Quelle: Archiv MG - AFRIKA RSA - Republik Südafrika
zurück
Tübinger Schulzeitung, 10.10.1985
Wem gehört Südafrika?
Die Antwort von Reagan, Thatcher, Strauß, Genscher und Co:
"UNS - ABER NOCH LANGE NICHT GENUG!"
Denn das eine ist bei aller heuchlerischen Aufregung über die ar-
men "entrechteten" Schwarzen da unten ja immer unumstritten
geblieben. D e n e n gehört Südafrika n i c h t - und das hat
auch so zu bleiben. 'Ein Mann - eine Stimme'? Nichts da; so ist
Demokratie für Neger nicht gemeint; da sind Genscher und Strauß
sich bei allem Koalitionsstreit bruchlos einig, und die anderen
regierenden Hüter der Menschenrechte auch. Südafrika gehört den
Buren - plus den paar dicken Obernegern, die sie als Chefs über
die verschiedenen autonomen Neger-Reservate eingesetzt haben -;
und daran soll alles Geschrei gegen die "Apartheid" nichts än-
dern. Wenn überhaupt, dann sind "Reformen" dafür nötig, damit das
so bleibt. Genaugenommen stimmt es natürlich Überhaupt nicht, daß
Südafrika "den Buren" gehört. Auch die Weißen in dem Land unter-
teilen sich ganz ordentlich: in eine Mehrheit, der außer ihrer
gesetzlich geschützten Arbeitskraft nicht so arg viel gehört -
und in die aus allen demokratischen Staaten bekannte Minderheit,
die in den Fabriken und Goldgruben, an den Börsen und bei der Po-
lizei, über die Armee und als Regierung wirklich das Sagen hat.
Denen, und keineswegs "den Weißen", gehört der beträchtliche
Reichtum, der in diesem Land zustandekommt, und die politische
Macht, die die kapitalistische und herrschaftsdienliche Verwen-
dung dieses Reichtums garantiert. - Eine Garantie, bei der be-
kanntlich immer mal wieder Leichen anfallen; aber daß bleibt ein-
fach nicht aus, wenn das zum Reichtum gehörige E l e n d
u n t e r K o n t r o l l e bleiben soll.
Ganz genaugenommen stimmt natürlich auch das nicht, daß Südafrika
einfach den einheimischen Kapitalisten und Machthabern gehört;
und damit wären wir beim Kern der Sache.
- Was die F a b r i k e n d e s L a n d e s betrifft, so
gehören die schönsten Exemplare so bekannten und beliebten Unter-
nehmen wie VW, BMW, Daimler, Siemens usw. Die haben sich bei den
Buren immer wohlgefühlt, weil deren Rechtssystem und Polizei ih-
nen stets genügend und sehr billige und hervorragend diszipli-
nierte schwarze Arbeitskräfte zur Verfügung gestellt hat. Und
daran hat sich auch 1985 nicht du geringste geändert. Wenn diese
menschenfreundlichen Anstalten sich an etwas stören, dann sind es
ganz gewiß nicht ein paar erschossene oder erschlagene Neger, und
erst recht ist es nicht das südafrikanische Rechtssystem. Sondern
dann ist es die Tatsache, daß noch zu viele Fabriken in Südafrika
der Konkurrenz gehören. Mehr vorn Geschäft auf der Grundlage
schwarzhäutiger Arbeitskraft, mehr vom nationalen Profit in die
bewährten Klauen deutscher Unternehmer, britischer Banken, ameri-
kanischer Investitionsgesellschaften: Das ist ihr immerwährender
"Reformvorschlag" für Südafrika.
- D i e s c h ö n e n R o h s t o f f e, die Südafrikas Neger
für einen Hungerlohn aus der mineralhaltigen Erde des Landes her-
ausbuddeln dürfen, mögen erst mal irgendwelchen nationalen Berg-
bau-Konzernen gehören - im Endeffekt gehören sie in die Vorrats-
lager von Firmen, die in Westeuropa, Japan und den USA zu Hause
sind - Und nicht nur das. Die meisten Bodenschätze Südafrikas
verdienen ein schmückendes Beiwort: Sie sind nicht bloß irgend-
welche, sondern s t r a t e g i s c h e R o h s t o f f e.
Also gehören sie, logischerweise, in die Hand von Strategen - der
richtigen natürlich, die damit die Aufrüstung für die Große Frei-
heit, Marke NATO, voranbringen. Gleich zwei wohlbegründete frei-
heitliche Besitzansprüche also auf das Gelände der Republik Süd-
afrika mit seinem reichhaltigen Inventar an Erzen und schwarzen
Bergarbeitern. Aus diesen Besitzansprüchen folgen zwei knallharte
Forderungen. Erstens kann das ausgebuddelte Zeug gar nicht
b i l l i g genug sein; dann nützt es nämlich dem Geschäft
u n d der Aufrüstung der Freien Weit am meisten. Zweitens kann
der Nachschub gar nicht s i c h e r genug sein. Und damit wären
wir bei Punkt 3:
- D i e p o l i t i s c h e M a c h t i n d e r R e p u b-
l i k ist bei den herrschenden Burenpolitikern zwar einerseits
in guten und treuen Händen. Die entdecken eine "kommunistische
Gefahr", wo nicht einmal Strauß oder Reagan gleich den roten
Teufel an die Wand malen - das spricht für sie, nämlich für ihre
Wachsamkeit. Die lassen auch in der letzten Kolonie des gesamten
Kontinents, dem ehemaligen Deutsch-Südwest-Afrika und heutigen
Namibia, nichts anbrennen; lieber marschieren sie jedes Jahr
hundert Kilometer nach Angola hinein und stiften dort einiges
Durcheinander, damit Namibia ruhig und sicher bleibt - auch das
spricht für sie. Noch ärger als Angola drangsalieren die
südafrikanische Armee und von ihr ausgerüstete und bezahlte
Killer-Banden die Nachbarrepublik Mosambik, wo ein linker Präsi-
dent mal einen "afrikanischen Sozialismus" proben wollte - jetzt
kriecht er bei Präsident Reagan zu Kreuze, weil er sich für einen
Vasallenstaat der USA bessere Überlebenschancen ausrechnet. So
etwas spricht erst recht für die Burenherrschaft; selten zahlt
Terror sich so unmittelbar für die demokratische Weltherrschaft
aus.
