Quelle: Archiv MG - ASIEN AFGHANISTAN - Vom heiligen Krieg des Westens
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Hamburger HZ, 17.05.1988
DIE RUSSEN WOLLEN RAUS AUS AFGHANISTAN -
KEINER IM WESTEN IST ZUFRIEDEN
Jahrelang sollte man das 'Russen raus aus Afghanistan' als wich-
tigstes Anliegen der Freien Welt begreifen. Jetzt geht der sowje-
tische Truppenabzug los, und die demokratischen Weltbetrachter
interpretieren die neue Lage - als höchst unbefriedigend. Mit
einem einzigen "Argument": Unsere Interessen.
Vor der Erläuterung der "Probleme" eine Würdigung des "Erfolgs":
"Die Genugtuung der in Vietnam gebeutelten Amerikaner darüber,
daß den Sowjets nunmehr ebenso ein Desaster widerfährt bei dem
Versuch, einem Land der Dritten Welt sein Gesellschaftssystem ge-
waltsam aufzupfropfen, sie ist schon zu verstehen." (Süddeutsche
Zeitung 15.4.88)
Solche merkwürdigen "Gefühle" kann ein demokratischer Journalist
also wunderbar mitempfinden: Daß in Vietnam nicht die Vietnamesen
"gebeutelt", "in die Steinzeit zurückgebombt" worden sind, son-
dern daß das kostbare Selbstbewußtsein der Supermacht USA einen
Knacks abbekommen haben soll! Und daß die Sowjetunion daran ge-
scheitert ist, ein paar hinterwäldlerischen Stämmen ein bißchen
Schulerziehung, Gleichberechtigung der Frauen und Hygienerichtli-
nien beizubringen, das gilt einem zivilisierten Mitteleuropäer
als guter Grund für "Genugtuung"?! Jeder Schaden für die So-
wjetunion ein Anlaß zur Freude für uns - diese Sichtweise ist ein
schöner Beleg für die moralische Erhabenheit unseres westlichen
Wertesystems! Aber der subtile Weltkenner teilt die Gefühle der
USA auch nur kurzfristig, um dem US-Präsidenten die Problemlage
vorzuhalten, in die der russische Rückzug das Land zu stürzen
droht:
"Afghanistan wind einer Selbstbestimmung überantwortet, die ihre
endgültige Form wohl erst nach den Blutbädern eines Bürgerkriegs
finden wird. Frieden oder nur Befriedung verschafft dieses Genfer
Abkommen dem geschundenen Bergstaat am Hindukusch nicht."
Daß die USA jetzt im Verein mit der Sowjetunion ausdrücklich als
Garantiemacht für die künftige 'Lage' in Afghanistan diplomatisch
eingesetzt sind und auf der Grundlage nun offiziell der Anwalt
der Bürger Kriegspartei und Wächter darüber sind, daß die So-
wjetunion das Land nicht wie seine ausschließliche Interes-
sensphäre behandelt; daß also der Krieg nun unter unmittelbarer
feindlicher Kontrolle der Großmächte stattfindet - das versteht
ein demokratischer Freund von Nichteinmischung und Selbstbestim-
mung als einen Rückzug, und als Zurückhaltung der USA - und gibt
sich bedenklich, ob das Volk dahinten für diese Freiheit
überhaupt reif ist. Das, was bislang in Afghanistan stattgefunden
hat, waren offensichtlich keine "Blutbäder"; und schon gar keine,
an denen die USA nach Kräften beteiligt waren, Das war vielmehr
ein höchst gerechter "Freiheitskampf" eines heldenhaften Volkes,
dem von amerikanischer Seite ein bißchen gerechte Hilfe zuteil
wurde - der richtete sich ja unmittelbar gegen sowjetische
Soldaten und traf unmittelbar die Sowjetunion. Und wenn dieselben
Akteure, unsere geliebten Freiheitskämpfer, jetzt ein bißchen
weiter metzeln mit Waffen, die bekanntlich nach wie vor von uns
geliefert werden, was ist denn daran auf einmal so bedenklich?
Daß sie kein russisches, sondern nur noch afghanisches
Menschenmaterial dafür haben?
