Quelle: Archiv MG - ASIEN CHINA - Wie tot ist Mao?
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Volksrepublik China
DIE "ÖFFNUNG ZUM WESTEN" - DER KONSEQUENT
PRAKTIZIERTE IDEALISMUS DES "DRITTEN WEGES"
Hemmungslos - d.h. viel tiefer und ungebremster als z.B. im Fall
Argentinien, wo auch unlängst auf die Bevölkerung geschossen
wurde - konnten sich bundesdeutsche Menschen über die blutige
Niederschlagung der Studentenproteste in China empören. Studen-
tenvertretungen deutscher Universitäten haben den Internationa-
lismus wiederentdeckt - den klar antikommunistischen. Man fühlte
sich solidarisch mit den chinesischen Kommilitonen, weil sie dort
unsere Werte vertreten: Demokratie. Man war voller Abscheu für
den im Westen bisher beliebten starken Mann Deng Xiaoping, an dem
man nun klar die menschenverachtende Fratze des Kommunismus er-
kennen konnte. Betroffenheit und Entsetzen schlossen jede Ur-
teilsbildung aus, zumal das Urteil ja schon feststand.
E r k l ä r e n machte sich in jedem Fall schuldig: im einen
Fall der D i s t a n z vom unwidersprechlich guten Anliegen der
Studenten, im anderen der z u g e r i n g e n D i s t a n z,
d e s V e r s t ä n d n i s s e s nämlich, für Dengs Politbüro,
dessen Blutrausch und kommunistische Menschenverachtung sich
schlechterdings jeder politischen Logik entziehen. Die Forderun-
gen und Ziele der Studenten darf der empörte Sympathisant in der
BRD ebensowenig kennen und kapieren, wie die Kalkulationen der
chinesischen Parteiführung, wenn er mit seinen einfachen Wertun-
gen: Demokratie gut/Kommunismus böse durchkommen und sich auf der
richtigen Seite der Menschheit einreihen will.
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Auf dem Platz des Himmlischen Friedens hat die KP Chinas auch
einen Feind niedergeschlagen, der nicht anwesend war: Ihre eige-
nen Z w e i f e l, den "Modernisierungskurs" betreffend. Ob sie
diesen Feind besiegt hat, steht auf einem anderen Blatt.
Der Inhalt der Zweifel war nicht, ob China eine a n d e r e
W a h l hätte: Zurück zu Maos Kommunenwirtschaft kommt genauso
wenig in Frage wie die Überlegung, es tatsächlich mal mit einer
Planwirtschaft zu versuchen. Die Vorstellung, das G e l d wie-
der auf den Stand eines binnenwirtschaftlichen Zirkulationsmit-
tels und Verteilungsinstruments des Staates zurückfallen zu las-
sen, halten alle für ausgesprochen unmodern; die Idee, es ganz
abzuschaffen, kommt ihnen erst gar nicht. Die Zweifel beziehen
sich vielmehr auf die A r t u n d W e i s e der "Moder-
nisierung". Zu unübersehbar sind die negativen Auswirkungen des
neuen Kurses und unter den Wirtschaftslenkern hat sich eine
gewisse Ratlosigkeit ausgebreitet - es sind denn doch ziemlich
viele "Mißstände" eingetreten, mit denen sie nicht gerechnet hat-
ten.
Stolz auf ihre welthistorische Entscheidung, jenseits von Kapita-
lismus und Realem Sozialismus den "Dritten Weg" endlich siegen
und ihn dafür im eigenen Land m i t e i n e m s o z i a l e n
G r o ß e x p e r i m e n t s i c h h e r a u s b i l d e n
z u l a s s e n, können sie sich die unerwünschten Folgen nur
in einer begriffslosen Bilderwelt von "T e m p o" und
"U m f a n g" zurechtlegen. Unbeirrt stellen die Herren V e r-
g l e i c h e an zwischen "Rückschlägen" und "ersten Er-
rungenschaften" - die oft genug nur in ihrer Vorstellung existie-
ren und streiten sich über das "Reform" q u a n t u m. Daß
jeder seine facts and figures mit seiner persönlichen Meinung
verbinden kann, hat mit Kenntnissen und Einsichten kaum etwas,
umso mehr mit V o l u n t a r i s m u s zu tun - den übersetzen
sich die obersten Kader wiederum in den jedem Politiker
geläufigen "Mut", E n t s c h e i d u n g e n zu treffen. Die
Verfechter der "Konsolidierungsphase" haben sich zu der
K l a r s t e l l u n g genötigt gesehen, daß die negativen Aus-
wirkungen auf keinen Fall ein Einwand gegen das Vorhaben sind,
sie vielmehr die notwendigen Unkosten darstellen, ohne die eine
gute Ware nun mal nicht zu haben ist. Sie haben außerdem klarge-
stellt, daß immer noch die Willenskraft der Führung dem ökonomi-
schen Erfolg vorausgeht. Diese erste "Produktivkraft" haben sie
nachdrücklich hervorgehoben - der Westen hat die Botschaft rich-
tig verstanden, setzt auf Fortsetzung der "Öffnungspolitik", er-
wartet ein baldiges Ende der Wiederaufarbeitung der "Stabilität"
und hält den chinesischen Staat weiterhin für berechenbar.
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Mit dem Geld haben die Chinesen eine ihnen ungewohnte Erfahrung
durchgemacht und sie "I n f l a t i o n" genannt. Sie haben
sich darüber empört, konnten sie doch über Jahrzehnte davon aus-
gehen, daß ein vom Staat zugeteiltes Einkommen ein sicheres Maß
von Versorgung g a r a n t i e r t e; nun mußten die Leute, so-
gar die "privilegierten städtischen Fabrikarbeiter" miterleben,
wie ihnen die P r e i s e einen Strich durch die Gewohnheit
machten.
Daß der Preis eine Vorkehrung ist, jemand vom Zugang zu einer
Ware a u s z u s c h l i e ß e n, mit der Absicht, dessen Geld
an sich zu ziehen, haben die Chinesen jetzt lernen müssen. Es war
ihnen neu, sich Bauern, fliegenden Händlern, Schiebern, aber auch
ganz normalen staatlichen Betrieben und Verteilstellen gegenüber-
zusehen, die ihnen gegenüber e r p r e s s e r i s c h auftra-
ten und den in China zumindest moralisch anrüchigen Zweck ver-
folgten, sich auf ihre Kosten zu bereichern. Zum ersten Mal muß-
ten chinesische Bürger a n s i c h e i n
A u s e i n a n d e r f a l l e n von Produzent und Konsument
konstatieren. Daraufhin beschwerten sie sich beim S t a a t:
Dort waren sie beim Richtigen, aber sie täuschten sich über des-
sen Absichten. Der Staat hatte nämlich nicht nur die E r-
l a u b n i s zur Bereicherung gegeben, sondern auch dafür g e-
s o r g t, daß sich welche zu ihrer Ausnutzung bereit fanden.
Die Parole "Bereichert euch!" hatte für china-moralische Ver-
hältnisse tatsächlich revolutionären Charakter. Den erstaunten
Massen machte die Partei jedoch klar, wie dieser neue listige
"Umweg" zu verstehen war. Gerade unter Ausnutzung der hervorra-
genden moralischen Qualitäten des chinesischen Volkes würden die
nun gewünschten "Ungleichheiten" zu einer neuen, besseren
"Gleichheit" führen; lauter emsige Chinesen ermuntern sich wech-
selseitig:
"Nur dadurch, daß man zuläßt und fördert, daß ein Teil der Ge-
biete, ein Teil der Betriebe und einige Menschen, gestützt auf
ihre emsige Arbeit, zuerst reich werden, kann eine starke Anzie-
hungskraft und ermutigender Einfluß auf die Massen ausgeübt wer-
den und können immer mehr Menschen stetig zum Wohlstand gelan-
gen." (ZK-Beschluß 1984)
Der Staat hatte für die Entstehung der unwiderstehlichen Unglei-
chen zu sorgen. Die Subjekte einer K o n k u r r e n z waren
e i n z u s e t z e n - die Aufforderung "Konkurriert mal schön"
bewirkt keine Konkurrenz; wegen des Allgemeinwohls gegen andere
anzutreten - es handelt sich um ein Ausschlußverfahren! - ist ein
Ding der Unmöglichkeit. Es braucht ein M i t t e l und einen
G e g e n s a t z; der e g a l i t ä r e Aufruf zur Bereiche-
rung bleibt ein reiner Idealismus, wenn nicht der "natürliche Er-
werbstrieb" vom Staat p r a k t i s c h e r z w u n g e n
wird. Dafür sind ihm s e i n e P r e i s e eingefallen, die er
aus ihrem Dornröschenschlaf erweckte. Solange jede Abteilung des
Produzierens und Verteilens mit einem staatlich festgesetzten
Preis versehen war, war das Sich-Bereichern eher ein Unfall, Kon-
kurrenz logisch unmöglich; die Betriebe verstanden sich zwar auf
kleine sozialistische Extra-Profite und auch auf die Kunst des
Organisierens, aber dabei handelte es sich allemal um die übli-
chen Schlupflöcher der "planwirtschaftlichen Preissysteme", die -
eben in Reaktion auf die "versehentlichen" Ausreißer - dauernd
"reformiert" werden. Im Bereicherungssinn kalkulieren kann man
mit diesen Schlupflöchern nicht, eher ist man den Launen eines
experimentierenden Ministeriums unterworfen.
