Quelle: Archiv MG - AFRIKA RSA - Republik Südafrika
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MSZ 7-8/86
Südafrika 10 Jahre nach Soweto
DIE "UNHALTBAREN ZUSTÄNDE" FEIERN GEBURTSTAG
"Eine weitere Belastung für den dringend notwendigen Beginn des
Dialogs zwischen allen politischen Kräften des Landes", so ließ
die Bonner Regierung unisono mit dem Hauptpartner Südafrikas,
Margret Thatcher, über den neuerlichen Ausnahmezustand in Süd-
afrika "betroffen" verlauten. Die Presse beklagt wieder einmal
Pieter Bothas Rückfall in die "Wagenburg-Mentalität", die politi-
sche "Blindheit" der Buren und spekuliert zum x-ten Mal wie der
"Spiegel" über die wachsende Unregierbarkeit des Landes.
Natürlich meinen diese Oberdemokraten nicht, daß in Südafrika die
Herrschaftsverhältnisse nach dem Muster einer bundesdeutschen
großen Koalition zwischen Weiß und Schwarz friedlich neu geregelt
werden könnten oder gar sollten - seit wann wird denn so die
Machtfrage geklärt. Und wenn die hiesigen Macher und Besserwisser
ernsthaft glaubten, die Verhältnisse dort unten stünden auf dem
Spiel, sie würden sich sicher ganz anders für "Stabilität" stark
machen. In dem routinemäßigen Palaver, ob die Buren nicht mehr
Demokratie wagen sollten, gehen freilich die Fortschritte ziem-
lich unter, die die südafrikanische Macht wirklich vollbringt. In
Pretoria sieht man nach eigenem Bekunden "die Zeit für eine
Kraftprobe mit den Kräften der Anarchie und der Revolution" ge-
kommen - und das ist ebensowenig bloße Rhetorik wie Reagans
Kreuzzug gegen den Kommunismus in Nicaragua, Libyen und anderswo
und Kohls Wende- und Frieden-nur-in-Freiheit-Propaganda.
Der südafrikanische Kampf gegen den Terrorismus
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Nur zur Erinnerung, weil über dem pflichtgemäßen öffentlichen
Kopfschütteln wegen des verpaßten Dialogs und der vergeigten Re-
formhoffnungen die eigentlichen südafrikanischen Großtaten schon
wieder in Vergessenheit geraten sind: Es ist erst einen Monat
her, daß südafrikanische Kommandos aus der Luft Flüchtlingslager
überfallen und Gebäude in den Hauptstädten von drei
"Nachbarstaaten " bombardiert haben, in denen sich laut Pretoria
'Terroristen'nester des oppositionellen ANC befanden.
Die Rechtfertigung war kurz und schlagend:
"Der ANC habe seine 'Politik der Gewalt' fortgeführt, obgleich
die Führung Südafrikas wiederholt ihre Entschlossenheit dargelegt
habe, den 'Terrorismus zu bekämpfen'." (Frankfurter Rundschau,
21.5.)
Anlaß des Bombardements war der Fund eines versteckten Waffenla-
gers in der Nähe von Johannesburg.
Die 'verkrampten' Buren beherrschen also das außenpolitische Re-
zept ganz gut, das die USA unter dem Titel "Terrorismus-
bekämpfung" zum offiziellen NATO-Programm gemacht haben: Weil
sich die Opfer und Gegner südafrikanischer Politik nicht frei-
willig ihrem Polizei- und Militärapparat ausliefern, erklärt die
Regierung die Republik für bedroht, beansprucht das "Recht auf
Selbstverteidigung und vorbeugende Maßnahmen" - und führt sich
außerhalb ihrer eigenen Grenzen wie im eigenen Land auf: als
Ordnungsmacht, die mit Bomben und Granaten Verstöße gegen ihr
Gewaltmonopol bestraft. Und das nicht erst im Gefolge des
amerikanischen Vorbilds, seitdem aber mit ausdrücklicher Berufung
darauf. Solche Kriegsaktionen haben die auswärtige Unterstützung
des ANC - von seinem 'bewaffneten Kampf' in Südafrika selbst ganz
zu schweigen - längst zu einer bloßen diplomatischen Phrase ge-
macht. Mosambik und Angola haben sich angesichts der überlegenen
Gewalt zum offiziellen Verzicht darauf bewegen lassen, dem ANC,
bzw. der SWAPO Zufluchtsmöglichkeiten zu bieten; die übrigen völ-
lig von Südafrika, den USA und der EG abhängigen schwarzen Regie-
rungen erfreuen sich der ständigen Aufsicht durch Südafrikas Ar-
mee, die ihre Feinde auch auswärts rücksichtslos verfolgt.
