Quelle: Archiv MG - AFRIKA RSA - Republik Südafrika


       zurück

       Hamburger Schulzeitung, 20.05.1987
       
       Demokratie auf den Philippinen und in Südafrika:
       

UNSERE STATTHALTER BITTEN ZUR WAHL

Wenn in befestigten Demokratien Wahlen meistens so ausfallen, wie die Regierung sich das gedacht und gewünscht hat, so wundert das niemanden: Daß das A m t beim Wähler einen B o n u s ein- bringt, gehört zu den Elementarweisheiten demokratischer Lebens- klugheit. Solche verzwickten Kalkulationen mit dem freien Unter- tanengemüt und seinen Stimmungen sind fehl am Platz, wenn die Mannschaft der philippinischen Präsidentin bei den dort angesetz- ten Wahlen lauter Mehrheiten zwischen 60 und 95% gewinnt. Soweit nicht ohnehin der zuständige Grundbesitzer den "Wahlvorgang" für seine Abhängigen organisiert, heißt das Rezept dort Bestechung; und die funktioniert bei den Wählern, die von der Hand in den Mund leben, denkbar einfach. Wo der Dollar fürs Jubeln und ein hübsches gelbes T-Shirt trotzdem noch keine Erfolgsgarantie dar- stellen, weil eine gleichgesinnte und auch noch finanzkräftige Konkurrenz dieselben Mittel einsetzt, da helfen ein bißchen Ter- ror, der Zugriff auf die Wahlurnen und die Kunst des zweckmäßigen Nachzählens weiter. Wenn dem Volk mangels demokratischer Reife nicht zu trauen ist, dann schafft sich die Regierung, die Wahlen abhält, ihre Sicherheiten eben selber. Die demokratische Weltöffentlichkeit weiß das und sieht die Sache im Großen und Ganzen genauso wie die Wahlveranstalter. Niemand täuscht sich wirklich darüber, wie Wahlen in Ländern wie den Philippinen funktionieren. So richtig kleinlich nachgerechnet und als Wählerbetrug angeprangert wird das aber nur, wenn man prakti- sche Schwierigkeiten für die wiedergewählte Regierung sieht - woher auch immer die kommen -, sich im Amt zu halten. Wenn die politischen und sonstigen Geschäfte zur Zufriedenheit der Weltmeinung aus USA und Europa weiterlaufen, dann verlieren Bedenken gegen die regierungsamtlichen Verfahren der Herrschaftssicherung sofort an Reiz. Verfehlungen muß so ein Wahlsieger sich nur dann vorrechnen lassen, wenn sein Wahlzirkus den beabsichtigten Zweck verfehlt: Wenn eine Regierung nicht im Sinne der westlichen Weltordnung funktioniert, also auch wenn durchaus willige Statthalter der Freien Welt z.B. ihre Opposition n i c h t w i r k s a m k l e i n k r i e g e n - egal wie -, d a n n erhebt der demokratische Idealismus sein Haupt und legt Wert auf die Erinnerung, daß das Wahlverfahren ja wohl ein Hohn auf alle Regeln der Freiheit war. Insofern gilt also doch auch für solche Lände mit einem Volk von zweifelhafter demokratische Reife die Grundgleichung des demokra- tischen Wahlrechts: Der Erfolg gibt recht, der Mißerfolg gibt un- recht. So steht de Idealismus demokratischer Weltbeurteilung auf den Füßen. Philippinen: Von wegen "People's Power" --------------------------------------- Mit der Machtergreifung der Präsidentin Aquino auf den Philippi- nen, die durch die jüngsten Wahlen erst einmal erfolgreich abge- schlossen sein dürfte, ist nicht die Politik des alten US-Lakaien Marcos ausgewechselt worden, sondern nur die Clique, die regieren und sich dabei bereichern darf. Das kann man mittlerweile wohl als allgemein bekannt voraussetzen. Weniger gern eingesehen wird die N o t w e n d i g k e i t dieser banalen Wahrheit. Immer wieder soll man an irgendwelche "Erneuerungschancen" der grund- sätzlicheren Art und an die Glaubwürdigkeit von so offenkundig billig-verlogenen Parolen wie "People's Power" glauben, bloß, ja ausgerechnet weil mal wieder irgendwo W a h l e n inszeniert werden. Ebenso regelmäßig war's dann hinterher nichts... Der Grund dafür ist einfach - und zur Hälfte gar nicht anders be- schaffen als in den etablierten Demokratien, wo die Machthaber, die