Der Staat zog daraus einen Schluß: Preise verhindern die Berei-
cherung - also g i b t e r s i e f r e i, t e i l w e i s e.
Eine d u r c h s c h l a g e n d e W i r k u n g hat das aber
nur, weil er sich zugleich als K ä u f e r zurückzieht. Er war
die Instanz, die für die gleichmäßige Aufteilung des
M a n g e l s - dem er die Bereicherungsparole entgegensetzt
sorgte. Wenn er nun gewisse Mengen nicht mehr aufkauft, hat das
erstmal nur den "Erfolg", sie den mehr schlecht als recht funk-
tionierenden Versorgungskanälen zu e n t z i e h e n - die Pro-
duzenten haben Mengen ü b r i g, aber deswegen haben sie noch
lange nicht Ü b e r s c h ü s s e. Soviel Bauernschläue bringt
auch ein chinesischer Bauer auf, wenn es sein Staat von ihm ver-
langt: Er geht in die Stadt, versilbert diese wundersamen Über-
schüsse und erfüllt den staatlichen Bereicherungsauftrag. Seinen
neuen "Reichtum" steckt er in die Produktion der ertragreichen
Ware und gibt dem m a r k t w i r t s c h a f t l i c h e n
I d e a l i s m u s des Staates recht, daß nämlich die
(stückweise) Freiheit des Produzenten hinter seinem Rücken zu ei-
nem Überangebot führt, das die Preise wieder drückt und alles in
allem in einer e r h ö h t e n P r o d u k t i o n = b e s-
s e r e n V e r s o r g u n g resultiert. Oder er macht was
ganz anderes.
Die Freiheit des Produzenten ist nämlich zugleich sehr begrenzt.
So weit geht der marktwirtschaftliche Idealismus nicht, a l l e
P r e i s e freizugeben, also den P r i v a t e n die
(Nicht-)Versorgung ganz zu überlassen. Vielmehr p r o b i e r t
der Staat an ihnen ein A n r e i z s y s t e m a u s, das
eine p a r t i e l l e A n e r k e n n u n g d e s P r i-
v a t i n t e r e s s e s beinhaltet. Den mit Willen und
Bewußtsein versehenen Marionetten des staatlichen Reformplans
bleibt jedoch nicht verborgen, an welcher Stelle der Anreiz sei-
nen Reiz verliert: Der f r e i e G e b r a u c h d e s
G e l d e s ist durch die f e s t e n Preise entscheidend ein-
geschränkt. Das Nebeneinander von festen Preisen und freien Prei-
sen - zum Teil für eine Ware; außerdem gibt es noch zur begrenz-
ten Schwankung freigegebene Preise - drückt in w i d e r-
s p r ü c h l i c h e r W e i s e das w i d e r s p r ü c h-
l i c h e A n l i e g e n des Staates aus, die privaten
Interessen für erhöhte Produktion und bessere Versorgung zu
v e r e i n n a h m e n und zu l e n k e n - und dies ist nun
mal Sache der Privaten nicht. Selbst wenn sie es gewöhnt wären,
sich wie Kapitalisten auf dem Markt für Kauf und Verkauf
umzuschauen, "dazwischen" eine rentable Produktion einzurichten,
so müßten sie doch feststellen, daß ihnen der staatliche
Standpunkt dauernd in die Quere kommt. Die Kauf k r a f t des
erworbenen Geldes ist durch das staatlich kontrollierte Verhält-
nis von Fest- und Freipreisen bestimmt und unterliegt dessen
Schwankungen; ebenso sind die Möglichkeiten an das zahlungsfähige
Bedürfnis des Publikums heranzukommen, staatlich limitiert.
Damit ist das Geschäftsleben jedoch nicht beendet. Soviel an
p r i v a t e r V e r f ü g u n g s g e w a l t d e s G e l-
d e s ist ihnen ja geblieben, daß sie einen Vergleich zwischen
dem festen und dem freien Preis anstellen können - die
S p a n n e läßt sich zum Tummelplatz des b l o ß e n
K a u f e n s u n d V e r k a u f e n s machen. Und seine
G r u n d l a g e hat das in den staatlichen N i e d r i g-
preisen, die für die g e w ö h n l i c h e A r m u t gedacht
sind, ihnen als "Neureichen" aber ein Dorado eröffnen. Das
Privateigentum streckt seine Fühler aus in einer speziell
neuchinesischen Form des W u c h e r s: Wer die vom Staat
zugesprochene Freiheit hat, sich in dieser Spanne herumzutreiben,
der lenkt die knappen Geldmittel anderer in seine Tasche, der
stiftet Mängel neuer Art, die er oder seine "Klassenbrüder"
wieder ausnutzen. Der Staat geißelt dies als "S p e k u-
l a t i o n" - was so verkehrt nicht ist - und greift zur Wun-
derwaffe der moralischen Belehrung -
"Keiner Einheit und keinem Individuum ist es gestattet, die Re-
formen zu beliebigen Preiserhöhungen zu mißbrauchen oder Stim-
mungsmache für Preissteigerung zu betreiben, um den sozialisti-
schen Markt zu stören und den Interessen des Staates und der Ver-
braucher zu schaden."
Aber was hier wie böser Wille der "Einheiten" und "Individuen"
daherkommt, ist nichts anderes als die ihnen n a h e g e-
l e g t e neue Sorte von Kalkulation. Da gibt es dann die
Dummen, denen ihr fixes (Staats-)Einkommen, das bislang ihre
Überlebensgarantie war, zu einer einzigen Last wird; und die
Schlauen, die "Gewinne" einschieben rein aus dem staatlichen Be-
schluß heraus, einen Teil seiner bisherigen "Planwirtschaft" dem
privaten Gebrauch anheimzustellen - was nicht dasselbe ist, wie
das Eigentum gleich selbst die Marktverhältnisse regulieren zu
lassen.
Was heißt also in China "Inflation":
Im Kapitalismus gibt es sie in zweifacher Weise. In den wenigen
Hauptnationen widerspiegelt sie eine lebhafte Geschäftstätigkeit,
die sich des Kredits bedient, um die Schranken des Marktes immer
weiter hinauszuschieben, auf immer mehr Ware immer höhere Preise
zu verlangen; und sie zu bekommen von einem Käufer, der der Wucht
der Akkumulation selbst noch einen Schritt voraus sein will. Der
Staat mischt eifrig mit und sieht darin eine Gelegenheit seine
Verschuldung auszuweiten dieser Beitrag zum Kredit wird gern ge-
sehen.
Die "Entwicklungsländer" pumpen ihr Geld in die Zirkulation, um
nationales Geschäft anzukurbeln bzw. dessen schlechtes Abschnei-
den am Weltmarkt zu kompensieren, müssen regelmäßig mit Enttäu-
schung feststellen, daß der Weltmarkt diese Anstrengung wider-
legt, und kommen mit dem Abwerten kaum nach; der Staat entschul-
det sich mit der Druckmaschine bei seinen Untertanen, versorgt
seine Geschäftemacher mit hartem Geld, damit die "Kapitalflucht"
nicht überhand nimmt, und konstatiert ein "extremes Wohlstandsge-
fälle". Beide Male zeugt die "Entwertung des Geldes" vom - unter-
schiedlich gelungenen - Einsatz des Geldes in der
A k k u m u l a t i o n d e s K a p i t a l s.
In China zeugt "Inflation" zunächst nur von dem Wunsch des Staa-
tes, private Geschäftstüchtigkeit a n z u s t i f t e n, wofür
er den Preis als Mittel zur Herstellung von Gegensätzen und das
Geld als Erfolgsmaßstab zuläßt. Er erreicht und legitimiert damit
ein Bestreben, sich in der Willkür der Preise e i n z u-
n i s t e n. Was er bekommt, ist U m v e r t e i l u n g d e s
G e l d e s, die er durch Krediterlaubnisse, eigene Kredit-
schöpfung und auch Gelddrucken quantitativ erweitert, ja anheizt.
