ostblock abgegrenzten Welt
immer noch eine Ausnahme zuviel. Die strategische Einhegung des
Ostens kann nicht vollendet sein, solange die Rote Flotte selbst
im Pazifik ihre Stützpunkte hat.
Und so weit sich Vietnam immer noch außenpolitisch in Südosta-
sien, das mit dem politisch-militärischen Bündnis der ASEAN-Staa-
ten ansonsten eine "Zone des Friedens" ist, bemerkbar macht,
bleibt Indochina auf der Liste weltpolitischer Störfälle. Die ha-
ben heute nur eine andere Verlaufsform bekommen - auch das ein
Erfolg, warum sich der Vietnamkrieg für den Westen gelohnt hat.
Heute gilt Kampuchea als regionaler Konflikt - und zwar als einer
der minderen Güteklasse. Begonnen hatten die USA ihr Vietnam-En-
gagement mit dem praktischen Bekenntnis, bei der Bestrafung Viet-
nams auf dessen Garantiemacht, die UdSSR, keine Rücksicht nehmen
zu wollen. Dafür war die Versammlung des gesamten militärischen
Potentials der Weltmacht in und um Vietnam der Einsatz von Atom-
waffen wurde mehrmals erwogen - auch nicht zuviel. Der Vietnam-
krieg war von den USA auf das Risiko einer unmittelbaren
Konfrontation mit der Sowjetunion angelegt. Den Weltkriegsanlaß
Vietnam hat die UdSSR dagegen nur in einer Hinsicht angenommen:
Sie unterstützte Nordvietnam militärisch darin, einen endgültigen
Sieg der USA in Vietnam zu verhindern.
"Die Sowjetunion trat den USA keineswegs mit einer Macht und ei-
nem Nachdruck entgegen, die geeignet oder auch nur darauf berech-
net gewesen wären, ihrer Garantie für ein ungeteiltes Vietnam
Geltung zu verschaffen oder den Krieg der USA zu verhindern oder
zu beenden. Ihre Hilfe war gerade so bemessen, daß sie den Krieg
für die USA lang und teuer machte - ungeachtet dessen, daß er
zuallererst und vor allem für die Vietnamesen teuer und blutig
wurde. Sie bewährte sich als antiimperialistischer Gegner der USA
- aber als einer, der deren Imperialismus nicht zu gefährden, zu
bekämpfen oder auch nur entscheidend zu behindern gedachte, son-
dern genau so weit schwächen wollte, daß an der Beachtung und
A n e r k e n n u n g seiner eigenen weltpolitischen Bedeutung
kein Weg mehr vorbeiführte. Mit ihrem jederzeit betont
"maßvollen" Engagement in und für Vietnam brachte die Sowjetunion
das Kunststück fertig, dem amerikanischen Imperialismus seine
Rücksichtnahme auf gewisse eigene Machtansprüche aufzuzwingen und
gleichzeitig die Drohung und Gefahr zu r e l a t i v i e r e n,
die die USA in ihren Machtansprüchen erblickten." (Held/Ebel,
Krieg und Frieden, Frankfurt/Main 1983, S. 243)
Mit diesem militärischen und diplomatischen Umgang mit der ameri-
kanischen, in Vietnam ausgefochtenen Bestreitung eines weltpoli-
tischen Mitspracherechts der Sowjetunion hat sich der Gegner ei-
ner imperialistischen Weltordnung für deren Führungsmacht ein
Stück weit kalkulierbar gemacht. Daß alle politischen und militä-
rischen Streitfälle in der Welt ihren letzten Grund in der Feind-
schaft zweier Weltmächte haben, und daß die gegenseitige Verstän-
digung über diese Gegnerschaft auch eine Form ist, sie auszutra-
gen, hat den Politikern der USA eingeleuchtet. Die damit ausge-
sprochene Anerkennung der UdSSR als dem in Weltangelegenheiten
mitzuständigen feindlichen Partner galt der selbsternannten
"Weltfriedensmacht", die die so erreichten besonderen Beziehungen
zur anderen Supermacht mit dem Versprechen honorierte, dem ameri-
kanischen Zugriff auf den Rest der Welt keine praktische Gegenof-
fensive entgegenzusetzen. So brach noch mitten im blutigsten Ab-
schlachten der 'Commies' und während der schönsten Entlaubungs-
aktionen die "Entspannungsära" an.
