Quelle: Archiv MG - AFRIKA RSA - Republik Südafrika
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MSZ 5/90
Republik Südafrika
AM ENDE DER APARTHEID EIN STAMMESKRIEG IN DEN SCHWARZEN STÄDTEN
Während aus dem Regierungspalast in Pretoria ein Friedensangebot
der Burenregierung ans schwarze Volk nach dem anderen ergeht,
zündet sich dieses wechselseitig die Hütten an und führt den
Buschkrieg in den Townships. Ein "Spaltungsmanöver" der weißen
Reaktion, oder noch ein Beweis aus Afrika, daß "die Neger" man-
gels Reife eine echte Demokratie nicht hinkriegen?
Die RSA sortiert ihr Menschenmaterial neu
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Die der zivilisierten Menschheit des Freien Westens am ekelhafte-
sten aufgestoßene Unsitte des Burenregimes am Kap, ein Gesetzes-
werk unterm Sammeltitel "Petty Apartheid", ist von der Regierung
De Klerk Anfang Oktober durch die Aufhebung der Rassentrennung in
öffentlichen Einrichtungen (Reservation of Separate Amenities
Act) beseitigt worden: Neger und Mischlinge d ü r f e n jetzt
ins Freibad gehen, Golf spielen, Erster Klasse mit dem Zug fahren
und auf Luxusschulen gehen, sofern sie es sich leisten können.
Der Rassismus gegen die "dreckigen Kaffern" wird wohl jetzt die
aus demokratischen Rechtsstaaten bekannten Formen des Umgangs mit
für minderwertig erachteten Teilen des Volkskörpers annehmen,
also Dauerthema öffentlicher Aufregung bleiben, ohne daß gleich
immer die Menschenrechtskommission der UNO angerufen werden muß.
Die weiße Regierung der National-Partei hatte sich aber schon
vorher zu einer faktischen Stornierung wesentlicher Bestimmungen
des harten Kerns der Rassentrennungspolitik (offiziell: "Programm
der getrennten Entwicklung") entschlossen, weil diese der
tatsächlichen "Entwicklung" der Beziehungen zwischen den Bevölke-
rungsteilen in der RSA, namentlich den ökonomischen, nicht mehr
gerecht wurden.
Das Projekt einer Konzentrierung des Großteils der schwarzen Be-
völkerung auf die 13% des süd-afrikanischen Territoriums, in
denen man Reservate namens "Bantustans" unter die Administration
eingeborener Häuptlinge stellte, hat zunehmend mit dem Bedarf der
weißen Landwirtschaft und Industrie an dauerhaft verfügbarer
schwarzer Arbeitskraft konfligiert. Der konnte man das Nachholen
ihres Familienanhangs zwar per Gesetz verbieten, verhindern ließ
es sich jedoch nicht. Zudem sorgte das Elend in den Wüsteneien
der "selbstverwalteten" schwarzen Enklaven immer wieder für neue
Rekruten der Reservearmee, die in den Townships am Rande der
großen industriellen Zentren durch illegale Arbeit immer noch ein
Vielfaches dessen verdienen konnten wie im ihnen zugewiesenen Ho-
meland. Hinzukommt, daß der zu Beginn der Bantustan Politik vom
großen Umsiedlungs- und Zuzugsverbotsprogramm ausdrücklich ausge-
nommene Teil des schwarzen Volks, der sein Auskommen als Landar-
beiter in Quasi-Leibeigenschaft auf weißen Farmen findet, von An-
fang an die "Theorie der getrennten Entwicklung" als r a s s i-
s t i s c h e I d e o l o g i e für ein Staatsprogramm der
optimalen Benutzung des unterworfenen Menschenmaterials denun-
zierte. In diese per Gesetz "weißen Gebiete" strömten einerseits
die Hungerleider aus den Bantustans, um ihre und die Arbeitskraft
von Frau und Kindern an einen weißen "Boss" zu verkaufen,
andererseits verdrängte das Überangebot an farmhands die in der
Konkurrenz Ausgemusterten aus den landwirtschaftlichen Gebieten
und führte zu einer südafrikanischen Variante von "Landflucht",
deren Ziel in der Regel die Blechhüttenvorstädte sind, wo man von
den Abfällen noch eher überleben kann als in den verödeten
Homelands. Während 1965 noch die Mehrheit der Schwarzen, nämlich
40%, als Landarbeiter registriert wurde (der Rest verteilte sich
auf die Homelands, die städtische Industrie, die Minen und die
Putzerdienste für die weiße Elite), hat sich dieses Verhältnis zu
Gunsten der Townshipbevölkerung drastisch geändert.