Die westliche Reaktion auf diesen 'Dialog' Südfrikas mit näheren
und ferneren 'Nachbarn' fiel ziemlich ausgewogen aus: "Entschie-
dene Mißbilligung" wurde den RSA-Botschaftern förmlich zu
Protokoll gegeben; eine Debatte über westliche Sanktionen fand
erst gar nicht statt; die UNO beriet eine Resolution. Das war
auch schon genug an diplomatischer Heuchelei für die afrikani-
schen Partner und die eigene Öffentlichkeit.
Der Kampf gegen die wahren Hintermänner
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Ein viel bedeutsamerer Übergang im Ordnungsstiften ging dagegen
ziemlich lautlos über die westliche Bühne. Das Burenregime, das
sich bei seinem Friedensdiktat gegenüber Angola und Mosambik
selbstverständlich vorbehalten hat, seinerseits die Guerilla in
diesen Ländern weiterhin zu unterstützen, hat Anfang Juni den
südangolanischen Hafen Namibe angegriffen und einen militärischen
Schlag gegen die logistische Basis der angolanischen Regierung in
ihrem Anti-Guerilla-Kampf gelandet.
"Drei Schiffe, zwei sowjetische Frachter und das cubanische 6000-
Tonnen-Containerschiff 'Habana' seien, so meldeten es auch die
Agenturen des Ostblocks, von Froschmännern mittels Haftminen
teils versenkt, teils schwer beschädigt worden. Gleichzeitig habe
das südafrikanische Kanonenboot mit Raketengeschossen eine Reihe
von Treibstofftanks im Hafen in Brand geschossen... Der für diese
Weltgegend vorzüglich (von der ehemaligen portugiesischen Koloni-
almacht) ausgebaute Hafen von Namibe-Mocamedes diene der raschen
Versorgung der Regierungstruppen in Westangola mit Waffen, Mate-
rial, Brennstoff und Verpflegung, heißt es." (Frankfurter Allge-
meine, 10.6.)
Mit diesem Angriff gegen Russen und Kubaner sind unmittelbar die
weltpolitischen Interessen der NATO berührt und deshalb ihre Auf-
sicht fällig. Das teilt die "FAZ" ebenfalls mit, wenn sie über
angebliche Schwierigkeiten der südafrikanischen Armeeführung rä-
soniert:
"Zweifellos hatte zwar dieser nächtliche Überfall die Eigenschaft
eines brillanten Husarenritts, und niemand anderer in dieser
Weltgegend könnte als Täter in Frage kommen; aber... die Furcht
vor direkten Feindkontakten und nicht durch die üblichen Stell-
vertreter-Puffer abgefederten Zusammenstöße mit der Sowjetunion
selbst gebietet äußerste Vorsicht: zumal für die nächste Zukunft
auf dem angolanischen Schlachtfeld, wo solche direkten Zusammen-
stöße vielleicht unausweichlich sein werden."
Südafrika ist also zum direkten Feindkontakt übergegangen und
leistet sich kriegerische Zusammenstöße mit der sowjetischen
Weltmacht selbst, auf dem Boden von deren Verbündeten. So nach-
haltig hat der "internationale Empörungsaufschrei" (FAZ) nach dem
Kommandounternehmen gegen den ANC gewirkt, und so steht es um die
"zunehmende Schwäche" der weißen Herrschaft in Südafrika: Ihre
Sicherheitspolitik greift immer mehr aus, sie setzt sich immer
rücksichtsloser über die Souveränität der umliegenden Staaten
hinweg und legt es auf eine Konfrontation mit den Schutzmächten
an. Die rückständigen Buren sind mit ihrem 'Kampf gegen den Ter-
rorismus' in ihrer Region der USA- und NATO-Linie um einen
Schritt voraus. Sie haben sich mit stillschweigendem Wohlwollen
des Westens der eventuell Zurückhaltung gebietenden Überlegung
enthoben, welche weiteren Folgen ihre Aktionen gegen den Ostblock
nach sich ziehen könnten, und nehmen sich die Freiheit, die Probe
aufs Exempel zu machen, wieweit die Bereitschaft der Sowjetunion
reicht, zugunsten eines Verbündeten einen 'regionalen Kon-
fliktherd' zu eskalieren, will sie nicht an Einfluß verlieren.
