Quelle: Archiv MG - ASIEN AFGHANISTAN - Vom heiligen Krieg des Westens
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Bochumer Hochschulzeitung, 10.01.1984
Afghanistan
DIE FREIHEIT BEGEHT EINEN JAHRESTAG
"Was den Fall Afghanistan zu einem solch schwerwiegenden Verlust
für den Westen machte, war nicht das Schicksal seiner 18 Millio-
nen Einwohner, von denen 90% Analphabeten sind und deren durch-
schnittliches Jahreseinkommen von 160 US-Dollar das Land zu einem
der ärmsten der Welt macht. Nicht einmal die strategische Lage
Afghanistan hätte den Verlust so bedeutsam gemacht, wenn die
Einbuße diesen Landes lediglich ein Einzelfall gewesen wäre; aber
sie geschah nicht isoliert, sie war Teil eines Musters. Und
dieses Muster stellt die eigentliche Herausforderung dar." (R.
Nixon, Der 3. Weltkrieg hat schon begonnen)
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Afghanistan: Donald Duck Comic
Wo Afghanistan liegt, weiß man heute (weswegen Donald in neueren
Auflagen der Geschichte seine Neffen auf dem Weg ans Nordkap
wähnt). Schließlich stellt "das afghanische Volk" nun schon seit
vier Jahren in der hiesigen Öffentlichkeit ein "Symbol ungebro-
chenen Freiheitswillens" dar.
"Der bewaffnete Widerstand afghanischer Freiheitskämpfer gegen
die sowjetische Invasion hat den Begriffen 'Mut',
'Entschlossenheit' und 'Stärke' einen neuen Klang gegeben." (US-
Präsident Reagan in der "Süddeutschen Zeitung" vom 29.12.83)
Zwar haben die Afghanen bis heute ebensowenig Interesse an der
westlichen Freiheit wie sie sich als Mitglieder eines
"afghanischen Volkes" ansehen. Seit jeher interessiert den noma-
disierenden Bewohner des Hindukusch ausschließlich seine
Stammeszugehörigkeit, sein Allah, seine Flinte und sein
tiefverschleiertes Weib.
Aber die Wahrheit hat einen westlichen Politiker noch nie inter-
essiert, wenn er sein Interesse an einer Weltgegend geltend ma-
chen will. Die unpolitischen Abwehrkämpfe frommer Krieger gegen
die pure Existenz einer Staatsgewalt, die Afghanistan zur sowjet-
freundlichen Republik machen will, taugen als kindgemäßer Bilder-
bogen für die NATO-Lebenslüge von der "aggressiven" Sowjetunion,
die bei den "unterjochten Völkern" nur um so mehr die Liebe zu
den Herrschaftsidealen abendländischer Machart -
"Volkssouveränität", "Freiheit" usw. - wecken soll. Da macht es
gar nichts,
- daß westliche Beobachter durchaus darüber Bescheid wissen, daß
Afghanistan seine staatliche Existenz seit längerem überhaupt nur
dem sowjetischen Interesse an einem "Pufferstaat" im Süden ver-
dankt;
- daß die Sowjetunion und ihre innerafghanischen Figuren sich -
wie ebenfalls jeder Ortskundige weiß - vor allem durch Hygiene-
und Alphabetisierungskampagnen und Landreformen bei den mohamme-
danischen Dorfältesten, Feudalherren und Großgrundbesitzern ver-
haßt gemacht haben;
- daß von einem sowjetischen Vernichtungskrieg gegen die Wider-
standskämpfer - wie die USA ihn in aller Welt vorexerzieren - in
Afghanistan nicht die Rede sein kann.