Was er nicht bekommt, ist eine auf der neuen Preisfreiheit
aufbauende A k k u m u l a t i o n, sondern eine P r o d u k-
t i o n i n A b h ä n g i g k e i t v o n d e n Z u f ä l-
l i g k e i t e n d e r P r e i s "g e s t a l t u n g". Der
H a n d e l, reichlich versetzt mit den Elementen des Schwarz-
marktes, des Schiebertums, des Schmuggels, diktiert zunehmend,
welche Güterproduktion l o h n e n d ist bzw. welche Fabrik
oder welches Stück Land besser b r a c h z u l e g e n sind.
Der sozialistische "Kostpreis" wird außer Kraft gesetzt: Die
Zuteilung von Material und Arbeitskraft, worin sich der
staatliche Wille zur Verwendung der gesellschaftlichen Arbeit und
das ungefähr "geplante" Maß ihrer Produktivität ausdrückt, klappt
nicht mehr, weil diese Zuteilung - legal oder illegal - von
lauter "Sondereinsätzen" entlang sich zufällig auftuender
"Marktchancen" durchkreuzt wird. Die Staatsgewalt sieht sich
einerseits verpflichtet; durch Preis k o r r e k t u r e n
nachteilige Folgen für ihre Betriebe und die Verbraucher
aufzufangen - was die "Anarchie" nur verdoppelt und die
Raffinesse anstachelt - und schießt andererseits dauernd zu.
Diese Art Produktion in der Produktion, mit dem Ausdruck
"Schattenwirtschaft" nur verharmlosend umschrieben, wirkt
z e r s e t z e n d auf die vorgefundenen Verhältnisse, die der
Staat durch das "belebende Element des Marktes" a u f g e-
m ö b e l t wissen wollte. Wenn das früher einmal s e l b s t-
v e r s o r g e n d e C h i n a - und d a s w a r e i n e
L e i s t u n g des Mao-Staates - mittlerweile zu einem der
größten Getreideimporteure aufgestiegen ist, wenn sich in bunter
Reihenfolge Versorgungskrisen bei Fleisch, Gemüse, Baumwolle usw.
abspielen, dann handelt es sich um die Resultate der
"marktwirtschaftlichen" Z e r s t ö r u n g d e r g e p l a n-
t e n L a n d w i r t s c h a f t. Mag diese Planung auch sehr
unvollständig und lokal borniert gewesen sein, so war sie doch
immerhin von der Einsicht angeleitet, daß man den Bodenertrag
nicht von den Preisen abhängig machen darf. Diese Einsicht ist
offiziell nicht außer Kraft gesetzt, durch das Anreizsystem aber
entscheidend unterminiert. Für die Bauern entfallen zum Teil
bislang gültige P r o d u k t i o n s v o r s c h r i f t e n,
wichtige P r o d u k t i o n s m i t t e l - der Kunstdünger
spielt da eine große Rolle - fallen unter die Preisfreiheit und
versammeln sich oft genug gleich auf einem schwarzen Markt - beim
Verkauf macht der P r e i s v e r g l e i c h den Witz -, so
daß die Bauern bei der Landbestellung wie beim Absatz auf ihre
Findigkeit verwiesen sind. Auf Basis dessen kehren die
Unsäglichkeiten des Landlebens auf ihren Stammplatz zurück, von
dem sie mühsam zurückgedrängt worden waren: Abhängigkeit von der
Natur, unterschiedliche Bodenbeschaffenheit, Nähe/Ferne zum
(städtischen) Verbrauch, Besitzverhältnisse. Land wird umgewidmet
oder brachgelegt, je nachdem, wie es das Verhältnis der Preise
"sinnvoll" erscheinen läßt -, aber eben diese Kalkulation mit den
Preisen muß immer wieder in Widerspruch geraten zu der
natürlichen Borniertheit der agrarischen Produktion.
Weil der Staat die Umkehrung der alten Verhältnisse zugelassen,
ja angereizt hat, ohne jedoch den Versorgungsstandpunkt aufzuge-
ben, weil er die Idiotie pflegt, die bäuerliche K a l k u-
l a t i o n für eine Steigerung der Produktion in seinem Sinne
fruchtbar machen zu können, greift er mit Preiskorrekturen immer
dann ein, wenn es mit den "Disproportionen" gar zu bunt wird. Das
stiftet freilich nie die Sicherheit, die den Bauern dazu bewegen
soll, ganz aus eigenem Interesse heraus dem staatlichen
Produktionswunsch nachzukommen, daß insbesondere dieser
Produktionswunsch nicht mehr mit den früheren Vorschriften zu
verwechseln ist, sondern sich eigentlich in einem abstrakten
"Mehr!" erschöpft. Im Rahmen seiner "volkswirtschaftlichen
Gesamtrechnungen" läßt der Staat sich auch von den Resultaten der
Landwirtschaft "belehren": Wenn Getreideproduktion ausfällt,
macht das durchaus seinen tieferen "marktwirtschaftlichen Sinn"
und Aberwitz! -, da, wie sich n u n herausstellt, die Trans-
portkapazitäten im Lande knapp sind, und die Einfuhr über See das
Getreide "billiger" macht. Usw. usw. Kurz und schlecht: Die
"Anreicherung" der chinesischen Ökonomie durch Bereicherung löst
die bescheidenen Grundlagen der Subsistenz auf. Wieviel Hunger-
tote das schon gekostet hat - die im Westen n i c h t interes-
sieren - mag man gar nicht wissen. Die Preisfreigabe sollte auf
dem "Umweg" der privaten Bereicherungserlaubnis zu einem neuen
Elan des Produzierens führen - für den "Dritten Weg" Chinas hat
sie aber nur eine bis dahin unbekannte P o l a r i s i e r u n g
d e s M a n g e l s bereitgestellt: Die Scheidung der Gesell-
schaft in Reich und Arm.
3
Die chinesische Führung ist entschlossen, dies als eine p o s i-
t i v e E n t w i c k l u n g zu sehen, auf die sie a u f-
p a s s e n muß. Der Einsatz "k a p i t a l i s t i s c h e r
M e t h o d e n" hat angeschlagen.
Die Reformer haben sich als Programm gesetzt, das "g e w a l-
t i g e P o t e n t i a l C h i n a s z u e n t-
w i c k e l n". Sie haben China zum Entwicklungsland e r-
k l ä r t, gerade um aus dem Status eines Vergleichs mit den
"Entwicklungsländern" herauszukommen und den diesem Land z u-
s t e h e n d e n Rang unter den Nationen einzunehmen. Eine
i d e o l o g i s c h e K o r r e k t u r schien ihnen dafür
notwendig und ausreichend: Man darf den Kapitalismus nicht länger
verteufeln, sich auch nicht vor ihm fürchten - man muß ihn
b e n u t z e n! In gut-chinesischer Dialektik führen sie die
Rückständigkeit Chinas auf die A b w e s e n h e i t e i n e r
T e c h n i k zurück. Die "ermitteln" sie, indem sie den "Dogma-
tismus" über Bord werfen und den Kapitalismus vorurteilsfrei
studieren:
"Um das die Entwicklung der Produktivkräfte fesselnde Wirt-
schaftssystem zu verändern, müssen wir die realen Verhältnisse
und Entwicklungserfordernisse der Wirtschaft unseres Landes stu-
dieren und uns gleichzeitig die die Gesetze der modernen verge-
sellschaftlichten Produktion widerspiegelnden Managementmethoden
aller Länder der heutigen Welt einschließlich der entwickelten
kapitalistischen Länder aneignen und nutzen." (ZK-Beschluß)
Worin bestand die Fessel? Der alte Staat sorgte sich um eine ge-
rechte Verteilung des Mangels und brachte es zur Bewahrung seiner
Existenz. Das "gewaltige Potential", das sich zusammensetzt aus
der konsolidierten Staatsgewalt, einem emsigen Milliardenvolk mit
eigener Moralität, großen natürlichen Ressourcen und einer
"geachteten Stellung" in der Welt - Beweis dafür, daß China
k e i n "Entwicklungsland" ist -, konnte er nicht heben, weil er
zu sehr in den Alltag eines jeden Chinesen e i n g e m i s c h t
war. Indem er das tägliche Leben g a r a n t i e r t e und des-
sen A b l a u f anordnete, l ä h m t e er sich und die Massen
- dabei wäre es seine Aufgabe gewesen, die Massen z u r
S e l b s t s t ä n d i g k e i t a n z u h a l t e n.
