Quelle: Archiv MG - AFRIKA RSA - Republik Südafrika
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09.03.1990
Südafrika läßt Mandela frei
EIN HERZ FÜR NEGER?
Das Rassistenregime in der Republik Südafrika hat den Schwarzen-
führer Nelson Mandela nach 28 Jahren Haft freigelassen. Weder hat
Mandela seinen Widerstand gegen die Apartheid, weswegen man ihn
eingesperrt hat, aufgegeben, noch haben die regierenden Buren
ihre Politik der weißen Alleinherrschaft geändert. Warum darf der
Mann jetzt nicht bloß frei herumlaufen, sondern als schwarzer
Staatsmann im eigenen Land und anderswo auftreten?
Der Freie Westen
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hat sich um das Los Mandelas 25 Jahre lang einen Dreck geschert.
Da war man viel zu sehr mit den Lebensumständen eines russischen
Dissidenten namens Sacharow beschäftigt, um einen schwarzen Revo-
luzzer beim Bündnis- und Geschäftspartner Südafrika zum Anlaß ei-
ner Trübung der besten Beziehungen herzunehmen. Genausowenig, wie
die allseits pflichtgemäß bedauerten Umgangsformen des südafrika-
nischen politischen Systems mit den Schwarzen irgendeinen westli-
chen Staat und seine Geschäftswelt daran gehindert haben, an der
Ausbeutung der politisch niedergehaltenen und so extra billig ge-
machten nicht-weißen Arbeitskraft kräftig mitzuverdienen. Selbst
die regelmäßigen Kriegszüge der südafrikanischen Armee gegen die
Nachbarn Angola und Mosambik stießen auf "Verständnis", weil da-
mit diese "sowjetfreundlichen" Staaten heim ins westliche Frei-
heitsreich gebombt wurden.
Erst seit gut 2 Jahren haben die NATO-Staaten die ohnmächtigen
Protestaktionen der Schwarzen in Südafrika zu einem "Problem" er-
klärt und die Regierung in Kapstadt aufgefordert, diesem Teil ih-
rer Untertanen "politische Zugeständnisse" zu machen. Dafür sind
den europäischen und US-amerikanischen Demokraten zwei sehr
bezeichnende Argumente eingefallen:
- Die Schwarzen da unten seien doch mehrheitlich ganz gutwillig
und jedem radikalen Umsturz abgeneigt. Antiwestliche oder gar
prosowjetische Strömungen sind nirgends auszumachen. Eine Betei-
ligung an der politischen Macht sei also gänzlich ungefährlich,
verhindere vielmehr ein "Blutbad" mit unübersehbaren Folgen für
die "stabilen Verhältnisse" im südlichen Afrika.
- Die rechtlich festgeschriebene und politisch gewaltsam erhal-
tene Ungleichbehandlung von weißer und schwarzer Arbeitskraft
verstoße gegen die Prinzipien der Marktwirtschaft, hemme damit
sogar langfristig das Wirtschaftswachstum in Südafrika und liege
somit nicht einmal im "wohlverstandenen Interesse" der weißen
Minderheit.
Beiden "Argumenten" kann man unschwer entnehmen, daß der Freie
Westen sowohl mit den wirtschaftlichen Ergebnissen aus Südafrika
als auch mit der politisch-strategischen Funktion dieses NATO-
Freundes in Afrika sturzzufrieden ist und gerade deswegen darauf
dringt, daß die sturen Buren aufhören, Extratouren zu reiten. Die
haben nämlich mittlerweile ihren Zweck erfüllt, das Kap von
Afrika unangefochten und unanfechtbar dem westlichen Einflußbe-
reich zu sichern. Seitdem sich die Sowjetunion höchst offiziell
aus Afrika verabschiedet hat, die Kubaner aus Angola abziehen,
die neue schwarze Regierungsmannschaft in Namibia alle Bedingun-
gen erfüllt, die ihr Südafrika diktiert und Genscher empfohlen
hat, sieht die demokratische Welt keinen Grund mehr dafür, daß
sich die RSA nach außen wie nach innen weiterhin als F r o n t-
s t a a t aufführt.
