Quelle: Archiv MG - ASIEN CHINA - Wie tot ist Mao?
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Bremer Hochschulzeitung Nr. 2, 30.10.1979
Hua in der Bundesrepublik
EIN STAATSBESUCH NACH DEUTSCHEM PROTOKOLL
"Wir wollen aus dem Hua-Besuch kein epochales Ereignis machen.
Den Chinesen soll geholfen werden, ihre normale Rolle im Konzert
der Mächte zu übernehmen, nach ihren eigenen Interessen und ohne
Verletzung der Interessen anderer." (Schmidt zum Staatsbesuch)
"Jedes Land, ob groß oder klein, hat seine Vorzüge und Mängel.
Mit dem Essen verhält es sich ebenso. Strategisch gesehen ist das
Einnehmen einer Mahlzeit kein Problem: Wir können sie ohne wei-
teres bewältigen. Aber konkret gesehen schlucken wir einen Happen
nach dem anderen. Man kann nicht ein ganzes Festessen auf einmal
verschlingen. Das heißt eben: eins nach dem anderen erledigen."
(Mao zum Staatsbesuch)
So ein Besuch eines Vorsitzenden des Reichs der Mitte wäre vor 20
oder auch vor 12 Jahren die Politische Sensation gewesen. Man
versetze sich in das Jahr 1960 zurück und stelle sich vor, Mao,
der Repräsentant und Führer von damals über 600 Millionen gelbe
Gefahren, hätte Westeuropa besucht, in dem damals wenigstens of-
fiziell die moderne Xenophobie grassierte, unübersehbare millio-
nenströme kleiner Chinesen könnten wie die Ameisen, aber uni
blau, über das Abendland herfallen - nicht auszudenken. Oder der
große Vorsitzende hätte 1967/68 die BRD mit seiner Erscheinung
heimgesucht, als ziemlich große Teile der sich damals bewegenden
studentischen Intelligenz in ihrer Antipathie gegen den orthodo-
xen russischen Kommunismus schnell zur Sympathie für Maos Volks-
krieg und Volksweisheiten fanden, so daß nicht nur die Verkaufs-
zahlen der kleinen roten Bibel ganz schön zunahmen, sondern auch
mehrere politische Vereine das Kennzeichen 'Maoist' mit sich rum-
trugen - undenkbar, zumal schon das Auftauchen des ersten chine-
sischen
Schiffes im Hamburger Hafen einen kleinen Auflauf von Jubel-Maoi-
sten erzeugte. Undenkbar eine solche Visite auch deshalb, weil
der Begeisterung großer Teile angelinkster Studenten über die von
Mao inszenierte Kulturrevolution die Meinung von rechts gegen-
überstand, diese eigenartige Bewegung, in der Mao je nachdem Blu-
men oder andere Dinge sprechen ließ, sei eine besonders raffi-
nierte Methode der Manipulation chinesischer Menschenmassen.
Heute, da sich China mit dem "Papiertiger-Imperialismus" der USA
ausgesöhnt hat und die Öffnung zum Westen als Programm feststeht,
ist der erste Staatsbesuch eines chinesischen Partei- und Regie-
rungschefs kein "epochales Ereignis" mehr, selbst nicht im Lager
der früher eindeutig maoistisch orientierten Vereine, die sich
bis auf eine Ausnahme höchstens noch überlegen, wie sie diesen
peinlichen Affront gegen ihre eigene Tradition offen oder schwei-
gend bewältigen sollen. Erst recht nicht in der offiziellen Öf-
fentlichkeit, die zwar die exotischen Reize dieses ersten Staats-
besuches eines chinesischen Machthabers ausschlachtet, aber kei-
neswegs als Sensation behandelt. Und die Politiker haben ein Pro-
tokoll aufgesetzt, das ihrer Einschätzung des Besuchs entspricht.