Diese von den Apartheid-Theoretikern gerade bekämpfte Tendenz -
ihr deutschstämmiger Vordenker Professor Werner W. Max Eiselen
förderte sogar noch 1965 "die
"gegenwärtige, unerwünschte, hochgradige Abhängigkeit von der Ar-
beit der Bantu in den europäischen Gebieten zu überwinden." -
ist nichts anderes als die Konsequenz eines halben Jahrhunderts
praktizierter Apartheidpolitik gewesen. Ihr unbestreitbarer
Erfolg für die RSA und die in ihr herrschenden weißen Interessen
war die Erschließung der Arbeit(skraft) der "Bantu" als
unversiegbare Reichtumsquelle des Kapitals. So entstand der ein-
zige Staat auf dem "Schwarzen Kontinent" mit einer eigenständigen
nationalen Kapitalakkumulation, die nicht nur Rohstoffe für ihre
auswärtige Kapitalisierung bereitstellt, sondern mit eigenen Pro-
dukten einen inländischen Markt bedient und mit konkurrenzfähigen
Waren auf dem Weltmarkt auftritt.
Der gesammelte (Vor-)Urteilskatalog des weißen Rassismus über die
ethnisch bedingte mentale Minderbemitteltheit "der Kaffern" hat
südafrikanischen Unternehmergeist nicht daran gehindert, schwarze
Arbeitskraft in der Produktion zu benutzen. Völlig "verkrampte"
Burenschädel mit einer Vorfahrenliste bis zu den "Voortrekkern"
der weißen Landnahme im 19. Jahrhundert residieren in Johannes-
burg und besuchen ihre zu Agrarfabriken modernisierten Farmen nur
noch zweimal im Jahr, um mit dem asiatischen Verwalter abzurech-
nen, der übers Jahr die schwarzen Boys kommandiert.
In den Fabriken der mittleren und großen Industrie haben die wei-
ßen Besitzer und ihre Manager schon seit Jahren den "Mines and
Works Act" von 1911 ausgehöhlt, der Nichtweiße von "qualifi-
zierten Arbeiten" ausschließt, und Schwarze für weniger Lohn als
Facharbeiter und Ingenieure eingestellt. Dadurch ist innerhalb
der w e i ß e n B e v ö l k e r u n g erstmals ein G e g e n-
s a t z d e r K l a s s e n politisch virulent geworden, bei
dem die Arbeiter und Angestellten auf der rigiden Rassenregelung
beharren, die ihnen ein Privileg gegen ihre schwarzen Klassen-
brüder unabhängig von ihrer Leistung fürs Kapital garantieren
soll. Aus diesem Kreis bezieht die Konservative Partei ihre
Klientel und aus der weißen Landbevölkerung, die noch selbst auf
dem Land sitzt, das sie bewirtschaftet.
