Quelle: Archiv MG - ASIEN ALLGEMEIN - Vom Fernen Osten
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MSZ 2/82
Aufrüstung in Fern-Ost
SCHAFFT 2, 3, VIELE GLEICHGEWICHTE
Die Parole der Friedensbewegung - "Gegen den Kriegsschauplatz
BRD" - die aus der besonderen Betroffenheit ein schlagend über-
zeugendes Argument an die Friedensliebe der eigenen Regierung
verfertigen will, stellt sich angesichts der erdumspannenden
Weltkriegsvorbereitungen des Westens als bornierte nationale Lä-
cherlichkeit dar. Ist doch der einfachen Zeitungslektüre zu ent-
nehmen, daß die Einkreisung der UdSSR im Weltmaßstab tägliche
Fortschritte macht, vom strategischen Standpunkt her fein säuber-
lich gegliedert in Haupt- und Nebenfronten. Im Fernen Osten wird
dazu derzeit von den USA eine alte Front gegen die Sowjetunion
unter dem Gesichtspunkt ihrer Tauglichkeit für das globale mili-
tärische Roll-back neu aktiviert - mit dem Applaus und der nicht
nur diplomatischen Unterstützung auch der BRD-Regierung, dem
Adressaten aller friedliebenden Menschen hierzulande.
Daß dabei die Lüge von der Bedrohung durch die Sowjetunion gar
nicht erst groß zur Rechtfertigung bemüht, vielmehr unter dem Ge-
sichtspunkt der "vorbeugenden" Vor-Rüstung ganz souverän eine ei-
gene Bedrohung gegen die Sowjetunion aufgezogen wird, die es an
nichts fehlen läßt, unterscheidet die heutige pazifische Aufrü-
stung nicht unerheblich von allem, was in jener Ecke der Welt
seit der Containment- (= Eindämmungs-)Politik der USA gegen die
asiatischen Staaten in den 50er und 60er Jahren an militärischem
Aufbau gelaufen ist.
"Betroffen von dieser Entwicklung ist in Sonderheit die So-
wjetunion. Sie steht damit einer Dreierallianz (USA, Japan und
China) gegenüber, die nicht nur im globalen, sondern auch im re-
gionalen, südostasiatischen Bereich von Belang ist." (Europäische
Wehrkunde, 7/81)
Japan
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"ist der Eckpfeiler jeglicher amerikanischen Pazifik-Politik."
(Europäische Wehrkunde, 7/80)
Galt bis vor wenigen Jahren, daß "ein militärisch schwaches, aber
ökonomisch leistungsfähiges Japan in den vergangenen 25 Jahren
zur Stabilität in Ost- und Südostasien mehr beigetragen hat, als
es ein seiner Wirtschaftsmacht entsprechend gerüstetes Japan
hätte tun können" (Europa-Archiv 8/81 ), so ist heute ausgemacht,
daß sich Japan b i s h e r als "Trittbrettfahrer" des amerika-
nischen Nuklearschirms betätigt hat. Eindringlich "mahnen" die
USA Japan seit geraumer Zeit, daß die
"konventionellen und strategischen Streitkräfte der USA im Nord-
pazifik durch japanische See- und Luftstreitkräfte ergänzt werden
müssen." (Caspar Weinberger, Süddeutsche Zeitung, 27./28.3.82)
Und da bekanntlich der größte Neider des Trittbrettfahrers der
zahlende Fahrgast ist, stimmen die westeuropäischen NATO-Staaten
und zumal die Organe ihrer Öffentlichkeit in diese Mahnungen be-
geistert ein, auch wenn man sich noch vor wenigen Jahren eher
darüber mokierte, daß angesichts des massiven Militärpotentials
der Japaner in allen Waffengattungen das verfassungsmäßige Verbot
kriegstauglicher Rüstung durch die japanische, süffisant in An-
führungsstriche gesetzte "Selbstverteidigungsstreitmacht" ja ganz
schön strapaziert werde.
