Quelle: Archiv MG - ASIEN JAPAN - Besonderheiten einer Handelsnation
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Marxistische Studentenzeitung 6/80
Die japanische Herausforderung
NATIONALISMUS FÜRS KAPITAL
Jeder staatliche Hinz und private Kunz redet über die "japanische
Herausforderung", als ob's ihm unmittelbar an die Existenz ginge.
Dabei werden die schrecklichsten Folgen für die Nation ausgemalt:
Wäre es nicht furchtbar, wenn VW kaputtginge? Unsere Antwort
dazu: mitnichten! Die Japaner würden VW kaufen, und die größte
Umstellung, die sich für die Deutschen ergäbe, wäre, sich an den
neuen Namen SCILOCCO zu gewöhnen.
Zwar wird einerseits lebhaft diskutiert, ob man sich nun einen
GOLF oder einen HONDA wegen dieser oder jener technischen Raf-
finessen kaufen soll, aber gleichzeitig hat man die Sorge ums
Fortkommen der Nation einfließen zu lassen. Diese Sorge setzt al-
lerdings Denkleistungen eigener Art voraus. Wenn das eigene Kapi-
tal sich auf fremden Märkten behauptet, dann ist noch der klein-
ste Mann schwer dafür; wenn fremdes Kapital sich dieselben Frei-
heiten herausnimmt, entdeckt er sofort eine gefährliche
"Bedrohung" und fordert deren Einschränkung - um sich dann an-
schließend verständig anzuhören, daß der Gedanke grundsätzlich
zwar gut sei, er sich aber praktisch da nicht einzumischen habe,
denn momentan stünde Zurückschlagen der japanischen Offensive
"ohne Protektionismus" an.
Wenn jetzt die Kapitalisten ein großes Wehklagen über die Japaner
anstimmen, dann fühlt sich ein jeder in seinem heimlichen (und
offenen) Stolz auf "sein" Kapital betroffen, macht sich die Zu-
rückweisung der Bedrohung zum persönlichen Anliegen, so als sei
er das Opfer des japanischen und nicht des heimischen Kapitals.
Die Überlegung, von welchem Kapital man a u s g e b e u t e t
wird, kann da schon nicht mehr aufkommen. Stattdessen beginnt ein
eifriges Suchen nach "Erklärungen", die allesamt die Wettbewerbs-
fähigkeit der japanischen Produkte als Resultat des japanischen
Volkscharakters behandeln. Im Handumdrehen ist aus der Güte der
japanischen Produkte teuflisches Indiz für die Mentalität der
Gelben geworden: "Sklavenbewußtsein", "asiatische Höflichkeit mit
eisenhartem Geschäftssinn dahinter", "unmenschliche Arbeitsver-
hältnisse" usw. In einem Wort: Der demokratische Rassismus treibt
Blüten!
Eine Zwecklüge
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Weil es sich beim deutschen Kapital um eben dieselben Burschen
handelt, die mit den gleichen Mitteln versuchen, die Märkte der
ganzen Welt "zu bedrohen", nur daß sie Deutsche sind, schimpft
der "Stern" ordentlich aufs Kapital - aufs ausländische:
"Auf vielen Märkten haben sie uns schon geschluckt: Hifi, Kame-
ras, Taschenrechner, Spielzeug, Uhren. Jetzt sind die Autos
dran."
Da wird grad so getan, als ob "uns" ein paar Märkte - hier wie
sonstwo - einfach zustünden, weil sie von "uns" so hervorragend
aufgebaut und versorgt wurden, natürlich mit dem ausschließlichen
Zweck, die segensreichen Wirkungen deutscher Qualitätsware nie-
mandem vorzuenthalten. Wenn sich auf diesen gemütlichen Idyllen
nun japanische Konkurrenzgeierei breitmacht, so ist dies ein un-
anständiger Angriff auf angestammte Versorgungslandschaften, wor-
über sich leicht vergessen läßt, daß mancher dieser Märkte vor
Auftreten der Japaner gar nicht existierte und man zweitens an
diesen neuentstandenen Märkten auch ganz nett profitiert: So man-
cher Hifi-Shop sahnt da nicht schlecht ab.
Die Wucht der Zwecklüge
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ergibt sich, nachdem die Herausforderung inszeniert den Massen
vorgetragen, so recht bebildert und damit bewiesen ist. Folgerun-
gen können da nicht ausbleiben:
"Bei dem Konkurrenzkampf mit den Japanern steht nicht mehr nur
das Schicksal der BRD als automobilherstellendes Land auf dem
Spiel." ("FAZ")
Wenn das Schicksal der BRD auf dem Spiel steht, hört sich jedes
Argumentieren auf. Zu solch kleinlichen Überlegungen, ob nicht
doch ein Billigimport das richtige für den eigenen Geldbeutel
wäre, wo die deutschen Wagen so teuer sind, ist zwar ein jeder
gezwungen, sonst gäbe es ja nicht soviele japanische Autos hier.
