Quelle: Archiv MG - AFRIKA RSA - Republik Südafrika
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Marxistische Schulzeitung, 21.06.1988
Nelson Mandela
"FREE AT 70"
Es gehört zu den erlesenen Gebräuchen der imperialistischen
Weltöffentlichkeit, daß sie bisweilen die Opfer der Herrscher-
kreaturen beklagt, die es nur durch und wegen des Imperialismus
gibt. Der aktuelle Schlager auf diesem Felde moralischer Zuwen-
dungen hieß vorletztes Wochenende Nelson Mandela.
Der ehemalige Führer der schwarzen Widerstandsbewegung ist seit
25 Jahren hinter den Gittern südafrikanischer Gefängnisburgen
verschwunden. Es gab keine Kampagne und kein Mitleid - ein
Staatsfeind saß ein. Bekannt wurde Mandela seit zwei, drei Jah-
ren, als die Führungsmannschaften der 'freien Welt' sich ent-
schlossen haben, ihren rassistischen Frontstaat im südlichen
Afrika - dessen Ausbeutungserfolge und Kriegszüge sie durch den
Export von Kapital und Waffen garantier(t)en - a l s starrköp-
figes Rassistenregime zu titulieren, das mit seinem nationalen
Eigenwillen womöglich die "Stabilität" von Land und Region fürs
übergeordnete imperialistische Interesse gefährden könnte. Von da
an begann der unaufhaltsame Aufstieg des unbekannten Opfers Man-
dela zum inzwischen weltberühmten "unschuldigen" Opfer eines
"Unrechtsregimes".
Seitdem firmiert der Name Mandela als Symbol der ehrbaren Moral
der imperialistischen Weltordnung, die zwar weltweit über Armut
und Leichen geht, aber niemals die W ü r d e ihrer Neger dis-
kriminiert. Denn: nachdem die maßgeblichen Politiker von R. Rea-
gan bis Willy Brandt, von F. Mitterand bis N. Blüm den Mann zur
Ausschlachtung fürs demokratische Weltgewissen freigegeben haben,
haben sich das die berufsmäßigen Presse- und Fernsehhüter nicht
zweimal sagen lassen. Anti-Apartheid ist deshalb derzeit "in".
Und da ist es auch kein Wunder, wenn die Prominenz aus der Pop-
Szene, die tagtäglich die Gemüter der Jugend betreut, vor den Ka-
meras der Welt zum 70. Geburtstag von Mandela für Mandela auf-
spielt. So daß sich die Einheit aller guten Menschen, die be-
kanntlich seit jeher ihre Lieder haben, diesmal nicht x Zeichen
von Welthunger oder AIDS, sondern eines schwarzen Oppositionellen
feiern konnte. Das Schöne an diesen Erlebnissen: Rock bleibt
Rock, und wem's gut tut, der hat auch noch seinen höheren Sinn
dabei.
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