Quelle: Archiv MG - ASIEN INDIEN - Die volkreichste Demokratie
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Bochumer Hochschulzeitung, 08.01.1985
Wochenschau
DIE WAHLEN IN INDIEN
sollen den Premierminister Radschiw Gandhi enorm "gestärkt" ha-
ben, w e i l er sie hoch gewonnen hat; so lesen sich die als
Kommentare getarnten Glückwünsche in der demokratischen Presse
für einen e r f o l g r e i c h e n Machthaber. In Wahrheit
verhält es sich natürlich auch in Indien genau umgekehrt: Inso-
fern Wahlen dort d e m o k r a t i s c h verlaufen, also mit
der Zustimmung des Wählers gerechnet wird, weswegen man ihm die
f r e i e Wahl zwischen verschiedenen Machthabern läßt, gewinnt
der erfolgreichste bzw. erfolgversprechendste S t a a t s-
m a n n. Radschiw hat aus dem gleichen Grunde einen "Erdrutsch-
sieg" davongetragen wie Reagan - zu beiden gab es keine
p e r s o n e l l e Alternative. Insofern demokratische Wahlen
i n I n d i e n abgehalten werden, sorgt ein erfolgreicher =
starker Machthaber mit landesüblichen Mitteln für den Sieg, so
daß von vornherein nur noch interessiert, w i e und wie hoch er
zustandekommt. Diesmal ließ Gandhi jr. in Assam und im Punjab
erst gar nicht wählen, weil seine Kongreß-I-Partei dort hätte
verlieren k ö n n e n. In und um Bhopal wurden die Wahlen eben-
falls vertagt wegen des überraschenden Ablebens zahlreicher Wäh-
ler. Und bereits nach dem Mord an Indira waren nicht nur Sikhs,
sondern alle Gegner des Gandhi-Clans für drei Tage zum Abschlach-
ten freigegeben worden. Deshalb gab es diesmal bei den Wahlen
selbst ein paar Tote weniger als sonst die Regel. Denen schenken
jedoch die Bewunderer dieser "volkreichsten Demokratie der Welt"
ebensowenig Aufmerksamkeit wie dem Umstand, daß bereits vier Tage
nach dem "hoffnungsvollen Neuanfang für Indien" S c h n e e-
f ä l l e im Bundesstaat Bihar (alle Sitze an den Kongreß-I) ein
paar tausend Leute das Leben kosten. Es ist nicht einmal ein
Gegensatz, daß die Indische Union in Bihar über drei Atom-
kraftwerke verfügt, das Wahlergebnis aus diesem "ärmsten
Teilstaat" per Satellit an die Computerzentrale in Dehli übermit-
telt wird, und die große Masse bei Temperaturen unter Null in Le-
bensgefahr gerät. Wie das und andere "Kontraste" aus Hindustan
sehr zweckmäßig eingerichtet sind und zusammengehören, stand üb-
rigens in der Dezemberausgabe des Politischen Magazins MSZ - GE-
GEN DIE KOSTEN DER FREIHEIT.
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