Diese (Selbst-)Kritik wirft der alten Führung Verblendung vor -
sie habe die "realen Verhältnisse und Entwicklungserfordernisse"
nicht erkannt - und behauptet als Grund für die Rückständigkeit
die f e h l e n d e F r e i h e i t d e s S t a a t e s, ein
Mangel, der zwangsläufig zusammenfällt mit einer u n g e n ü-
g e n d e n B e a n s p r u c h u n g d e s V o l k e s. Und
sie behauptet - mit Blick auf die "entwickelten" Länder - als
Hebel der Umkehrung das "Management", dem sie die Eigenschaft
zuspricht, allseits effiziente Selbsttätigkeit - auch "Eigenini-
tiative" genannt - zu bewirken. Die KP Chinas kann sich die
F u n k t i o n e n d e s K a p i t a l s o h n e d i e
E i n f ü h r u n g k a p i t a l i s t i s c h e n P r i-
v a t e i g e n t u m s ganz "systemneutral" vorstellen und
möchte damit den "stummen Zwang der Verhältnisse" gar zu gern
kopieren, o h n e jedoch die gesellschaftliche Verfassung des
Originals zu übernehmen. Dafür hat sie sich eins schon mal fest
vorgenommen - und in der Verfassung von 1982 deklariert -,
nämlich den alten, verpflichtenden Einheitsidealismus von Staat
und Volk aufzulösen und "s a c h l i c h e" Verhältnisse
einzuführen: Der Staat als R i c h t l i n i e n- u n d
K o n t r o l l i n s t a n z auf der einen Seite, die
"W i r t s c h a f t s s u b j e k t e" auf der anderen. Die
Absicht ist klar: Dieser formelle Abklatsch der kapitalistischen
"Super-Methode" soll Reichtumsproduktion "anreizen", mithilfe
derer sich der Staat aus s e i n e r Rückständigkeit befreit.
Die KP ist k r i t i s c h e B e w u n d e r i n der Freien
Marktwirtschaft. Daß in der einiges an "Sozialem" den Bach hinun-
tergeht, übersieht sie nicht und den "Krisen" entnimmt sie eine
spezifische "Fesselung" des dortigen Staates. Der dort etablier-
ten f u n k t i o n a l e n T r e n n u n g von Staat und Öko-
nomie, der "Neutralität" der obersten Gewalt gegenüber der Kon-
kurrenz, die sich unter der Triade Recht-Polizei-Geld "wie von
selbst" vorantreibt und stabile gesellschaftliche Verhältnisse
mit Wachstum des Reichtums unter Einschluß des Staates verbindet,
spricht sie aber das dicke Lob aus, es in Sachen
"Vergesellschaftlichung der Produktion" am weitesten gebracht zu
haben; also auch hervorragendes Anschauungsmaterial über die
"Gesetze einer vergesellschaftlichten Produktion usw." bereitzu-
stellen (- so heißt die chinasozialistische Variante von den
"natürlichen Gesetzen des Wirtschaftens"). Was dem Kapitalismus
nur noch fehlt, ist - China. Dort erst werden die "Gesetze" voll-
ends "verwirklicht", weil der Staat die M o n o p o l i s i e-
r u n g d e s E r t r a g s der "Eigeninitiative" verhindert
und durch deren "V e r g e s e l l s c h a f t l i c h u n g"
die den Kapitalismus heimsuchende P e r v e r s i o n zur
"Profitgier" unterbindet.
Es läßt sich nicht herausfinden, wieviel die chinesischen Kommu-
nisten von ihrer eigenen Ideologie (noch) glauben. Auf jeden Fall
trauen sie sich eine I n d i e n s t n a h m e des Kapitalismus
zu, besser: den Gebrauch von "inneren Gesetzen", die sie ihm ab-
gelauscht haben wollen. "Vom Kapitalismus lernen!" heißt also:
vom Staat entfachte Konkurrenz, vom Staat planmäßig eingesetzte
"marktwirtschaftliche Elemente", heißt Anwendung von Preis, Kre-
dit ... bis hin zu Warentermin-Märkten und Börsen - immer unter
dem s e l b s t b e w u ß t e n O r d n u n g s s t a n d-
p u n k t, daß der Staat, der diese Hebel einsetzt, auch ihr
souveräner Nutznießer ist. Und mit ihm sein Volk.
Es gehört zu den ideologischen Verbohrtheiten hierzulande, wenn
die Direktive "Bereichert euch!", die die KP ans Volk ausgegeben
hat, als "Chinas Weg in den Kapitalismus" gefeiert wird, anspie-
lend auf den "natürlichen Erwerbstrieb d e s Menschen". Seit
wann gilt denn bei uns eine solche Direktive für "die Menschen":
Wenn ein Reagan oder eine Thatcher ihr "Get rich!" verkünden,
täuscht sich doch niemand über den Adressaten: Die K a p i-
t a l i s t e n sollen sich vom Optimismus der Regierung
anstecken lassen und haben einige n a c h r e c h e n b a r e
Vorteile zu erwarten. Zwar genießen die Untertanen der bürgerli-
chen Staaten in den volkswirtschaftlichen Lehrbüchern das Ein-
heitsetikett "Nutzenmaximierer", und es soll jeder seinen
"pursuit of happiness" betreiben, für die übergroße Mehrheit
kommt das Sich-Bereichern aber ein Leben lang nicht in Frage. Für
sie gilt das Diktat des "Wachstums", das wiederum in den Händen
derer liegt, die den "natürlichen Erwerbstrieb" wirklich, d.h.
p r a k t i s c h für sich beanspruchen können. Alle anderen
sind prinzipiell davon a u s g e s c h l o s s e n, sie sind
a b h ä n g i g vom Reicher-Werden der anderen, und ihr einziges
anerkanntes Zutun zum eigenen Vorankommen besteht darin, sich
ganz viel B e s c h e i d e n h e i t aufzuerlegen. Alles an-
dere würde "unsere Wirtschaftsordnung gefährden" - was sogar
stimmt.
Chinas KP hält die Massen jedoch ganz ernsthaft zu dem Idealismus
an, es doch mal mit dem Reich-Werden zu versuchen. Das ist im er-
sten Schritt eine Kritik an der chinesischen B e s c h e i-
d e n h e i t, im zweiten aber auch ein Lob eben dieser
Moralität: Nachdem erst einmal die Führung freier heraus denkt
und beiden Seiten des Verhältnisses Volk-Staat mehr "Freiheit"
zugesichert hat, werden die Massen eben daraus in bewährter
"Schöpferkraft" etwas zu machen verstehen. Der Volkswille muß
sich, rückwärts gewandt, kritisieren lassen, nicht auf sein
Wohlergehen gedrungen zu haben, vorwärts gewandt ist er jedoch
eine bedeutsame Triebkraft - wenn er sich nur die neuen Ideen
seiner Führer zum Inhalt macht.
In diesem Idealismus läßt sich die KP von den Tatsachen nicht
korrigieren, statt dessen "lernt" sie wie immer aus
"Erfahrungen". Dieser Lernprozeß besteht im wesentlichen darin,
die auftretenden Ungereimtheiten ihres Großexperiments zur Kennt-
nis zu nehmen, um durch Neuordnung der Versuchsanordnung wieder
für einen reibungslosen Ablauf sorgen zu wollen. Ein Beispiel für
die Harmonisierungsgewißheit ist folgender "Plan" für die Zuord-
nung der neuen und alten Eigentumsformen die "nur" in die rich-
tige "Proportion" gebracht werden müssen:
"Was die Eigentumsformen anbelangt, so wurde von den Experten
ebenfalls eine typisch chinesische 'Ausgewogenheits'-Lösung vor-
geschlagen:
Volks-, Kollektiv-, halbsozialistisches und nichtsozialistisches
Eigentum sollen künftig zueinander im Verhältnis von 5:3:1:1 ste-
hen. Warum allerdings ausgerechnet dieses Verhältnis für ausgewo-
gen erachtet wird, bleibt das Geheimnis der Experten. " (China
aktuell, 4/89)
Ein so großes Geheimnis ist das nicht. Erstens taugt "Ausgewogen-
heit" als Präambel für so ziemlich alles. Zweitens wird hier ja
nur die Vorstellung eines o r g a n i s c h e n E i n b a u s
gepflegt, wobei es auf die genauen Zahlenverhältnisse kaum, auf
den bebilderten Idealismus, e s g i n g e, aber sehr ankommt.
Die bisherigen Ergebnisse der "Modernisierung", wie sie sich
unter dem Titel "Inflation" zusammenfassen, sieht der Staat denn
so, daß die neuen Reichen eben n o c h n i c h t in den
volkswirtschaftlichen Schaffensprozeß eingebunden sind, aber als
"P o t e n z" bereitstehen. Die neuen und alten Armen h a r-
r e n hingegen nur ihrer n ü t z l i c h e n V e r w e n-
d u n g, für die Voraussetzungen g e s c h a f f e n worden
sind, aber erst n o c h "v e r w i r k l i c h t" werden müs-
sen. Eine Herausforderung an das "sozialistische Management"!
