Quelle: Archiv MG - ASIEN CHINA - Wie tot ist Mao?
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Marxistische Studentenzeitung 10/86
Zum 10. Todestag des Großen Vorsitzenden
WIE TOT IST MAO?
Diese Frage wird inzwischen fast nur noch in westlichen Blättern
für die Geschäftswelt - "Handelsblatt", "Wall Street Journal",
"Financial Times" etc. - in längeren Gedenkartikeln hin und her-
gewälzt (Vorschlag des "Wall Street Journal": "Mao ist nicht tot,
er hält nur gerade einen langen Schlaf."). Beantwortet wurde sie
für die ausländische Leserschaft in der "Beijing Rundschau": ei-
nerseits unvergessen und lebendig, andererseits mausetot.
Beide Seiten, die öffentlichen Interpreten des westlichen politi-
schen und Geschäftsinteresses an der VR China und die chinesische
Führung, die sich erwartet, dieses Interesse für die Modernisie-
rung und Effektivierung der ökonomischen Basis ihres Staatswesens
in Anspruch nehmen zu können, indem sie ihm zunehmende Freiheiten
in der Benutzung von Land und Leuten einräumt, - beide haben of-
fenbar das gleiche Problem mit Mao und der Entwicklung der VR
China zu seinen Lebzeiten.
Mao war Revolutionär, und das nicht nur bis zum Sieg der KPCh im
Bürgerkrieg 1949. Der Staat, der sich heute so sehr als aus-
sichtsreiche Geschäftssphäre anbietet, wird regiert von einer auf
revolutionärem Weg an die Macht gekommenen kommunistischen Par-
tei, die sich unter der Führung Mao Zedongs zwar nicht gerade we-
nige kostspielige Fehler und Idealismen leistete, sich aber im-
merhin auf den Standpunkt stellte, daß von der Einbindung des
Landes in die "internationale Arbeitsteilung", den kapitalisti-
schen Weltmarkt, von der "offenen Tür" für das Kapital, von der
Verschuldung bei den diversen bereitwilligen imperialistischen
"Kreditgebern" weder für die Chinesen selbst noch ihren Staat ein
Vorteil zu erwarten sei.
Und diese Partei hatte, so lange Maos Linie maßgebend war, wenig
übrig für die gegenwärtige Sorte Benutzung des Volkes für die na-
tionale Reichtumsproduktion, die ihm seinen Arbeitseinsatz als
handfesten ö k o n o m i s c h e n Z w a n g aufmacht und da-
bei bewußt in Kauf nimmt bzw. die Anreize gleich so einrichtet,
daß eine flotte Differenzierung der Volksgenossen stattfindet in
solche, für die dabei einiger Wohlstand herausspringt, und sol-
che, die den neuen Zustand eigener A r m u t m a n g e l s
G e l d erfahren dürfen.
Für die kapitalistischen Geschäftsblätter ist dieses zu er-
wartende Resultat der chinesischen "Reformpolitik" eine durchaus
natürliche und unvermeidliche Entwicklung. Nur, anders als in den
so blendend funktionierenden westlichen Demokratien, die die mas-
senhafte Produktion von Armut lässig als sozialpolitisches Pro-
blem unter Kontrolle haben, ist man sich im Fall der Volksrepu-
blik nicht so sicher, ob daraus nicht eine Gefährdung des gegen-
wärtigen geschäftsdienlichen Kurses der chinesischen Führung fol-
gen könnte.
"Die relativ leichten ökonomischen Gewinne seit 1978, die ein
Klima der Chancen und Erwartungen schufen, werden in den kommen-
den Jahren schwieriger und schmerzhafter aufrechtzuerhalten sein.
Frustrationen haben schon früher in China zu erbittertem Nationa-
lismus geführt und könnten erneut verheerende politische Wirkun-
gen auslösen.