Dort betätigt sich die Angst um die Konkurrenzfähigkeit gegen die
moderne Agrarindustrie im Haß gegen "die Kaffern", deren Arbeits-
einsatz südafrikanische Lebensmittelexporte allen Boykotten zum
Trotz zur Versorgungsgrundlage in zahlreichen schwarzafrikani-
schen Staaten und zum Teil des Warenangebots in Europa und in den
USA gemacht hat. Die Aufhebung der "Industrial Conciliation
Acts", die nur weißen Arbeitern die Koalitionsfreiheit und ein
begrenztes Streikrecht zugestanden, die gewerkschaftliche Organi-
sierung der Schwarzen aber ausdrücklich verboten und jeden Bruch
des Arbeitsvertrags durch einen Nichtweißen s t r a f rechtlich
ahndeten, legalisiert nur nachträglich die staatlicherseits ge-
duldete Existenz des schwarzen Gewerkschaftsdachverbandes COSATU:
Dessen Einzelgewerkschaften, vor allem die Automobilarbeiter und
die Organisation der festangestellten Minenarbeiter, werden von
den Arbeitgebern als Verhandlungs- und Vertragspartner anerkannt,
weil zu einem geregelten Arbeitsverhältnis die Leistungen einer
Gewerkschaft für Kontinuität und Reibungsfreiheit der Benutzung
des Arbeitermaterials auch in Südafrika Anerkennung finden. Mu-
stergültig beraten z.B. von der IG Metall hat die zuständige Ab-
teilung jüngst einen "wilden Streik" bei Mercedes, den die
"Comrades" des ANC gegen den Einigungswillen der Gewerkschaft an-
gestiftet hatten, zu Ende gebracht und damit die Bereitschaft der
Daimler-Benz AG, sich "weiterhin in der RSA zu engagieren", gesi-
chert.
Bei so guten Erfahrungen mit der schwarzen Bevölkerung als Ar-
beitskraft und bei so einträglichen Resultaten will die Regierung
der RSA und die sie stellende Partei mit dem Regelwerk der Apart-
heid Schluß machen und der schwarzen Bevölkerung einen "New Deal"
vorschlagen: Die rechtliche Gleichstellung als Lohnarbeiter mit
der weißen Bevölkerung und eine Beteiligung an der politischen
Herrschaft. Ersteres bewirkt die Freisetzung von 30 Mio. nicht-
weißen Südafrikanern von allen Beschränkungen bezüglich ihrer An-
wendbarkeit in der Wirtschaft. Diese erfolgt jetzt nach dem rein
ökonomischen Kriterium, wo immer sie sich für einen Arbeitgeber
l o h n t. Das heißt aber auch, daß sich auf dem Markt für Ar-
beitskraft die Angebotsseite schlagartig vergrößert, ohne daß die
Nachfrage nach schwarzer Arbeitskraft auch nur annähernd damit
Schritt halten könnte. Zweitens eröffnet das Angebot der Regie-
rung an die bisher in Opposition zu ihr stehenden Organisationen
der nichtweißen Bevölkerung, sie im politischen Leben des Staates
zuzulassen und sie an der Macht zu beteiligen, daß ihre einzige
Gemeinsamkeit, der Ausschluß von der politischen Verantwortung,
entfällt. Sie sind jetzt Konkurrenten um die gehobenen Positionen
schwarzen Mitmachertums. Diese politische Konkurrenz verleiht
dann ihrerseits der ökonomischen Konkurrenz unter den lohnarbei-
tenden bzw. arbeitslosen Massen in den Townships jene Spreng-
kraft, die seit Monaten zu gewalttätigen Auseinandersetzungen in-
nerhalb der schwarzen Bevölkerung geführt hat, die als
S t a m m e s k r i e g e ausgetragen werden.