Protokollarische Feinheiten
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Da es sich um eine Rundreise handelt, die Hua Guofeng gegenwärtig
in Europa tut, ist der Ausgangspunkt von Bedeutung für die diplo-
matische Meßskala zwischenstaatlicher Beziehungen. Hua reiste in
Frankreich an, was aber keinen deutschen Politiker wurmt. Denn
erstens hat er die "französischen Erwartungen hinsichtlich einer
verstärkten wirtschaftlichen Zusammenarbeit und vermehrter Liefe-
rung von Industrieausrüstungen nicht erfüllt" (SZ), zweitens
hatte man hier damit schon gerechnet und drittens bleibt er in
der BRD länger, eine ganze Woche. Die will natürlich mit Programm
gefüllt sein nach Maßgabe der Bedeutung, die man diesem Besuch
zumißt. Für den "Herrn über eine Milliarde Chinesen", "für Chinas
Nummer eins zieht das Bonner Protokoll alle Register seines Kön-
nens" (AZ), doch spielt die Tatsache, daß dieser Herr 1500 Pro-
zent mehr Volk unter sich hat, als Helmut Schmidt vorweisen kann,
keine besondere Rolle im Ablauf des Geschehens Staatsbesuch. Ein
Kotau des hiesigen Kanzlers ist nicht einmal diplomatisch ver-
schlüsselt irgendwo vorgesehen. Der erinnert den Gast im ersten
Gespräch vielmehr daran, daß viele Chinesen auch ein Problem sein
können, wenn er ihm alles Gute für sein Land wünscht:
"Die Bundesrepublik hat ein Interesse an einem entwickelten und
starken China, das in der Lage ist, seine Rolle in der Weltpoli-
tik zu spielen."
Huas "Alles Gute!" fürs Gastgeberland klingt trotz gleichklingen-
der Töne anders und zeigt, wer hier bei wem zu Besuch ist.
"Die Beziehungen Chinas zur Bundesrepublik sind langfristig und
über die 90er Jahre hinaus angelegt: China wünscht deshalb ein
blühendes und starkes Deutschland."
Auch, daß der Parteichef vom Bundespräsidenten nicht "empfangen"
wird, sondern zu einem "Höflichkeitsbesuch" bei ihm antritt, ent-
spricht dem deutschen Protokoll. Hua ist eben im eigentlichen
Sinne - wobei der eigentliche Sinn der Witz ist - kein Staats-
oberhaupt. Hua weiß Carstens als solchen zu schätzen und lädt ihn
wohl nach dem chinesischen Prinzip des Marxismus-Leninismus, wo-
nach alles seine zwei Seiten hat, zu sich nach China ein, worüber
Carstens sich sicher erfreut und überrascht gezeigt hat, da er
doch gar nicht gesagt hatte, er würde sich gern mal die Volksre-
publik angucken.
Hua führt Gespräche mit a l l e n maßgeblichen Politikern (auch
mit Franz Josef Strauß, was die Presse besonders goutiert, denn
daß dieser Herr, den Hua "auf seinen ausdrücklichen Wunsch" hin
besucht, einmal und nach chinesischer Diktion in die Abteilung
"Papiertiger", Gruppe Reaktionär, gehörte, weiß man noch).
Selbstverständlich die diversen Freßgelage, bei denen zwischen
dem 13. und 14. Gang Hua Helmut seine Bewunderung dafür aus-
spricht, was er mit dem deutschen Volk alles schafft, worauf dann
Helmut antwortet, daß der Fleiß, mit dem das chinesische Volk un-
ter den (!) schwierigen Umständen das Land aufbaue, auch eine
dolle Sache sei. Daß der Gast auch ein Essen gibt, mit 28 Gängen,
freundschaftlichem Stäbchenzwang und extra eingeflogenen Kohle-
Eisen-Herden, ist nichts Besonderes, weil noch jeder Staatsgast
irgendeine Kultur anbietet, die der Gastqeber anerkennend auf-
oder einnimmt. Aufzumerken ist aber auf die Liste der geladenen
Tischgäste. Vor allem Industriekapitäne und Wirtschaftsbosse dür-
fen sich da mittels Stäbchen an Schwalbennester und so weiter
ranmachen. Dieselben Gäste besucht Hua dann privat in ihren indu-
striellen Wirkungsstätten, von Messerschmidt Bölkow-Blohm über
den rheinischen Braunkohletagebau bis zu Siemens in München, um -
wie er selbst sagt
"mit eigenen Augen die Wirklichkeit in diesem hochentwickelten
Land zu sehen, etwas von seinen wirtschaftlichen, wissenschaftli-
chen und technischen Erfahrungen zu lernen und darüber nachzuden-
ken, wie diese nützlichen Dinge dem Wohle Chinas dienen können."