So erklären sich die diversen "Readjustierungs-" und
"Korrekturphasen", zur Zeit als "Konsolidierungsphase" offizielle
Politik. Es handelt sich erstens um die Klarstellung, daß v o m
P r o g r a m m n i c h t s zurückgenommen wird. Zweitens wer-
den dem verehrten Volk die O p f e r als n o t w e n d i g e
vertraut gemacht, die sich eines Tages aber auch l o h n e n
werden. Drittens ist das typische Ergebnis des Sichtungsprozes-
ses, den V e r b o t s k a t a l o g zu erweitern und die mora-
lischen Aufrufe zu intensivieren - es wird "g e b r e m s t".
Viertens steckt darin aber auch ein heimliches E i n g e-
s t ä n d n i s d e r U n s i c h e r h e i t: Der Staat kann
U r s a c h e u n d W i r k u n g immer weniger auseinander-
halten, die "Marktwirtschaft" wächst ihm ein wenig über den Kopf.
Um so massiver die Demonstration der S t a n d f e s t i g-
k e i t.
4
Studenten, Arbeiter und Bauern haben sich beschwert über die
"K o r r u p t i o n". Sie teilen die Ideale der "Modernisie-
rung" und finden es deswegen unanständig, daß sich deren Erfolge
ziemlich einseitig bei den Partei-Bemächtigten niederschlagen und
den Rest des Volkes offenkundig schädigen können. Dabei geht die
"Modernisierung" ohne diese soziale Verfehlung gar nicht zu
machen.
Der Aufruf zur Bereicherung gerät in Kollision zur bestehenden
Gesetzeslage. Das ist gewußt und gewollt.
Z u m e i n e n gibt es für die neu eingepflanzten Geschäftig-
keiten und ihre Wirkungen gar keine Gesetze; die sollen sich ja
erst nach Begutachtungen dessen, was so läuft, "herausbilden". Es
gehört mit zur Selbstkritik des Staates, in Sachen Gesetzlichkeit
über Jahrzehnte große Mängel zugelassen zu haben; die Definition
von Straftatbeständen und die Bestrafung selbst waren zum Gutteil
an den praktischen Notwendigkeiten der Kollektive ausgerichtet
und wurden von ihnen selbst vollzogen; die im bürgerlichen Leben
so selbstverständliche Notwendigkeit, jede private und geschäft-
liche Regung mit Rechtsförmlichkeit zu versehen, existierte
nicht. Jetzt aber, wo der Staat "Freiheit" verordnet hat, also
auf ein eindeutig geregeltes Über-Unterordnungsverhältnis zusteu-
ert, in dem die Untergeordneten sich zunehmend um sich selbst
kümmern, tut sich eine Fülle von "G e s e t z e s l ü c k e n"
auf. Die neuentstandenen Privatleute tummeln sich oft genug im
gesetzlichen Niemandsland.
Z u m a n d e r e n verstoßen sie in Verfolgung ihrer Interes-
sen gegen bestehende Gesetze, verlassen sich aber darauf, daß der
Staat das so ähnlich sieht wie sie: Diese Gesetze sind nicht mehr
"praktisch", der Staat r e l a t i v i e r t Inhalt und Strafe.
In dieser "Zwischenlage" - Anerkennung der Privatinteressen
einerseits, Rechtsunsicherheit andererseits, w e l c h e In-
teressen anerkannt sind und in welcher F o r m - müssen prak-
tische E n t s c h e i d u n g e n gefällt werden. Dies ge-
schieht f a l l w e i s e u n d l o k a l. Die in der
Verfassung geforderte Trennung von Partei und Staat ist
n i c h t v o l l z o g e n - und kann es auch nicht sein. Die
ökonomische Grundlage, die dem Staat ein "Zurücktreten" hinter
einen sich selbst betreibenden Konkurrenzmechanismus erlauben
würde, ist nicht gegeben, im Gegenteil: er muß ihn e i n-
r i c h t e n. In China fallen Verfassungsauftrag und
Verfassungswirklichkeit halt noch eine Zeitlang auseinander ...
Zugleich ist die Entscheidungszuständigkeit der Kollektive
abgeschafft. So bleibt dem tatendurstigen Privatmann nur der Gang
zu "seinem" Funktionär, der tatsächlich die B e f u g n i s
hat, das bislang Übliche, aber nun Veraltete zu u m g e h e n,
und die M a c h t, die entsprechenden "Kanäle" freizumachen in
Absprache mit seinen Kollegen. Die Überzeugungskraft der
Antragsteller besteht in dem verheißenen "G e w i n n" einer
Legalisierung, der durchaus im Interesse des Staates liegt, also
den Staat-Partei-Agenten auch zur Partizipation b e r e c h-
t i g t - zumindest subjektiv. Es ist ja gar nicht eindeutig, ob
er seine Kompetenz für privates Vorankommen m i ß b r a u c h t
oder ob nicht sein privates Vorankommen die "M o d e r n i-
s i e r u n g" v o r a n b r i n g t.
Dieser "Dienstweg" läßt sich auch abkürzen. Immerhin verfügt der
Funktionär nicht nur über Beziehungen und über das Vertrauen der
Partei, sondern auch über den privilegierten Zugang zu
S t a a t s g e l d e r n bzw. über die Vollmacht, die erwei-
terte Freiheit zur K r e d i t n a h m e und zur D e v i s e n-
b e s c h a f f u n g auszunützen. So ist er eine "W i r t-
s c h a f t s k r a f t" eigener Art, wenn er die Bereicherung
gleich von sich aus betreibt: Seine Erfolgsaussichten sind am
besten, da für ihn der Widerspruch des staatlichen Wunsches, die
Untertanen zur "Eigeninitiative" anzuhalten, die sich dann in
Reichtum für den Staat niederschlägt - was freilich nur für
C h i n a ein Widerspruch ist -, so blendend aufgeht.
Der große Umfang der "Korruption" zeigt an, d a ß d i e
H e r a u s b i l d u n g von Privatinteressen einer staatlichen
Absegnung bedarf, wollen sie sich praktisch betätigen, und daß
der Staat sich sozusagen drumherumdrückt, ihnen eine feste
F o r m zu geben. Er delegiert die Entscheidung von sich weg an
seine unteren Instanzen und will ihnen zugleich die
e n d g ü l t i g e Entscheidung nicht überlassen. Eben deswegen
verliert diese Privatinitiative nie ihre Anrüchigkeit, und der
Moralismus der alten Zeit muß sich gerade angesichts dieser Ver-
hältnisse herausgefordert und verletzt fühlen. Im Zusammenspiel
von Privatmann und Parteimann - oder in der Personalunion beider
- bleibt das anvisierte Ideal des wechselseitigen Nutzens" eine
ziemliche Schimäre: Der Private wird aus seiner Aktivität wohl
seinen Nutzen ziehen, aber sind nicht die Verstöße, die er in je-
der Hinsicht begeht gegen die Moral, gegen die Versorgung der
einzelnen, gegen die Absichtserklärungen des Staates welche Re-
sultate er sich von der "Eigeninitiative" erwartet - der offene
Beweis, daß der N u t z e n v o n S t a a t u n d V o l k
allemal zu kurz kommt? Wie soll man sich sicher sein, ob und wie
die wirtschaftliche Aktivität eines Funktionärs "im großen und
ganzen" zur nützlichen oder zur schädlichen Seite ausschlägt? Der
Staat gibt dem Ärger recht, indem er der ZK-Disziplinkontrollkom-
mission besondere Wachsamkeit ans Herz legt, ein eigenes Überwa-
chungsministerium mit besonderen Vollmachten einrichtet und die
Bevölkerung zur Denunziation auffordert. D.h., er bleibt seinem
Standpunkt treu, sich zu all den neuen "Phänomenen" kontrollie-
rend und bremsend zu stellen; de facto bestreitet er der
"Korruption" weder Grundlage noch Notwendigkeit und geht unbeirrt
davon aus, daß das k o r r i g i e r t e Fehlverhalten der
Funktionäre ein wachstumsförderndes Verhalten sein wird.
Das Volk hingegen konstatiert eine ihm unbegreifliche
ö k o n o m i s c h e S t e l l u n g d e r P a r t e i, die
einerseits mit den Behauptungen der Partei über ihren Volks-
dienst, der über private Interessen erhaben ist, nicht zusammen-
paßt, andererseits mit Schädigungen des Normalchinesen einher-
geht. Es schwankt zwischen tiefer Enttäuschung und dem Verlangen
nach hartem Durchgreifen und bekommt vom staatlichen Korrektur-
willen soviel mit, daß die s a c h l i c h e n R e s u l-
t a t e des "Korruptions"wesens im täglichen Leben g e l t e n,
zumeist g e s e t z l i c h n a c h v o l l z o g e n, auf
jeden Fall aber nicht umstandslos zurückgewiesen werden. Die
Partei steht an vorderster Front der Scheidung der chinesischen
Gesellschaft.
