Quelle: Archiv MG - ASIEN INDIEN - Die volkreichste Demokratie


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       Marxistische Studentenzeitung 2/85
       

DIE NEUESTEN SIEGE DER DEMOKRATIE

"Die gesamte Vielfalt westlicher Staatsformen, die den demokra- tisch gesinnten Zensoren so reiches Material für ihren politi- schen Scharfblick bietet, mag dem als Maßstab an sie angelegten Ideal noch so wenig entsprechen - ihrem Zweck e n t s p r e- c h e n sie allesamt. Sowenig undemokratische Verhältnisse je einen Grund für ein Eingreifen seitens der Sachwalter von freedom and democracy abgeben, so sicher betätigt sich das heuchlerische Urteil der Demokraten als Begutachtung der F u n k t i o n a- l i t ä t auswärtiger, gewöhnlich von der eigenen Regierung installierter und geförderter Herrschaftsformen." (Marxistische Gruppe, Imperialismus 1, Reihe Resultate) In Indien --------- sollen die Wahlen vom Dezember den Premierminister Radschiw Gandhi enorm "gestärkt" haben, w e i l er sie hoch gewonnen hat; so lasen sich die als Kommentare getamten Glückwünsche in der demokratischen Presse für einen e r f o l g r e i c h e n Machthaber. In Wahrheit verhält es sich natürlich auch in Indien genau umgekehrt: Insofern Wahlen dort d e m o k r a t i s c h verlaufen, also mit der Zustimmung des Wählers gerechnet wird, weswegen man ihm die f r e i e Wahl zwischen verschiedenen Machthabern läßt, gewinnt der erfolgreichste bzw. erfolgverspre- chendste S t a a t s m a n n. Radschiw hat aus dem gleichen Grunde einen "Erdrutschsieg" davongetragen wie Reagan - zu beiden gab es keine p e r s o n e l l e Alternative. Insofern demokra- tische Wahlen i n I n d i e n abgehalten werden, sorgt ein er- folgreicher = starker Machthaber mit landesüblichen Mitteln für den Sieg, so daß von vomherein nur noch interessiert, w i e und wie h o c h er zustandekommt. Diesmal ließ Gandhi jr. in Assam und im Punjab erst gar nicht wählen, weil seine Kongreß-Partei dort hätte verlieren k ö n n e n. In und um B h o p a l wur- den die Wahlen ebenfalls vertagt wegen des überraschenden Able- bens zahlreicher Wähler. Und bereits nach dem Mord an Indira wa- ren nicht nur Sikhs, sondern alle Gegner des Gandhi-Clans für drei Tage zum Abschlachten freigegeben worden. Deshalb gab es diesmal bei den Wahlen selbst ein paar Tote weniger als sonst die Regel. Denen schenken jedoch die Bewunderer dieser "volkreichsten Demokratie der Welt" ebensowenig Aufmerksamkeit wie dem Umstand, daß bereits vier Tage nach dem "hoffnungsvollen Neuanfang für In- dien" S c h n e e f ä l l e im Bundesstaat Bihar (alle Sitze an den Kongreß-I) ein paar tausend Leute das Leben kosten. Es ist nicht einmal ein Gegensatz daß die Indische Union in Bihar , über drei Atomkraftwerke verfügt, das Wahlergebnis aus diesem "ärmsten Teilstaat" per Satellit an die Computerzentrale in Delhi übermit- telt wird, und die große Masse der Biharis bei Temperaturen unter Null in Lebensgefahr gerät. Wie derartige und andere Kontraste aus Hindustan sehr zweckmäßig eingerichtet sind und zusammengehö- ren, stand in der Dezemberausgabe der MSZ ("Intemationale Heimat- kunde: Indien"). In Brasilien ------------ hat es das h e r r s c h e n d e Militär einem Wahlmännergre- mium in der Hauptstadt Brasilia gestattet, den Großgrundbesitzer und Berufspolitiker T a n c r e d o d e A l m e i d a N e v e s zum neuen Präsidenten der Republik zu wählen. Tancredo war Kandidat der "Oppositionspartei" MDB, eines per