Die Reaktion auf sowjetische Proteste bestand in westlichen War-
nungen, die Russen sollten es mit der Aufrüstung der angolani-
schen Luftwaffe nicht zu weit treiben. Damit war das Thema vor-
erst beendet und alle Welt widmete sich termingemäß den untragba-
ren inneren Verhältnissen Südafrikas. Inzwischen eine Routi-
neübung. Denn all die Propheten einer drohenden Anarchie, die Re-
form-Mahner, Polizeistaatskritiker und Tragödienbebilderer wissen
nur zu genau und berichten es zwischen den Zeilen, daß das Ein-
vernehmen Südafrikas mit seinen politischen Paten weniger denn je
auf dem Spiel steht; daß das Regime über alle Gewaltmittel und
guten Gründe verfügt, sich auf keine Änderung im Innern einzulas-
sen; daß die Forderungen der Schwarzen unmöglich ohne Gewalt
durchzusetzen sind und daß sie diese Gewalt gar nicht haben -
Gott sei Dank, natürlich!
Immer mehr Stabilität im Innern
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Es ist ja auch nur ein erbauliches Gerücht, der neuerliche Aus-
nahmezustand, so kurz nach der Aufhebung des vorherigen, signali-
siere "das Scheitern der sogenannten Reformpolitik" (Willy
Brandt) und sei der Sorge geschuldet, die drohenden Unruhen zum
Soweto-Jahrestag könnten das Land in das beschworene "Chaos"
stürzen. In Wahrheit verdankt sich dieser Beschluß der Tatsache,
daß nach dem Geschmack der Regierung nicht schnell genug vom Par-
lament mit seinen demokratisch minderbemittelten Mischungs- und
Asiatenkammern drei geplante Gesetze verabschiedet worden sind,
welche die legale Einrichtung des Dauer-'Ausnahmezustands' vorse-
hen. Sie sollen nämlich die Verhaftung von Verdächtigen für 180
Tage ohne richterliche Prüfung erlauben und dem Polizeiminister
das Recht geben, ohne große Umstände für drei Monate den Ausnah-
mezustand zu verhängen. Auf der anderen Seite dienten die ange-
kündigten Streiks und Demonstrationen als willkommener Anlaß, die
meisten Köpfe der oppositionellen Kräfte bis auf weiteres einzu-
kassieren.
Die "Kraftprobe" wird also einseitig von der Regierung ange-
strengt, die sich ihrer Machtmittel sicherer denn je ist und ge-
waltsame Opposition weniger denn je zu fürchten hat. Was den
Kampf gegen die Verhältnisse in der Produktion angeht, so haben
die weißen Politiker im Verein mit den Unternehmern ihrem schwar-
zen Arbeitsvieh jeden Gedanken an Streik so gründlich abgewöhnt,
daß der angeblich so bedrohliche Feiertag des schwarzen Wider-
stands mit einem einzigen Tag verordnetem Urlaub und wohlgeordne-
ter Arbeitsruhe abging. Die politischen Herren können sich da ei-
nerseits voll und ganz auf die segensreichen Wirkungen eines Ar-
beitsmarktes verlassen, welcher der Wirtschaft beständig Millio-
nen überzähliger und anspruchslosester Arbeitskräfte im eigenen
und im Nachbarland zur Verfügung stellt und umgekehrt der Mehr-
zahl der Arbeitskräfte wegen der unbeschränkten Konkurrenz mit
der Masse Arbeitssuchender jede Beschäftigungssicherheit und
einen auch nur halbwegs ausreichenden Lohn verwehrt. Zum zweiten
bauen die Verteidiger der Ordnung zurecht darauf, daß ihr Gewalt-
monopol unbestritten ist. Sie regeln nämlich - unter dem Titel
"Kampf gegen die Kräfte der Anarchie" augenblicklich nur die un-
vermeidlichen Folgen, die erfolgreiche Kasernierung und Sortie-
rung dieses überquellenden anspruchslosen schwarzen Arbeitskräf-
