Quelle: Archiv MG - ASIEN CHINA - Wie tot ist Mao?
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Bochumer Hochschulzeitung, 05.06.1989
Bundesregierung verurteilt Massaker in Peking
KROKODILSTRÄNENDIPLOMATIE
Kanzler Kohl über das Vorgehen des chinesischen Militärs gegen
die Pekinger Demonstranten: "ein barbarischer Akt brutaler Ge-
walt". Wie humanistisch, diese Gewaltverurteilung vom
Oberbefehlshaber der Bundeswehr! Wie würde er wohl reden - und
vor allem handeln -, wenn auf dem Territorium seiner Hoheitsge-
walt regimefeindliche Massendemonstrationen die Hauptstadt
lahmlegen würden? Säße ihm da der Schuldspruch "Abschaum der Ge-
sellschaft!" nicht genauso locker auf der Zunge wie den Machtha-
bern in China? Oder wenn in Washington 300.000 Slumbewohner den
Aufstand probten und von den Ledernacken niedergemacht würden, um
die "demokratische Ordnung" vor dem "Druck der Straße" zu schüt-
zen? Oder - um ein wenig näher an der Aktualität zu bleiben -:
wenn Deng Hsiao Ping seine "brutale Gewalt" gegen Massen einge-
setzt hätte, die gegen die Verwestlichung Chinas nach 1976, gegen
die Verarmung der Stadtbevölkerung durch die Einführung markt-
wirtschaftlicher "Mechanismen", für eine strikt am Wohl der Leute
orientierte kommunistische Planwirtschaft aufgestanden wären?
Der ganze Humanismus, mit dem westliche Gewalthaber nach diesem
Wochenende ihre "Abscheu" 'begründen', i.e. garnieren, ist eine
einzige Lüge. Der Abscheu gilt nicht den Gewaltmethoden, er gilt
einzig dem Gewalteinsatz der v e r k e h r t e n Regierung ge-
gen Proteste, die man unter die eigene Obhut nehmen möchte. Als
wären die chinesischen Studenten und ihre Sympathisanten in der
Bevölkerung angetreten, um "5. Kolonne" für westliche Aufwei-
chungsambitionen zu spielen gegenüber einer Regierung, die in
Bonn, Paris, Washington als noch immer zu 'kommunistisch' einge-
stuft wird! Die Erwägung von Sanktionen in den Hauptstädten der
westlichen Welt nimmt die Brutalität gegenüber Pekinger Demon-
stranten zum bloßen Anlaß, um eine Machtfrage ganz anderer Art zu
stellen!
P.S. Wenn die Grünen jetzt vorpreschen und die Abberufung des
deutschen Botschafters in Peking verlangen, dann stellen sie sich
- keine Spur mehr alternativ - auf den Standpunkt, daß bundes-
deutsch-imperialistische Drohgebärden per se moralisches Sauber-
mannstum sind. An i h n e n soll man sehen, wie glaubwürdig die
Krokodilstränen des offiziellen Bonn gemeint sein müssen.
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