Quelle: Archiv MG - AFRIKA RSA - Republik Südafrika


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       Wiener Hochschulzeitung, 21.01.1986
       
       Marxismus und Politologie
       
       Streitgespräch zwischen Univ. Prof. H. Kramer (Institut für Poli-
       tikwissenschaft) und der Marxistischen Gruppe (MG) betreffend:
       

JEDEN STÖRT ETWAS AN SÜDAFRIKA - ABER WAS?

1. Die Lage der Nation ---------------------- in der Republik Südafrika hat sich weitgehend normalisiert, d.h. die weiterhin regelmäßig anfallenden toten Neger werden mit weni- ger weltweiter Publizität bedacht und einfach in Form wöchentli- cher Abschuß-Bilanzen in Presse und TV erwähnt. Der Grund der dauernden Unzufriedenheit südafrikanischer Neger soll ein System der Rassen-Trennung sein, mit dem vorurteilsbeladene "verkrampf- te" Buren ihre Vorherrschaft sichern wollen - und davon kann keine rede sein. Die Burenhäuptlinge, als moderne Politiker beherzigen bloß eine auch außerhalb Südafrikas verbreitete Einsicht, nach der eine freie Marktwirtschaft ohne ein frei verfügbares menschliches Arbeitsvieh nicht auskommt, und völlig vorurteilslos gestehen sie ein, daß auch Neger dafür sehr brauchbar sind. In Südafrikas Bergwerken, Plantagen und Fabriken wird auf die A n w e s e n h e i t von vielen Negern großer Wert gelegt - also von wegen, die dortigen Weißen wollten vor lauter Abneigung n i c h t s mit Negern zu tun haben: arbeiten sollen die Bantus, zu Löhnen knapp über Nulltarif, unter extrem schädlichen Arbeitsbedingungen - und sonst nichts. Die südafrikanische Rechtsordnung weist der schwarzen Rasse ihre Funktion als rein nach den Gesichtspunkten des Geschäfts benutzbares Proletariat bzw. als dessen Reservearmee zu - alle d a f ü r nötigen R e c h t e besitzen die Neger nämlich! Darüber hinaus brauchen sie nach Einschätzung der Buren auch keine und der Einfall, Neger einfach zu A u s l ä n d e r n zu erklären, ist offensichtlich vom in Europa üblichen Umgang mit Gastarbeitern inspiriert: Jedem Bantu-Stamm ein eigenes "Bantustan". Dort genießt der Neger, was die RSA ihm verweigert: den Status des Staatsbürgers nämlich, auch wenn jeder versucht, der Abschiebung ins "homeland" zu entgehen - mangels dortiger Existenzmöglichkeiten. 2. Die Freunde der Neger ------------------------ sind besonders in den westlichen Demokratien, so auch in Öster- reich, sehr zahlreich. Die kritischen Bürger im Reich der Frei- heit haben in Südafrika schreiendes Unrecht entdeckt. Was diesen Menschenfreunden mißfällt, ist weniger die krude B e h a n d l u n g der Neger - Leute zur Manövriermasse des Ka- pitals zu machen, mit allen ruinösen Konsequenzen, ist weißgott keine südafrikanische Erfindung und Besonderheit -, sondern viel- mehr, daß es sich dabei um eine U n g l e i c h - Behandlung handelt. Die RSA überläßt die A u s l e s e derer, die es "im Leben zu etwas bringen", nämlich nicht dem Ausbildungswesen und dem Arbeitsmarkt; diese Republik installiert keinen ständigen Vergleich ihrer Untertanen gemäß ihrer Nützlichkeit und Leistung, sondern entscheidet diesen Vergleich - und das auch noch entlang der Hautfarbe: Die Neger sind dort die geborenen Proleten, besser bezahlte Tätigkeiten durch "job reservation" dem weißen Staatsvolk vorbehalten und so ziemlich alles über das Arbeiten- dürfen hinaus ist den Negern untersagt - sie haben nach der Arbeit aus der weißen Zivilisation ins Ghetto zu verschwinden. Das finden kritische Bürger mächtig unfein. Wie gesagt, diese Kritik gilt keineswegs dem Umstand, daß eine politische Herr- schaft ihr Menschenmaterial u n t e r s c h e i d e t, es bei- spielsweise in Einheimische, Gastarbeiter, Asylanten, in Arbei- ter, Rentner, Studenten und Wehrpflichtige s o r t i e r t und einer S o n d e r b e h a n d l u n g unterzieht - entsprechend den jeweiligen staatlichen Ansprüchen an die jeweiligen Bürger. Das ist gute demokratische Sitte und genau d a f ü r spricht sich jeder