tereservoirs. Klar, daß die politische Betreuung von Slums und
Gettos, also des Reproduktionsbereichs der Bevölkerungsmehrheit,
nicht so sozialstaatlich abläuft wie bundesdeutsche Rentenkürzun-
gen, Beitragserhöhungen, Arbeitsloseninitiativen und Türkenheim-
führungen. Schließlich beruht das System ja gerade darauf, daß
sich dieser Staat für ein brauchbares Arbeits- und Staatsvolk
manche Bemühung sparen kann, wenn er sich nur ordentlich darum
kümmert, daß die Schwarzen mit ihrer Armut unter gesonderte poli-
zeiliche Aufsicht gestellt sind und vor allem die politische Ei-
nigkeit seiner staatstragenden Schichten gewährleistet ist. Bei-
des im Prinzip keine übermäßigen Herausforderungen, zumal sie
sich wechselseitig beflügeln. Die in letzter Zeit gemeldeten
'Aufstände' und Auseinandersetzungen zwischen 'rivalisierenden
schwarzen Gruppierungen' in den Elendsquartieren um Kapstadt, Jo-
hannesburg und anderswo beweisen denn auch nicht politisches Ver-
sagen oder rückständige Verbohrtheit, sondern sind Ergebnis oder
auch selber Mittel erfolgreicher Ordnungspolitik. Teils prote-
stieren da betroffene Schwarze hilflos und vergeblich gegen ihre
Verwandlung in Homelandbewohner, was ihren südafrikanischen
Rechtsstatus weiter verschlechtert. Teils arbeiten da
'alteingesessene' Getto-Bewohner oder vor Ort geschaffte Vigilan-
tentrupps mit Polizei und Behörden gegen unerwünschte Ansiedler
zusammen und morden, sengen und plündern unter Polizeischutz in
den entsprechenden Vierteln. Sich verschaffen sie ein paar Ver-
günstigungen oder das Recht, selber in ihren Elendsquartieren
bleiben zu dürfen, den Ordnungskräften die Gelegenheit, die ob-
dachlos gewordene Mannschaft in strategisch günstigere Dauerlager
umzuquartieren oder ganz loszuwerden.
Teils lassen aber auch aufgebrachte Massen ihre Wut an Ordnungs-
kräften und schwarzen 'Kollaborateuren' aus und reagieren so dar-
auf, daß ihre weißen Herren die 'Verwaltung' der Slums in unter-
geordnete schwarze Hände legen oder die auch einfach den Bewoh-
nern selbst überlassen, so daß für die automatische Reproduktion
der Slumverhältnisse bei Wohnen, Bildung und Beschäftigung be-
stens gesorgt ist. 'Unregierbarkeit' herrscht da noch lange
nicht. Schließlich hat die Regierung damit, daß sie diese Viertel
von außen bewacht und den Massenverkehr des beschäftigten Drit-
tels in die Städte und Betriebe organisiert, alles Notwendige ge-
tan, damit Geschäft und Politik ihren geregelten Gang gehen.
Ihre Entschlossenheit bekundet die Botha-Regierung, indem sie ein
ums andere Mal ausländische Sanktionen zurückweist, die gar kei-
ner ernsthaft beschließen will, immerhin ein Hinweis, wo die ent-
scheidenden Kräfte sitzen, mit denen Pretoria rechnen muß:
"Südafrika wird es nicht zulassen, sich demütigen zu lassen, nur
um Sanktionen zu vermeiden... Wir sind keine Nation von Schwäch-
lingen... Sollten wir uns auf unseren Schöpfer und unsere Fähig-
keiten allein verlassen müssen, dann sage ich: gut so."
(Frankfurter Rundschau, 14.6.)
Und diese Entschlossenheit besiegelt sie, indem sie Oppositio-
nelle massenhaft verhaftet, nicht um einen 'Widerstand' zu unter-
drücken, der gar nicht wirklich und schon gar nicht massenhaft
stattfindet, sondern um alle einzuschüchtern, die mit Berufung
auf die Schwarzen politische Alternativen repräsentieren.