Von der neuen Warte gehobener politischer und nachfolgender mili-
tärischer Ansprüche an den Hauptfeind entdeckt die amerikanische
Regierung - und mit ihr die ganze westliche Welt - nun lauter
"Unzulänglichkeiten und Versäumnisse" der bisherigen japanischen
Verteidigungspolitik. Als Siegermacht des 2. Weltkriegs konze-
dierten die USA Japan Souveränität und Teilnahme am neu geordne-
ten Weltmarkt und verordneten der so entstandenen Inselrepublik
eine Verfassung mit einer "Kriegsverzichtserklärung" (Kapitel 3,
Artikel 9). Das erwies sich zwar schon anläßlich des Koreakrieges
als unzweckmäßig und führte zur Revidierung des amerikanischen
"Militarisierungsverbots" und zum Aufbau von Japans sogenannten
Selbstverteidigungsstreitkräften zu Wasser, zu Lande und in der
Luft, die inzwischen immerhin den 9. Platz in der Rangliste der
Militärapparate dieser Erde einnehmen. In der amerikanischen
Strategie der 60er und frühen 70er Jahre hatten die japanischen
Streitkräfte freilich eine eher zweitrangige Bedeutung zur Siche-
rung der Seewege, des Hinterlandes für die Hauptmacht des Con-
tainments in der Region, das amerikanische und koreanische Mili-
tär in Südkorea. Für einen eigenständigen bündnispolitischen Of-
fensivauftrag war die Aufrüstung des ehemaligen Kriegspartners
der USA im Pazifik nicht gedacht, im Unterschied etwa zur Bundes-
republik, die sich systematisch zur Hauptmacht der konventionel-
len Kriegführung in Europa aufrüsten durfte.
Daß Japan aus dieser relativen Beschränkung das Beste machte und
vielleicht noch ein paar zusätzliche Haushaltsprozente zur Förde-
rung seiner Wirtschaft und ihrer internationalen Durchsetzung
aufwenden konnte, mag sein, fällt aber angesichts des sowieso
alle vergleichbaren Dimensionen sprengenden Aufwands, mit dem der
Staat in Japan die Akkumulation seines nationalen Kapitals über
den Weltmarkt fördert, kaum ins Gewicht. (Vgl. MSZ Nr. 1/81:
"Besonderheiten einer Handelsnation")
Die Ideologie, Japan habe seinen Wirtschaftsaufstieg den erspar-
ten Militärausgaben zu danken, erfreut sich gleichwohl bei seinen
Konkurrenten keiner geringen Beliebtheit und tut ihre Schuldig-
keit im Nachweis, daß es lediglich ein Gebot der Gerechtigkeit
sei, wenn es nun für seinen wirtschaftlichen Erfolg den Preis zu
zahlen habe in Form vermehrter Verteidigungsausgaben.
"Was die Staatsbürger anderer Industrienationen längst wissen,
werden auch die Japaner akzeptieren müssen - Verteidigung ist
teuer, aber lebensnotwendig." (Internationale Wehrrevue, 3/80)
Aufrüstung nach japanischem Maß?
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Für Japan selbst, das übrigens diesen Preis derzeit ganz unmit-
telbar darin sich abverlangt sieht, daß es zum Hauptbetroffenen
des derzeitigen Handelsprotektionismus seiner imperialistischen
Partner USA und EG wurde, ist die vermehrte Rüstung als solche
keineswegs eine möglichst von sich zu schiebende Last. Welcher
Staat wehrt sich denn auch schon gegen die Beseitigung von Be-
schränkungen für die Stärkung seiner Macht!
So war es keine Frage, daß sich Japan zu seiner "weltpolitischen
Verantwortung" (Ministerpräsident Suzuki) bekennt und die dik-
tierte Aufrüstung aus eigenem nationalem Interesse betreibt, was
inzwischen nur noch für japanische Friedensfreunde ein Anlaß ist,
über "Verfassungsbruch" zu klagen. Die konservativeren und
"gemäßigten" Teile der japanischen Öffentlichkeit diskutieren die
entsprechenden Fragen längst als Angelegenheit der nationalen
Souveränität, etwa unter dem Postulat: "Japan, sei ein Staat!"