Negerfreund aus, der meint, ausgerechnet die Hautfarbe als das Kriterium so mancher Sonderbehandlung wäre doch heutzu- tage überholt. Überarbeitung und Arbeitslosigkeit, Armut und Elend, Alkoholismus und Slums sind auch außerhalb der RSA weit verbreitet und vertra- gen sich in der westlichen Zivilisation - zumindest im Prinzip - glänzend mit Menschenrecht und -würde, aber ein beschissenes Le- ben bloß wegen der f a l s c h e n H a u t f a r b e (und nicht als Ergebnis der Kombination von "gesellschaftlichen Chan- cen" und "individuellen Fähigkeiten" wie hierzulande!), und noch schlimmer, kein Wahlrecht, also das geht hiesigen Menschenrechts- fanatikern zu weit und verletzt entschieden allerhöchste Werte. 3. Die wahren Gönner der Neger ------------------------------ sitzen bekanntlich in den westlichen Hauptstädten. Bischof Tutu vertraut zur Beförderung seiner Anliegen auf da Fürsprache mäch- tiger Gönner, die alle im westlichen Freiheitslager hausen und begibt sich in die USA, um zu westlicher Einmischung aufzufordern - eine nachträgliche Bestätigung seiner Eignung für den Friedens- Sprengstoffpreis. Das Gerücht, der freie Westen hätte etliche Einwände gegen den burischen Umgang mit Schwarzen, erhielt im Sommer '85 neue Nahrung, als ein, zwei Wochen lang alle besseren Freiheitsfürsten von Reagan abwärts die M ö g l i c h k e i t von "Sanktionen" gegen die RSA "erwogen". Was hatte Botha bloß verkehrt gemacht? - Die Behandlung der Neger? Gerade daran verdienen europäische, auch österreichische, und amerikanische Firmen. Die Ausbeutung klappt nach wie vor. - Die ökonomischen Beziehungen zum Westen In der RSA finden sich bedeutende Vorkommen an Gold und etlichen - nicht zuletzt s t r a t e g i s c h bedeutsamen - Erzen und Mineralien. Diese werden von den Negern ausgegraben unpünktlich an die Kundschaft in die USA und Europa exportiert. - Die regelmäßigen Kriege gegen Nachbarstaaten? Daran haben die Machthaber der NATO nichts auszusetzen, schließlich werden mit Angola und Mozambique Staaten befriedet, die als Partner der So- wjetunion gelten. - Die Leichen beim Ordnungsstiften innerhalb der RSA? Na und? Das Niedermachen unzufriedener Elemente wird doch von westlichen Ver- bündeten nicht nur zwischen Salvador und den Philippinen erwar- tet. Dennoch wurde die Regierung Südafrikas sehr nachdrücklich daraus hingewiesen, wie relativ ihre Macht ist, wie sehr der Westen den Burenstaat jederzeit schädigen k ö n n t e. Gerade weil die RSA für die NATO politisch, ökonomisch und strategisch so wichtig ist, wurden die Buren daran erinnert, daß sie von der westlichen Zufriedenheit mit den politischen Diensten Südafrikas abhängig sind, und daß es an Südafrika liegt, sich diese Zufriedenheit zu verdienen. Zwar hat die RSA keinen geforderten Dienst verweigert, allein der Anspruch, kein S a t e l l i t, sondern b e- f r e u n d e t e M a c h t zu sein, gilt offenbar - in seinem Beharren auf nationaler Eigenständigkeit - als unverträglich mit problemloser Dienstbarkeit für die westlichen Interessen. Und danach wird die RSA schließlich tatsächlich beurteilt. Diese Auseinandersetzung zwischen den R e g i e r u n g e n wurde - weil unter dem Titel "Menschenrechte" abgewickelt - nicht nur hierzulande mit einer P a r t e i n a h m e f ü r a u f- m ü p f i g e N e g e r verwechselt. Auch manche Opfer süd- afrikanischer Politik meinen seither, daß ihnen vor allem eines abgeht: n o c h m e h r westlicher Zugriff auf Südafrika, zu dem manche Negerfreunde in Europa ihre Regierungen meinen erst noch auffordern zu müssen. 4. Das Streitgespräch --------------------- "Marxismus versus Politologie" ist das Angebot, sich das alles noch einmal zu überlegen. Anhand der Klärung der Ziele und Metho- den südafrikanischer Politik, des dortigen Rassismus im Unter- schied zum demokratischen, des westlichen Interesses an diesem Land - und was sonst vom Publikum für klärenswert gehalten wird. Marxistische Gruppe (MG) zurück