Ob diese Einschüchterung mit oder ohne Ausnahmezustand passiert,
ist eine Verfahrensfrage, welche die Regierung künftig mehr oder
weniger hinfällig machen will. Eine Verfahrensfrage freilich, die
den demokratischen Sachverstand ausländischer Beobachter brennend
interessiert.
Die Systemverbesserer in Südafrika
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Soweit in Südafrika eine 'Volksbefreiung' gegen die
'Kolonialherren im eigenen Land' zum Kampf aufgerufen oder ihn
probiert hat, ist sie mehrheitlich ins Gefängnis, ins Ausland,
ins Jenseits gewandert. Die Strategie der Regierung, jede denk-
bare ernsthafte Opposition von vornherein kopflos und unschädlich
zu machen, ist schließlich weder neu noch auf ein paar Jahrestage
beschränkt; und gegen die bewaffnete Gewalt im Lande kam und
kommt eine Volkskampfbewegung ohne kämpfendes Volk nicht an.
Zumal die Hoffnung auf entscheidende Hilfe und Druck auf die Re-
gierung von außen trog. Die Einrichtung eines Staates mit schwar-
zer Führung nach dem Muster der 'Entkolonialisierung' war westli-
cherseits nie vorgesehen; eine souveräne und rundum brauchbare
Rohstoffbasis und ein politisches Bollwerk der Freien Welt gegen
die Gefahr, daß dieses Entkolonialisierungsprogramm den sowjeti-
schen Einfluß in der Welt stärken könnte, war Südafrika ja schon.
Und die Sowjetunion wollte an diesem 'Status quo' auch nicht
ernsthaft rütteln.
Die Unnachgiebigkeit, mit der die Herren im Lande aus den Schwar-
zen immer mehr ein Extra-Volk, quasi einen "Staat im Staate",
aber eben im Gegensatz zu den 'ordentlichen' Staatsverhältnissen
für die privilegierte Minderheit: ein Volk ohne Bürgerrechte,
ohne eigene Repräsentanten und vor allem ohne jeden Anflug einer
sozialstaatlichen Regelung der Armutsverhältnisse, gemacht haben
- diese Unnachgiebigkeit hat statt dessen eine Opposition beför-
dert und in den Vordergrund gerückt, bei der nicht zufällig Kir-
chenvertreter die Speerspitze bilden. Diejenigen, die von Berufs
wegen oder aus Neigung damit befaßt sind, den Armen und Notlei-
denden Pflege, Beistand und Trost angedeihen zu lassen, damit sie
ertragen, was unerträglich ist, sind nämlich auch die geborenen
Repräsentanten einer Kritik, die bei den Herrschenden die sozial-
staatliche Verpflichtung einklagt, dieses christliche Anliegen zu
fördern. Sie geraten damit allerdings in Gegensatz zur aller-
christlichsten Burenmannschaft. Wenn sie sich theoretisch und
praktisch der Benachteiligten annehmen, die ansonsten immer nur
mit Gewalt betreut werden; wenn sie in den Gettos und außerhalb
für Recht, Verwaltung, Unterricht, Krankenwesen und Armenspeisung
sorgen und eintreten; dann werden sie unsanft darauf gestoßen,
daß sich dies mit dem System nicht verträgt. Schon gar nicht,
wenn daraus gleich auch noch ein ganzer Forderungskatalog er-
wächst, wie das Regime sich seiner Opfer annehmen und sie - wo-
möglich mitleidsvoll - für die Herrschaft einnehmen, statt ge-
waltsam ausgrenzen sollte. Das gutgemeinte Ansinnen, den Schwar-
zen stünde doch gerechterweise politische Anerkennung zu - in
Form gleicher Rechte und Pflichten als südafrikanische Bürger
nämlich -, rüttelt ja wirklich theoretisch an den materiellen
Grundfesten dieses Staatswesens, das Lohnsklaven und kein wahl-
und "anspruchsberechtigtes" Proletariat braucht, und wird ent-
sprechend entschieden zurückgewiesen. Umgekehrt fördert das wie-
derum die kritische Auffassung, es läge an der Uneinsichtigkeit
der Regierung und der mangelnden Gleichberechtigung, daß Schwarze
nicht als friedliche und ordentliche Bürger und Untertanen leben
könnten. So werden aus Anwälten einer guten Obrigkeit Herr-
schaftskritiker und Volksvertreter einer schwarzen 'Opposition',
die sich bei den härtesten Regierungsübergängen einfach nicht von
dem Glauben abbringen lassen will, vielleicht ließe sich die Re-
gierung zur 'Einsicht' bekehren, ihr System müßte verbessert wer-
den. Entsprechend idealistisch fallen deswegen die Vertretung der
Schwarzen gegen die Regierung und ihre Betreuung aus ziemlich
fern von allem, was die dunkelhäutigen Massen wirklich brauchen
könnten.