einander abwechseln oder auch nicht, ja auch nicht gerade von einem politisch interessierten und beschließenden Volk ausgesucht werden. Das Entscheidende an einer demokratischen Wahlent- scheidung ist allemal die Alternative, die dem Volk überhaupt zur Entscheidung anheimgestellt wird. Wer etwas z u r W a h l s t e l l t, der ist und bleibt der souveräne Machthaber. Die Massen sollen sich d a r a u f einlassen und wählen - und das ist ein für allemal etwas anderes als eine "people's power", die aus eigenem Interesse und Beschluß eine "Alternative" z u r etablierten Herrschaft a u f m a c h t. Der Unterschied von Demokratien wie der philippinischen zu so ei- ner prächtigen wie der unseren liegt im politischen Subjekt, das w ä h l e n l ä ß t. Bei uns kümmert sich eine ganze Politi- kermannschaft und Beamtenschaft um eine Staatsgewalt, die einer funktionierenden Klassengesellschaft von der Bankenaufsicht bis zur Sozialhilfe ihre "Spiel"-Regeln vorschreibt. Eine Handvoll konkurrierender Parteien will der wohldefinierten "n a t i o- n a l e n Sache" gleichermaßen - bzw. eine besser als die andere - dienen. Solche wohlgeordneten Verhältnisse sind unter "drittwelt"lichen Bedingungen nirgends so recht wahr und wirksam geworden. Deswegen stellen dort nicht einfach politische Par- teien, die alle dasselbe wollen - nämlich die Macht -, sich der Wahlkonkurrenz, die das Bundesgesetzblatt vorschreibt. Das demokratische Konkurrenzgebaren, das der philippinische Staat sich leistet, steht unter dem dauernden Vorbehalt des Militärs, unliebsame Wahlergebnisse zu kassieren: Das war das offene "Geheimnis" des Triumphes der Aquino-Partei über den alten Präsidenten Marcos -, und das macht den Putsch zur ständigen Alternative, die alle Regierungsgeschäfte der durch Wahlen bestätigten Crew begleitet. Die Wahlergebnisse sind genau so haltbar, wie sie das Kräfteverhältnis konkurrierender Fraktionen innerhalb der Armee widerspiegeln. Denn die ist nicht der ver- längerte Arm einer zivilen Exekutive, sondern die souveräne S t a a t s m a c h t selbst, die in letzter Instanz darüber entscheidet, wer und was dem Volk überhaupt zur Abstimmung ge- stellt wird. So passen dortzulande Demokratie und Militärherrschaft zusammen: Der ganze zivile und demokratische Regierungszirkus beruht auf dem Beschluß der militärischen Befehlshaber, ihre eigene politi- sche Konkurrenz und die der jeweils patronierten Cliquen unter Einbeziehung des Volkes als Wähler abzuwickeln. Daß sie sich zu dieser Umständlichkeit bequemen, ist keine Konzession an ihre Un- tertanen, sondern gehört mehr oder weniger zur Erfüllung des Auf- trags, dem diese Herrschaften sich verpflichtet wissen: ihr Land so unter Kontrolle zu halten, daß es als verläßlicher Stützpunkt der demokratischen Weltherrschaft funktioniert und ihnen den ge- rechten Anteil am weltweiten Geschäftsleben sichert. Von einer Bedrohung der "jungen Demokratie" durch die "noch ungebrochene" Macht des Militärs kann genausowenig die Rede sein wie von einer Ablösung der Militärherrschaft durch die Demokratie: Unter kundi- ger Anleitung von außen experimentiert ein ständig eingreifberei- tes Militär und die von ihm gestützte und geschützte Schicht der Reichen und Superreichen des Landes immer wieder einmal mit demo- kratischen Verfahren als Konkurrenzmittel und Herrschaftsform. Südafrika: Was Demokraten am Rassismus abgeht --------------------------------------------- Ob und inwieweit der Wahlerfolg von P.W. Botha in Südafrika als Sieg der Demokratie einzustufen sei, wird nach genau denselben Gesichtspunkten problematisiert wie im Fall der Philippinen-Wahl oder anderswo stattfindender "Fortschritte zur Demokratie". Nach welchen denn auch sonst. Dabei halten sich die demokratischen Be- obachter zur Zeit etwas zurück mit dem dogmatischen Urteil, von Demokratie könne