Quelle: Archiv MG - AFRIKA RSA - Republik Südafrika


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       06.05.1990
       
       Nachtrag zur Anti-Apartheid-Demo in Bremen:
       

WIE MAN DIE APARTHEID BESSER NICHT KRITISIERT

Die Ungleichbehandlung der Schwarzen in Südafrika durch die weiße Regierung ist seit langer Zeit Gegenstand der Kritik bundesdeut- scher Apartheidsgegner. Sie halten sie für einen Verstoß gegen die Menschenrechte. Als Ansprechpartner, Bündnispartner und Demo- redner haben sie sich ausgerechnet die bundesdeutschen Politiker ausgesucht, die mit Menschen im eigenen Land und auf der ganzen Welt nicht gerade zimperlich umgehen. Die Produktion von Arbeits- losen und Sozialhilfeempfängern im Inland und weltweiten Hungers halten Apartheids-Gegner für keinen Einwand gegen Bündnispartner wie Norbert Blüm und Willy Brandt. Das gibt zu denken. 1. Kritik: ---------- Nur wegen der Hautfarbe werden die schwarzen Menschen in Süd- afrika benachteiligt. Der Staat in Südafrika unterscheidet innerhalb des Volkes auf seinem Staatsgebiet zwischen den Weißen, die er für vollwertige Staatsbürger hält, und Schwarzen, bzw. Farbigen, die aufgrund ih- rer Rassenzugehörigkeit nicht staatstragend sein sollen. Soge- nannte "verantwortungsvolle" Funktionen sind in Südafrika mit Weißen besetzt. Die Schwarzen finden sich vorwiegend in schlechtbezahlten Jobs und schwarzen Ghettos. Mit diesem Unterscheidungsmerkmal hat sich der Staat ein Heer von schwarzen Lohnsklaven geschaffen, das mit seinen Hungerlöhnen und den ent- behrlichen Sozialabgaben ein wichtiges Argument für in- und ausländisches Kapital darstellt, in Südafrika produzieren zu las- sen. Die Wirklichkeit ist also genau umgekehrt wie die Sichtweise der Apartheid-Gegner: G r u n d für die miese Lebenslage der Schwarzen ist nicht deren Hautfarbe, sondern die südafrikanische Profitproduktion; die Hautfarbe ist ein Sortierungs m i t t e l, mit dem Schwarz und Weiß auf die verschiedenen Funktionen ver- teilt werden. Selbst wenn die rassistische Sortierung gestrichen würde, wäre damit die Ausbeutung noch lange nicht abgeschafft, f ü r d i e überhaupt nur sortiert wird. 2. Kritik: ---------- Die Schwarzen leiden darunter, daß sie keine Rechte haben. Leider täuschen sich die Kritiker auch hier. Das Gegenteil ist der Fall. Die Ausbeutung der schwarzen Lohnsklaven ist in allen Einzelheiten rechtlich geregelt. Und unter diesen wirklich zuge- teilten Rechten leiden die schwarzen Arbeiter. Daß ihnen dadurch einiges fehlt, nämlich Mittel zum Leben, ist richtig, aber Rechte sind es sicher nicht. Wer fehlende Rechte moniert, kritisiert in Wahrheit eine U n- g l e i c h b e h a n d l u n g durch das Recht. Dabei wird nicht geprüft, ob es den weißen Arbeitern eigentlich so geht, daß es sich lohnen würde, ihre Rechte ebenfalls für die Schwarzen zu fordern. Verschafft das Recht denen etwa ein Leben mit wenig Ar- beit und umso mehr Reichtum? Sind die nicht auch Arbeitskraft für die Produktion in- und ausländischer Profite? Aber diesen Stand- punkt wollen die Gleichheitsfanatiker gar nicht anlegen. Dabei ist eines gar nicht zu übersehen: Kaum eine Brutalität ist bei der Anwendung gleicher Rechte ausgeschlossen. Billiglöhne in einer Lohnhierarchie gehören zum Kapitalismus in bürgerlichen De- mokratien