Daneben wird aber fleißig die "Schicksals"diskussion mitgemacht
und der un-nationale Autokauf fleißig begründet. Mehr ist ja zur
Zeit noch nicht verlangt.
Über die billigen Angebote sollte sich die "Frankfurter Allge-
meine Zeitung" als Verfechterin der reinen Lehre von der Markt-
wirtschaft, wo sich die Preise durch Angebot und Nachfrage bil-
den, im übrigen doch freuen. Aber wo die "Zukunft der BRD" auf
dem Spiele steht, läßt dieses Organ der reinen Lehre die Fiktion
der marktwirtschaftlichen Preisbildung Fiktion sein und wendet
sich der Diskussion der Maßnahmen gegen eine solche unverschämte
Ausnutzung dieser Preisbildungsgesetze zu: Die Freiheit der Mark-
wirtschaft ist eben nur solange gut, als wie sie uns nützt.
Zusammen mit den aufgeklärten Zeitgenossen geht man daran, Lösun-
gen wie die von Ex-Forschungsminister Hauff zu diskutieren: SOL-
LEN WIR ALLE JAPANER WERDEN? (Vorwärts, Nov. '80). Dabei ist man
sich schnell einig, daß die Japaner einerseits die Löhne erhöhen,
die Sozialleistungen aufstocken und das Maschinenmenschentum,
sprich das unwürdige Knechtsbewußtsein abschaffen sollen, ande-
rerseits enthält "das japanische Modell Strukturelemente, die man
nicht einfach unbedacht beiseite schieben sollte" (Hauff). So
werden in öffentlichen Diskussionen all die Maßnahmen behandelt,
die das Kapital sich als Lösung wünscht: Als Auftakt werden Qua-
lität und Billigkeit der japanischen Produkte nur dazu erwähnt,
um zu zeigen, woran es den deutschen mangelt: Sie müssen billiger
und besser als die japanischen werden. Wie das zu gehen hat, weiß
man auch ohne die Japaner. Die Löhne dürfen nicht steigen, damit
der Kostendruck auf die Unternehmer gemindert wird. An den Sozi-
alleistungen muß gespart werden, damit der Staat Geld über hat,
wie Hauff meint, um den Unternehmern "technologisch" unter die
Arme greifen zu können. Und ein bißchen Maschinenmensch sollte
der deutsche Arbeiter auch werden, zumindest was Arbeitstempo,
Sorgfalt und Krankentage angeht (auf korrektes Verneigen darf
verzichtet werden).
Angesichts dieser ihm zugebilligten Handlungsfreiheit, gibt es
nichts Schöneres für einen Unternehmer, als in diesem Lande für
Bewegung zu sorgen, so daß VW-Schmücker über den Nutzen des öf-
fentlichen Gezeters zu vielosofieren anfängt:
"Vielleicht brauchen wir die Herausforderung, damit hier bei uns
einige festgefahrene Dinge wieder bewegt werden können."
(Schmücker im "Spiegel")
Als ob es erst der öffentlichen Debatten über die japanischen Au-
tobeißer bedurft hätte, damit er wieder seinem Beruf nachgehen
"kann", es also irgendjemand gäbe, der ihn daran hindern wollte,
seine Belegschaft in Bewegung zu halten. Angesichts der Bedrohung
durch die japanische Gefahr hat nicht zuletzt seine Belegschaft
Verständis für die längst beschlossenen Maßnahmen kostengünstig
Autos zu produzieren:
"Die 2,5 bis 3 Milliarden, die wir in jedem der nächsten Jahre
für Produkte und Rationalisierungsmaßnahmen ausgeben, werden uns
ein gutes Stück voranbringen." (Schmücker im "Spiegel")
Sind doch die dabei anfallenden Opfer ein Schritt vorwärts in un-
serem natürlichen Anliegen die japanischen Invasoren zurückzu-
schlagen. Davon muß Schmücker Toni niemanden überzeugen, ruft es
doch schon aus dem Walde heraus, bevor er hineingerufen hat:
"Alle betroffenen Gruppen sind aufgerufen, ihren Teil dazu beizu-
tragen, damit wir gegen die Japaner erfolgreich bestehen können."
(Hausfrauen spendet ein Zehnerl! Studenten verzichtet auf die
nächste Bafög-Erhöhung!) "Das gilt für unsere Lieferanten, das
gilt für unsere Händler, für unsere Belegschaft" (wer hätte das
gedacht?) "sowie für die Gewerkschaft." (die sich das eh nicht
zweimal sagen läßt.)
Das Ergebnis der Diskussion läßt sich absehen: Auch weiterhin
lehnen wir das Tragen von Schlitzaugen ab und besinnen uns auf
unsere deutschen Nationaleigenschaften: fleißig, sparsam, ordent-
lich!
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