(Japan Echo, 4/81), zu ergänzen mit: ...und schaffe deinen kindi-
schen Verfassungsartikel 9 ab. So wird die angebliche
"Psychose über die 'Bedrohung aus dem Norden' von der sachlich
denkenden politischen Elite als Mittel begrüßt, um das japanische
Volk aus seinem Nachkriegsschlummer des Friedens zu wecken."
(Europa-Archiv, 8/81)
Auch die "nukleare Option" ist so längst kein Tabu mehr, Japan
als einziges Land, das diese Waffen schon mal abgekriegt hat,
überhaupt ganz besonders qualifiziert zu ihrem verantwortungsbe-
wußten Gebrauch.
So hat inzwischen die "Überzeugung" hinreichend "um sich gegrif-
fen", daß wie überall auf der Welt auch das "militärische Gleich-
gewicht in Nordostasien, wo die USA ein Übergewicht (!) besaßen,
vollständig zusammengebrochen" ist. (Europäische Wehrkunde,
10/80) Folgerichtig beteiligt sich Japan an der Herstellung eines
neuen Gleichgewichtes durch Übergewicht. Die konventionellen
Streitkräfte werden allenthalben auf- und ausgebaut, und der
"heikle Punkt" der atomaren Bewaffnung bzw. der Stationierung
amerikanischer Nuklearwaffen ist eine Frage der Zeit. Bei der ne-
benbei fälligen Bewältigung des "historischen Ballastes" - man-
cher Staat der Region fühlt sich unangenehm an Japans Kolonialis-
mus erinnert - sind die guten Dienste der USA nicht zu unter-
schätzen:
"Präsident Marcos scheint seine Ansicht zu der delikaten Frage
der japanischen Wiederaufrüstung geändert zu haben. Während Wein-
bergers Besuch auf den Philippinen unterstützte er die amerikani-
sche Haltung... und sagte, andere Länder beobachten aufmerksam
die Bemühungen der USA, Japan zur Erhöhung seines Verteidigungs-
haushalts zu veranlassen'.
Einige Jahre zuvor hatte Marcos noch über eine mögliche japani-
sche Aufrüstung Alarm geschlagen und erklärt: 'Wenn Japan zu
stark und eine Bedrohung für seine Nachbarn wird, werden wir das
bei den USA anzusprechen haben'. Marcos' Ansichten werden inter-
pretiert als eine Versicherung gegenüber Japan, daß seine Nach-
barn nun zu akzeptieren bereit sind, daß Japan eine bedeutende
militärische Rolle in der Region spielt." (Far Eastern Economic
Review, 9.4.1982)
Aus der Sicht der japanischen Regierung eröffnet die massive ei-
gene Aufrüstung so in jedem Fall zusätzliche eigene "Optionen" im
Bündnis und "bessere Argumente" im bündnisinternen Schacher um
die Kostenverteilung des neuen Roll-back gegen den Osten.
Da freilich die neue Rüstung sich aus einer Ökonomie, deren
Reichtumsakkumulation wesentlich auf dem Export beruht, nicht
ganz ohne Probleme finanzieren läßt, wenn dieser Export auf sei-
nen wichtigsten Märkten eine Beschränkung nach der anderen er-
fährt, blieben auch diplomatische Reibereien mit den USA um das
Maß der japanischen Aufrüstung nicht immer aus.
