Quelle: Archiv MG - ASIEN INDIEN - Die volkreichste Demokratie


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       Marxistische Studentenzeitung 2/83
       
       Gandhi
       

MAHATMA UND INDIRA IN DER FREIEN WELT

8 Oscars nahm ein Filmemacher aus der ehemaligen Kolonialmacht Großbritannien in USA für sein Lichtspiel über einen indischen Politiker entgegen: Sir Richard Attenborough's "Gandhi" ist der Filmschlager der Saison. Der tränendurchfeuchtete Regisseur vor der Academy in Hollywood: "You are honouring in fact Gandhi and his message of non-violence and peace for all mankind!" Am Vor- abend des III. Weltkriegs, begleitet von Blutbädern in den indi- schen Bundesstaaten Assam und Punjab. Im folgenden keine Filmkritik. Aftenboroughs Streifen legt Gandhi Originalzitate in den Mund, er ist geschichts- und kostümgetreu, und der Hauptdarsteller hat nicht nur das Spinnen perfekt ge- lernt, sondern auch 30 kg abgespeckt, um die Hungerstreiks der historischen Vorlage "realistisch" zu bringen. Daß man durch den Film nichts über Kolonialismus, Indien, Gandhis Politik und Ideo- logie und die imperialistische Entkolonialisierung erfährt, kann ihm nicht vorgeworfen werden. Es handelt sich schließlich um einen S p i e l f i l m. Deshalb ein paar sachdienliche Rat- schläge, nicht nur für Kinogänger. 1. Indien vor Gandhi -------------------- Am 31.12.1600 erhielt die East India Company von Ihrer Majestät Regierung die Konzession für den Handel in Vorderindien und die wirtschaftliche Nutzung des Territoriums östlich Kalkutta. Die Company kaufte den bengalischen Moghulen die Rechte der Steuer- pacht ab, erschloß Gold- und Edelsteinvorkommen, führte die Baum- woll-, Seide- und Jutemanufaktur ein und errichtete nach der Er- oberung Assams durch britische Truppen Teeplantagen großen Stils. Sowohl das Land für großflächige Kulturen als auch die Arbeits- kräfte für die Manufakturbetriebe verschaffte sich die Company durch die Expropriation des Bodens der Subsistenzbauern und durch die Ruinierung des kleinen Handwerks in den Städten. Der Wider- stand lokaler Fürsten, denen die Company die Quellen ihres Reich- tums entzog, wurde durch militärische Aktionen Englands zum "Schutze der Rechte der Company" niedergemacht, bis 1798 zu eben diesem Zwecke Westminster die britische Vorherrschaft über alle indischen Fürsten proklamierte. Es folgten 100 Jahre Kolonial- krieg, bis Königin Viktoria 1877 den Titel einer Kaiserin über das "befriedete" Indien annehmen konnte. Die Kolonialisierung Indiens durch den britischen Imperialismus vollzog die Zerstörung der ursprünglich autarken Subsistenzwirt- schaft der indischen Dorfgemeinschaft. Die Kolonialmacht impor- tierte aus Indien Baumwolle und ruinierte die einheimische Stoff- produktion durch die Erzeugnisse der englischen Industrie. Gleichzeitig beuteten britische Kapitalisten indische Arbeits- kräfte durch die Ansiedlung von Baumwollmanufakturen in Indien selbst aus. Die Kolonialadministration stützte sich auf das über- kommene Herrschaftssystem der Maharadschas und ihrer Steuerpäch- ter und gestaltete die "Zivilisierung" des Subkontinents gänzlich nach den Bedürfnissen seiner kolonialen Exploitation. Die altin- dische Produktionsweise verlor so ihre ökonomische Autarkie, ohne daß die ihr zugehörige gesellschaftliche Organisation verändert wurde. Die aus den Dörfern freigesetzte Masse der Pauper bildete in den Städten ein riesiges Lumpenproletariat bzw. eine gewaltige Reservearmee für die vom Imperialismus aufgezogene Industrie. Dies - wie Marx bemerkt - nicht "so sehr infolge des brutalen Eingreifens des britischen Steuereintreibers und des britischen Soldaten als vermöge des englischen Dompfes und des englischen Freihandels." (MEW 9, Die