Die schwarze Machtkonkurrenz
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die jetzt so blutig mit dem demonstrativen Friedenswillen der
weißen Herrschaften einhergeht, sortiert sich ihrerseits entlang
den Voraussetzungen, Mitteln und Möglichkeiten, die die RSA für
die politische Betätigung Nichtweißer unter und nach dem Ende der
Apartheid a n g e b o t e n hat. Dieser prinzipiell botmäßige
Charakter von "Befreiungsbewegung" in Südafrika, deren Führer im-
mer mit Staat und Kapital sich arrangieren wollen, wenn man sie
nur als Politiker mitregieren läßt und ihr Volk als Staatsbürger
mit den Weißen gleichberechtigt, ist die eine Seite. Die andere
Seite ist der Kampf um Anhängerschaft, der mit den Methoden der
Zwangsrekrutierung eigener Stammesgenossen und der Terrorisierung
der Mitglieder anderer Stämme betrieben wird. Darin schenken sich
der ANC bei aller revolutionären Rhetorik und die Inkatha Buthe-
lezis mit seinen von der Konrad-Adenauer-Stiftung gesponsorten
Sprüchen von einem "Weg des gewaltfreien Übergangs zur multiras-
sischen marktwirtschaftlichen Demokratie" nichts. Die "Impis" der
Inkatha schlägern als Zulus gegen Stammesfeinde und die
"Comrades" vom ANC schlagen sich für einen Chief, der so für sich
wirbt:
"In erster Linie habe ich mich stets als afrikanischer Patriot
gefühlt. Ich war ja schließlich nicht umsonst vor 46 Jahren in
Umtata geboren. Mein Vetter, der die Funktion des obersten Häupt-
lings von Tembuland wahrnahm, war mein Vormund, und ich bin
sowohl mit dem gegenwärtigen Oberhäuptling von Tembuland, Sabata
Dalinyebo, wie auch mit dem Kaizer Matanzima, dem Ministerpräsi-
denten der Transkei verwandt. " (Nelson Mandela)
Buthelezi und Mandela scheinen sehr genau zu wissen, daß sie ihre
Gefolgschaft nicht im Ernst mit ihren jeweiligen Parteiprogrammen
auf sich verpflichten können: Die Schwarzen in den Homelands und
den Townships, erst recht nicht auf den Farmen in Natal sind kein
p o l i t i s i e r t e s V o l k, wie die Massen, mit denen
sich in den Metropolen des demokratischen Imperialismus so präch-
tig Staat machen läßt. Der demokratisch-reife Schluß, aus eigenem
falschen, nämlich nationalistischen Bewußtsein heraus aus seiner
unbefriedigenden Lage Gerechtigkeit nach dem Kriterium des nütz-
lichen Beitrags der einzelnen zum großen Ganzen zu fordern, ist
für einen Xhosa oder Zulu nicht nachvollziehbar. Er hat ganz an-
dere Kriterien, nach denen er sich - wenn überhaupt - mit seines-
gleichen vergleicht. Das Kriterium der S t a m m e s z u g e-
h ö r i g k e i t ist ein gänzlich unpolitisches: Ein natür-
liches Merkmal, vergleichbar etwa mit dem des Verwandtseins, mag
zwar auch eine Abstraktion vom unmittelbaren (Über-)Lebens-
interesse darstellen. Aber zum positiven politischen Denken, zur
Befassung mit ebenso komplizierten wie brutalen höheren Zwecken
wie Nation und Partei, für die zivilisierte Rechtssubjekte in
Europa sich krummlegen und im Ernstfall auch ins Feuer schicken
lassen, taugt es nicht. Im S t a m m e s b e w u ß t s e i n
kommt die in der RSA gegenwärtig unter den Politikern diskutierte
Frage nach der optimalen S t a a t s f o r m, ob kapitali-
stisch, sozialistisch oder "gemischt" gewirtschaftet werden soll,
gar nicht vor; schon gleich nicht als Gegenstand des Streits mit
anderen S t ä m m e n. Politisch wird die Stammeszugehörigkeit,
worin ganz offensichtlich auch die Masse der Schwarzen in der RSA
ihren Stolz setzt, erst dann und nur in dem Maße, wie sie von den
wirklich relevanten politischen Kräften, also von den Politikern,
politisch relevant gemacht wird: als Mittel der Konkurrenz unter-
einander um die politische Macht.
Daß man so mit Negern Politik machen kann, indem man ihrem Stam-
messtolz schmeichelt, das haben die weißen Herren in Südafrika
immer schon gewußt. Deshalb haben sie das Homeland-Konzept der
Apartheidpolitik an den Stammeszugehörigkeiten der Schwarzen ori-
entiert. Der Dr. Gatsha Buthelezi ist als die politische Kreatur
der Bantustan-Politik zu politischer Macht in Südafrika gelangt.
