Quelle: Archiv MG - ASIEN INDIEN - Die volkreichste Demokratie
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Duisburger Hochschulzeitung, 06.11.1984
INDIRA GANDHI +
Ihr letzter großer, weltweit bekannt gewordener politischer Er-
folg war ein Blutbad, das den militanten Autonomiebestrebungen
eines Sonder-Völkchens mit eigener Religion im großen Indien, der
Sikhs, ein vorläufiges Ende setzte. Nachdem Sikh-Soldaten aus ih-
rer Leibgarde ihrer Herrschaft über Indien ein endgültiges Ende
gesetzt haben, führen treue Untertanen auf eigene Faust Indiras
Aufräumarbeit fort: Von Nachrichtensendung zu Nachrichtensendung
verdoppelt und verdreifacht sich die offizielle Zahl umgebrachter
Sikhs.
Bundesdeutsche Kommentatoren sehen sich dadurch bestätigt in der
Sorge, die ihnen gleich nach der Mordtat als erstes eingefallen
ist: Bleibt Indien weiterhin so g u t u n t e r
K o n t r o l l e, wie die verblichene Chefin das immerhin ge-
schafft hat? Die Nachrufe sind nichts als eine andere Formulie-
rung für dieses demokratische Anrecht auf einen ordentlichen in-
dischen Staat, der nicht stört und halbwegs brauchbar ist: Nach-
träglich l o b t ein jeder die hemmungslose Gewalttätigkeit,
mit der die "eiserne Lady" dort hinten ihr unübersichtliches Rie-
senvolk "gezähmt" und beieinandergehalten hat. Sie war eben die
passende Führerin. Bedenkenvoll wird unter dem Stichwort
"Machtvakuum" über die Chancen ihres Sohnes und Nachfolgers auf
gleichartige Erfolge spekuliert; gerade jetzt, wo der
"hinduistische Pöbel" sich "austobt"...
Dabei bezeugt das "Toben des Pöbels" allenfalls das Eine: Den in-
dischen Massen, Hindus wie Sikhs, kann das erfolgreiche nationale
Einigungs- und Ordnungswerk der Indira Gandhi so sehr gut nicht
bekommen sein. Denn schließlich sind auch in Indien Religion und
Stammeszugehörigkeit für sich genommen nie und nimmer Grund genug
dafür, einander umzubringen. Da müssen schon gesellschaftliche
Verhältnisse eingerichtet worden sein, die aus Glauben und Turban
Anzeichen für recht gründliche Interessensgegensätze gemacht ha-
ben. Ein Z w a n g z u s t a a t l i c h e r E i n h e i t,
eine ziemlich bösartige K o n k u r r e n z, der alle bunt-
scheckigen Völkerschaften des indischen Subkontinents durch
staatlichen Beschluß unterworfen sind; eine Konkurrenz u m s
Ü b e r l e b e n, für die die Stammeszugehörigkeit eine Rolle
spielt; eine n a t i o n a l i s t i s c h e H o f f n u n g,
als besonders treuer Bürger des einen großen oder eines besonde-
ren kleineren Staatswesens in dieser Konkurrenz besser zu fahren:
All das muß den Mitgliedern der "volkreichsten Demokratie der
Erde" schon angewöhnt worden sein, wenn sie einander jetzt nach
völkischen Gesichtspunkten so heftig hassen und abschlachten, wie
das gerade aus Indien berichtet wird. Dies einer der praktischen
Erfolge jener nationalen Einheit, deren "Rettung" der Verbli-
chenen so hoch angerechnet wird.
Aber wer fragt schon danach, wie die indische Staatsangehörigkeit
den damit beglückten Leuten bekommt? Von hier aus ist eine staat-
liche Ordnung verlangt, die Land und Leute nach Bedarf verfügbar
macht. Die zuständige Regierung bemißt ihre Macht nach der Masse
von Land und Leuten, die sie zur Verfügung stellen kann. Die Be-
troffenen sind immerhin soweit demokratisch erzogen, daß sie eher
ihre turbantragenden oder bräunlicheren Nachbarn hassen als ihren
staatlichen Einheitsstall. - Angesichts der Folgen darf man sich
dann, als zivilisierter Mensch, in Maßen gruseln.
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