Quelle: Archiv MG - ASIEN CHINA - Wie tot ist Mao?
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Bochumer Hochschulzeitung, 03.02.1981
Wochenschau
GERECHTIGKEIT AUF CHINESISCH
war schon immer eine aparte Sache. Früher einmal nahm sie unter
dem verheißungsvollen Titel "Kulturrevolution" ihren Lauf. Dieses
unter reger Anteilnahme aller auf ganz echte Basisdemokratie
scharfen Linksintellektuellen Europas ablaufende Theater ging so:
Unter der Regie von Männern und Frauen der Partei durften sich
"die Massen" sehr aktiv an der Äußerung ihrer Unzufriedenheit zu
schaffen machen, ihr Unrechtsbewußtsein war zeitweilig so sehr
gefragt, daß die Auswechslung von Funktionären in Partei und
Staat in großem Maßstab über den von ganz unten geäußerten Wunsch
nach Kadern abgewickelt wurde, die "dem Volke dienen".
Da ist es den Geschädigten oft nicht gut ergangen, obwohl sie
hoffen durften, daß auch die Freunde der Basis ihr Volk einiger-
maßen enttäuschen würden. Mit der praktischen Widerlegung ihrer
Projekte, aus China eine Insel des Reichtums und der öffentlichen
Wohlfahrt zu machen, konnte ja gerechnet werden. Inzwischen ist
es soweit. Die Kulturrevolutionäre von einst haben dem Land ein
"Chaos" beschert und tüchtige KP-Genossen haben im Namen von Ord-
nung und Produktion wieder für die Verbreitung der gesunden Auf-
fassung gesorgt, daß auch in China der Staat kein Selbstbedie-
nungsladen ist. Die Abrechnung mit den Freunden der massenmorali-
schen Mao-Tse-tung-Ideen wollten sie sich allerdings nicht nehmen
lassen, wozu sie den S c h a u p r o z e ß gewählt haben. Ihre
politischen Gegner sind ab sofort V e r b r e c h e r, und die
Massen sind geladene Gäste, von Staats wegen delegierte Prozeßbe-
obachter. In Kenntnis des frei handhabbaren Geschmacks des Volkes
wird diesem die Anwendung des Rechts bis zum Todesurteil
v o r g e f ü h r t, so daß die "Initiative", per Dazibao <?>
und dergleichen, überflüssig ist.
Interessant finden das alles die demokratischen Beobachter im
freien Westen - und wir halten offenbar als einzige das neuerli-
che Spektakel für widerlich. Jedenfalls fällt es uns schwer, über
die "Klugheit" von Dengs Entscheidungen und die künftige Brauch-
barkeit des rechtsstaatlichen Entwicklungslandes zu spekulieren,
das unter der Rubrik "Kommunismus" gehandelt wird! Irgendwie geht
uns der berechnende Blick des demokratischen Mitteleuropäers auf
die kalkulierbare Partnerschaft einer Staatsmacht ab, die
"Todesurteile auf Bewährung" austeilt. Als Anwalt des chinesi-
schen sozialen Friedens verstehen wir uns deshalb auch nicht, und
uns in Dengs Lage zu versetzen fehlt uns jede Lust. Gerechtigkeit
ist halt nicht unsere Sache: Immer gehen welche für sie drauf!
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