Mit dem Abzug der GIs aus Vietnam, die das Saigoner Regime seinem
Schicksal überließen, wurde aus dem weiteren Geschick dieser
Weltgegend der historisch erste Fall in der Reihe der vom Westen
entdeckten "regionalen Konflikte".
Kampuchea:
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Seit dem Sturz des "Völkermörders" Pol Pot ein Friedensproblem
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Weihnachten 1978 marschierten Truppen Hanois in Kampuchea ein,
verjagten die Regierung der Roten Khmer und verhalfen einer viet-
namfreundlichen kommunistischen Regierung zur Macht. Die westli-
che Öffentlichkeit, eben noch mit dem Abscheu vor dem Menschen-
schlächter und Völkermörder Pol Pot beschäftigt, war sich von ei-
nem Tag auf den anderen sicher, daß Vietnam damit in ihren Augen
jede Sympathie, die es niemals besaß, verloren hatte. Die objek-
tive Analyse "völker- und menschenrechtswidriger Überfall" fiel
so grundsätzlich aus wie das zugrundeliegende Interesse, Vietnam
habe außerhalb der Grenzen seines ruinierten Staatsgebietes poli-
tisch nichts zu suchen. Für die politisch Verantwortlichen
stellte sich die Aufgabe einer antivietnamesischen Umkehr des
Landes - nicht mehr und nicht weniger.
Arbeitslos gewordene kambodschanische Politiker aller Couleur
wurden mit weltpolitischer Anerkennung und militärischer Ausrü-
stung versorgt. Seitdem sorgen die Truppen des stramm pro-westli-
chen Son Sann, die Anhängerschaft des Königssprosses Sihanouk -
der seinen Kampf für die "nationale Unabhängigkeit" Kampucheas
als von Frankreich eingesetzter Regent begann und heute abwech-
selnd in Paris und in Nordkorea residiert - und die prochinesi-
schen Guerilla des "Völkermörders" Pol Pot für Unruhe an der
westliche Grenze Kampucheas. Zusammengeschlossen sind sie in der
von der UNO-Völkerwelt anerkannten gemeinsamen Regierung
"Demokratisches Kampuchea". Wirksam wird diese Zusammenarbeit vor
Ort in den gegenseitigen Überfällen aufeinander. Den drei
"Befreiungsbewegungen" geht es um die besten Startchancen in ei-
nem "befreiten" Kampuchea, dessen Zustandekommen von ihnen gar
nicht abhängig ist. Für sich sind sie unfähig, die provietnamesi-
sche Regierung Heng Samrins zu stürzen und an einem
"unabhängigen" Kampuchea, in dem nach dem derzeitigen Kräftever-
hältnis der Contra-Gruppierungen Pol Pot zum Zuge käme, besteht
im Westen kein Interesse nicht wegen seiner Untaten, sondern we-
gen seiner prochinesischen Stellung. So wird bei aller entschie-
denen Verurteilung der Aggressivität Vietnams das Kriegsgeschehen
in Kampuchea als weltpolitisch untergeordnetes Problem ge- und
behandelt.
Der Einmarsch Vietnams hat auch die kritische Öffentlichkeit, die
einstmals für "zwei, drei, viele Vietnams" auf die Straße gegan-
gen war, eines Besseren belehrt. Damit war Vietnam unbrauchbar
geworden für das Mitleid, das dem Heldenmut kleiner Völker gilt,
die zum Opfer einer Weltmacht werden. Ein Antiamerikanismus, der
keine Ahnung haben wollte von den Gründen der USA, Vietnam zum
Material einer weltpolitischen Entscheidungsschlacht zu machen,
war genau so uninteressiert am politischen Inhalt des "Sieges im
Volkskrieg", für den in Vietnam gestorben wurde.