Der oberste chinesische Kommunist heuchelt also nicht mal mehr
Interesse an den Arbeitern in den Fabriken, sondern hat sich voll
auf die diplomatische Heuchelei des geschäfteschließenden Staats-
gastes eingestellt: Als ob der Hua auf seiner "Bildungsreise"
durch deutsche Industriekonzerne mehr lernen würde, als was er
nicht schon vorher wußte, daß die im Unterschied zur heimischen
Produktion unheimlich entwickelt sind, sprich auf der Grundlage
hochentwickelter Technik aus erheblich weniger Arbeitern Resul-
tate rausholen, von denen er im Augenblick nur träumt. (Dabei
sieht er noch nicht mal, w i e hier das vorhandene Menschenma-
terial optimal ausgenutzt wird.) Als ob er nicht schon wußte, wie
diese "nützlichen Dinge" China weiterbringen sollen wohlgemerkt
C h i n a und nicht die 950 Millionen, für die ein deutsches
Walzwerk nicht hingestellt wird. Als ob Hua mehr wüßte, wenn er
irgendeine Maschine tätschelt und fragt, ob es noch größere von
dem Kaliber gäbe. Mit seinem angeblichen Weiterbildungssprogramm
demonstriert er einzig und allein sein Interesse, die deutsche
Wirtschaft für die Beteiligung an seinen "Modernisierungen" zu
gewinnen. Und Deutschland läßt sich gern gewinnen und zeigt ihm,
was es hat und kann.
Da es sich um einen S t a a t s besuch handelt, der nur aus dem
Grunde stattfindet, weil der Herr über das größte Volk, wo gibt,
den Reichtum Chinas entwickeln will, damit der Staat mehr sei,
als er ist, und weil das fortgeschrittene Industrieland BRD mit-
tels wirtschaftlicher Beziehungen zu dem Staat, der sich entwic-
keln möchte, noch besser dastehen möchte, bestaunt Hua vor aller
Öffentlichkeit deutsche Industrieanlagen und läßt sich sogar
einen "Kaufhausschock" gefallen, indem er in München eine unge-
heure Warensammlung unter einem Dach besichtigt, um zu zeigen,
daß er gewillt ist, die politischen Beziehungen zur BRD so zu ge-
stalten, daß die BRD nicht umhin kann, den Nutzen, den sie davon
hat, anzuerkennen. Darum ging es ihr ja.
Die gelbe Gefahr, die dazumal aus China dräute, der Kommunismus,
der für den Westen den Kern dieser Gefahr ausmachte - alles dies
wird höchstens am Rande und in Vergleich zum Früher erwähnt.
Heute räumt das Bonner Protokoll dem Wunsch des Parteichefs aus
dem fernen Osten umstandslos einen dreistündigen Besuch in Trier
und in dem Geburtshaus von Karl Marx ein -
"Bonn akzeptierte die Visite beim Gründer des dialektischen Mate-
rialismus, ohne mit der Wimper zu zucken." (AZ) -
wobei noch nicht einmal ausgemacht ist, ob nicht die deutschen
Staatsbesuchsprotokollunterhändler Hua vorgeschlagen haben, es
stände ihm gut an, neben chinesischer Küche auch eine Portion
ideologische Tradition zu repräsentieren. Auf den Satz, den er an
Ort und stelle von sich gab, dürfte Hua aber wohl selbst gekommen
sein: "Karl Marx war ein großer Denker und Philosoph." Es hätte
auch ins Protokoll gepaßt, wenn er auf deutsch gesagt hätte:
"Kall Malx wal ein gloße Denkel und Philosoph." Entspricht diese
Ausdrucksweise doch in etwa der chinesischen Weiterentwicklung
des Gegners des Kapitalismus, bei dem Hua zu Besuch ist.