Über der Transformierung der chinesischen Gesellschaft in den
letzten zwanzig Jahren ist der Geist Maos nur noch schwach sicht-
bar. Aber er dürfte erneut deutliche Schatten werfen. Ob er als
Gründervater neutralisiert werden kann oder erneut politische Po-
tenz entwickeln wird, bleibt abzuwarten." (Wall Street Journal,
12.9.86)
Deshalb sind der 10. Todestag Maos und die zurückhaltende Art
seiner Begehung in der chinesischen Öffentlichkeit denn auch An-
laß zu kritischen Betrachtungen über den Stand der chinesischen
Vergangenheitsbewältigung. Zwei Parallelen bieten sich dem ge-
schulten Benutzer historischer Ereignisse für die Erzeugung eines
Scheins von Begründung seiner interessierten Ansichten an:
Da ist zum einen die Bewältigung der NS-Vergangenheit in der BRD,
als gelungenes Beispiel, wie sich die offizielle Kritik eines Re-
gimes, das sich nicht nur gewisse Exzesse in der Ausübung seiner
Macht erlaubte, sondern dabei auch noch der Nation beträchtlichen
Schaden beibrachte, in lauter Argumente für die Immunisierung der
inzwischen herrschenden demokratischen Staatsideologie gegen jeg-
liche grundsätzliche Kritik am Nutzen der erfolgreichen neuen
Herrschaft für die Untertanen verwandeln läßt. So täten die Chi-
nesen auch gut daran, ihre kulturrevolutionäre Vergangenheit zu
bewältigen und daraus die Lehre zu ziehen, daß jede Revolution zu
Exzessen führen muß:
"Die Chinesen sind sich eine Erklärung schuldig, und dabei müssen
sie auch das System sorgfältig in ihre Untersuchung einbeziehen,
das es Mao und dem Maoismus erlaubte, seine Blüten zu treiben."
(ebenda)
Und das zweite, diesmal abschreckende Beispiel ist die sowjeti-
sche "Entstalinisierung".
"Frappierend ist die Parallelität mit der Sowjetunion, die nun
eine mittlerweile in Enzyklopädien festgeschriebene 'offizielle'
Geschichtssicht von Stalin hat, die ebenso unehrlich ist wie die
von Mao Tse-Tung in China. Beide Steuermänner der Revolution kön-
nen nicht über Bord geworfen werden." (Handelsblatt, 5./6.9.)
- zu ergänzen ist: - solange nicht das System über Bord geworfen
wird, das sie hervorgebracht hat. Die westliche Mäkelei an der
"halbherzigen Entmaoisierung" hat also den ziemlich eindeutigen
Angriffspunkt: Solange nur seine "Altersverirrung", die Kulturre-
volution, kritisiert, aber nicht die kommunistische Revolution
unter Maos Führung selbst zur Verirrung erklärt wird, ist die
Entwicklung in China mit Skepsis zu betrachten.
Ein Säulenheiliger fürs moderne China
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Die Führung der chinesischen KP scheint in ihrer Behandlung des
Gedenkens an den verblichenen Vorsitzenden und seine politische
Hinterlassenschaft ziemlich ähnliche Überlegungen anzustellen wie
die westlichen "China-Beobachter", allerdings unter umgekehrten
Vorzeichen: Wie kann man sich vom R e v o l u t i o n ä r Mao
distanzieren und sein Andenken dennoch nutzen für das Moderne
China? Gerade weil die "Modernisierungspolitik" bewußt einiges an
gesellschaftlichen Gegensätzen produziert, um die "private In-
itiative" für die nationale Reichtumsproduktion auszunutzen, ist
gegenüber dem eigenen Volk und der Partei selbst immer wieder die
Klarstellung fällig, daß der derzeitige Kurs nicht ein vorüberge-
hender Pendelschlag nach rechts im üblichen parteiinternen "Kampf
zweier Linien" ist, sondern die Versöhnung aller Gegensätze im
gemeinsamen Einsatz für das ökonomische Vorankommen der chinesi-
schen Nation, an deren Gedeihen sich lediglich die Kulturrevolu-
tionäre unter Führung der "Viererbande" zwischen 1966 und 1976
unter Ausnutzung der Senilität Maos vergangen hatten.
Nicht eine Abrechnung mit Mao als dem führenden Exponenten der
"linken Linie" stand an, sondern die offizielle Erklärung,
"daß seine Verdienste den Vorrang haben und seine Fehler
zweitrangig sind. Aus diesem Grund wird für alle Zukunft das Por-
trät des Vorsitzenden Mao am Tiananmen hängen bleiben, als Symbol
für unser Land. Wir werden ihn immer als einen Gründer unserer
Partei und unseres Staates im Gedächtnis behalten. Auch werden
wir an den Mao-Zedong-Ideen festhalten." (Deng Xiaoping 1980, zi-
tiert in der Beijing Rundschau vom 9.9.)