Mittlerweile hat Japan sich allerdings in dieser Hinsicht kaum
noch etwas vorzuwerfen, wie Japanbeobachter feststellen können:
"Der politische Schwenk in der japanischen Verteidigungskonzep-
tion wird konkretisiert dadurch, daß man im neuen 'Sparhaushalt'
den Verteidigungsetat erhöht." (Frankfurter Rundschau, 25.1.1982)
Am nationalen Konkurrenten Japan entdecken deutsche Journalisten
die politische Absicht eines Sparhaushaltes - und schreiben ihn
deswegen in Anführungszeichen - sowie die Normalität demokrati-
scher Aufrüstung: "So stehen niedrigen Zuwachsraten im Sozialbe-
reich auf der Einnahmenseite höhere Preise für Reis und öffentli-
che Transportmittel sowie eine Erhöhung des Schulgeldes und der
Beiträge zur Gesundheitsversorgung gegenüber." (Süddeutsche Zei-
tung, 29.12.81)
Der dezente Streit um das Maß der Aufrüstung geht deshalb auch
nicht so sehr um die Kostenbelastung der japanischen Wirtschaft
als um die sicherheitspolitischen Ansprüche und das verlangte Maß
an diesbezüglicher Unterordnung seitens der USA. Denn
"Japan will sich durch die Ungeduld der Amerikaner nicht über
Nacht in eine waffenstarrende Festung verwandeln lassen, sondern
nur eine Aufrüstung nach (japanischem) Maß betreiben."
(Süddeutsche Zeitung, 29.12.81)
Von der Etappe zum Frontstaat
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Seitdem es sich um nicht weniger handelt, als in Ost- und Süd-
ostasien ein umfassendes neues "Gleichgewicht" gegen die So-
wjetunion aufzumachen "Die amerikanische Regierung erwägt die
Stationierung von Nuklearwaffen auch in Ostasien, um dort ähnlich
wie in Westeuropa ein Gegengewicht gegen die atomare Stärke der
Sowjetunion aufzubauen." (Süddeutsche Zeitung, 6.8.81) -,
d.h. der Sowjetunion praktisch zu bedeuten, daß sich ihre Waffen
eigentlich nirgendwo auf der Welt lohnen, hat Japan den zweifel-
haften Aufstieg von der bewaffneten Etappe amerikanischer Con-
tainment-Politik zum Mittelpunkt des fernöstlichen Kriegs-
"Theaters" zu verzeichnen. Das produziert natürlich ganz neue
Sachzwänge:
"Japanische Sicherheitspolitiker befürchten, daß Moskau nach ei-
nem Abkommen mit Washington über eurostrategische Waffen einen
Teil der auf Westeuropa gerichteten SS 20 in den Fernen Osten
verlegen könnte." (ebda.)
Klar, daß angesichts dieser enorm wahrscheinlichen Perspektive
"bei der kürzlich eingeleiteten US-japanischen Verhandlungsrunde
zur Verteidigung Japan zum ersten Male uneingeschränkt die ameri-
kanische Behauptung einer aktiven sowjetischen Bedrohung in
Fernost akzeptierte." (Frankfurter Rundschau, 25.1.82)
Die Daten, nach denen sich das "japanische Maß" der Aufrüstung zu
richten hat, sind somit inzwischen hinreichend klar. Dementspre-
chend konnte US-Verteidigungsminister Weinberger auf seiner Osta-
sienreise Ende März die Japaner denn auch getrost "mit Samthand-
schuhen anfassen":
"Diplomatisch erklärte er, er sei nicht so sehr daran interes-
siert, welchen Prozentsatz vom Bruttosozialprodukt Japan für Ver-
teidigung ausgebe. Ihm komme es vielmehr auf die Art und Weise
an, wie das Geld ausgegeben werde und wieviel Stärke daraus ent-
springe." (Far Eastern Economic Review, 2.4.82)
Und er konnte es sich auch sparen,
"den Wunsch zu erwähnen, daß die Japaner eine hinreichend starke
Luft- und Seemacht aufbauen, um den Haupthafen der Sowjetunion im
Osten, Wladiwostok, blockieren zu können - obwohl" (das heißt:
weil) "US-Militäranalysten das von Japan erwarten." (ebda.)