Eindeutiges Kräfteverhältnis
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Diese souveräne Souveränität der BRD im Umgang mit dem Besucher
ist sich des politischen Erfolgs so sicher, daß gar nicht der
Eindruck entstehen kann, hier habe Helmut Hua eine Woche eingela-
den, weil er seinem großen Respekt vor Chinas Machthaber Ausdruck
verleihen wollte. "Ich bin froh, daß ich hier bin", bemerkte Hua,
kaum daß er sein Flugzeug verlassen hatte. Damit meinte er nicht,
daß er im Flugzeug fast gekotzt hätte!
Die öffentliche Meinungsbildung in Presse, Funk und Fernsehen be-
gleitet den Gast durch Deutschland mit Abschätzungen, was mit
ihm, seinem Land heute los ist, wobei: der Vergleich mit Früher
das bevorzugt angewandte Medium bildet:
Ob Hua so mächtig ist und soviel Profil wie Mao - nein, aber viel
Gefühl; ob er "im Schatten des Vizepremiers" steht - einerseits
schon, aber andererseits sei er "ein Pragmatiker, den Geduld und
Hartnäckigkeit auszeichnen", der das "Verlangen der Chinesen nach
Ausgleich und Ordnung verkörpere", ein Verlangen, das diesem
volkreichen Völkchen von den Deutschen ganz selbstverständlich
untergeschoben wird; daß er ohne "Legenden" sei, aber fähig, "den
launisch - sprunghaften (!) Stil vergangener Jahre zu überwin-
den"; dabei kein "verkalkter Bürokrat", sondern ein "unbestritten
ehrlicher Politiker (!)". Die Personalbesichtigung folgt der Lo-
gik, an Hua aufzuspüren, wie China heute im Unterschied zu... da-
steht und der deutschen Politik verfügbar ist.
Das ehemals kommunistisch versteckte und verschlossene Reich der
Mitte hat sich der interessierten Frage zu stellen, wieweit es
sich schon nach allen Regeln der westlichen Kunst geöffnet hat:
Ob das Milliardenvolk die zur Einstimmung auf die 4 Modernisie-
rungen gestartete Konsum- und Fortschrittskampagne auch richtig
aufnimmt; oder ob unter Cosmetic, Coca Cola und Comics alles
Dinge, die der größte Teil der Chinesen noch nicht mal anschauen
kann - noch der alte widerspenstige Geist einer etwas anders ge-
arteten Kulturrevolution lauert; ob der alte Massenfleiß mit Mas-
sendiskussion auch wirklich in das System effektiver Ausbeutung
an westlichen Maschinenanlagen zu pressen ist; ob die ideologi-
sche Aufrüstung mittels "Poster für Konsumsteigerung" nicht viel-
leicht zu wirklichen Ansprüchen führen könne; ob die
"Verwestlichung" vielleicht gar nicht so gut für China ist, mit
allen ihren "Nachteilen" (diese rhetorische Frage hat dankens-
werterweise Hua schon beantwortet: "wir glauben, daß unser Volk
Gutes von Schlechtem unterscheiden kann." - na also; ob nicht der
Reichtum an Menschenmaterial in China noch ein ökonomische (!)
Problem darstellt:
"Die größte Hürde für den Sprung ins Industriezeitalter bilden
die Massen, die dem neuen Kurs mißtrauen: Bisher ist es nicht ge-
lungen, die riesigen Energien des chinesischen Volkes für den
Richtungswechsel frei(!)zusetzen." (Spiegel)
Eine derart eindeutige Betrachtungsweise, die den chinesischen
Schwarzmarkt für Fortschritt hält und sich darüber freut, wie
Marxisten-Leninisten den Segen des Marktes entdecken, hat weniger
schwer daran zu knapsen, ob und wieweit die Menschenrechte dort
hinten schon Anwendung finden. China ist nicht der Erzfeind im
Osten, so daß man das vereinzelte Auftauchen von verrückten chi-
nesischen Intellektuellen, die nichts Besseres zu tun haben, als
i h r e Geistesfreiheit zu fordern, relativ nebenbei abhandelt.
