Quelle: Archiv MG - AFRIKA NAMIBIA - Im südlichen Afrika
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Bremer Hochschulzeitung Nr. 10, 22.01.1980
Forum Namibia, Überseemuseum und sein Container
KULTURIMPERIALISMUS, KRITISCH
"Der moderne Rassismus anerkennt mit der nützlichen politischen
Herrschaft, zu der mehr oder minder studierte Neger fähig sind,
auch den Menschenschlag, dessen 'Natur' sich da äußert. Hatte die
alte Lehre darauf bestanden, Untermenschen auch als Vieh zu be-
handeln, so ist mit überwundenem Kolonialismus das Zugeständnis
fällig, daß die Barbarei in all ihren Ausgestaltungen der für sie
zuständigen Rasse zu überlassen sei, weil die werden schon wis-
sen, welche Lebensgewohnheiten für sie passen. (RESULTATE, Impe-
rialismus 1)
In jüngster Zeit haben einige bemerkenswerte Beiträge "zum Be-
freiungskampf" der dunkelhäutigen Menschheit auf dem schwarzen
Kontinent von sich Reden gemacht.
ANTI-APARTHEID-BEWEGUNG, eingetragener Verein, der mit einer bei
der Stadt beantragten Säuberungsaktion den seit "Oktober 1886 im
Oranje ertrunkenen" Bremer Großkaufmann Lüderitz, Franz Adolf
Ed., aus dem Namensschild der nach ihm benannten Straße verbannen
will, um für Mandela, Nelson Rohilahl, "südafrikanischer Jurist
und Politiker" Platz zu machen. Weil nur wenn man den Alten weg-
bringt, kann man "den Kolonialismus von gestern und heute ins Be-
wußtsein der Öffentlichkeit zurückbringen." (Flugblatt des einge-
tragenen Vereins)
ÜBERSEEMUSEUM, städtischer Glaskasten für koloniale Beute und
exotische Souvernirs Bremer Kauf- und Geldsäcke aus vergangenen
Tagen. Heute von den Trophäen vom Negerschlachten weitgehend ent-
rümpelt und als Versteckspielplatz für Bremer Stöpkes nahezu un-
brauchbar geworden. Wird aber öffentlich gerechtfertigt durch den
hohen Anspruch der Entrümpelung: "Die erklärende Aufgabe der Völ-
kerkunde wird in erster Linie im Abbau der üblichen ethnozentri-
schen Einstellung gesehen, das heißt - der selbstverständlich
scheinenden Meinung, die Ideen, Werte, Normen und Verhaltenswei-
sen der eigenen Gesellschaft seien die natürlichen und besten."
Wirklich spektakulär an die Öffentlichkeit getreten mit dem fah-
renden Container. Sein Inhalt, aus Müll und Abfall von - Neger-
kindern aus Nairobis Armutsvierteln in höherem Auftrag zusammen-
geschustertes Edelspielzeug, wird durch Deutschland kutschiert,
damit der mitreisende Pädagoge M. Michaelis, seine Botschaft fürs
einfache Volk ablassen kann: "Die Sachen beweisen, daß die afri-
kanischen Kinder trotz dunkler Hautfarbe sehr helle sind."
NAMIBIA-PROJEKT, universitäres Vorhaben, das in Zusammenarbeit
mit dem UNO-Institut für Namibia in Lusaka eine "politische Lan-
deskunde Namibias" verfertigen will, um "im Schulunterricht al-
ternatives Material zu dem zu haben, was in Namibia wie auch bei
uns genutzt wird und mehr oder weniger... vom Geist der Apartheit
bestimmt ist."
Drei Akteure, eine Botschaft: die Kritik an der weltweiten Herr-
schaft imperialistischer Staaten, ohne die es die sogenannten
"Befreiungsbewegungen" gar nicht geben würde, faßt sich dahinge-
hend zusammen, daß in den imperialistischen Metropolen immer noch
- zumindest - der "Geist" längst vergangener Methoden kolonialer
Unterwerfung präsent ist. Es gibt in Bremen noch eine Lüderitz-
Straße, obwohl Lüderitz wie Deutsch-Südwest Vergangenheit sind.