Wozu taugt schließlich die Beschwerde, daß das Genfer Abkommen
keinen Frieden bringt? Der einfache logische Schluß, daß es dann
wohl auch kein Abkommen über Frieden ist, verbietet sich für die
Fans geordneter Verhältnisse offenbar, weil ihnen die eindeutige
westliche Zuständigkeit abgeht. Die Russen ziehen ihre Truppen
zurück, die USA treten laut Vertrag als mitzuständige Ordnungs-
macht auf, die verfeindeten Weltmächte einigen sich also darauf,
ihre Konkurrenz um Afghanistan auf eine neue Basis zu stellen;
sie lassen einen Bürgerkrieg stattfinden, bei dem beide die Rolle
des Ausstatters und zugleich des Wächters über das Engagement der
anderen Seite spielen, sich also über den Stand ihrer Feindschaft
diplomatisch streiten. - Und die hiesigen Beobachter entdecken
nichts als losgelassene Afghanenhorden, die nie und nimmer eine
anständige Ordnung hinkriegen - ein garantiert berechenbares und
solides, ein prowestliches Land nämlich:
"Niemand vermag heute vorauszusagen, ob aus diesen Auseinander-
setzungen am Ende eine Islamische Republik, eine bürgerlich-mon-
archisch geprägte Regierung, oder doch noch eine Volksrepublik
oder ein Land nach dem Modell des Libanons hervorgehen wird..."
Ja, macht es sich gut, ein paar Tränen über die Leichen zu ver-
gießen, wenn so wenig feststeht, ob sie sich für uns auch lohnen!
Bei diesen Tiraden gerät die eine ziemlich maßgebliche Partei
kaum jemals ins Blickfeld, die mit Stinger-Raketen und einer ge-
rade neu beschlossenen 300-Millionen-Dollar-Waffenhilfe die
"Blutbäder" doch, höflich gesagt, ein bißchen befördert. Daß die
USA jetzt vertraglich gleichberechtiger Oberwächter über die
afghanischen Kriegsverhältnisse sind - keine Frage; deshalb ist
es erst gar nicht der Rede wert, daß durch das Abkommen die Zu-
ständigkeit der USA für die Kämpfe festgestellt wird und nach
russischem Interesse die USA in die "Verantwortung" genommen wer-
den und sich mit ihrem Engagement im Bürgerkrieg zurückhalten
sollen. Umgekehrt sieht man es als freie Öffentlichkeit ungefähr
so wie die USA und findet die Rolle der anderen Supermacht äu-
ßerst bedenklich: Die Russen haben ein Stück Beherrschung Afgha-
nistans aufgegeben, jetzt fragt sich, wie man ihren Einfluß wei-
ter zurückdrängt. Eine originelle Variante des allseits beliebten
Vietnam-Vergleichs entdeckt den entscheidenden Unterschied nicht
darin, daß die sich zurückziehende Weltmacht Sowjetunion nicht
wie die USA damals daran denkt, das Land für ihre Feinde auf
Jahrzehnte unbrauchbar zu machen. Nein, die Sowjetunion zieht
sich gar nicht wirklich zurück:
"Doch die Parallele stimmt nur bis zu dem Punkt, wo die sowjeti-
sche Supermacht die Vorderbühne verläßt. Anders als die USA in
Vietnam bleibt die Sowjetunion in Afghanistan auf der Hinterbühne
präsent, schon deswegen, weil beide Länder eine gemeinsame Grenze
haben... Auch nach dem Abzug ihrer Truppen wird die Sowjetunion
also einen dicken Pfahl im Fleische Afghanistans behalten, woge-
gen ungewiß ist, wie de USA den Mudschahedin weiter Unterstützung
zukommen lassen können." (Süddeutsche Zeitung 11.4.88)
Merke: Daß Nicaragua auch nur irgendwie geographisch in der Nähe
der USA liegt, gilt demokratischen Meinungsmachern als zweifels-
freie Rechtfertigung dafür, daß die USA ihren "Hinterhof" als
Problem für ihre Sicherheit behandeln. Wenn die Sowjetunion eine
gemeinsame Grenze mit Afghanistan hat und sich wegen ihrer Si-
cherheit um die Zustände im Nachbarstaat kümmert, berechtigt das
allemal zu Vorwürfen von wegen Einmischung und Hegemonie. Und es
ist doch wirklich zutiefst ungerecht, daß die USA geographisch
ziemlich weit weg liegen und sich auch noch um Transportwege für
ihre Waffen kümmern müssen!