Genauso wie für den Staatsbesuch die ersten Dissidentenprozesse
in China keine Verstimmung bedeuten. Die Menschenrechtswaffe
braucht gegen China nicht in Stellung gebracht zu werden, solange
es sich gegen Moskau verschlossen zeigt und offen gegen den We-
sten.
Ein politisches Problem gibt es freilich, die Gefahr, daß der Hua
wie weiland der Deng in Amerika laut und in aller Öffentlichkeit
antisowjetische Hegemonialangriffe landet. In der Sicherheit, daß
hier in erster Linie China etwas von der BRD wolle, muß, in der
festen Absicht, sich durch China das Einspannnen des Ostens durch
Entspannung für das Wohl der BRD nicht auch nur im Geringsten
versauen zu lassen, wurde Hua, noch bevor er aus dem Flugzeug
stieg, bedeutet, daß er sich auf diesem Gebiet gefälligst zu-
rückzuhalten habe.
"Bonn läßt sich nicht gegen die Sowjetunion in Stellung bringen
und will ebensowenig China gegen die Sowjetunion in Stellung
bringen." (der Kanzler)
Eine Besuchsauflage, die deshalb besonders raffiniert ist, weil
sie Hua bedeutet, daß die BRD sich die Ausnutzung seines Kon-
flikts mit der SU vorbehält und gleichzeitig der SU anzeigt, daß
die chinesische Karte weiter im Talon ist. Hua - er ist halt Herr
über China - entspricht dem 'Wunsch' seines Gastgebers und hält
sich auf seinem Spezialgebiet zurück. Damit er sein chinesisches
Gesicht nicht verliert, greift er zu der westlichen diplomati-
schen Finte, allgemein d a s Hegemonialstreben anzugreifen -
und das darf er. Damit er aber nicht doch wieder durchdreht - man
weiß ja nie bei diesen Chinesen, sagt sich das Protokoll - be-
kommt der liebe Gast ganz offiziell und jedem ersichtlich einen
Wachhund zugeteilt, der auf "solche Unhöflichkeiten" aufpaßt. Die
Zeitungen drucken aus, daß sie das Kräfteverhältnis zwischen
Gastgeber und Gast verstanden haben:
"Hans-Jürgen Wischnewski zum 'Ehrenbegleiter' (!) Huas. 'Ben
Wisch' soll dem Oberchinesen (!) sechs Tage nicht von der Seite
weichen und notfalls als 'Schalldämpfer' wirken, falls Hua auf
die Moskau-Pauke schlägt." (AZ)
Hua bekommt seinen Wau Wau, damit er artig bleibt. Und "China
lieben und verteidigen" (soi sein Name) stellt artig fest, daß
entsprechend dem einzig noch geltenden Satz des maotischen dia-
lektischen Materialismus "die Wahrheit in den Tatsachen liegt".
Die Wahrheit ist, daß der ehrliche China-Kommunist Diplomatie
macht und auf diesem Feld ist Tatsache, daß sich die BRD 1979 ei-
niges leisten kann.