Und das rassistische Urteil, Schwarze seien Taugenichtse,
w e i l schwarz, das der Imperialismus durch ihre Ausrottung und
gewaltsame Benützung als Arbeitsvieh ebenso wahrgemacht wie wi-
derlegt hat, hält man für ein veraltetes, gleichwohl immer noch
wirksames Vorurteil. Nicht, daß einfach nur behauptet würde, es
gäbe immer noch Zeitgenossen, die auf Lüderitz anstoßen und
Schwarze für Untermenschen halten, weil sie nicht weiß sind. Die
genannten Kritiker gehen weiter. Die imperialistische Gewalt un-
serer Tage erklären sie allen Ernstes zu einer Angelegenheit, die
sich dem Fortwirken längst überholter Vorurteile aus den Zeiten
des Kolonialismus v e r d a n k t. Zwar ist auch ihnen kein Ge-
heimnis, daß diese Herrschaft ohne Flugzeugträger und Raketen
nicht auskommt und nicht einfach mit ein paar spinnerten Ideen
rassistischer Völkerkunde zu bewerkstelligen ist. Was aber mit
diesen Gerätschaften in der Welt angestellt wird, gilt ihnen
tatsächlich als Ausdruck von Lüderitz-Nostalgie, deren Bewälti-
gung die Politiker wie ihre Untertanen versäumt hätten. Jeden-
falls hat sich das universitäre Projekt zum Ziel gesetzt, unzeit-
gemäße Vorurteile über Neger abzubauen, indem man Schulkindern in
Namibia und Bremen neue Geschichtsbücher schreibt, damit sie hin-
terher wenn sie groß sind, keine Kriege gegeneinander fuhren,
weil sie schlechte Bücher gelesen haben. Daß die neuen Bücher gut
sein werden, soll damit allerdings nicht gesagt sein. Der mit
360.000 DM sicher gut bezahlte. Beitrag zur Aufklärung macht sich
nämlich für zeitgemäße "Vorurteile" stark. Daß Schwarze a u c h
Menschen seien, ist eine Parteilichkeit für die Opfer imperiali-
stischer Gewalt, die gegen den Rassismus alter Prägung seine Mo-
dernisierung ins Feld führt. Es ist eben nichts als ein moderni-
sierter Rassismus, wenn der zitierte Pädagoge mit seinem Contai-
ner über Negerkinder urteilt, daß sie "t r o t z dunkler Haut-
farbe sehr helle sind", weil sie seinem Auftrag kreativ nachkom-
men, aus Müll Bastelwerk zu fabrizieren. Der Negernatur wird hier
nämlich einfach statt ihrer Unbrauchbarkeit ihre Brauchbarkeit
für zivilisierte Ansprüche an sie zugesprochen, wobei man die
dunkle Hautfarbe als Einschränkung vorführt u n d sie als auf-
geklärter Geist nicht gelten läßt. Und übrigens: die konsequente-
ste Korrektur des Rassismus findet sich ausgerechnet bei den Be-
troffenen selbst als seine schlichte Umkehrung: w e i l black,
ist man beautiful, fortschrittlich oder sonstwas (es ist also
kein Zufall, daß auch die SWAPO ihren Vertreter auf diese lustige
Kulturveranstaltung entsendet: round-table Gespräch im Überseemu-
seum!)
I'AM FREE, AUF GEHTS!
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Wer sich die Auffassung zueigen macht, der "Befreiung" Namibias
stünden hauptsächlich die nicht totzukriegenden kolonialistischen
Vorurteile im Wege, anders ausgedruckt, diese stehe und falle mit
der
"politischen Bereitschaft, das Thema der Vergangenheit als Auf-
gabe der Gegenwart bewußt zu begreifen",
der scheut sich auch nicht vor der ebenso blöden Konsequenz aus
dieser Erfindung:
"Sicher ist es nicht nur bremische Aufgabe, die eigene koloniali-
stische Vergangenheit (!) zu bewältigen und damit (!) einen Bei-
trag zur Befreiung der vom Kolonialismus betroffenen Welt zu lei-
sten." (Prof. Hinz)
Da haben wir es wieder: ein Holocoust-Schinken mit Bismarck und
Lüderitz in den Hauptrollen liegt hier auf der Lauer, damit die
Landsleute durch ihren kritischen Blick auf die Vergangenheit
geläutert, heute unbefangen dafür sein können.
Befreiung schaut bei diesem Unternehmen tatsächlich auch heraus.