Vietnam: Das weltpolitische Programm eines Kriegsopfers
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Behauptet hat sich mit der Unterstützung durch die Sowjetunion
und China ein kommunistischer Staat, der seine Aufgabe nicht dar-
auf beschränken mochte, einer hungernden Kriegsopferbevölkerung
auf einer unbrauchbar gemachten Erde das Überleben zu sichern.
Der Vietnamkrieg hatte mit der weltpolitischen Anerkennung der
Souveränität des wiedervereinigten kommunistischen Vietnam geen-
det; die dafür erbrachten Opfer des Volkes münzten Vietnams Poli-
tiker in den Auftrag um, auch außenpolitisch eine Rolle zu spie-
len. Auf gut realsozialistisch nennt die sich
"Völkerfreundschaft" und spielt sich unter regierenden Politiker-
mannschaften ab.
Daran gemessen, was andere Staaten an außenpolitischen Ansprüchen
aus dem Recht ihrer Souveränität ableiten, nimmt sich das selbst-
erklärte Ziel der vietnamesischen Kommunisten relativ bescheiden
aus, als Hüter und Garant der "Sonderbeziehungen der indochinesi-
schen Völker" zu wirken. Für die Entdeckung dieser Aufgabe
brauchten Hanois Politiker noch nicht einmal die ihnen angeborene
"aggressive Eroberungsmentalität" zu bemühen. Diese Sonderbezie-
hungen hat schon die alte Kolonialmacht Frankreich hergestellt.
Ihr imperialistischer Nachfolger, die USA, haben diesen Zusammen-
hang noch nachdrücklich bekräftigt. Der Vietnamkrieg galt ja -
gemäß der 'Domino-Theorie' - der Befriedung einer ganzen Region
und hielt sich nicht an die engen Grenzen Vietnams. Das amerika-
nische Flächenbombardement Kampucheas - das einigen hunderttau-
send Menschen das Leben kostete, ist nur noch schneller vergessen
worden als das nachfolgende "Schreckensregime" Pol Pots. Als Sai-
gon 1975 eingenommen wurde, hatten auch die Pathet Lao in Laos
gesiegt und waren die Roten Khmer in Pnom Penh eingezogen und
hatten den Günstling der USA, Lon Nol, vertrieben.
Das Bemühen Vietnams um befreundete Regierungen in Laos und Kam-
puchea war weder die Fortsetzung eines "Siegs im Volkskrieg" noch
das "Streben nach einer hegemonialen Vormachtstellung" - so der
chinesische Vorwurf -, sondern eine Behauptungs- und Verteidi-
gungsnotwendigkeit, die allerdings nur Staaten kennen. Mitten im
Vietnamkrieg hatte die Unterstützungsmacht Vietnams, China, die
Gelegenheit ergriffen, sich als "Kämpfer gegen beide Supermächte"
auf den Westen zu stützen und sich mit den vorbildlichen Mitteln
kapitalistischer Technik voranzubringen. Nixon durfte sich in
Shanghai das chinesische "Drei-Welten-Modell" erklären lassen,
das kein Modell, sondern die endgültige feindliche Absage an das
von der Sowjetunion geleitete 'Sozialistische Lager' war, auch
wenn die inhaltliche Konkretisierung erst etwas später nachge-
reicht wurde:
"China, die USA, Europa und Japan sollten sich vereinigen, um den
Polarbären an die Kandare zu nehmen." (Deng, Interview in: Time,
5.2.1979)
Noch während des Krieges bekam die Hilfe Chinas für Vietnam den
Charakter eines politischen Druckmittels auf die kämpfenden viet-
namesischen Genossen. Mit dem Beschluß, auf die Unterstützung
durch die Sowjetunion zu setzen - endgültig besiegelt durch einen
Freundschaftsvertrag und den Eintritt in den RGW 1978 - hatte
Vietnam mit Kriegsende einen neuen Feind an seiner Grenze hin-
zugewonnen. Dessen Bündnispartner, die Roten Khmer in Kampuchea,
begannen mit einem Grenzkrieg gegen Vietnam, den Hanoi durch die
Einsetzung einer provietnamesischen Regierung beendete. Seitdem
sind sich die USA und China auch in praktischer Waffenbrüder-
schaft einig geworden. Sie rüsten gemeinsam die verschiedenen
Fraktionen des kambodschanischen Widerstands aus - und haben die-
ses Modell dann auch auf Afghanistan übertragen.