Politische Ökonomie
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Vor Jahren wäre noch niemand auf die Idee verfallen, China das
"mächtigste Entwicklungsland der Welt" zu nennen. Heute wird das
ehemalige Mao-Reich ganz cool durch die ökonomische Brille be-
trachtet: Was ist wirtschaftlich zu holen und was nicht? Ins Bild
gebracht:
"CHINAS MINISTERPRÄSIDENT Hua Guofeng befindet sich auf Europa-
reise. Er repräsentiert das mächtigste Entwicklungsland der Welt,
das erst am Anfang seiner wirtschaftlichen Entfaltung steht. Nach
Jahrzehnten der Abgeschlossenheit von der übrigen Welt suchen die
Chinesen wirtschaftlichen Austausch mit dem Westen. Die chinesi-
sche Wirtschaftsleistung wird auf 400 Mrd. Dollar geschätzt: das
ist weniger als die Hälfte der sowjetischen und nur rund ein
Fünftel der EG-europäischen. Chinas Bevölkerung ist fast viermal
so zahlreich wie die der Sowjetunion oder der europäischen Ge-
meinschaft. Die Wirtschaftsleistung je Einwohner ist mit 420 Dol-
lar pro Kopf und Jahr nur ein Achtel des sowjetischen und nur ein
zwanzigstel des sowjetischen Nachbarn." (SZ)
Der Repräsentant von fast einer Milliarde Chinesen schneidet im
Vergleich der Wirtschaftsleistungen denkbar schlecht ab. Das hin-
wiederum läßt sich aber entwickeln, denn 988 Millionen Chinesen,
die fest in der Hand der chinesischen Partei - egal wie - sind,
sind für den westlichen Imperialismus nicht zu verachtende Vor-
aussetzungen, auf die man etwas anlegt. Zumal China den Austausch
mit dem Westen sucht. Den Gedankenaustausch, den Hua dieser Tage
mit deutschen Politikern pflegt, befördert den politischen Kredit
der BRD. Ein Wirtschaftsabkommen und diverse konkrete Geschäfte
über den Bau von Industrieanlagen in China verbessern wiederum
die Beziehungen zur Volksrepublik. Die BRD, die ohne viel Aufhe-
bens auf dem Weltmarkt schon an die dritte Stelle im Handel mit
China vorgestoßen ist, schafft sich so die Voraussetzungen, i n
China seinen eigenen nationalen Reichtum zu vermehren. Verschul-
dungen der Chinesen sind eingeplant, die deutschen Gläubiger sind
sehr großzügig. Wenn der Vorsitzende des Osthandelsausschusses
von Amerongen erklärt, "die bisherige Verschuldung Chinas sei
nicht nennenswert", gibt er damit zu erkennen, daß sie zunehmen
wird und ihm das nur recht ist. In der Sicherheit wirtschaftli-
cher imperialer Macht plant die Bundesrepublik die Ausdehnung
derselben und läßt dafür Hua eine Woche durch die BRD reisen -
ohne dieses Ereignis zu etwas Weltbewegendem zu machen. Die BRD
ist es, die etwas anzubieten hat, China möge sich entsprechend
verhalten, was es auch tut. Derselbe Amerongen, der Verschuldung
Chinas für eine Selbstverständlichkeit erklärt, der weiß, daß je-
der Zuschlag für eine nach China importierte Industrieanlage,
auch mit deutschen Krediten, für das deutsche Kapital von Nutzen
ist, tritt gegenüber den Chinesen wie der Meister in Sachen Wirt-
schaft auf, wenn er den Chinesen nahelegt, "gemeinsame Vorhaben
mit überschaubarer Größenordnung" in die Tat umzusetzen. Man
sieht, wie normal die Weltmacht BRD mit der einstigen gelben Ge-
fahr heute umspringt.
Mao hat also doch recht gehabt, als er zu Lebzeiten die tiefe
prognostische Weisheit seinen Chinesen ans Herz legte: "Die Dinge
entwickeln sich ständig." - Nachdem die USA China politisch öff-
neten, nachdem China mit dem Programm seiner 4 Modernisierungen
auf den westlichen Markt gegangen ist, nachdem die BRD mit bewuß-
ter politischer und militärische Zurückhaltung zu einem politi-
schen Riesen auf dem Weltmarkt geworden ist, kommt die BRD fast
wie von selbst mit China ins Geschäft, es zu entwickeln. Hua wird
von Bonn (offiziell) keine Panzerabwehrraketen geliefert bekom-
men, weil das der deutsche Imperialismus gar nicht nötig hat. So
weit ist er heute schon gediehen!
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