Der hochgeehrte Bischof Tutu beklagt den Ausnahmezustand als
einen 'tragischen Fehler' der Regierung und meint, das dem Mini-
sterpräsidenten einen Tag nach Verhängung des Ausnahmezustands
unbedingt in einem Gespräch unter vier Augen mitteilen zu müssen.
Schließlich ist er ein unerschütterlicher Mann des Friedens, der
schon seit 1979 vor der 'Anarchie' und vor dem Ausbruch der Ge-
walt von unten warnt, weil die von oben systematisch und erfolg-
reich zur Aufrechterhaltung der Ordnung eingesetzt wird:
"Oh Gott, bitte hilf uns - laß die Weißen unsere Stimme hören,
ehe es zu spät ist."
Seit 10 und mehr Jahren geben sich solche Leute andererseits ent-
täuscht und wieder enttäuscht, daß die Regierung sich aber auch
kein bißchen ihre Sorgen zu Herzen nimmt, sondern ungerührt ein
Homeland nach dem anderen aufmacht, ein perfekteres Getto nach
dem anderen baut, die friedfertigsten Ansprüche mit Verachtung
und Gewalt straft und unter dem Titel 'Reform' den politischen
Drei-Klassen-Status zementiert. Sie preisen ausgerechnet das
Wahlrecht für Hungerleider und Opfer von Staatsterror als den
Gipfel der Menschlichkeit und als die Erfüllung aller christli-
chen Gerechtigkeitsträume und Freiheitshoffnungen an. Auf der an-
deren Seite werben Leute wie Winnie Mandela für die Gerechtigkeit
ihres Anliegens, indem sie sich demonstrativ verhaften und verur-
teilen lassen; indem sie in den Elendsvierteln der Regierung zum
Trotz als selbsternannte Sozialarbeiter und Volkspfleger Almosen
verteilen; indem sie die Massen zur Hoffnung auf die Zukunft auf-
fordern und nach Kräften deren schlichtes Rechts- und Unrechtsge-
fühl pflegen - und zum Zeichen ihres 'Optimismus' tanzt sie mit
Gesinnungsgenossen vor westlichen Fernsehkameras auf den Schwar-
zen Nationalschlager: 'Free Nelson Mandela'.
Mit ihren Klagen, Anklagen, Mahnungen und Vertröstungen auf einen
nicht mehr fernen jüngsten Tag, an dem alle Südafrikaner endlich
ihre gemeinsame Herrschaft über sich haben, führen sich solche
ewig verhinderten Systemverbesserer zugleich als Vorsteher und
autorisierte Dolmetscher eines Massenbedürfnisses und einer Mas-
senbewegung auf, die es so gar nicht gibt. Es ist nämlich
e i n e Sache, wenn Millionen tagtäglich zu spüren bekommen, daß
sie unter armseligen Umständen zusammengepfercht und zum gleichen
Armutslos verurteilt und der Ordnungsgewalt ausgeliefert sind;
wenn sie auf der anderen Seite zugleich die zivilisierte Welt des
gesellschaftlichen Reichtums vor Augen haben, von dem sie ausge-
schlossen sind - und zwar mehrheitlich ohne jede Gelegenheit, in
ihr wenigstens als dienstbarer Geist etwas zu verdienen. Es ist
eine ganz andere Sache, wenn kundige Massenbetreuer diese
Erfahrungen in den allgemeinen Wunsch übersetzen, die Regierung
möge endlich anerkennen, daß Schwarze "auch Menschen", also aner-
kennenswerte Bürger sind, die eine menschliche Behandlung ver-
dient hätten. Armut und Elend eignen sich freilich noch allemal
bestens zur kirchlich-sozialen Betreuung; und deren Sachwalter
übernehmen gleich auch noch, höchst respektabel, die Rolle einer
politischen Vertretung, nachdem diese den Schwarzen nicht zuge-
standen wird. Es braucht eben nur gebildete, mündige Interpreten,
um den Wunsch nach einer friedlichen Reform der südafrikanischen
Gewaltverhältnisse mit dem entsprechenden Deuter auf die schwar-
zen Massen besonders glaubwürdig in die Weltöffentlichkeit zu
tragen und die Freie Welt zum Druck auf ihren Partner aufzurufen.