Mit oder ohne Verhandlungs-Deal der Weltmächte:
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In Kampuchea wird weiter gestorben
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Seit dem Afghanistan-Vertrag wird auch das Kampuchea-Problem wie-
der öffentlich gehandelt. Dabei gibt westlichen Kommentatoren das
sehr einseitige Interesse der Sowjetunion und Vietnams, sich Kam-
puchea vom Hals zu schaffen, Anlaß zu besten Hoffnungen auf eine
Lösung dieses Konflikts. Worin diese Lösung für Kampuchea selbst
bestehen soll, ist so ungefähr das Uninteressanteste und Neben-
sächlichste, das zur Debatte steht.
Auf 'Cocktail-Parties' unter Obhut der ASEAN-Staaten formulieren
die verfeindeten kambodschanischen Parteien Vorschläge für eine
mögliche gemeinsame Verwaltung eines künftig von vietnamesischer
Präsenz unabhängigen Staates. Über die Ablehnung der Roten Khmer
als "Mörder-Clique", die "nie wieder das Schicksal Kampucheas
mitbestimmen dürfen", und der Heng-Samrin-Regierung als
"Marionettenregime Vietnams" sind beide Seiten hinaus. Die ge-
meinsame Verantwortung für das künftige Kampuchea vollzieht sich
im Gerangel um die Ämter- und Machtverteilung in einem Kambodscha
in spe - als gäbe es die politischen Differenzen gar nicht, für
die sie militärisch gegeneinander antreten. Konstruktiver Versöh-
nungswille wird demonstriert, wenn Sihanouk - der wieder einmal
mit einem "endgültigen Abtritt von der politischen Bühne" auf die
Unverzichtbarkeit seiner Person für jede politische Lösung hin-
weist - jedes Regierungsamt gleich viermal besetzt sehen will -
ein Vertreter für jede Fraktion. Die Roten Khmer bereichern die
Aussöhnung durch den Vorschlag, alle gegeneinander kämpfenden
Truppen in einer gemeinsamen Armee zusammenzufassen. So absurd
und lächerlich das ist, zeigt auch dies, daß die innerkambodscha-
nischen Parteien weder der Grund für den Kriegsfall gleichen Na-
mens noch die Subjekte einer etwaigen Lösung sind.
In Gang gekommen ist diese Verhandlungseuphorie durch die Ankün-
digung Vietnams, unabhängig von der inneren Entwicklung Kampu-
cheas seine Truppen bis spätestens 1990 heimzuholen. Die Hälfte
seiner Mannschaft hat es bereits dieses Jahr zurückgezogen und
sich anderen Sorgen zugewendet. Mehr als je kommt es der kommuni-
stischen Regierung darauf an, ihre einseitige politische und öko-
nomische Abhängigkeit vom Ostblock durch eine Öffnung zum Westen
zu ergänzen und den über das Land verhängten totalen Wirtschafts-
boykott aufzubrechen. Das neue Außenhandelsgesetz Vietnams bietet
Land und Leute dem westlichen Kapital in einer Aufdringlichkeit
an, von der selbst ungarische Reformer noch lernen könnten. Daß
bisher fast ausschließlich Auslandsvietnamesen diese Geschäfts-
möglichkeit ergriffen haben, ist nicht die Schuld der Regierung.