Weil also die Linie der "US-japanischen Verhandlungsrunde zur
Verteidigung" keiner weiteren Erörterung mehr bedarf, trug Wein-
berger den japanischen "Empfindlichkeiten" sogar soweit Rechnung,
feinfühlig von einer japanisch-amerikanischen Verteidigungs-
p a r t n e r s c h a f t zu sprechen,
"ein wohlgewählter Ausdruck, da er das Wort Bündnis vermeidet,
das die Japaner nicht schätzen." (ebda.)
Soviel Rücksichtnahme hat sich Helmut Schmidt schon immer ge-
wünscht.
Südkorea und Taiwan
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Südkorea ist laut Weinberger die "dritte Säule (nach Japan, der
zweiten) der amerikanischen Asienpolitik", wobei die Einschrän-
kung "Süd-" ein zu korrigierender Betriebsunfall ist.
"Die USA fühlen sich der Freiheit und Unabhängigkeit der koreani-
schen Halbinsel verpflichtet.",
lautet die von Weinberger vor Ort abgegebene gültige Definition.
Ebenso wie die Taiwans besteht die Freiheit und Unabhängigkeit
Südkoreas in seiner unbedingten, kaum mit einem Schein der Souve-
ränität - ausgestatteten Verfügbarkeit als militärischer Vorpo-
sten der USA gegen den "kommunistischen Machtbereich". Da somit
für die örtlichen Regimes das Maß ihrer Nützlichkeit für ihren
Sponsor unmittelbar seinen Ausdruck findet in ihrer Ausstattung
mit Kriegsmaterial, ist die Verstärkung der Kampfkraft ihrer
Luft-, See- und Landstreitkräfte, die gegenwärtig läuft, ledig-
lich eine Frage des Umfangs der amerikanischen Militärhilfe. Die
politischen Empfindlichkeiten, die die weitere Waffenanhäufung in
diesen "Militärcamps der USA" bei den Nachbarn auslöst, werden
derzeit souverän ignoriert. Für Japan war die koreanische Aufrü-
stung sowieso schon immer ein guter zusätzlicher Grund, mit der
eigenen nicht zurückzustehen, so daß Weinberger bei seinem samt-
behandschuhten Besuch in Tokio das "Pulverfaß-Thema" des südko-
reanisch-japanischen "Mangels an Freundschaft" getrost unberührt
lassen konnte.
China
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Und China darf der Modernisierung der taiwanesischen Luftwaffe
wie schon letztes Jahr der Lieferung holländischer U-Boote ruhig
entnehmen, daß seine Rolle im strategischen Kalkül des Westens
über die nützliche Funktion einer Bindung sowjetischer Kräfte an
einer unsicheren Grenze nicht hinausgeht. Weshalb denn auch trotz
aller sowjetischen Aussöhnungsangebote beruhigend zu vermelden
ist:
"Peking denkt nicht an Frontenwechsel." (Süddeutsche Zeitung,
26.3.82)
Ganz so, als ob die Offensive des Westens gegen die Sowjetunion
als einzige Chance, für ein "großes sozialistisches China" ge-
dacht wäre, betreibt Peking seinen eigenen Ost-West-Gegensatz,
und der Westen läßt sich hier die "kommunistische Unfreiheit
"gefallen, weil sie ihm nützt. Neben der Modernisierung (einer
der vier...) der chinesischen Armee und dem Ausbau der nuklearen
Raketenstreitmacht stellt China seine Nordgrenze für amerikani-
sche elektronische Horchposten zur Verfügung. Trotz allem Entge-
genkommen sieht es sich aber nicht nur mit der amerikanischen
Aufrüstung des Kuomintang-Regimes auf seiner Provinz Taiwan kon-
frontiert, sondern sich auch selbst von größeren Waffenlieferun-
gen des Westens ausgeschlossen. So muß sich die chinesische Re-
gierung damit trösten, daß ungefähr gleichzeitig mit dem Beginn
der neuen Flugzeuglieferungen an Taiwan Weinberger die
"Annäherung zwischen den USA und China" zur "vierten Säule ameri-
kanischer Asienpolitik" erklärt hat.