Die Repräsentierten brauchen von ihrem politischen Gemeinschafts-
bewußtsein im Zweifelsfall nicht mehr zu verstehen als die
Wunschbilder, in die ihre Betreuer das Staatsprogramm extra für
sie rückübersetzen:
"Wenn ich alt bin, möchte ich eine Frau haben und zwei Kinder,
einen Jungen und ein Mädchen, und ein großes Haus und zwei Hunde
und Freiheit." (Süddeutsche Zeitung, 14.6.)
Die vielgelobten Anwälte der unterdrückten Schwarzen sind auf der
anderen Seite damit beschäftigt, ihrem vorgestellten Volk dieses
Gemeinschaftsgefühl erst einmal richtig anzuerziehen und es in
die richtigen organisatorischen Bahnen zu lenken: die Bahnen öf-
fentlicher menschenrechtlicher Anklagen gegen die Gewalt. Sie
führen die Leichenfeiern an, auf denen Trauer und Empörung ihren
ohnmächtigen und weihevollen Ausdruck finden sollen. Sie veran-
stalten Gottesdienste und Kundgebungen mit Gesang, Tanz und Ge-
bet. Sie sind schwer betroffen und versuchen zu besänftigen, wenn
die Gemütsverfassung regelmäßig in Wut und Haß umschlägt und ohn-
mächtige Sluminsassen sich entsprechend hilflos und brutal auf-
führen, mit Steinen, Messern und sonstigem gegen Ordnungskräfte
standhalten wollen, die auch nur auf diese Gelegenheit gewartet
haben, um wieder einmal ein Stück mehr aufzuräumen. Die Leichen
werden anschließend, natürlich wieder gebührend als Kronzeugen
erlittenen Unrechts und Märtyrer eines standhaften schwarzen Vol-
kes gefeiert.
Die ausgewogene westliche Würdigung
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ist "den Schwarzen" bzw. ihren ungewählten Volksvertretern si-
cher. Eine ernsthafte Widerstandsbewegung ist dank imperialisti-
scher Umsicht und südafrikanischer Sturheit nicht zu befürchten;
die ANC-Reste haben gegen die bewaffnete Gewalt keine Chance und
dürfen in Genf an die USA und Großbritannien appellieren, doch
endlich Sanktionen zu ergreifen. Und was die anderen
'oppositionellen Kräfte' und 'Regierungskritiker' angeht, so weiß
man und würdigt das entsprechend, daß da eigentlich bloß auf-
rechte und ehrenwerte Sozialwirte am Werk sind. So aufrecht und
ehrenwert, daß man sich aus Bonner Journalistenperspektive sogar
eine schwarze Mehrheitsregierung in einem reformierten Burenstaat
mal vorstellen könnte und der Regierung jedenfalls den Vorwurf
nicht ganz ersparen möchte, überflüssige Härte walten zu lassen.
