Quelle: Archiv MG - AFRIKA RSA - Republik Südafrika
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02.07.1989
RSA
MASSA BLÜM AUF MENSCHENRECHTSSAFARI
Vor zwei Jahren hat er in Chile Pinochet besucht, um dem General
höchstpersönlich die schweren Bedenken mitzuteilen, die den west-
deutschen Minister für Arbeit und Soziales vor allem als christ-
lich-demokratischen Politiker beuteln, wenn er in der Zeitung le-
sen muß, daß in Chile Leute ohne ordentliches Gerichtsverfahren
eingesperrt und womöglich noch vorher gefoltert werden. Hinterher
ist ihm dann wieder wohler gewesen, dem Norbert Blüm, weil er
"etwas zu bewegen versucht" hat. Mit Erfolg für N o r b e r t
B l ü m. Der genießt seitdem das Image eines furchtlosen Strei-
ters vor den Thronen der Herrschaftskollegen; eines Moralisten,
der für Menschenrechte glatt ins Flugzeug steigt und freiwillig
auf Staatsbesuch geht.
Jetzt ist er, statt gleich in den Urlaub, noch für vier Tage nach
Südafrika gejettet, um bei den zuständigen Ministern knallhart
darauf zu bestehen, "daß allen A u s n a h m e häftlingen
G r ü n d e ihrer Festnahme g e n a n n t würden". Weil er das
nicht leiden mag, als Demokrat, daß jemand eingesperrt wird ohne
einen Grund von Amts wegen. Der Burenpräsident hat ihn auch emp-
fangen müssen; immerhin sitzt Blüm in der Regierung eines Staa-
tes, der 1988 zum Handelspartner Nr. 1 der RSA aufgestiegen ist.
Von ihm wollte der BRD-Minister eine "Umwandlung von 78 Todesur-
teilen" in lebenslänglich, weil er es für übertrieben hält, Leute
wegen "einer zumindest im weiteren Sinne p o l i t i s c h e n
Tat", gleich aufzuhängen.
Furchtlos hat Bibelkenner Blüm die Ausflüchte Bothas, in der RSA
würden nachweislich weniger Neger verhungern als im schwarz re-
gierten Afrika, bestätigt und gleichzeitig in die Schranken
gewiesen: "Ich habe ihm gesagt: 'Der Mensch lebt nicht vom Brot
allein!'" Da kennt er sich freilich aus, der Durchzieher von Ge-
sundheits- und Rentenreform. Deshalb hat er auch seinen
Gesprächspartnern von der Südafrikanischen Metallgewerkschaft,
die noch Schwierigkeiten machen beim Abschluß eines Vertrags über
den "Mindeststandard für Arbeitsbeziehungen in Tochterunternehmen
deutscher Firmen", deutlich seine Meinung gesagt: "Die deutsche
Sozialkultur der Partnerschaft statt Klassenkampf halte er für
einen Exportartikel." Deshalb spickte er seinen bei der Rückkehr
ausgepackten "Optimismus" mit "positiven Beispielen deutscher Un-
ternehmen (in Südafrika), die er gesehen habe".
Beleidigt war der deutsche Gast vor allem, weil er zwar von den
politischen Kerkermeistern Nelson Mandelas empfangen wurde, nicht
aber den ANC-Führer in seiner Zelle besichtigen durfte. Ihm hätte
er zu gerne als deutscher Apartheid-Kritiker die Mahnung zukommen
lassen, die Herr Botha als Bedingung für eine Freilassung Mande-
las aufgestellt hat: Er soll ein für allemal ein Bekenntnis zur
"Gewaltlosigkeit" ablegen, "um das denkbare Chaos zu bändigen und
einen unblutigen Übergang zu erleichtern".
Daß Blut zumindest hauptseitig bei den Schwarzen fließt, dafür
hat der "ökonomische Riese" längst mit vorgesorgt, wenn er seinen
widerlichsten politischen Zwerg mit der Menschenrechtstour los-
schickt, um demonstrativ klarzustellen, daß Bonn weltweit für or-
dentliche Verhältnisse, wie "wir" sie für nützlich halten, zu-
ständig ist: Während Blüm noch vor den westdeutschen Fernsehkame-
ras mit den Tränen der Rührung kämpfte, verriet ein Kollege vom
Wirtschaftsministerium dem Deutschen Bundestag, daß "wir" sowohl
Waffen als auch Nuklearmaterial in die RSA liefern. Die BRD sorgt
also nicht bloß für "Wandel durch Handel" - so Blüm über das Ge-
schäft mit der RSA -, sie stattet auch Militär und Polizei da un-
ten mit dem Nötigen zum Handeln aus.
Gegen "Sanktionen" sprach sich der Arbeitsminister mit dem süßen
Argument aus, das hätte "Auswirkungen auf eine höhere Arbeitslo-
sigkeit", wobei es nichts ausmacht, ob er die bei uns gemeint hat
oder ob ihm die Vollbeschäftigung für schwarze Lohnsklaven in der
RSA am Herzen liegt: Daß das Kapital für schwarz und weiß ein Se-
gen ist, der einzige auf d i e s e r Welt, das zählt zum Glau-
bensbekenntnis eines deutschen Arbeitspolitikers. Deshalb fordert
Blüm als "praktische Maßnahme" gegen die Apartheid "stärkere
deutsche Hilfe für die Ausbildung Schwarzer" zu Facharbeitern und
eine "Vorreiterrolle deutscher Unternehmen" in Südafrika.
Das brachte, ebenfalls während Blüm in Afrika herumquengelte, ein
deutscher Unternehmer "deutlich gegenüber den Kritikern des
Engagements von Daimler-Benz in Südafrika" auf den Punkt:
"Wir dürfen nicht die einzige Kraft zerstören, die die Apartheid
aufbrechen kann: die wachsende ökonomische Kraft der schwarzen
und farbigen Bevölkerung." (Edzard Reuter, Daimler-Chef auf der
Hauptversammlung der Aktionäre)
Wenn da kleinlicher Rassismus das Geschäft behindert, dann muß
auch mal ein frommer deutscher Politiker in die RSA fahren und
den Buren mit "viel Zement" im Hirn sagen, daß sie das Men-
schenrecht auf allgemeine, freie und gleiche Ausbeutung so ver-
letzen, daß es zum Himmel schreit.
(Zitate aus der "FAZ" vom 28. und 29. Juni)
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