Die ASEAN-Staaten
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Die "Nachrüstung" in den ASEAN-Staaten (Thailand, Malaysia, Sin-
gapur, Indonesien und Philippinen) vollzieht sich quasi als Ne-
benprodukt der Militarisierung der Region durch die USA. Diese
bauen im ASEAN-Bereich vornehmlich Militärbasen aus, reaktivieren
alte, errichten neue. Die betreffenden Staaten wetteifern dabei
auf der Grundlage ihrer militärischen Relevanz für die US-Strate-
gie um günstige Konditionen bei der Zuteilung von Militärhilfe
und der Auszahlung von "Benutzungsgebühren" aus den Stützpunktab-
kommen. Die Nase weit vorn haben dabei die Philippinen, jene In-
selgruppe um die beiden wichtigsten US-Stützpunkte im Westpazi-
fik, Clark Air Base und Subic Bay. Aber auch Thailand kann als
Frontstaat an der indochinesischen Nebenfront seit geraumer Zeit
mit recht großzügiger Hilfe "zur Abwehr vietnamesischer Über-
griffe" rechnen (vgl. MSZ Nr. 5/81: "Ein neuer Indochinakrieg").
Auf diese Weise liefern die ganzen Regimes der Region ihren
"Sicherheitsbeitrag". Und nachdem China die Unterstützung für
kommunistische Untergrundkämpfer eingestellt hat, sieht sich die-
ser strategische Vorhof der USA ganz entsprechend seiner Funktion
der übergeordneten Bedrohung ausgesetzt:
"Malaysia und Indonesien betonten (!) kommunistische Bedrohung."
(Süddeutsche Zeitung, 20./21.2.82)
Das "Rohstoffbündnis" ASEAN weiß sich dabei in seiner Pflicht und
praktiziert seine eigene politische Verantwortung, die ihm von
den beteiligten Staaten des Manila-Paktes (SEATO) 1977 mit dessen
Auflösung übertragen wurde, nicht nur im Kampuchea-"Konflikt".
Indien
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"sieht sich von der Reagan-Administration leichtfertig als Kreml-
Vasall abgestempelt." (Die Zeit, Nr. 8/82)
Indiens regionale Vormachtansprüche - in mehreren Kriegen mit Pa-
kistan geltend gemacht - werden nämlich von den USA schlichtweg
ignoriert: Solange Indien sich nicht umstandslos der westlichen
Offensive verschreibt und die Sowjets aus dem Land jagt, wird Pa-
kistan gleichgültig gegen Indiens "Sicherheitsinteressen" von den
USA massiv aufgerüstet - in der Gewißheit, daß Indiens
"Liebäugeln" mit der Sowjetunion noch nie eine Parteinahme gegen
den Westen war, sondern die Demonstration der "Unabhängigkeit von
den Supermächten" (Indira Gandhi).
Die eindeutige amerikanische Sortierung aller Welt verlangt nun
von Indien "verbindliche" Anstrengungen der Differenzierung von
Freund und Feind. Seine bisherige Entwicklungsland-Blockfreien-
Politik wird Indien nicht mehr zugestanden.
"Ohne zwingenden Grund scheint das Washington Ronald Reagans nun
das Indien Indira Gandhis ins Feindeslager abdrängen zu wollen."