5
Dieser Scheidung gibt der Staat eine gesetzliche Form: Er legali-
siert die Metamorphose des Geldbesitzers zum E i g e n t ü-
m e r. Doch genauso wenig, wie daraus eine Eigentümer-
k l a s s e entsteht, verwandelt sich der große Rest in
E i g e n t u m s l o s e. Ein S o z i a l s t a a t c h i-
n e s i s c h e r P r ä g u n g wäre das richtige für sie, bis
dahin steht ihnen aber immer noch die staatliche Fürsorge zu.
Der chinesische Staat hat die "gefesselten" Verhältnisse
g e l o c k e r t. Er hat nicht behauptet, seine Massen seien
faul. Aber ein bißchen Zwang des Marktes tut ihnen gut. Er hat
nicht behauptet, er habe sie von der Arbeit abgehalten. Aber so-
lange er nicht von der Produktion zurück- und über sie tritt,
kann er sie nicht vernünftig dazu anhalten. Er hat nicht be-
hauptet, er müsse sie ins Elend stürzen. Aber solange er die
selbstverständliche Fürsorgeanstalt ist, kommen sie aus ihrer Ar-
mut nie heraus.
Er hat Privatunternehmer zugelassen - erst bis acht Beschäftigte,
dann ab acht bis möglichst viele - ihnen das Recht auf Ausbeutung
von Arbeitskraft verliehen, dafür die "Vertragsarbeit", also das
Recht auf zeitlich befristete Anstellung und Kündigung, einge-
richtet und die private "Arbeitsvermittlung", lange als
"Ausbeutung" gegeißelt, erlaubt.
Er hat sich der Verpflichtung der "Eisernen Reisschüssel" - le-
benslange Anstellung, oft sogar Vererbung des Arbeitsplatzes -
und des Prinzips "Fünf machen die Arbeit von Drei" entledigt, das
System der "Arbeitszuweisung" durchbrochen, auf dem Lande das
Pachtsystem wieder erlaubt und er hat die ländlichen Kommunen
aufgelöst zugunsten einer Vielfalt von Vertragssystemen, bei
denen die einzelnen Haushalte nur noch teilweise oder gar nicht
mehr in die Restbestände des Planes eingebunden sind. Von solchen
Freiheiten gibt es noch einige und sie belegen immer nur die eine
Absicht: Bauern und Werktätige sollen aus der "Umklammerung" der
staatlichen Fürsorge entlassen werden - nach der Preisfreigabe
die wichtigste "Managementmethode" zur Erzielung einer
e f f e k t i v e r e n A n w e n d u n g der Arbeitskraft und
des Bodens.
Die Entlassung aus der Fürsorge heißt nicht, der Staat würde sich
um soziale Sicherung nicht mehr kümmern - er will sie anders or-
ganisiert haben. Ein neues Sozialsystem, sozusagen i n
R e a k t i o n a u f die neuen Verhältnisse, muß her. Da er-
scheint das alte plötzlich wie eine einzige "Subventionitis", wo-
hingegen sich das neue durch "Kostenneutralität" auszeichnen
soll. Gemeint sind die Kosten des Staates, was bezeichnend ist
für die neue Denkungsart: Sie führt eine Z w e i t e i l u n g
der Arbeitskraft ein, die für China revolutionär ist. Früher war
in der Zugehörigkeit eines arbeitenden Individuums zu seinem Fa-
brikkollektiv oder seiner ländlichen Kommune selbstverständlich
die g e s a m t e R e p r o d u k t i o n e i n g e-
s c h l o s s e n, inclusive der Zeiten - Krankheit, Alter,
(vorübergehende) Beschäftigungslosigkeit -, in denen es nicht für
Arbeit zur Verfügung stand. Analog zur "Inflation", wo der
Arbeiter eine ungewohnte Kluft zwischen sich als Verbraucher und
als Einkommensbezieher vermerken muß, will der Staat die Zahlung
für den a r b e i t e n d e n Arbeiter und den n i c h t -
a r b e i t e n d e n Arbeiter zumindest a u s e i n a n d e r-
d i v i d i e r e n. Im ersten Schritt verweist er die "soziale
Hälfte" in die Zuständigkeit der Kollektive und damit in ihre
e i g e n e R e c h n u n g. Wo sich diese Rechnung diese
Kosten nicht leisten will - und solche Freiheiten genießen die
Betriebe mittlerweile - soll im zweiten Schritt ein neues
V e r s i c h e r u n g s w e s e n zuständig sein. Es ist klar,
wie das gemeint ist: Der Staat will diese Kosten auf jeden Fall
von sich a b wälzen und auf die Arbeitskraft ü b e r wälzen -
wie die bestimmte Regelung der "sozialen Sicherheit" auch
aussehen mag: Der Staat will sich darin nur noch als
Regelungs i n s t a n z und nicht als F i n a n z i e r wie-
derfinden.
Das klingt ganz wie abgekupfert vom westlichen Sozialstaat und
ist auch so gedacht; aber das Abkupfern - auch mit China-Flair -
hat so seine Tücken.
Ein westlicher Sozialstaat verstaatlicht einen Teil des Lohnes,
was Anwendung der Arbeiterklasse in der kapitalistischen
Akkumulation u n t e r s t e l l t. Lohn ist vorgeschossenes
Kapital für (lohnende) Arbeitskraft und der Staat erzwingt das
Beiseitelegen eines Teils dieses Kapitals für die Erhaltung - mit
Einschränkungen - des nicht benutzten, kranken und irreparabel
beschädigten Teils der Arbeiterklasse. Hier wird an die
F u n k t i o n a l i t ä t d e r A r m u t gedacht: Die Zer-
störung der Arbeitskraft soll das Gewinnemachen nicht beeinträch-
tigen. Das "Soziale" ist der Deckel auf dem Topf der Ausbeutung;
leidet sie, ist es auch mit dem "Sozialen" nicht mehr weit her.
Der chinesische Staat stellt die Sache einigermaßen auf den Kopf:
Er setzt durch B e f r e i u n g der Arbeitskraft von überkom-
menen G a r a n t i e n - am Arbeitsplatz und in der Reproduk-
tion - f o r m e l l e E l e m e n t e d e s f r e i e n
L o h n a r b e i t e r s an ihr durch und verspricht sich davon
gleichermaßen ihre bessere Anwendbarkeit und Ersparung von Kosten
bei sich. Doch: N o t zwingt zwar zur Unterwerfung, aber sie
produziert nicht die produktiven Mittel zu ihrer Ausbeutung, und
sie füllt nicht die im Geiste geschaffenen Sozialkassen.
Die Zweiteilung am Arbeiter gilt selbstverständlich für die Ge-
samtheit auch. Die Betriebsleiter, die sich der "Management-
methoden" befleißigen, "b e t r i e b s wirtschaftlich" denken
und sich vom Parteiausschuß nicht mehr hineinreden lassen sollen,
sich die privaten Geschäftsleute als Vorbild und Konkurrenzdruck
gefallen lassen müssen, werfen unter der Maxime "Drei machen die
Arbeit von Fünf" die Leute hinaus. Diese bilden ein wachsendes
Arbeitslosenheer, für das es nur sehr beschränkte Nachfrage gibt,
auch wenn der Staat noch so sehr seiner Idee nachhängt, es müsse
sich - weil S y m b o l des staatlichen "Rückzugs" - seine
Nachfrage selbst schaffen. Jetzt gibt es P a u p e r s, die der
Staat dann auch nicht sich selbst überlassen will und die ihm das
als faux frais aufhalsen, was er sich als eingesparte Kosten
vorgestellt hatte. Da die Staatsbetriebe, wen wundert's, immer
rücksichtsloser verfahren, soziale Kosten von sich wegdrücken, wo
es nur geht, wird für den Staat das Ideal der Verwirklichung
einer umfassenden Sozialversicherung immer dringlicher - und
immer unerfüllbarer.