Die hat inzwischen derart auf Markt und Privatinitiative gesetzt,
daß von der staatlichen Planwirtschaft nur noch die Verwaltungs-
hoheit übriggeblieben ist. Dafür steigt die Inflationsrate auf
1000%, und zum ersten Mal seit Kriegsende weiß die Regierung wie-
der von einer Hungersnot in einigen Landesteilen zu berichten. In
bester Glasnost-Manier darf sich die vietnamesische Öffentlich-
keit an der Suche nach den korrupten Funktionären beteiligen, de-
ren private Bereicherung den sozialistischen Aufbau so herunter-
gewirtschaftet hat.
Wenn die Sowjetunion heute vorschlägt:
"Der Genfer Vertrag über Afghanistan kann als Vorbild für die Lö-
sung des Kampuchea-Problems und anderer regionaler Konflikte die-
nen" (Vize-Außenminister Rogatschow),
dann gewiß nicht aus dem vorhandenen Ärger über die ökonomische
Last, die Vietnam für den RGW darstellt. Mit dem Angebot der Auf-
gabe einer Machtposition Vietnams in Kampuchea - mag das dem Sou-
veränitätsempfinden Hanois gefallen oder nicht - will Moskau die
USA in eine gemeinsame Verantwortung für den Weltfrieden weiter
einbinden und für diesen Fortschritt eine befreundete politische
Mannschaft opfern, die anders als in Afghanistan, die Regierungs-
gewalt im Land durchaus hat. Für ihre Rolle im Pazifik setzt die
Sowjetunion dafür auch nicht mehr auf die Verbündeten, die sie
dort hat, sondern auf ein politisches Übereinkommen mit Japan,
den ASEAN-Staaten und vor allem mit China.
Die angebotenen Verhandlungen über die Normalisierung der staat-
lichen Beziehungen lehnt China bisher mit dem Hinweis auf eine
Vorbedingung ab: "vollständiger Abzug der vietnamesischen Truppen
aus Kampuchea". Mit dem gleichen Argument können auch die USA der
ihnen angetragenen Friedensinitiative noch nichts abgewinnen. Für
das Ziel eines bedingungslosen Abzugs der Vietnamesen ist die
Fortsetzung des westlichen Boykotts das einzig richtige Mittel.
Wo diese einfache Einsicht herrscht, sind Washingtoner Politiker
auch zu komplizierten Gedankengängen fähig:
"In Washington verwies ein Regierungsbeamter auf die derzeitige
Lebensmittelknappheit und wertete den angekündigten Rückzug als
Teil einer Kampagne für internationale Hilfe." (Süddeutsche Zei-
tung, 28.5.)
So nicht! Wenn Gorbatschow die amerikanische Einschätzung, daß
die Russen in Indochina nichts verloren haben, zum Angebot eines
Rückzugs der sowjetischen Flotte aus Cam-Ranh umformuliert, dann
können die USA darin kein Interesse entdecken - ein entsprechen-
der militärischer Rückzug der Ami-Flotte von den Philippinen
kommt nicht in Frage.
Für alle hoffnungsfrohen Menschen, die auf eine vertragliche Lö-
sung für Kampuchea setzen: Wenn es um ein Ende der Leiden des
kambodschanischen Volkes ginge, dann ist es ziemlich egal, ob
sich die Weltmächte in der dortigen Weltgegend einig werden. Ge-
storben wird dort weiterhin. Auch nach einem Friedensvertrag.
Denn dann muß sich erst noch militärisch beweisen, wer zu Recht
der wahre Verantwortliche in einem 'unabhängigen' Kampuchea ist.
Die Mittel für diese Rechtsfindung werden auch weiterhin von au-
ßen geliefert.
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