Die Person Mandelas
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eignete sich hervorragend für westlichen "Druck" auf Südafrika
und eine "Geste" der weißen Regierung, weil der Mann bei seinen
Leuten über hohes Ansehen verfügt, so daß seine Freilassung be-
reits als "wichtiges Zugeständnis" gilt und erst einmal ein paar
Wochen lang für Stimmung in den schwarzen Ghettos sorgt. Ferner
sagt Mandela nach 28 Jahren Knast immer noch unerschüttert das
gleiche wie bei seiner Verurteilung:
"In keiner Phase seiner Geschichte befürwortete der A.N.C. revo-
lutionäre Veränderungen des wirtschaftlichen Gefüges des Landes
... und er hat auch niemals ein Verdammungsurteil gegen die kapi-
talistische Gesellschaftsform ausgesprochen."
Und auch noch das:
"Ich habe gegen die Vorherrschaft der Weißen, und ich habe gegen
die Vorherrschaft der Schwarzen gekämpft." (Verteidigungsrede
1964)
Das zweite Zitat erklärt im ersten Satz, warum die Rassisten Man-
dela eingesperrt haben und bietet einen Hinweis, was jetzt von
ihm erwartet wird: Die Partei des Ministerpräsidenten De Klerk
möchte mit einem ausgewiesenermaßen unbeugsamen und nicht gekauf-
ten schwarzen Widerstandskämpfer eine Art M i t b e s t i m-
m u n g s m o d e l l für die Neger in Südafrika aushandeln, das
die Kritik aus den westlichen Patenstaaten, insbesondere den USA,
befriedigt und den Schwarzen im Lande neben ihrer bleibenden
Betreuung durch die Polizei auch noch die Perspektive eines
zivilisierten W ä h l e r s eröffnet.
Wenn Mandela da mitmacht und das auch innerhalb der afrikanischen
Bevölkerung durchsetzt, dann kriegt er vielleicht glatt einen Po-
sten im südafrikanischen Staatspräsidium.
Für die schwarzen Massen in Südafrika
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hat sich durch die Freilassung Mandelas außer in der Stimmungs-
lage nichts geändert. Die Abschaffung gewisser Spielarten der
Apartheid, wie den exklusiven Strandabschnitten und Busabteilen
für Weiße, ändert nichts am Prinzip, dem sie ihr Elend verdanken:
Die per Staatsgewalt garantierte Ausbeutung ihrer Arbeitskraft
durch das südafrikanische und das internationale Kapital.
Und dem kommt der h a r t e K e r n d e r A p a r t h e i d
sehr gelegen: Angesichts des unbegrenzten Reservematerials an
schwarzen Lohnsklaven, für die die Alternative zum Gebrauchtwer-
den unmittelbar das Verrecken ist, können sich Staat und Kapital
in Südafrika die Unkosten eines "Sozialen Netzes" weitgehend spa-
ren, und die Aufrechterhaltung des "Sozialen Friedens" im wesent-
lichen Justiz & Polizei überlassen. Das macht das Geschäft in
Südafrika so lukrativ und die Apartheid für die weißen Südafrika-
ner, zumindest soweit sie Geschäftsleute sind, so attraktiv. Was
die weißen Arbeiter betrifft, so geben sich der Unternehmerver-
band und westdeutsche Firmen mit Tochtergesellschaften vor Ort
betont "antirassistisch": Die sollen auch nicht m e h r verdie-
nen als Schwarze für die gleiche Leistung. Das hat in Südafrika
der weißen Opposition gegen die Regierung Auftrieb gegeben. Auch
das ist nicht ohne Vorteile: Verglichen mit deren Vorstellungen
über den Umgang mit "den Kaffern", wirkt die Regierung, mit der
der Freie Westen seine guten Beziehungen pflegt, allemal
"liberal.
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