Letzteres ist sowieso kein Problem. Denn
"der Kernsatz der Mao-Zedong-Ideen lautet, die Wahrheit in den
Tatsachen zu suchen und die allgemeingültige Wahrheit des Marxis-
mus-Leninismus mit der konkreten Praxis der chinesischen Revolu-
tion zu verbinden," (ebenda)
Und mit solchen und anderen Gemeinplätzen und Spruchweisheiten
der "Mao-Zedong-Ideen" ließ sich der sogenannte "Pragmatismus"
der "Modernisierung" und "Öffnung" ohne weiteres verbinden. Ihnen
muß wahrhaftig keine Gewalt angetan werden, um die Akkommodierung
der chinesischen Wirtschaftsplanung an die "Tatsachen" des kapi-
talistischen Weltmarkts, die "Einführung moderner Managementme-
thoden", wie sie dem freien Unternehmertum so prächtige Erfolge
verschaffen, und die sonstigen in diesem Zusammenhang angewandten
Maßnahmen zur "konkreten Praxis der chinesischen Revolution" zu
erklären. Ihre "Verbindung" mit den "allgemeingültigen Wahrheiten
des Marxismus-Leninismus" besteht in der bewährten Methode, sie
einfach als die spezifisch chinesische Anwendung jener
"Wahrheiten" zu behaupten. Diejenigen Grunddoktrinen zieht man
aus dem Verkehr, die der Große Steuermann für unverzichtbar in
einem großen roten China erklärte: Partei- und Staatsführung hät-
ten sich immer selbstkritisch an den Massen zu orientieren. So
geläutert dient Mao weiterhin als der Gründervater der Nation,
"Symbol unseres Landes".
Das formale Festhalten am Titel "Verwirklichung der Mao-Zedong-
Ideen" für eine Politik, die die Differenz von Individual- und
Staatsinteresse offiziell einrichtet und zur Handhabung der dar-
aus folgenden Gegensätze eine ausgeführte Rechtsordnung an die
Stelle der Volkskomitees und des "Roten Buchs" setzt, sowie die
Erhebung Maos zum abgehobenen National-Symbol und Gründer-Vater,
dessen Verdienst darin bestehe, der chinesischen Revolution zum
Erfolg verholfen und anschließend mit der KPCh eine funktionie-
rende gesamtchinesische Staatsmacht errichtet zu haben, bei
gleichzeitiger Denunzierung und Abschaffung der bisherigen
"Verehrung des Großen Vorsitzenden" als Personenkult, haben die-
selbe Funktion: Klarzustellen, daß die Führung der KPCh es nicht
zulassen wird, daß unter Berufung auf Mao Zedong eine innerpar-
teiliche Opposition gegen ihre Politik aufgemacht wird. In dem
Maße, wie die Gegensätze in der neuen "sozialistischen Erwerbsge-
sellschaft" der Volksrepublik munter zunehmen, wird dem Volk mit
wohldosierter, geradezu methodischer Einführung von Probierhappen
demokratischer Öffentlichkeit vorgeführt, wie Kritik zu gehen
hat: Unzufriedenheit artikulieren? Nur zu! Vom Standpunkt der
Konkurrenzideale Ungerechtigkeit anprangern? Aber immer! Jedoch
keine Kritik an der Parteilinie wegen Abweichung von den Grund-
prinzipien des chinesischen Kommunismus. Der beste Maoist ist im-
mer noch Deng Xiaoping! Das Ganze in den Worten des "52-jährigen
Arbeiters Wang-Guanglin" (in der Beijing-Rundschau vom 9.9. unter
der Überschrift "Mao Zedong - wie ihn die Chinesen heute sehen"
zitiert):
"Alle stimmen der gegenwärtigen Politik im großen und ganzen zu,
denn das Leben aller Arbeiter hat sich in den letzten Jahren
tatsächlich verbessert. Wir genießen politische Freiheit, können
kritische Meinungen äußern und brauchen keine Angst zu haben, als
Konterrevolutionäre abgestempelt zu werden.
Trotzdem sind die Arbeiter mit vielen Dingen unzufrieden. Einige
sind durch unlautere Praktiken wohlhabend geworden, was die In-
itiative der aufrichtigen Arbeiter beeinträchtigt. Andere haben
aus der Einführung der Öffnungspolitik eigene Vorteile gezogen,
wurden jedoch weder kritisiert noch bestraft. Wir Arbeiter ver-
langen von der Leitung eine Erklärung dafür. Außer den Preiserhö-
hungen gibt es noch Probleme wie schlechte Bedienung in Geschäf-
ten, Verkehrsprobleme und lange Wartezeiten bei Ärzten. Wir Ar-
beiter verstehen nicht, warum der Staat diese Mißstände noch
nicht behoben hat.
Mao Zedongs große Leistungen können nicht geleugnet werden. Die
Fehler in seinen späteren Jahren existieren objektiv. Eine Zeit-
lang versuchten einige Leute, den Vorsitzenden Mao völlig abzu-
lehnen und ihn allein verantwortlich zu machen. Damit sind wir
nicht einverstanden. Meiner Meinung nach ist Deng Xiaopings Ein-
schätzung des Vorsitzenden Mao und der Mao-Zedong-Ideen am fair-
sten und richtigsten. Er ist ein wahrer Träger des Banners der
Mao-Zedong-Ideen."
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