Als einer der Häuptlinge des Zulu-Stammes wurde er von der Regie-
rung in Pretoria zum Ministerpräsidenten des Homelands KwaZulu
ernannt. Im Konkurrenzkampf gegen rivalisierende Chiefs und gegen
einen immer noch von vielen Stammesangehörigen verehrten Zulu-Kö-
nig gründete er 1975 die Inkatha als Partei, deren Mitglied im
Prinzip jeder Zulu von Geburt an ist. Im Herrschaftsbereich des
Chief Buthelezi ist das aktive Bekenntnis zu Inkatha Vorausset-
zung für jede Dienstleistung der Homeland-Administration, die
Mitgliedschaft Bedingung für öffentliche Jobs. Im Juli dieses
Jahres ließ Buthelezi in seinem KwaZulu-Parlament ein "Chiefs and
Dignitaries Bill" verabschieden, das ziemlich exakt die mittler-
weile von Pretoria aufgehobene "Bantu Authorities Act" von 1931
kopiert, also die Machtbefugnisse des Apartheidregiments über die
Bevölkerung in KwaZulu auf den schwarzen Paramount-Chief und
seine Unterhäuptlinge überträgt; inklusive des Verlusts von Wohn-
recht für Nicht-Zulus im Zululand. Kein Wunder, daß Buthelezi in
einer möglichen Abschaffung der Homelands, der Einführung einer
einheitlichen Staatsbürgerschaft der RSA und einer Regierungsbe-
teiligung der Schwarzen einen erheblichen Verlust an Macht,
Pfründen und Einfluß sieht, gegen den er seine Inkatha mit dem
Argument mobilisiert, die Zulus würden durch eine. Über- bzw.
Vormacht des von Xhosas dominierten ANC bedroht.
Die "Impi"-Schlägerkommandos der Inkatha vertreiben seitdem
schwarze Nicht-Zulus aus dem Homeland und aus den von Zulus be-
wohnten ländlichen Gebieten der südafrikanischen Teilrepublik Na-
tal. Und in den Townships rekrutieren Buthelezis Stammeskrieger
aus KwaZulu weggezogene Stammesbrüder für Inkatha, überfallen
ANC-Einrichtungen als stammesfeindliche Elemente und provozieren
so die Reaktion der "Comrades", die die Xhosa zu bewaffneten
"Selbstverteidigungsgruppen" gegen die Zulus organisieren.
Die RSA-Polizei, wenn sie in den Townships eingreift, schlägt
sich in alter Routine auf die Seite der Inkatha, weil es gegen
die bisherigen Staatsfeinde Nr. 1 vom ANC geht. Dahingestellt, ob
tatsächlich weiße Experten in den Reihen der "Impis" mitgekillt
haben, oder ob Buthelezis Krieger bloß von Spezialisten der Armee
und des RSA-Geheimdienstes ausgebildet und trainiert werden (so
die ARD-"Tagesthemen" am 22.10.), die Interessenlage ist eindeu-
tig: Die schwarzen Konkurrenten Mandelas demontieren den Ruf des
Freiheitshelden, er kontrolliere sein eigenes schwarzes Volk, und
versuchen so, sich selbst als unübergehbaren Verhandlungspartner
für Pretoria ins Spiel zu bringen. Politexperten aus den USA wei-
sen denn auch darauf hin, daß nicht die Toten und Obdachlosen die
Opfer des Gemetzels sind, sondern etwas viel Erhabeneres:
"Wirklich verheerender als die Gewalt selbst war das Ausmaß, in
dem sie die Führungsstärke Mandelas bloßstellte." (Newsweek,
40/90)
Die weiße Opposition, die als Konservative Partei im Parlament
sitzt, die Stadtverwaltungen in Großstädten beherrscht und sich
in mehreren schwer bewaffneten Kampfbünden eine Art SA geschaffen
hat, betrachtet es ohnehin mit Wohlgefallen, wenn "die Kaffern"
aufeinander losgehen. Deshalb verfügt Inkatha über modernste
Schnellfeuerwaffen aus Polizeibeständen und die drangsalierten
"Comrades" in den Townships haben das Eingreifen der Armee gefor-
dert, von der sie sich mehr Schutz erwarten als von eben den Bul-
len, die sie all' die Jahre hindurch schikaniert haben.