britische Herrschaft in Indien) 2. Gandhi --------- Mohandas Karamchand Gandhi (später: Mahatma = Große Seele), als Sohn eines von den Briten eingesetzten Ministers im Staate Por- bandar zum Jurastudium nach London geschickt, stieß nach seiner Rückkehr nach Indien auf den "Indischen Nationalkongreß", eine von den Briten gegründete Vereinigung für in Kolonialdiensten stehende indische Intellektuelle zur Beteiligung einer einheimi- schen Elite an der Machtausübung. Gerade die in England ausgebil- deten Studenten wandten das Gelernte an und forderten im Namen britischer demokratischer Prinzipien eine Gleichstellung mit den englischen Beamten der Administration. Die Durchsetzung soziali- stischer Ideen im Kongreß verhinderten Gandhi und Jawaharlal Nehru durch den Sturz der linken Parteiführung 1939. Gegen das Konzept einer "Volksrevolution gegen Kolonialismus und Feudalis- mus" setzten sie die Strategie des "zivilen Ungehorsams" mittels "gewaltfreien Widerstands" mit dem Ziel der "völkerrechtlichen Unabhängigkeit" eines indischen Bundesstates innerhalb der vom Kolonialismus gezogenen Grenzen, also inklusive der von England zum alten Hindustan hinzueroberten Gebiete im Osten, Westen und Norden. Neben den ausgebildeten Funktionären der kolonialen Administra- tion, die den Kongreß organisatorisch trugen, gewann Gandhi auch die meisten Fürsten durch den programmatischen Verzicht auf ge- waltsame Veränderung traditioneller Eigentums- und Herrschafts- verhältnisse. Entgegen hiesigen Vorstellungen verfocht der Ma- hatma nicht eine A u f h e b u n g des K a s t e n s y- s t e m s, sondern forderte von den Kastenhindus "Respekt, Toleranz und Caritas" für die Parias, die von ihm ein paar Hektar erbettelten Landes und den schönen Namen "Harijans" (= Kinder Gottes) erhielten. Den Namen haben sie immer noch, das Land natürlich nicht mehr. Gandhi verbrachte insgesamt 66 Monate in britischen Gefängnissen, vor allem nachdem er 1942, mitten im 2. Weltkrieg, die Parole "Quit India" gegen die Kolonialmacht ausgab. Seine Hungerstreiks in der Haft und seine propagierte Vi- sion von einer "Demokratie in Indien", dem Ex-Mutterland in Freundschaft und ökonomischen Beziehungen eng verbunden, ver- schafften ihm Popularität auch bei englischen Kritikern der Kolo- nialherrschaft. Gelegentliche Massaker, die die Kolonialtruppen auf Versammlungen des Kongreß' anrichteten und in die Gandhi seine Massen schutzlos führte, setzten die Bewegung in Indien mo- ralisch so ins Recht, daß die Labour Party bei den Unterhauswah- len 1946 mit der Forderung nach Entlassung Indiens in die Unab- hängigkeit der Kriegsgewinner Churchill herausforderte und be- siegt. Der von der Kolonialmacht zur Schwächung des Kongreß' angesta- chelte und beförderte Gegensatz zwischen Hindus und Moslems führte zur Abspaltung der Moslem-Liga vom Kongreß und zum Tei- lungsplan Britisch-Indiens in Bharat (die heutige indische Repu- blik) und Pakistan. Gandhi und Nehru akzeptierten die Teilungsmo- dalitäten nach dem Prinzip cuius religio, eius regio (die Maha- radschas entschieden nach ihrer Religion, welchen der neuen Staa- ten ihr Hoheitsgebiet beitrat), wohlwissend, daß damit das Blut- bad angerichtet war, in dem die Unabhängigkeit Indiens getauft wurde: 600000 tote Moslems und Hindus aus den jeweiligen Minder- heiten in den neuen Staatsgebieten. Gandhi übernahm kein Staats- amt und überließ so seinem Gewaltlosigkeitsmitapostel Nehru die sofortige Ausstattung der Indischen Union mit Polizei und Armee, sowie den Befehl zu deren Einmarsch im mehrheitlich moslemischen Kaschmir. Am 30.1.1948 wurde Gandhi nach dem Ende eines Hunger- streiks zur Beendigung des Mordens zwischen Hindus und Moslems von einem religiösen Fanatiker erschossen: Opfer der Gewalt, de- ren Anlaß er selbst, "wenn auch widerstrebend", akzeptiert hatte. 