Dekret der Militärregierung als Gegenstück zur Regierungspartei PDS geschaf- fenen Bündnisses zur Verteilung der Posten, die nicht von den Günstlingen der Generäle besetzt wurden. Einer Auseinandersetzung um die passende personelle Ausstattung der Präsidentschaft i n n e r h a l b der Partei des Militärs verdankt Tancredo seine Kür gegen den "offiziellen" Kandidaten Maluf: Dieser war in den letzten 20 Jahren zum Multimillionär geworden, während der Neves-Clan als "traditionsreiche Familie aus Minas Gerais" schon vor dem Militärputsch in der brasilianischen Politik mitmischte, somit nicht als Diktaturgewinnler kompromittiert ist und zugleich "die Brücke von Demokratie zu Demokratie" bilden, soll. Darin be- steht sie also, die "politische Niederlage" der Militärs, daß jetzt im Präsidentenpalast der gleiche Mann sitzt, mit dem die Putschisten 1964 den "linken" Präsidenten 'Jango' Goulart absäg- ten und der als Premierminister der Wahl des faschistischen Gene- rals Castelo Branco die parlamentarische Legitimation verlieh: Ein überaus "fähiger Politiker" also, Don Tancredo, für den Über- gang zur diktatorischen ebenso wie zur demokratischen Form der Herrschaft in Brasilien. Heute, nachdem 20 Jahre Gorillaherr- schaft das Land von "allen subversiven Elementen" ( man schätzt, daß es sich um knappe 400.000 gehandelt hat) - "b e f r e i t" haben, will Tancredo im Auftrag und mit dem Segen des Gerneral- stabs D e m o k r a t i e w a g e n: D.h. für die 40% aller Brasilianer, die selbst noch unter dem a m t l i c h f e s t g e s e t z t e n E x i s t e n z m i n i m u m leben müssen, gibt es als Soforthilfe eine Verfassungsreform, damit sie beim nächsten Mal den politischen Verwalter ihrer Not selbst und direkt wählen dürfen. Ansonsten verspricht der neue Mann "den vollen Schutz des Privateigentums", aller "legitimen Interessen der internationalen Konzerne" und einen "harten Kampf gegen über- triebenen Egoismus". Unter ihm müssen "alle Brasilianer Opfer bringen", aber nur noch fürs d e m o k r a t i s c h e Vater- land. - Für das imperialistische Interesse an Brasilien spricht die bun- desdeutsche Presse wie gewohnt im Klartext: "Ein Scheitern von Neves würde womöglich radikalen Kräften Auftrieb geben", heißt die "Frankfurter Allgemeine"-Botschaft, und die "Frankfurter Rundschau" referiert mit dem ihr eigenen Verständnis für die "schweren Probleme" der "Dritten Welt" alle "schwierigen Erbstücke" Tancredos ebenso wie die besten Absichten dieses Man- nes, der als "echter Mineiro" von Natur aus "auf Versöhnung setzt". Alle Begutachtungen dieser Art "ersparen ihren Vertretern die Kenntnisnahme der Art und Weise, wie in Brasilien Jahr für Jahr ein immenser Reichtum produziert wird, was dabei die außen- wirtschaftlichen Beziehungen vom Lebensmittelexport bis zum Im- port von Automobilfirmen leisten, wie die politische Verwaltung der brasilianischen Wirtschaft vor sich geht, eben welche tatsächlichen Zwecke und 'Probleme' die Herrschaft dieses Landes hat." (Marxistische Gruppe, Imperialismus III, Brasilien. Reihe Resultate.) *** Bild ansehen Landkarte Indien/Brasilien Und das soll man dem "Spiegel" glauben? Daß Südamerika, incl. Brasilien, 'auf dem Weg zur Demokratie' sei, obwohl sich dort selbst nach seiner eigenen Berichterstattung bestenfalls die po- litischen Namen verändert haben? Bloß weil die SU und die ihr verbündeten Staaten die e i n z i g e n Feinde sind, soll man den Rest der Welt als Demokratie goutieren? zurück