doch wohl überhaupt nicht die Rede sein, wo nur 20% der erwachsenen Bevölkerung überhaupt ihre Stimme abliefern dürfen. Das Regime, das zur Wahl gebeten hat, wackelt nicht. Des- wegen braucht der Gesinnungsgenosse der südafrikanischen Rassi- sten, der in Bayern regiert, nicht um seine demokratische Reputa- tion zu fürchten, wenn er dem dortigen Wahlsieger einen uneinge- schränkten Glückwunsch und gutes Gelingen hinuntertelegraphiert. Auch die Fraktion der besonnenen "Kritiker" spekuliert im Moment weniger auf Untergang der weißen Herrschaft und läßt sich daher zu einer ganz unbefangenen demokratischen Feinanalyse des Wahler- gebnisses herbei. Dabei überwiegt die Mutmaßung, die regierende Mannschaft könnte durch ihren Zweidrittel-Erfolg womöglich in ih- rer "Reformbereitschaft" gestärkt sein, sofern sie nicht "gebremst" wird - als "reformbereit" gilt sie, seit die Opposi- tion der noch stureren Buren deutlich zur zweitstärksten Kraft geworden ist, einfach nach dem Motto: Wer seine Opposition "rechts" von sich hat, der muß "links" sein. Diese skeptischen Hoffnungen auf einen - vielleicht doch noch möglichen... - "friedlichen Übergang", die kein "Kritiker" der Republik Südafrika begraben möchte, zeigen zweierlei. Sie zeugen von dem Anspruch, den "wir" auch an dieses Land zu stellen haben: Seine Herrschaft hat verläßlich zu funktionieren. Die S o r- g e n um die "Stabilität" Südafrikas drücken einen R e c h t s- a n s p r u c h auf geordnete Verhältnisse aus. Dabei ist interessant, wo die demokratischen Beobachter zur Zeit den Grund für ihre Sorgen und Zweifel an der Dauerhaftigkeit des südafrikanischen "Modells" sehen: Sie halten es für bedenklich und grundverkehrt, wenn eine Staatsmacht sich ausgerechnet dar- über stärken will, daß sie die Mehrheit ihrer Untertanen v o m W ä h l e n ausschließt. Demokratisch gesehen sind damit die Ge- wichte völlig falsch verteilt - auch wenn irgendwie noch jedem weißen Beobachter von außen einleuchtet, daß man die Schwarzen dort so einfach auch wieder nicht wählen lassen kann. Offenherzig wird eine Gleichung von demokratischem Verfahren und Stabilität der Herrschaft geltend gemacht, die auf der Selbstver- ständlichkeit beruht, daß es in einer Demokratie doch kein Pro- blem sein darf, w e r w a s z u r W a h l s t e l l t. Und daß die weißen Politiker sich mit der Negerelite d a r ü b e r nicht sollten einig werden können: Das geht "kritischen" Betrach- tern der Lage nicht ein. Bischof Tutu, Madame Mandela, und wen westliche Journalisten noch an "Führern" der schwarzen Mehrheit aufstöbern, bieten sich doch geradezu dafür an, gemeinsam mit den Bothas und anderen "gemäßigten" Weißen eine friedliche Konkurrenz jenseits aller Rassenschranken aufzuziehen, bei der schwarzes und weißes Volk unterschiedslos per Wahl mitentscheiden könnten, ohne daß etwas kaputtgeht. In einer solchen Machtverteilung zwischen Elite und Stimmvieh liegt doch gerade die Leistungskraft der De- mokratie als Herrschaftsform; mit offiziellen Rassenschranken verträgt sich das nur schlecht. Was demokratische Kommentatoren an den Wahlen in Südafrika so irritiert, das ist - umgekehrt ge- sehen - der Standpunkt der weißen Wahlberechtigten, sie würden mit ihrer Stimme eine- tatsächliche Entscheidungshoheit ausüben, die viel zu wertvoll und gewichtig wäre, als daß sie diese frei- willig mit der schwarzen Mehrheit teilen wollten. Das paßt nicht zu der demokratischen Selbstverständlichkeit, daß es sich beim Wahlrecht doch um ein völlig unpraktisches, denkbar folgenloses Menschenrecht handelt. Dieses Menschenrecht "fordern" die Be- treuer des weltweiten demokratischen Fortschritts unterschiedslos für alle Südafrikaner. Denn anders können sie sich eine dauerhaft s t a b i l e H e r r s c h a f t nicht vorstellen. Fast eine Wahrheit über Wahlrecht und Demokratie! zurück