3. Die Entkolonialisierung Indiens ---------------------------------- Der Abzug der Kolonialmacht aus Indien war natürlich ebensowenig der Wirkung der Gandhischen Bewegung des "gewaltfreien Wider- stands" geschuldet wie z.B. die Entlassung Kenias aus britischer Herrschaft in die politische Unabhängigkeit dem g e w a l t t ä- t i g e n Wirken von Mau Mau. Entkolonialisierung verdankte sich auch in Indien letztlich den Resultaten des 2. Weltkrieges. Angesichts der Durchsetzung der US-Kontrolle über den Weltmarkt, des Wiederaufbaus der Ökonomien aller europäischen Kolonialmächte auf der Basis amerikanischen Kredits und als Anlagesphäre amerikanischen Kapitals, nahmen sich koloniale Abhängigkeiten zwischen zu Juniorpartnern der Weltmacht Nr. 1 gewordenen Staaten und Sphären einen für kapitalistische Reichtumsproduktion nutzbaren Natur plus Menschenmaterial als durchaus überflüssiges Hindernis aus. Die Entlassung der Kolonien in die politische Un- abhängigkeit und damit ihre freie Zugänglichkeit für a l l e konkurrierenden imperialistischen Staaten und Kapitale wurden so- mit von den U S A auf die Tagesordnung gesetzt. Zur viel- zitierten V e r n ü n f t i g k e i t, mit der Großbritannien seine Kolonien in den Commonwealth unabhängiger, befreundeter Nationen überführte, zählte neben dem Druck der USA auch eine Kosten-Nutzen-Rechnung, die die Lasten der Pauperisierung der indischen Massen für das "Mutterland" ins Verhältnis setzte zum Ertrag aus dem Abtransport der Reichtümer des Subkontinents und der Anwendung seiner Arbeitskraft. Diese Rechnung führte zu dem bis heute aufgehenden Ergebnis, daß das Geschäft mit einem unabhängigen Indien l o h n e n d e r ist als die Ausplünderung einer gegen Massenwiderstand und mit elenden Masser gehaltenen Kolonie. 4. Indien nach der Unabhängigkeit --------------------------------- Das indische Staatswesen gründete sich auf die höheren Beamten der Kolonialadministration, auf die nationale Handelsbourgeoisie und den kapitalistischen Großgrundbesitz. Für die Massen der Land- und Stadtbevölkerung war der Wechsel in den p o l i- t i s c h e n Verhältnissen ökonomisch ohne jede Bedeutung. Mit D e m o k r a t i e hat diese hierzulande gefeierte "größte Demokratie der Welt" (früher immer als positive Alternative zu "Rotchina" angeführt, bevor die VR China nach dem Tode Maos endgültig zu "unserem" Partner gegen die SU in Asier geworden ist!) nichts zu tun. Den d e m o k r a t i s c h e n Idealen Individualität, Leistung, Gleichheit, Brüderlichkeit fehlt jede Grundlage in einem Staat, dessen Ökonomie noch weitgehend auf p e r s ö n l i c h e n Abhängigkeitsverhältnissen und nicht auf der f r e i e n L o h n arbeit beruht. Die Verkehrsformen der i n d i s c h e n Demokratie zeigen dies auch dann wenn nicht nur sogenannte E x z e s s e das Augenmerk der Öffentlichkeit beanspruchen, wie jüngst die von Massenschlächtereien begleiteten regionalen Parlamentswahlen in Assam: Es hat nichts mit "politischer Willensbildung" zu tun, jener hierzulande gepflogenen Relativierung des Interesses am politisch "Machbaren" eines Parteiprogramms, die bisweilen andere P e r s o n e n mit der Führung der Staatsgeschäfte betraut, wenn der Indira-Kongreß von einer Wahl zur anderen von 10% auf die absolute Mehrheit an- steigt und während der Legislaturperiode die Zahl seiner Abgeord- neten durch Überläufer vervierfacht. In einem Staatswesen, dessen Bürger nur zu knapp 5%o überhaupt der Sprache mächtig sind, in der sich das "politische Leben" abspielt (englisch), sind fürs W a h l e r g e b n i s andere Faktoren zuständig als die f r e i e E n t s c h e i d u n g des Stimmvolks für eine Vari- ante