Eben in diesen nützlichen Diensten der weißen Herren Südafrikas
liegt allerdings zugleich der Haken. Eine Herrschaft, die auf
reibungslose Ablieferung der 'strategischen Rohstoffe' des Lan-
des, auf die strategische Ordnung im südlichen Drittel Afrikas
überhaupt und auf den Kampf gegen jede "kommunistische Gefahr"
achtet und dafür alles tut, ist für den Westen, 1985 mehr denn
je, ganz einfach z u w i c h t i g, um sie umstandslos bor-
nierten Buren zu überlassen. Politikern, die darüber nur allzu
s e l b s t s i c h e r werden und im Innern wie nach außen
"Ordnungspolitik" auf eigene Faust betreiben. Die Herrscher in
den Zentren des Weltgeschehens zwischen Washington und Bonn rech-
nen da immer gleich mit einer 'Gefahr': Diele Figuren könnten
mehr südafrikanische Nationalisten als dienstbare Geister der de-
mokratischen Weltherrschaft sein; sie könnten glatt meinen, die
Macht in Südafrika gehörte wirklich und in letzter Instanz
i h n e n - und nicht dem Westen, der davon den Nutzen h a t
und mit totaler Sicherheit auch weiter h a b e n w i l l.
So werden die regierenden Buren in Südafrika - diplomatisch, aber
nachdenklich - daran "erinnert", daß ihre Herrschaft über 5 Mil-
lionen Weiße und 20 Millionen Schwarze und außerdem über einige
Nachbarstaaten im Norden eine unentbehrliche G e s c h ä f t s-
g r u n d l a g e hat. Das ist der Wille der maßgeblichen
Weltmächte des Freien Westens, auch in dieser Weltgegend alles
t o t a l u n t e r K o n t r o l l e zu haben. Diplomatisch
wird der innenpolitische Gebrauch kritisiert, den die regierenden
Rassisten vor Ort von ihrer souveränen Gewalt machen. G e-
m e i n t ist aber unmißverständlich ihre S o u v e r ä n i-
t ä t s e l b s t: Erst kommt der Dienst für den Westen,
d a n n die Hautfarbe.
Für d i e s e Klarstellung werden die paar aufmüpfigen Neger
und die Leichen, die in Südafrika zum Alltag gehören, mal andert-
halb Monate lang hochgejubelt; d a f ü r kriegt ein schwarzer
Bischof den Friedensnobelpreis; d a f ü r werden von den USA
und vom EG-Ministerrat "Sanktionen" beschlossen, von denen gleich
klar ist, daß sie nichts kaputtmachen sollen, sondern nur symbo-
lisch gemeint sind - aber das sind sie schon! Vor der UNO und von
allen Kritikern im eigenen Land lassen die demokratischen Staats-
führer sich dazu aufrufen, ihre Besitzansprüche auf Südafrika
n o c h h ä r t e r und nachdrücklicher zu vertreten - wäre die
Terrorherrschaft der regierenden Buren noch nicht Dienst genug am
westlichen Anspruch auf "Ordnung" und funktionierende Hilfsquel-
len in aller Welt. Nein, im Jahr des Heils 1985, vor dem Beginn
einer Aufrüstungsrunde wie noch nie, reichen diese Dienste
w o m ö g l i c h tatsächlich nicht mehr voll aus. Die regieren-
den Buren sollen nicht bloß die Lakaien und Kettenhunde der USA
und ihrer Verbündeten in Europa sein, sie sollen es auch wissen
und sich zu dieser Aufgabe als dem höchsten Lebenszweck ihrer
Republik b e k e n n e n.
Dagegen ist weit und breit nur der Franz Josef Strauß aus Bayern.
Der hat einfach keine Zweifel daran, daß die regierenden Buren
auch in Zukunft jede Probe auf ihre Nützlichkeit und Dienstbar-
keit für die westliche Weltherrschaft bestehen werden. Auch ohne
daß man sie mit geheucheltem Abscheu über die "Rassentrennung"
drangsaliert. Oder genauer: Strauß hält die demonstrative Absage
an alle sogenannten "Sanktionen" für eine prima Methode, wie die
BRD sich ihren besonderen Einfluß auf und in Südafrika sichern
und ihn sogar erweitern könnte; das ist sein Streitpunkt mit Gen-
scher.
Was für eine liebliche Republik, in der politische Streitigkeiten
nur noch um die Frage entbrennen, w i e der deutsche Anteil am
westlichen Imperialismus besser zu sichern und auszuweiten ist.
zurück