Zwar hat er an seinen Werktätigen Voraussetzungen des freien
Lohnarbeiters geschaffen und er stellt sie sich vor wie eine
wohlfunktionierende Arbeiterk l a s s e, die wie im Westen zur
Reichtumsproduktion taugt, aber das ist sie erst, w e n n d i e
Ö k o n o m i e d e m I n t e r e s s e d e r K a p i t a-
l i s t e n k l a s s e u n t e r l i e g t. An dieser Stelle
wird die westliche Begutachtung immer ganz wepsig und möchte am
liebsten laut "Hier, hier!" schreien. Eigentlich läge "die
Konsequenz" jetzt doch nahe, möchten unsere Fachleute dem
chinesischen Staat zurufen, und es ergehen Empfehlungen en masse,
welche "Liberalisierungen" bis zur Endgültigkeit dringend
angebracht wären. Die Chinesen hingegen zeigen sich eigentümlich
ungerührt: Ihr Standpunkt ist eben, "die Vorteile des marktwirt-
schaftlichen Systems mit denen des sozialistischen Systems zu
verknüpfen", wofür alles recht ist, was der "Entwicklung" hilft.
Insofern geben sie auch nonchalant zu Protokoll, sie könnten sich
das Mittun von Kapitalisten ohne weiteres vorstellen, wenn sie
sich beim "Managen" nützlich machen: Sie sind ja gerade dabei,
den Staatsdirigismus aus diesem Geschäft herauszuziehen. Aber
eins kommt gewiß nicht in Frage: s i c h s e l b s t a l s
S t a a t d a b e i a u f z u g e b e n. Das ist anspruchsvoll
gemeint: J e g l i c h e Staatsgewalt von Imperialismus'
Gnaden, von Argentinien bis Zimbabwe fällt für sie unter
V a s a l l e n t u m - und dem die endgültige Absage zu ertei-
len, ist schließlich die h i s t o r i s c h e A u f g a b e
C h i n a s.
Aus dem westlichen Antrag "Freiheit fürs Kapital!" hören die chi-
nesischen Staatsmänner genau heraus, wie er gemeint ist: China
soll sich seine "Entwicklung" vom Ausland machen l a s s e n -
und gerade dieser Abhängigkeit wollten sie ein für allemal entge-
hen. So darf die "Öffnung" auf keinen Fall mißverstanden werden,
weswegen es das ZK für nötig erachtete, eigens vier knallharte
"Grundlegende Prinzipien" niederzuschreiben: China ist auf dem
sozialistischen Weg; es herrscht die volksdemokratische Diktatur;
China wird von der Kommunistischen Partei regiert; und es hat den
Marxismus-Leninismus und die Mao-Zedong-Ideen als Grundlage. Es
ist eben nicht verwunderlich, daß sich dieser (Wort-)Radikalismus
ohne weiteres mit lauter "Methoden" verträgt, bei denen sich dem
Marxismus-Leninismus samt Mao die Haare sträuben. Es handelt sich
um die C h a r t a des chinesischen Staates, daß er jederzeit
die M a c h t u n d K o n t r o l l e über die "Entwicklun-
gen" haben will, die e r einführt.
Ü b e r a n t w o r t u n g der chinesischen Ökonomie an die
durch ihn herausgebildeten Privatinteressen, ein Zuschauen, ob
und wie sich dabei eine Kapitalistenklasse herausbildet, kommt
nicht in Frage. Und zwar deswegen nicht, weil die Nationali-
tät(en) derer, die sich die inländischen Privatinteressen unter
den Nagel reißen werden, sonnenklar sind - über den planmäßigen
Einsatz von Kapitalinteressen läßt der Staat hingegen jederzeit
mit sich reden. Im Programm der "Modernisierung" sind sie als
s e i n M i t t e l vorgesehen; ihr G e w i n n wird begrüßt
und gefördert, aber er ist nicht der Zweck der neuen chinesischen
Ökonomie. Das ist natürlich ein u n a u f l ö s l i c h e r
W i d e r s p r u c h, auch und gerade wenn man ihn so aus-
drückt:
"Der Staat erlaubt die Existenz und die Entwicklung der Privat-
wirtschaft im Rahmen der gesetzlichen Bestimmungen. Die Privat-
wirtschaft stellt eine Ergänzung der sozialistischen Gemeinschaft
dar. Der Staat schützt die legalen Rechte und Interessen der Pri-
vatwirtschaft und leitet, überwacht und verwaltet die Privatwirt-
schaft." (RMRB, 6.3.88)
Natürlich denkt der Staat bei "Privatwirtschaft" noch gar nicht
so sehr an Kapitalisten, aber trotzdem ist es eine besondere
Z w i e s c h l ä c h t i g k e i t, die private Bereicherung
durch klassische Ausbeutung zu erlauben und zu fördern - was zu
einer Reihe florierender Privatbetriebe geführt hat - und sich
zugleich die P l a n u n g d e s W a c h s t u m s nicht aus
der Hand nehmen zu lassen. Das hat zu der eigenartigen Erfindung
geführt die s t a a t l i c h e n Betriebe und Ämter zu veran-
lassen, s o z u t u n, a l s o b s i e f r e i e K o n-
k u r r e n t e n wären. Sie spielen im wörtlichen Sinne Kon-
kurrenz, allerdings ist das Geld, das sie ausgeben, kein
Spielgeld, und die Geschäfte, die sie aufziehen, sind keine Pup-
penläden. Doppelarbeit und -planung, Verschwendung von Ressourcen
und Geld, zunehmende Auslandsverschuldung - da selbstverständlich
auch sie Vorrechte bei der Kredit- und Devisenbeschaffung genie-
ßen -, haben mal wieder einiges an der alten Produktionsweise ka-
puttgehen lassen. Zugunsten des komplexen Studiums: "Wie entfal-
tet sich 'Eigeninitiative'?"
Für den Umgang mit den "wirklichen" Privaten ist die B e-
s t e u e r u n g aufschlußreich. Im Kapitalismus ist die Steuer
der Teil des Wachstums, den der Staat - unter penibler Schonung
der Reichtumsquelle, die für die Mehrung des nationalen Erfolgs
zuständig ist - für sich beanspruchen kann. Je mehr das Wachstum
vorankommt, desto mehr bietet sich die "zweite Lösung", die
Ausweitung des Nationalkredits an: Staatsschulden bereichern den
Kredit und taugen ihrerseits für Vermehrung des kapitalistischen
Reichtums.
Wenn der chinesische Staat seine Reichen besteuert, so sitzt er
zwar genau an der Quelle, wo für chinesische Verhältnisse Reich-
tum entsteht; aber dieser Steuer ist auf den ersten Blick anzu-
merken, daß sie als K o m p e n s a t i o n für die Lücken ge-
dacht und notwendig ist, die das Bereicherungsprogramm anderswo
gerissen hat, und sie v e r f ä l s c h t im nachhinein die
Preise, aufgrund derer dieser Reichtum überhaupt erst entstanden
ist. Diese Steuer partizipiert nicht an einer Akkumulation, son-
dern "bewältigt" ihr Ausbleiben. Die Gegenforderung der Reichen
liegt auf der Hand: Sie wollen nicht nur keine Steuern zahlen,
sondern verlangen obendrein die Abschaffung weiterer obsolet ge-
wordener Vorschriften, damit aus ihrem u n s i c h e r e n
Reichtum eine g e s i c h e r t e, d a u e r h a f t e
E i n k o m m e n s q u e l l e werden kann.
Der Staat findet daran manches richtig, will weiter auf diese
Leute setzen und sie für sich ertragreich machen. In seinem
marktwirtschaftlichen Idealismus sind sie vorgesehen, die neuge-
schaffenen Arbeitslosen zu beschäftigen, der "Vervollkommnung der
Marktmechanismen" zu dienen, in rückständigen Gebieten den Über-
gang von der Naturalwirtschaft zur Warenwirtschaft zu beschleuni-
gen, in ihrer Konkurrenz zu den Staatsbetrieben und -kollektiven
diese auf Vordermann zu bringen; und schließlich gelten sie als
G e w i n n, weil sie ihr Erspartes als Kapital einsetzen und
dadurch dem Staat K r e d i t e r s p a r e n. Im Resultat
kommt jedesmal heraus: Der Staat gibt ihnen recht und unterwirft
sie trotzdem weiteren Beschränkungen. Solange er sich so wesent-
liche Abteilungen wie die Preishoheit, die Steuerung des Kredits
und die Festlegung, welche Sektoren im Interesse s e i n e s
Entwicklungswillens Vorrang haben, vorbehält, unterbindet er je-
desmal neu die Herausbildung des Kapitals, das er sich als
S t a a t s k r a f t vorstellt. Da hat die westliche Ideologie
schon recht: Kapital braucht F r e i h e i t in jeder Hinsicht,
bloß so stärkt es den Staat. Doch: Das gilt eben nur für die ka-
pitalistischen Mächte und nicht für den Rest der Welt.