von Herrschaft gegen die andere: Nach dem Wahlgang eruieren die Kommentare in der indischen Presse die Betrugsquoten und vor den Wahlen stampfen hierzulande gänzlich politisch irrelevante Ereignisse - wie gerade aktuell - das Zerwürfnis zwischen Indira und ihrer Schwiegertochter - eine politische P a r t e i aus dem Boden, die die indische "Parteienlandschaft" verändern kann. Zudem enthält die indische Demokratie eine konstitutionelle Not- bremse gegen Äußerungen des Wählerwillens, die, wie immer sie auch zustandegekommen sein mögen, die Interessen der herrschenden Klassen und Eliten tangieren könnten: Von der Möglichkeit, unbot- mäßige Bundesstaaten unter "presidential rule" zu stellen, also faktisch das Wahlergebnis zu kassieren, wird bei den kommunisti- schen Mehrheiten in Kerala und West-Bengal regelmäßiger Gebrauch gemacht. Wenn indische Massen "rebellisch" werden, dann nie gegen die Obrigkeit oder andere reale Verursacher ihres Elends, sondern ausschließlich gegen von ihnen, durch nationale oder religiöse Differenzen unterschiedene Leidensgenossen: "Wir dürfen nicht vergessen, daß dieses menschenunwürdige, sta- gnierende Dahinvegetieren, diese passive Art zu leben, auf der anderen Seite ihre Ergänzung fanden in der Beschwörung wilder, zielloser, hemmungsloser Kräfte der Zerstörung, und in Hindustan selbst aus dem Mord einen religiösen Ritus machten." (MEW 9, 132 f.) Diese Marxsche Notiz über das koloniale Indien beschreibt immer noch, trotz Gandhi und inmitten der indischen Demokratie Indiras, die Massaker assamesischer Dorfbewohner an eingewanderten Benga- len und die jährlich an den hohen Feiertagen der anderen Religion losbrechenden Greueltaten zwischen Moslems und Hindus. Der mit der Demokratie institutionalisierte Konkurrenzkampf lokaler Poli- tiker der nationalen wie regionalen Parteien untereinander hat das Menschenschlachten erst recht sollizitiert: In Assam, dem ge- rade aktuellen Schauplatz, mobilisieren die Parteien des tibeto- birmanischen Mehrheitsvolkes die Angst der Massen vor einer "Überfremdung" durch Hindus und moslemische Bengalen, während der Indira-Kongreß die Minderheitsstämme der Ureinwohner des Bundes- staates gegen die "Eroberer ihres Landes" aufwiegelt. Um sich 12 vakante Oberhaussitze Assams zu sichern, zettelte Indira Neuwah- len im Bundesstaat an und registrierte 6000 tote Bengalen unge- rührt als "massiven Einschüchterungsversuch" der Wähler durch die Opposition. Das westliche Ausland, das unerschütterlich an der Fiktion von der indischen Demokratie festhält, kommentiert Ereig- nisse wie die assamesischen als Ausbrüche primitiver Volksmenta- lität, die die Demokratie in Indien zu einem um so kühneren Un- terfangen machen, dem Bewunderung gebühre, und begrüßt beruhigt die Entsendung von Truppen in die "Unruheprovinz". Die wiederum von diesen produzierten Leichen dienen wenigstens einem guten, weil verständlichen Zweck: der Herstellung von Ruhe und Ordnung. 5. Der Gandhiismus ------------------ Bleibt noch die Frage, was den ausgemergelten Hindupolitiker Gandhi zum Helden der Freien Welt des Jahres 1983 macht? Für die Republik Indien, die Sir Richard's Film gefördert hat und seine - Oscars dem ideellen Staatsschatz zuschlägt, läßt sich unschwer einsehen, warum Indira auf ihre, wenn auch nicht verwandtschaft- lich begründete Erbfolgelinie zu Mahatma Gandhi, großen Wert legt: Zum einen ist das Prinzip Gewaltlosigkeit I d e a l staatlicher Gewalt nicht nur in Indien, sondern in allen Rechtsstaaten, na- mentlich den demokratisch beherrschten. Es ist die Verpflichtung der Bürger, ihre Interessengegensätze untereinander bzw. ihre Konflikte mit der Obrigkeit ohne die Anwendung physischer Gewalt auszutragen. Im Gewalt m o n o p o l des Staates liegt