Vor diesem Anspruch erscheint das Abkommen in jeder Hinsicht un-
befriedigend: Die Sowjetunion wird gar nicht endgültig ausgeboo-
tet, auf ihre eigenen Grenzen beschränkt und der Einfluß des We-
stens bis an ihre Grenzen ausgeweitet. Nach dieser imperialsti-
schen Logik kommt man lässig von Afghanistan auf Osteuropa. Theo
Sommer in der "Zeit":
"Nicht, daß die Sowjets sich völlig um die eigenen Angelegenhei-
ten kümmern. Schon gar nicht ist zu erwarten, daß sie in Osteu-
ropa ihre Zelte abbrechen... In Afghanistan liefern die Sowjets
den Beweis, daß sie Positionen räumen können, wen deren Behaup-
tung zu teuer wird. Auf ihrem Glacis gegenüber dem Westen werden
sie dies nicht tun; doch könnten sie die Zügel lockern..."
(15.4.88)
Wieso das? Warum sollte die Sowjetunion ausgerechnet aus ihrer
Afghanistan-Politik den Schluß ziehen, ihre Interessen an ihrem
Bündnis zu streichen? Bloß, weil nicht nur Afghanistan, sondern
auch "Osteuropa" und letztlich auch Rußland eigentlich uns ge-
hört?! Während den armen Afghanen einerseits viel Mitgefühl dafür
ausgesprochen wird, daß sie sich jetzt ohne Beteiligung von Rus-
sen umbringen müssen, bekommen sie andererseits auf einmal auch
sehr schlechte Noten.
"Der Wille zum Kompromiß zählt nicht zu den afghanischen Tu-
genden. In Afghanistan, wo zum richtigen Mann die Knarre über der
Schulter gehört, wo Rache Ehrensache und Töten Selbstverständ-
lichkeit ist, gibt es keine Zusammengehörigkeit zwischen den
Clans, geschweige denn ein Nationalgefühl." (Zeit, 15.4.88)
Waren das nicht gerade die "Tugenden", die die Jungs dafür so
brauchbar gemacht haben, gegen den Hauptfeind verheizt zu werden?
Ach was, eine einzige imperialistische Fehlkalkulation hat man in
der "Zeit"-Redaktion aufgedeckt:
"Washington hat als 'Freiheitskämpfer' sieben Jahre lang Leute
unterstützt, die mit den Idealen von Freiheit und Fortschritt
nicht das geringste im Sinne haben. Mehr noch, sie machen, wie
zum Beispiel der Fundamentalisten-Führer Hekmatyar, überhaupt
keinen Hehl aus ihrer antiamerikanischen und antiwestlichen Ein-
stellung." (ebd.)
Und zu denen haben wir 9 Jahre lang gehalten? Und jetzt erst ge-
merkt, daß die es mit dem Islam haben?!
Bloß weil man in der "Zeit"-Redaktion das bescheidene Bedürfnis
nach einer soliden pro-westlichen Regierung in Kabul angemeldet
haben möchte, wird jetzt heftig an der Eignung unserer Mudschahe-
din herumproblematisiert. Mit einem leichten Hang zur Übertrei-
bung: Die Tölpel im Pentagon und State Departement haben wieder
einmal eine ganze Region für unsere Interessen vergeigt!
"Der Sieg dieser Rebellengruppen kann nur eins zur Folge haben:
Er wird die gesamte Region ins Rutschen bringen - nicht nur
Afghanistan, sondern wohl auch Pakistan. Doch Pakistans Stütz-
punkte spielen für die 40.000 Mann des amerikanischen Central
Command, die im Ernstfall den westlichen Zugang zu den Ölfeldern
sichern sollen, eine wichtigere Rolle als die Basen in Oman, So-
malia, Kenia und Ägypten... Nun droht im Großraum Afghani-
stan/Pakistan der Status quo zu zerbrechen. Washingtons Sicher-
heitsinteressen werden davon empfindlich berührt. Die Sowjets
können erst einmal abwarten..."
Die Sowjetunion zieht ihre Truppen zurück; die USA etablieren
sich als neue Garantiemacht für Afghanistan; die Region ist be-
reits mit lauter amerikanischen Stützpunkten übersät; der Golf
eine einzige US-Aufmarschbasis - und wegen der Geistesart der US-
Hilfstruppen in Afghanistan soll man sich die größten Sorgen um
die US-Sicherheitsinteressen machen?! Alle Achtung!
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