Auch das ist allerdings mit den offiziellen und inoffiziellen Re-
aktionen pünktlich zum Ausnahmezustand und Jahrestag kein Geheim-
nis geblieben: Ob Südafrika anders regiert werden kann und soll
oder keinesfalls anders regiert werden darf, das ist keine poli-
tikbewegende Frage. Die innerwestliche Verständigung darüber, daß
Südafrikas Ordnungsauftrag mitüberwacht und seine Einbindung in
die NATO-Strategie und Weltpolitik gesichert gehört - im letzten
Jahr mit viel öffentlicher Aufregung in eine ernsthafte Krise
Südafrikas uminterpretiert (vgl. MSZ 10/1985) -, diese Verständi-
gung hat offenbar stattgefunden. Was bleibt, ist parteipolitische
Routine im Umgang mit den 'unhaltbaren Zuständen' bei unserem
Partner: Eine UNO-Verurteilung scheitert. Die EG führt Debatten,
nachdem Thatcher und Kohl vorher jede Sanktion kategorisch abge-
lehnt haben. Der Öffentlichkeit werden die absurden Begründungen
nachgereicht: Wir haben mit unseren guten und ausgiebigen Ge-
schäftsbeziehungen gar keinen Einfluß, sondern werden von Süd-
afrika erpreßt, sie auszubauen; ihr Abbruch schadet nämlich nur
uns und den Schwarzen, die ja bekanntlich vom laufenden Geschäft
mindestens so blendend profitieren wie das deutsche Volk; und
schließlich könnten die sturen Buren dann aber ganz schön unge-
mütlich werden:
"Wenn wir unsere Koffer packen und gehen..., könnte Südafrika sa-
gen: 'Wir jagen jeden in die Luft, der uns auf die Nerven geht'-
obwohl es nicht sehr wahrscheinlich ist, daß sie das tun. Die
Technik zum Bau von Atomwaffen beherrscht das Land aber durch-
aus." (UNO-Botschafter der USA)
Für den notorischen Drittwelt-Freund Brandt nimmt das "weiße Min-
derheitsregime" mal wieder "immer offener die Züge einer Militär-
diktatur an" (Frankfurter Rundschau, 16.6.). Und für Strauß steht
wie eh und je genau umgekehrt fest, "die sofortige Einführung des
Prinzips 'Jeder Mensch eine Stimme' gefährde die Stabilität des
Landes" (tz, 16.6.). Alle sind sich mit der entsprechend durch-
sichtigen Heuchelei also einig, daß es dort unten gar nicht an-
ders weitergehen kann mit Ordnung, Reichtum und strategischer
Bündnispartnerschaft.
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Gott sei Dank!
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Die Opfer feiern ihren Herren
"Liturg: Voller Schmerz denken wir in unserem Gebet an die Tau-
senden, die im Kampf für die Freiheit ihr Leben gelassen haben,
an die vielen, deren Leben durch Haft zerstört worden ist; an die
Mütter, Väter, Brüder und Schwestern, die ihre Toten beweinen; an
die vielen, die ins Exil gehen mußten; an die afrikanischen Füh-
rer, die seit mehr als zwanzig Jahren im Gefängnis sitzen; an die
unterbrochene und zweitklassige Ausbildung der Kinder in Süd-
afrika; an die Entwürdigung der Opfer von Zwangsumsiedlungen; an
die Armen, die Hunger und Durst leiden.
Gemeinde: Aus der Tiefe rufen wir: reiß aus die Wurzel unseres
Schmerzes - beseitige die Unterdrückung des Apartheidsystems.
Liturg: Wir empfinden auch Zorn angesichts der fortgesetzten Un-
terdrückung der Schwarzen in Südafrika; der Unerbittlichkeit de-
rer, die sich als Herrscher Südafrikas ausgeben, und der Passivi-
tät derer, die an ihrem bequemen Leben festhalten; angesichts des
permanenten Machtmißbrauchs und der Verweigerung von Gerechtig-
keit und Freiheit.
Gemeinde: Aus der Tiefe rufen wir: entferne von der Macht, die
Regierungsgewalt mißbrauchen.
Liturg: Du allein bist der Gott, du allein verdienst unseren Ge-
horsam und unsere Treue, du siehst das Leid deines Volkes;
schließe die Tore der Apartheid, beschäme alle, die das Unrecht
unterstützen, öffne die Tore für Gerechtigkeit und Freiheit, er-
neuere das Leben deines gepeinigten Volkes.
Gemeinde: Aus der Tiefe rufen wir: beseitige die ungerechte Herr-
schaft, und ersetze sie durch die Herrschaft der Gerechtigkeit.
Amen." ("Gebet für die Beendigung einer ungerechten Herrschaft",
vom Südafrikanischen Rat der Kirchen für die Soweto-Gedenkgottes-
dienste beschlossen. Frankfurter Rundschau, 7.6.)
Täglich ein Vaterunser gegen die Apartheid unter Leitung von Bi-
schof und Nobelpreisträger Tutu, mit dem Segen des Papstes und
dem Beifall der freien Presse - das macht die südafrikanischen
Verhältnisse schwer unregierbar!
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