Für die gepflegte Herrschaft unserer Tage nämlich, die mit der
erteilten Absolution und der geistigen "Bewältigung" ihrer
schlechten Vergangenheit wieder unverdächtig und geläutert ihrer
Verantwortung für den Rest der Welt nachkommen darf. Schließlich
geht es ja auch darum. Deswegen bescheinigt das Projekt der Bun-
desregierung, mit ihrem 1962 geschlossenen Kulturabkommen mit
Südafrika auf dem rechten Weg zu sein, wenn sie nur endlich
"ihre kulturellen Anstrengungen unter geänderten Vorzeichen und
diesmal mit dem richtigen Adressaten fortsetzt. Volle Unterstüt-
zung haben sich die Namibier verdient..." (Demokratische Hoch-
schule 13)
Die kulturelle Anstrengung besteht darin, Schwarzen durch ein
Universitätsstudium den Zugang zu den Errungenschaften westlicher
Zivilisation und Herrschaft zu ermöglichen. Das geänderte Vorzei-
chen stellt sich ein, sobald die "rassistische Handhabung" dieses
Abkommens bei der Auswahl der Studenten ab sofort nicht mehr
weiße (Süd-) Afrikaner, sondern schwarze bevorzugt. Denn wer es
ernst meint,
"die Afrikaner zu Subjekten, also aktiv Handelnden ihrer Entwick-
lung zu machen" (G. Hilliges, Amt für Entwicklungszusammenar-
beit),
der muß auch mit dem UNO-Institut für Namibia dafür Sorge tragen,
daß für die "befreiten" Schwarzen rechtzeitig eine kompetente
schwarze Mannschaft bereit steht, die die Subjektwerdung der Ne-
gerseele durch eine ordentliche Regierung hinbringt:
"Das - Institut, ein Forschungs- und - Lehrzentrum, in dem die
Bedingungen für einen lebensfähigen demokratischen Staat Namibia
untersucht und qualifizierte Arbeitskräfte für die Administration
ausgebildet werden, braucht dringend Partner..." (Demokratische
Hochschule 13)
Das Projekt meint hier sich selbst und seinen ideologischen Bei-
trag. Es ist schon komisch, daß diese Leute, wo immer sie von Be-
freiung reden, keinen anderen Gedanken im Kopf haben als den, wie
in Namibia und sonstwo eine ordentliche Form von Herrschaft auf-
zubauen geht. Sicher, hier denkt nicht einfach unser dicker Au-
ßenminister, der sich ja auch schon überlegt hat, ob statt der
südafrikanischen Verwaltung dieser Gegend nicht eine Anerkennung
der SWAPO und eine eigenständige schwarze Regierung in Namibia
bundesdeutschen Interessen dort unten zuträglicher wären. Hier
denkt ein geistiger Überbau, der dem Credo anhängt, daß die Be-
herrschung von Menschen in demokratischen Formen ein ungeheurer
Vorteil für sie sei. Ja mehr noch: daß die Schwarzen in Namibia
Subjekte nur werden, wenn sie einer ordentlichen staatlichen
Herrschaft fähig sind und sie auch machen. Daß die Demokratie
hier die Verwirklichung der s c h w a r z e n (statt weißen)
Menschennatur erbringen soll, Demokratie-Ideale und Rassismus
sich also bestens vertragen, entnimmt man der Sehnsucht nach ei-
ner r e i n schwarzen Regierung: Mensch wird der Schwarze nur
in einem Staat, der von Schwarzen gemacht ist. Dennoch, wer will,
kann selbst an der Kalkulation Genschers und der berechnenden Po-
litik der hiesigen Demokratie sein Fehlurteil noch bemerken: die
Überlegung, welche Form von Herrschaft einem selbst besser in den
Kram paßt, beweist eben, daß ihre Installierung; selbst wo Stam-
meshäuptlinge oder Sorbonne-Absolventen mit 99,9% ganz demokra-
tisch an die Macht gebracht werden, anderen Kriterien genügt als
den genannten.
Aber was ein ordentlicher Überbau ist, der läßt sich eben von
solchen Einwänden nicht von seiner verantwortungsvollen Gedanken-
akrobatik abbringen. Schließlich sucht er durch "alternative Mo-
delle für eine Zusammenarbeit mit der Bevölkerung Namibias" die
Zusammenarbeit mit Genscher durch
"eine weitreichende Signalwirkung, der sich letztlich auch die
Bundesregierung nicht wird entziehen können." (Demokratische
Hochschule 13)
Ob sie auf die Wissenschaftler auch hört?
Wie dem auch sei, die Bremer Uni und ihre engagierten Denker wer-
den mit diesem kritischen Internationalismus-Projekt sicher einen
Beitrag abliefern, der der Bremer Ausbildung keine Rufschädigung
eintragen wird, eher im Gegenteil, wie die, öffentliche Anteil-
nahme und FÖrderung schon jetzt beweist. Einen Kooperationsver-
trag nicht nur mit "Vincennes und Gdansk", sondern auch noch mit
Namibia hat nicht jede Uni vorzuweisen. Andererseits ist auch
nicht jede Alma Mater für solche kritischen Anmerkungen zum Kul-
turimperialismus so prädestiniert wie Bremen:
"Der Standort Bremen ist gerade wegen der von hier ausgehenden
Kolonialisierung Namibias... von besonderer Bedeutung."
(Demokratische Hochschule 13)
Das stimmt. Lüderitz wurde nicht in Baltimore oder Tübingen, son-
dern in Bremen geboren. Schwein gehabt!
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