(Die Zeit, Nr. 8/82)
So die moderate Sichtweise eines deutschen Journalisten, dessen
Staat Indien schließlich sicherlich nicht mit U-Booten aufrüstet,
um den Ostblock zu- stärken, Der "außenpolitische Rigorismus" der
Reagan-Administration erregt da vornehmlich Mißfallen, welches
sich gar zu der geständigen Frage steigert, ob sich die USA mit
ihrer Rücksichtslosigkeit "eigentlich" nicht mehr schaden als
nützen. Denn Indien hat längst die "Zeichen der Zeit" erkannt und
bereits gelernt, worin der rechte Gebrauch "weltpolitischer Ver-
antwortung" heutzutage besteht:
"Die Amerikaner bauen ihre Strategie so aus, daß es für Indien
darin keinen Platz gibt. Was können wir schon dagegen tun. Wir
geben unser Bestes, um ein freundschaftliches Verhältnis mit ih-
nen zu entwickeln, weil wir glauben, daß das für beide (!) Seiten
lebenswichtig ist!" (Indira Gandhi, 1982)
Indien reagiert auf seine Weise auf die "Disparitäten", die
Washington systematisch und rücksichtslos auch in dieser Region
hervorbringt, indem es die fernöstliche Staatenwelt nach seinem
strategischen Kalkül ordnet und aufrüstet. Es kauft derzeit in
Ost und West in Massen hochtechnisiertes Inventar für seine Sou-
veränität; die Bestellungen aus 1980 und 1981 allein belaufen
sich auf 500 bis 700 russische T-72 Panzer, 60 MiG 23 und MiG 25,
100 französische Mirage 2000, 4 deutsche U-Boote und einiges
Kleinzeug mehr, von der Produktion der nationalen Rüstungsindu-
strie ganz zu schweigen.
Da fügt es sich nicht schlecht, daß Freund Breschnew sich justa-
ment "in diesen schweren Zeiten für Indien" laut "zuverlässiger
Regierungsquellen" in Delhi zu seinem jüngsten Indien-Besuch im
März angeblich "selbst eingeladen" hatte zu Freundin Indira, und
den Indern erlaubt, sich für die westliche Presse ganz kühl ge-
genüber dem "ungebetenen Gast" zu geben: "Dem Drängen der Russen
stehen die Inder distanziert gegenüber." (Neue Zürcher Zeitung,
15.3.82) Sie haben in der Tat verstanden, daß Blockfreiheit seit
Afghanistan gegenüber dem Osten zu praktizieren ist.
Die USA
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sind übrigens selbst die "erste Säule der amerikanischen Asienpo-
litik", gemäß den Worten Weinbergers, die dieser "voll ruhiger
Bestimmtheit" in Tokio zum Besten gab:
"Die Vereinigten Staaten werden eine pazifische Macht bleiben."
(Far Eastern Economic Review, 2.4.82)
Und die Resultate der seit über einem Jahr laufenden "umfassenden
Studie" zur Erhöhung der Kampfkraft der US-Streitkräfte im pazi-
fischen Befehlsbereich, die dessen Oberbefehlshaber im März in
Forderungen an den Kongreß vorbrachte, stehen dafür, u.a.
- Stationierung chemischer Waffen auf allen wichtigen asiatischen
und westpazifischen US-Stützpunkten;
- Ausrüstung der B-52-Bomber in Guam und ihrem neu einzurichten-
den Stützpunkt in Australien mit Cruise missiles;
- Stationierung von Pershing II in Südkorea;
- Verstärkung der 7. Flotte um 3 auf 9 Flugzeugträger und um 100
auf 280 sonstige Kriegsschiffe;
das alles mit der klaren Zielsetzung,
"die See-Überlegenheit der US-Navy zu sichern", bzw. "unsere re-
lative Überlegenheit bei den konventionellen Streitkräften wie-
derherzustellen." (ebda.)
Gerade weil sie aber den Krieg im Fernen Osten primär selbst zu
führen gedenken, haben ihnen sämtliche militärischen Ressourcen
und Einrichtungen der "befreundeten Länder in der Region" für
ihre Einsatzplanung und deren Absicherung zur Verfügung zu ste-
hen.
"Breschnew beteuerte das Interesse der Sowjetunion an guten Be-
ziehungen außer zu China auch zu Japan und Indien und sagte, man
müsse aus Asien eine Zone des Friedens machen." (Süddeutsche Zei-
tung, 25.3.82).
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