Auch das beeinträchtigt die demokratische Hetze nicht, daß west-
liche Politiker sich zu der andernorts so beliebten Forderung
nach "freien Wahlen" für Afghanistan gar nicht verstiegen haben;
im Gegenteil: Fernsehen, Presse und ihre regierenden Stichwortge-
ber brauchen die malerischen Schießgesellen aus dem Orient nicht
als verhinderte W ä h l e r, sondern als verwegene H e l d e n
eines a n t i s o w j e t i s c h e n K r i e g e s. Als le-
bende Bilder der passenden "Antwort", die die sowjetische Politik
"eigentlich" überall verdient, sind afghanische Guerilleros aus
dem Repertoire demokratischer Feindbildpflege kaum wegzudenken;
westliche Fernsehkameras sind verdächtig oft mit dabei, wenn mal
wieder ein größeres Schlachtfeld inszeniert wird; die ortsübliche
Blutrünstigkeit geht in Ordnung, weil sie die Richtigen trifft.
Mit dieser ideologischen Aufbereitung kommt die demokratische Öf-
fentlichkeit durchaus dem politischen Zweck sehr nahe, den der
demokratische Imperialismus mit seiner Alimentierung des afghani-
schen Widerstandes verfolgt: Etwas anderes als eine möglichst
lang andauernde politische und - wenn auch geringfügige - militä-
rische und wirtschaftliche Schädigung der sowjetischen Macht ist
gar nicht beabsichtigt. Die aber wird am sichersten durch die
einstweilige F o r t d a u e r eben dieses "Krieges" erreicht;
und das ist dank der islamischen Idiotie der Stammeskrieger vor
Ort billig zu haben.
Es ist gelogen, wenn Präsident Reagan verlauten läßt:
"Wir appellieren an die Sowjetunion, eine Lösung der Krise zu er-
möglichen, durch die Freiheit, Unabhängigkeit und Blockfreiheit
Afghanistans wiederhergestellt werden."
Nicht nur, daß es ein "freies, unabhängiges, blockfreies" Staats-
wesen Afghanistan nie gegeben hat - weder im Sinne der genannten
Souveränitäts-Ideale noch im Sinne eines dem Westen dienstbaren
und nützlichen modernen Herrschaftsapparats -: Der Westen hütet
sich nicht ohne Grund, ein Programm für ein "befreites Afghani-
stan" zu entwerfen, politische Parteien ins Leben zu rufen oder
gar eine Exil-Regierung zu schaffen. Für eine "politische Lösung"
in diesem Sinne gibt es unter den malerischen Aktivisten des is-
lamischen Widerstands überhaupt keine geeignete prowestliche Fi-
gur, geschweige denn ein entsprechendes politisches Interesse;
und dergleichen zu schaffen, liegt den engagierten demokratischen
Diplomaten und Geheimdiensten völlig fern. Deren wirkliche Be-
rechnung spricht ein CDU-Mann, der Fraktionssprecher in Sachen
Entwicklungspolitik, Pinger, schon viel deutlicher aus, wenn er
die "Süddeutsche Zeitung" zum 4. Jahrestag des Einmarsches der
Roten Armee wissen läßt:
"Von seiten der Bundesrepublik soll jede Möglichkeit ausgeschöpft
werden, die der Sowjetunion den politischen Preis für ihr unver-
antwortliches Afghanistan-Abenteuer so hochtreibt, daß sie ein
Interesse daran hat, diese Intervention so rasch wie möglich
rückgängig zu machen."
Was man sonst so "politische Lösung" nennt, ein Verhandlungskom-
promiß, der das Blutvergießen beendet, ist nicht vorgesehen: Zum
wiederholten Male hat
"die Regierung von Afghanistan den Westen aufgefordert, ihren Be-
dingungen für den Abzug der sowjetischen Truppen zuzustimmen. ...
Für den Abzug der sowjetischen Soldaten könnte laut Radio Kabul
ein Zeitplan ausgearbeitet werden." (Süddeutsche Zeitung vom
27.12.83)
Aber der Westen winkt bloß ab. Der Sowjetunion sollen die politi-
schen und militärischen Kosten des Krieges erhalten bleiben, wäh-
rend sich aus den pakistanischen Flüchtlingslagern heraus die
kampffähigen Männer dem einzigen verbliebenen Lebensunterhalt zu-
wenden: Russen töten. Dieses selbstgewählte Handwerk sichert den
Widerstandskämpfern die demokratische Liebe des Westens - über
alle ideologischen Differenzen hinweg.
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