Die KP Chinas hat sich eine Entscheidungsnot geschaffen: Entweder
kommt sie zu der Einsicht, i h r e I l l u s i o n e n ü b e r
d i e A n w e n d b a r k e i t d e s K a p i t a l i s m u s
f ü r d i e E n t w i c k l u n g C h i n a s a u f z u g e-
b e n o d e r s i e m a c h t d e n e n d g ü l t i g e n
S c h r i t t z u m k a p i t a l i s t i s c h e n E n t-
w i c k l u n g s l a n d. Eine N o t ist das nur, weil die KP
b e i d e s n i c h t w i l l, obwohl und gerade weil sie
g e m e r k t hat, daß etwas faul ist im Staate China. Auch wenn
sie sich die traurigen Wirkungen ihrer Politik ideologisch-
idealistisch als notwendige Durchgangsstadien und Anstiftung zur
"Effizienz" zurechtinterpretiert, kommt sie an einem nicht
vorbei: Die F i n a n z n o t des Staates wächst und mit ihr
seine V e r s c h u l d u n g. An d i e s e r A b h ä n-
g i g k e i t läßt sich nicht deuteln.
6
Ein Nutznießer der "Modernisierung" steht fest: das a u s l ä n-
d i s c h e Kapital. Um so mehr murrt es. Erst mit einer "wirk-
lichen Öffnung" wäre es zufrieden.
Man kann die Sache mit den "Sonderwirtschaftszonen" (SWZ) ja auch
so sehen: Das Kapital bleibt e i n g e s p e r r t und hat ge-
rade nicht den Zugriff auf den "riesigen Binnenmarkt". Bei dem
denken die Kapitalisten nicht so sehr ans Verkaufen, denn die Ar-
mut der Chinesen ist ihnen bekannt; sicherlich wäre die Nachfrage
nicht von Pappe, aber der eigentliche Clou läge doch in dem, was
sich aus der Armut und dem ganzen Drumherum m a c h e n ließe.
Das hat sich der chinesische Staat gedacht, daß sie so denken,
und unter der Devise "Den T i g e r reiten!" seine Vorkehrungen
getroffen, um seine Wünsche zu realisieren. Die Warnung Maos vor
der anti-nationalen Seite der Auslandsverschuldung hatte er noch
im Ohr und gedachte, sich ihrer "vorsichtig" zu bedienen. Die Er-
träge aus produktiv angelegtem Kredit, die durch ihn gesteigerte
Produktion, sollten "zunächst" für den Außenverkehr reserviert
sein und zur Tilgung herhalten. Dabei war er sich sogar im kla-
ren, daß es bei der Rückständigkeit Chinas zumindest ein ernstes
Problem ist, sich weltmarkt f ä h i g machen zu wollen, indem
man dort k o n k u r r i e r t. Also konnten es nur ganz ausge-
wählte Produkte "von bester Qualität" sein. Den ausländischen
Kreditgebern und Kapitalisten mußten ihre Zinsen und Profite in
Devisen bezahlt werden - die man sich verdienen muß -, also mußte
auf ein "ausgewogenes Verhältnis" geachtet werden.
Andererseits schienen die SWZ ideale Experimentierfelder. Die
ausgezeichnete chinesische Arbeitskraft konnte zu den gewünschten
Bedingungen bereitgestellt werden, Boden auch. Hautnahes Studium
kapitalistischer Effizienz war möglich und würde auf die chinesi-
schen Fertigkeiten in Sachen "Management" eine "Ausstrahlung" ha-
ben. Und insbesondere sollte in diesen Zonen einiges für die De-
visenbeschaffung geleistet werden. Eine vorsichtige Übertragung
der "Erfahrungen" aus den SWZ ins Landesinnere würde sich dann
anbieten, die Kapitalisten waren für "joint ventures" zu gewin-
nen, in denen ein weiteres Mal exportfähige Güter und "innere
Entwicklung" produziert werden würden.
Die Erfahrungen waren einfach. Die stolze Parole vom "Vertrauen
in die eigene Kraft" denen entgegenzuhalten, die so dringend zum
Mitmachen aufgefordert werden, baut kein Mißtrauen ab - im Gegen-
teil. Die Kapitalisten forderten V o r l e i s t u n g e n, und
zwar reichlich. Es brauchte Devisen, damit sie kamen, und es
brauchte Devisen, damit sie blieben. E i n n a h m e n waren
von ihnen vorerst nicht zu erwarten, statt dessen verlangten sie
Zollfreiheit und freien Gewinntransfer, wenn sie etwas exportie-
ren sollten. Um sich abzusichern - auch wenn sie sich in die
"joint ventures" bitten ließen -, verlegten sie sich auf Ge-
schäfte, die schnell abzuwickeln gehen und schnellen Ertrag brin-
gen. Die "infrastrukturellen Aufbaumaßnahmen" des chinesischen
Staates interessierten sie nur so weit, wie s i e diese Infra-
struktur gut gebrauchen konnten - deswegen bezahlten sie sie aber
noch nicht. Für den Abbau von Rohstoffvorkommen interessierten
sie sich beschränkt, da sie in dieser Hinsicht Alternativen genug
haben, sich von günstigen Angeboten aber überzeugen lassen. Die
"Vernetzung" der Rohstoffquellen mit der landesinneren Wirt-
schaftsstruktur war ihre Sache auf jeden Fall nicht. Und schließ-
lich machten sie ihre chinesischen Geschäftspartner - insbeson-
dere zum Leidwesen der staatlichen Außenhandelsorganisationen -
darauf aufmerksam, daß die Weltmarktpreise schwanken und die Ri-
sikoübernahme für sie nicht in Frage käme. Ganz zu schweigen vom
Wechselkursrisiko.
Eine "Ausstrahlung" bekam China gleich mit. Die SWZ importieren
immer noch mehr als sie exportieren, und das hängt wesentlich da-
mit zusammen, daß sich zwischen den Zonen und dem "Inland" ein
schwunghafter Schwarzhandel und Schmuggel entwickelt hat.
Die - eh bescheidenen - Hoffnungen, die mit den Ausländern ein-
gekauften Maschinen und sonstigen Anlagen, die, nachdem sie sich
amortisiert haben, in Staatseigentum übergehen, würden der natio-
nalen Güterproduktion Auftrieb verleihen, haben sich nicht er-
füllt. Insbesondere haben sie nicht zur Exporttauglichkeit beige-
tragen - eben weil sie amortisiert waren und der Weltmarkt mitt-
lerweile anders produzierte Güter schätzt.
Für Exporttauglichkeit mußte auf andere Art gesorgt werden. Der
chinesische Staat "besann" sich auf die "einfachen" Möglichkei-
ten: Arbeitskraft und Material wurde in arbeitsintensiven Export-
industrien zusammengezogen. So konnten zumindest b i l l i g e
Waren auf dem Weltmarkt angeboten werden. Die Fabriken, die - den
SWZ nacheifernd und dem Staatsauftrag folgend - nach Höherem
streben, kaufen sich die neuen Maschinen auf dem Weltmarkt. Dafür
mußte man ihnen die Freiheit einräumen, nicht so sehr auf Kredit
und Devisen zu achten.
Immer wieder wurde das ausländische Kapital gegen seine eigenen
E r f o l g e zur "H i l f e" herbeigerufen.
Die Resultate sind klar. Der chinesische Staat hat sich nicht in
Abhängigkeit vom Ausland gebracht, aber er hat sich schwer ge-
schadet. Die SWZ und ihre "Verlängerungen" nach innen haben nicht
zur a l l s e i t i g e n A k k u m u l a t i o n beigetragen,
dafür dem ausländischen Kapital eine Reihe p a r t i k u-
l a r e r G e s c h ä f t e ermöglicht; mit der Erfüllung der
Vertragsverpflichtungen und der Abarbeitung der Folgelasten hat
der chinesische Staat dauerhaft zu tun. Damit sind beide Seiten
unzufrieden. Der Staat hat eine 20%ige I n v e s t i t i o n s-
k ü r z u n g angeordnet - die "Stockung" im Inneren "muß in
Kauf genommen werden" zur "Dämpfung des raschen Auftriebs" der
Auslandsverschuldung und zur "Bekämpfung des überhitzten
Kredits". Ein bislang unerhörtes Angebot ist ergangen: Ausländer
können chinesischen B o d e n kaufen. Die wollen aber etwas
anderes: "M e h r Ö f f n u n g!" Nach den jüngsten Ereig-
nissen muß sich der chinesische Staat das natürlich m e h r
k o s t e n lassen, da nur so "V e r t r a u e n w i e d e r-
h e r g e s t e l l t" werden kann. Ein weiterer Beitrag zur
F i n a n z n o t des Staates - seine einzige "K o m p e n s a-
t i o n" ist die Verarmung der Massen. Aber hatte er nicht etwas
anderes vor?
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