Die ANC-Führung ihrerseits schreckte zum Zwecke der Niederhaltung
der Inkatha-Konkurrenz vor einem Hilfeersuchen an die Regierung
nicht zurück. Erst als De Klerks Operation "Eiserne Faust" ziem-
lich unterschiedslos alle Neger auf den Straßen von Soweto ab-
räumte, distanzierte sich Nelson Mandela persönlich vom Einsatz
der Ordnungstruppe. Dennoch will er keinesfalls seinen guten
Draht zu De Klerk gefährden: Die Entscheidung der Burenregierung,
ihn und seinen ANC zu dem Verhandlungspartner für politische Mit-
bestimmung der Schwarzen zu machen, wird vom Nationalkongreß als
"Sieg" der schwarzen Sache genommen. Dabei ist es doch geradezu
umgekehrt die totale Erfolglosigkeit des "bewaffneten Kampfes"
des ANC gewesen, die Anerkennung der Zuständigkeit des Regimes in
Pretoria für die Regelung der Verhältnisse in der RSA, die Di-
stanzierung von radikalen Schwarzenvereinigungen wie dem PAC
(Panafrikanischer Kongreß) und der AZAPO (Azanian People Organi-
zation), die immer noch die "Entkolonialisierung" Südafrikas for-
dern und Verhandlungen, gar einen Kompromiß mit dem
"Siedlerregime" ablehnen, womit sich der ANC als Gesprächspartner
De Klerks qualifiziert hat.
Jetzt legen Mandela und seine Kampfgefährten großen Wert darauf,
ihre Position als Exklusivvertreter der Schwarzen zu behalten.
Eine Zusammenkunft mit Buthelezi ist bislang gescheitert, weil
Mandela mit ihm nur als Ministerpräsident von KwaZulu verhandeln,
keinesfalls aber Inkatha als politische Partei neben dem ANC ak-
zeptieren will. Für die Basis beider Vereine ist damit die Sache
so einfach wie klargestellt: Die Xhosa wollen die Zulu ausschal-
ten, bzw. die Zulus gefährden das Ansehen des eigenen Stammes-
prinzen, der es in der großen Welt zu etwas gebracht hat.
Die Gewalt in den Hüttenstädten
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wird gerne mit dem klassischen Interpretationsmuster der Dritt-
weltsoziologie erklärt. Und zwar auf eine Art und Weise, die vor
Verständnis trieft. Der südafrikanische Historiker Neville Ale-
xander im "Spiegel" (35/1990):
"Es gibt viele soziale Probleme unter schwarzen Südafrikanern: Es
herrscht Armut, es gibt die nach ethnischer Herkunft getrennten
Wohnheime für zugewanderte Arbeiter, die häufig mitten in Sied-
lungen stehen, in denen die anderen Einwohner schon seit Genera-
tionen leben. Dazu kommt der Zustrom von Landflüchtlingen. Das
alles schafft Voraussetzungen für Streit unter den Arbeitern,
weil nicht genügend Mittel vorhanden sind und es der Wirtschaft
schlecht geht. Es fehlen Häuser, Arbeitsplätze, Ausbildungs- und
Gesundheitseinrichtungen."
Kein einziges dieser angeführten "sozialen Probleme" enthält in
sich den Übergang zum Niedermachen von Nachbarn, die in ihnen ge-
nauso wie man selbst vorkommen: als Opfer. So gibt es auch in den
Shantie-Towns neben den Stammesfehden die in den Vorstädten Nea-
pels oder in den Ghettos der USA üblichen Formen des Zurechtkom-
mens mit unaushaltbaren Lebensbedingungen: Straßenkriminalität,
Drogen, Glücksspiel, Alkoholismus. Aber auch die ohnmächtigen
Formen des Protests wie die Gebührenverweigerungskampagnen gegen
die miserable Versorgung mit Wasser, Gas und Strom. Und jede
Menge Kirchen, Caritas und Streetworker, die ins Elend eine warme
Suppe und recht viel Sinn mitbringen. Wo sich die Neuankömmlinge
im Township als Konkurrenten um Wohnraum und Arbeitsplatz dar-
stellen, wird die gerne von europäischen Besuchern Sowetos besun-
gene Gemütlichkeit unter bei aller Armut allweil fidelen Bimbos
auf eine harte Probe gestellt.