die Si- cherstellung eines Zwangszusammenhaltes, der dafür sorgt, daß die Resultate der Konkurrenz Macht und Reichtum der N a t i o n be- fördern. In I n d i e n rühmt man sich eines S t a a t s- gründers, der zugleich S y m b o l der Gewaltlosigkeit sein soll: Dies sieht dann u.a. so aus, daß am Nationalfeiertag den modernen Panzern und Raketen bei der Militärparade in Delhi - riesige Porträts des Mahatma vorangetragen werden. Die Staatsgewalt tritt mit der Prätention auf, sie wäre gar keine (keine Gewalt gegen die Leute). Die täglich stattfindenden Erneu- ten in irgendeinem Landesteil der Union werden als Verstoß gegen das Gewaltlosigkeitsprinzip gegeißelt und von Polizei und Armee niedergemacht, auf daß im Bharat weiterhin der Geist Gandhis re- giere. Dieser Geist hat den auf ihn sich berufenden Staat nicht daran gehindert, dreimal Krieg gegen Pakistan und einmal gegen China zu führen, Goa zu besetzen und in Sikkim und Bhutan einzu- marschieren. Andere Ingredienzien des Gandhiismus, vom Erfinder selbst "Metaphysik" genannt, Askese, Stoizismus, Caritas, sexu- elle Enthaltsamkeit dienen als offiziell den Massen empfohlene Moral zum Aushalten eines ansonsten trostlosen Lebens in Hunger und Elend. Im Westen hat der "gewaltlose Revolutionär" schon vor der Unab- hängigkeit Indiens volle Hochachtung gefunden, angesichts eines "Aufstands", bei dem keine Briten zu Schaden kamen und als Haupt- druckmittel tote Inder das G e w i s s e n der Kolonialmacht rühren sollten. Als Gebot aus Indien an die Verdammten dieser Erde ist Gandhis Haltung allen Befreiungsbewegungen ans Herz ge- legt und jeder Guerilla moralisch vorgehalten worden. In den de- mokratischen Metropolen des Westens hat die aufmüpfige Jugend der späten 60er Jahre einige F o r m e n der Gandhischen civil di- sobedience ausprobiert und feststellen müssen, daß die Justiz da- für den Straftatbestand der Nötigung kennt und die gewaltlosen Täter wegen Anwendung "kompulsiver Gewalt" verfolgt. Im Verkehr zwischen S t a a t e n sind Gewalt v e r- z i c h t s abkommen Verträge, mit denen Souveräne ihre Absicht erklären, trotz gegensätzlicher Interessen, also gegebener guter Gründe ihre, jeweiligen Gewaltapparate vorläufig nicht zum Einsatz zu bringen. Auch dies durchaus in Gandhischem Geist: Dessen P r i n z i p d e r G e w a l t l o s i g k e i t hat sich nie um die objektiven Ursachen und Gründe von Gewalt- anwendung in gewaltsam zusammengehaltenen Verhältnissen geküm- mert, sondern allein den Opfern den p e r s ö n l i c h e n Verzicht auf Gewalt abverlangt. Im Staate, gleichgültig welcher Art, kann das Realität haben nur als T u g e n d der Beherrschten. 1983 ein Film über Gandhi als Weltereignis, prämiert von der Kul- turbourgeoisie der imperialistischen Führungsmacht, koproduziert von ehemaliger Kolonialmacht und Ex-Kolonie, demnächst als Erbau- ung genossen von der ganzen zivilisierten Menschheit und womög- lich als Lehrstück nach Mittelamerika und andere "unruhige" Welt- gegenden exportiert - das paßt zum Zeitgeist, in dem der große Krieg als Friedenserhalt vorbereitet und die täglichen Scharmüt- zel als Friedenssicherung abgewickelt werden. In Gandhi ehrt die Freie Welt das ruhige Gewissen der Gewalt und versichert ihren Opfern die vollste Anteilnahme. Ronald und Nancy waren, dem Ver- nehmen nach, zu Tränen gerührt. Hinweis: Über Politik und Ökonomie Indiens Ausführliches in MSZ, Nachdruck aus dem 1. Jahrgang, S. 124 ff. Der Begriff westlicher Indien-Re- zeption in MSZ Nr. 4/1980 ("Betrachtungen über die größte Demo- kratie der Welt"). Die Analyse des Kolonialismus, Entkoloniali- sierung und vom Imperialismus konzedierter und konzessionierter Souveränität in: Marxistische Gruppe, Imperialismus 3, Resultate Reihe. zurück