Quelle: Archiv MG - ASIEN AFGHANISTAN - Vom heiligen Krieg des Westens
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Münchner Hochschulzeitung, 20.01.1986
6 Jahre Afghanistan
DER WESTEN FEIERT SEINEN KRIEG
Seit sechs Jahren herrscht in Afghanistan Krieg. Und wer ihn
führt, das weiß ein jeder: die Russen! Aber gegen wen eigentlich?
Sollte die Sowjetunion wirklich seit sechs Jahren mit einer Hand-
voll muselmanischer Bergstämme nicht fertig werden? Ausgerechnet
die Weltmacht Sowjetunion, die die Schaltzentralen der NATO, Mo-
nat für Monat neue "Verteidigungslücken" bei sich entdecken läßt,
die "uns" zu vermehrten Aufrüstungsanstrengungen "zwingen"?
Da muß schon ein anderer Gegner zugange sein als der hierzulande
so vielgerühmte "Freiheitswille" der dortigen Mudschahedin. Klar,
"unsere afghanischen Freunde" - die übrigens von der westlichen
Freiheit genauso viel halten wie ihre Glaubensbrüder ein paar Ki-
lometer weiter westlich, die "schiitischen Fanatiker" des Ayatol-
lah Khomeini, der immerhin hinter dem Kreml und Gadafi den drit-
ten Platz in der vom Westen herausgegebenen Feindesliste einnimmt
-, die halten schon ihre Köpfe hin; so wie in jedem Krieg die
Ortsansässigen das Kanonenfutter abgeben. Aber ihre Befehlshaber,
die sitzen woanders. In Pakistan, dessen Westgebiete über die
letzten Jahre zu einem einzigen Truppen- und Waffenlager für den
Krieg im benachbarten Afghanistan ausgebaut worden sind. Und die
Gelder, Gerät und Befehle hierfür wiederum kommen - wie ein jeder
wissen könnte - ganz woanders her. Aus Saudi-Arabien und aus
Washington.
Wie ein jeder wissen k ö n n t e. Aber wer von den hiesigen Fa-
natikern, die im November 1979 den Namen "Afghanistan" noch mehr-
heitlich eher mit einer Hunderasse als mit sonstwas in Verbindung
gebracht hätten, ihn aber seit Dezember 79 ständig im Munde füh-
ren, will das schon wissen. Wen interessiert das schon, was die
Russen in Afghanistan eigentlich wollen. Zwar könnte einem, wenn
man mit erstaunlicher Regelmäßigkeit "live" mit den Fernsehteams
von ARD und ZDF bei einem Hinterhalt dabei ist, an den vom
"unseren Freunden" stolz präsentierten Leichen von russischen
Ärzten und Lehrern auffallen, daß die Russen in Afghanistan ein
etwas anders geartetes Reisegepäck dabei haben als die Amerikaner
in Vietnam und die Israelis im Südlibanon.
Aber wie gesagt, das interessiert hierzulande ohnehin keinen.
Denn das weiß "man" wieso, was die Russen dort unten wollen:
drücken, ein Volk unter ihre Knute zwingen. Das wäre zwar ein
idiotischer, weil ganz inhaltsleerer Zweck - aber seit wann muß
ein Feindbild die Logik auf seiner Seite haben. Einfach muß es
sein. Und stramm. Und das ist es.
So weiß ein jeder, daß die Russen mit "Afghanistan" die
"Entspannung" kaputt
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gemacht haben. Sehr viel weniger Afghanistan-Fans dürften im-
stande sein, auch nur die offizielle Sprachregelung darüber, was
da zerstört worden sein soll, wiederzugeben, geschweige denn sei-
nen tatsächlichen Inhalt. Aber daß die "Entspannung" - übrigens
jene Zeit, in der die Bundeswehr zur zweitstärksten konventionel-
len Armee im westlichen Bündnis aufstieg - nach Weihnachten 1979
nicht mehr aufrechterhalten werden "konnte" - eine klare Sache.
Zwar merkt man auch daran noch, daß die Aufkündigung dieser
"Ära", an der dem Westen so viel gelegen haben soll, in dessen
Entscheidung fällt. Und daß die Russen umgekehrt Jahr für Jahr
genügend Anlässe gehabt hätten, das gleiche zu tun, ist auch kein
Geheimnis. Schließlich war die CIA daran beteiligt, der mit der
SU verbündeten kommunistischen Regierungspartei in Afghanistan
das Leben schwer zu machen. Es waren die Amerikaner, die Wochen
vor "Afghanistan" den Persischen Golf mit Kriegsschiffen besetzt
hatten. Und der schon lange vorher feststehende und Wochen vor
dem Einmarsch in Kabul verkündete "Nach"rüstungsbeschluß, der die
Stationierung von Mittelstreckenraketen in Europa vorsah, wird
auch erst im Nachhinein von der westlichen Geschichtsschreibung
als "Antwort auf Afghanistan" ausgegeben. Von den
"Aufräumaktionen" der Amerikaner in Lateinamerika und "unserer
Freunde" Israel und Südafrika in ihrer jeweiligen Region einmal
ganz abgesehen.
Und man stelle sich einmal vor, die Russen würden so ähnlich wie
der Westen in seiner derzeitigen Libyen-Hetze eine Bestrafung der
"Drahtzieher des afghanischen Terrorismus" in Saudi-Arabien in
Erwägung ziehen!
Aber das alles interessiert einen freiheitlich denkenden Menschen
herzlich wenig. Das Schlagwort "Afghanistan" ist eine B o t-
s c h a f t. Es ist d e r R e c h t s t i t e l des Westens
für das seit und mit der Gründung der NATO verfolgte Ziel einer
Neuordnung der Weltkarte.
Und weil der Westen auf diesen Rechtstitel großen Wert legt, wird
er dafür sorgen, daß der sechste Jahrestag des Afghanistan-
Krieges nicht der letzte gewesen sein wird.
So ist auch der 'Friedensvorschlag', den US-Präsident Reagan den
Russen zur Jahreswende unterbreitet hat, alles andere als ein An-
gebot:
"Die USA bieten sich als Garanten einer umfassenden Lösung des
Afghanistan-Problems an unter der Vorraussetzung, daß die SU ihre
Truppen vollständig abzieht."
Wir bieten Euch Eure Kapitulation an und übernehmen dafür das
Land. So sehen Friedensvorschläge im Geiste von Genf aus.
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