Aber alles das bringt noch lange kein Massaker zustande, bei dem
organisierte, ausgerüstete und angefeuerte Trupps auf jeden vom
anderen Stamm schießen, der ihnen über den Weg läuft, und an-
schließend noch die Kadaver malträtieren. Der Stammeswahn, der in
sich keinen p o l i t i s c h e n Zweck kennt, sondern bloß den
Haß gegen die feindliche Verwandtschaft, der daher auch kein Maß
hat und keine Rücksicht nimmt, folglich auch beim Draufhauen von
sich aus nicht eher Schluß macht, als bis die Gegnerschaft sich
ausgetobt hat, schafft das auch nicht allein. Dazu braucht es
schon eine Führung mit einem politischen Zweck, die das Ganze
aufstachelt, organisiert und mit moderner Feuerkraft ausrüstet.
Die politischen Führer der schwarzen Marodeure sind in der Zwick-
mühle, daß sie sich einerseits die Loyalität ihrer Mannschaft im
Appell an einen vorgestellten Naturzusammenhang sichern, anderer-
seits durchaus die Gefahr bemerken, die von der entfesselten Ge-
walt für ihr politisches Projekt ausgeht. So rufen sie immer wie-
der mal zur Gewaltlosigkeit unter schwarzen Brüdern auf, die
schließlich über die Stammesgrenzen hinweg ein Staatsbürgermate-
rial sein sollen, zu dessen Beherrschung und Verwaltung sie sich
anbieten. Der politische Tribalismus soll funktional bleiben für
die Stammespolitiker, die eine Nation regieren wollen.
So ist auch die Regierung De Klerk nicht unbedingt für eine Fort-
dauer der Unruhe in den Townships. Zwar hat sie es als Erfolg
verbuchen können, daß das nationale und internationale Renommee
Mandelas zurechtgestutzt worden ist und der Mann nach 29 Jahren
Inhaftierung durch die Burenregierung jetzt eben diese um Hilfe
für seine schwarze Gefolgschaft angehen muß. Andererseits braucht
De Klerk einen renommierten schwarzen Führer, der sein politi-
sches Mitherrschaftsmodell unterschreibt und für Ruhe unter dem
nichtweißen Bevölkerungsteil sorgt. Auf dem Parteikongreß der Na-
tionalpartei hat sich De Klerk mit seiner Position durchgesetzt,
bis zu den nächsten Parlamentswahlen m i t d e m A N C ein
Verfahren auszuhandeln, das die schwarze Bevölkerungsmehrheit,
v e r t r e t e n d u r c h d e n A N C, mit in die Regie-
rungsverantwortung nimmt. Die große Mehrheit für De Klerk, selbst
noch für den unerhörten Beschluß, die Burenpartei für "Kaffern"
zu öffnen, zeigt, daß sich die herrschende Klasse in der RSA
ziemlich sicher ist, sich die Früchte ihrer Herrschaft auch unter
schwarzen Repräsentanten der Macht erhalten zu können. Neben ih-
ren eigenen positiven Erfahrungen in den bisherigen Verhandlungen
mit dem ANC gibt es ja auch das schöne Beispiel Simbabwe oder Na-
mibia, wo die Reichtumsproduktion seit der Zugestehung aller
Staatsbürgerrechte an die Schwarzen ungestört läuft und sich
Reichtum und Armut unverändert auf die dafür vorgesehenen Teile
des jetzt g l e i c h b e r e c h t i g t e n Staatsvolks ver-
teilen.
Lernfähig ist aber auch die weiße Opposition, die sich in Gestalt
der Inkatha jetzt schon eine Art RENAMO halten will, jene Söld-
nertruppe von Stammeskriegern also, die die RSA-Regierung gegen
die FRELIMO-Herrschaft in Mosambik aufgestellt hat. In KwaZulu
sind jetzt die RENAMO-Stützpunkte gesichtet worden, die die RSA-
Regierung nach dem Friedensschluß mit Mosambik aufgelöst hat, und
an den September-Massakern in der Johannesburger Region sollen
RENAMO-Kämpfer beteiligt gewesen sein.
So wird die schwarze Bevölkerung in der RSA noch vor ihrem Auf-
stieg zum W ä h l e r von allen Seiten für den politischen
Kampf um die Machtverteilung in der RSA hergenommen.
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