wie das Amen in der Kirche. Und daß die Billiglöhner nicht in Villen untergebracht sind, kann man nicht nur in Oster- holz-Tenever studieren. Wer sich all dies nicht bieten lassen will und für bessere Lebensbedingungen streikt, wird schon mal, wie beim englischen Bergarbeiterstreik, ganz gleichberechtigt von der Staatsgewalt niedergeknüppelt, usw. Die Sache mit der Gleichheit ---------------------------- Man sieht also, zur Herstellung materieller Vorteile oder zur Vermeidung von Nachteilen sind gleiche Rechte nicht geeignet. Dann wird die Forderung danach wohl auch etwas anderes bezwecken. Kein Demokrat findet etwas dabei, daß es hierzulande zwei Klassen von Menschen gibt, die bei voller Durchsetzung ihrer staatlich garantierten Gleichheit ganz prinzipiell ungleich sind: Besitzer von Produktionsmitteln und diejenigen, die nichts als ihre Ar- beitskraft haben, die sie verkaufen müssen, um überhaupt leben zu können. Nicht mal der Bodensatz des Kapitalismus, der Pauperismus auf Parkbänken und im Obdachlosenasyl, ist unter angewandter Rechtsgleichheit ausgestorben. All dies ist Resultat einer ge- sellschaftlichen Sortierung, die die Menschen auf die von Staat und Kapital gewünschten Positionen in der Gesellschaft verteilt. Einzig die A r t u n d W e i s e der Sortierung ist in kapi- talistischen Demokratien eine andere. Während sie in Südafrika aufgrund des Merkmals Hautfarbe politisch vorentschieden ist, wird sie in der Demokratie als Ergebnis einer von Staat und Kapi- tal veranstalteten Konkurrenz durchgesetzt. Die beginnt mit der Schule. Hier darf jeder mit seiner Leistung ganz gleichberechtigt darum konkurrieren, wer den Einstieg in die obere Bildungshierar- chie schafft, und wer von weiterer Bildung ausgeschlossen wird. Leistung ist hier nicht Kriterium, sondern M i t t e l einer längst vorher feststehenden Selektion nach dem Muster der Gauß'schen Glockenkurve. So sterben sie nie aus: die M a s s e n für Fabrikarbeitsplätze und Eliten für die Chefetagen des Kapitalismus. Wer es mit seinem Bildungszertifikat wie weit bringt, hängt allerdings nicht an diesem, sondern schon wieder an der Konkurrenz. Nämlich an der auf dem Arbeitsmarkt, wo die Gewinnkalkulation von Unternehmen entscheidet, wer wie lange gebraucht wird - und wer nicht. Vorstellen soll man sich das Ganze allerdings so, daß es sich jeder selbst und seinen "Fähig- keiten" zuzuschreiben hat, auf welcher Position der gesell- schaftlichen Hierarchie er landet. Daß jeder v e r d i e n t, was er verdient, also die durch die Konkurrenz vor den ökonomi- schen und staatlichen Nützlichkeitskriterien erzeugte Hierarchie den Menschen, ihrer Begabung und Natur e n t s p r i c h t - das ist der R a s s i s m u s v o n D e m o k r a t e n, der nicht als solcher gilt, weil er weder Hautfarbe noch Schädelform bemüht. Hat das in Südafrika gerade noch gefehlt? Die Möglichkeit, daß Schwarze in die Chefetagen und Weiße in Bil- liglohngruppen einsteigen, ist für solche Kritiker offenbar das Höchste. Und wenn dann noch ein schwarzer Präsident über dieses Idyll mit gemischt-rassigen Slums herrscht, a u c h von Schwar- zen gewählt - frei, gleich und geheim -, wäre dem Menschenrecht endgültig Genüge getan. (Näheres auch in der MSZ Nr. 2/90: Südafrika läßt Mandela frei: Ein Herz für Neger?) zurück