Quelle: Archiv MG - AFRIKA MOSAMBIK - Ein Land wird beerdigt


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       MSZ 11/86
       

EIN LAND WIRD BEERDIGT

1961 vereinigen sich in der portugiesischen Kolonie Mocambique drei nationale Bewegungen zur Frente de Libertacao de Mocambique, FRELIMO. Diese führt bis 1974 einen Krieg gegen die Kolonialher- ren. Portugal behält mit Flächenbombardements, Napalmeinsatz, strategischen Wehrdörfern und mehreren Zehntausend Soldaten die Lage militärisch im Griff. In den "befreiten Gebieten" - vor al- lem im Norden, wo das Kolonialregime nur noch militärische Stütz- punkte unterhielt und Luftkrieg führte - ging die Befreiungsbewe- gung daran, Schulen und Krankenhäuser einzurichten, die Agrarpro- duktion genossenschaftlich zu organisieren, Volksläden für den Handel zu eröffnen und Miliztruppen zu bilden. Während dieses Krieges wird seit 1969 von einem ZAMCO genannten Konsortium südafrikanischer, bundesdeutscher (Hochtief, Siemens AEG, Voith, BBC) und französischer Firmen in Mosambik der Cabora- Bassa-Staudamm gebaut, ein Geschäft mit einem Gesamtvolumen von mehreren Milliarden DM. 1971 leistete sich Portugal 25.000 Solda- ten zum Schutz der Bauarbeiten. Im Herbst 1974 schließen Portugal und die FRELIMO nach dreitägi- gen Verhandlungen einen Vertrag über die Bildung einer Übergangs- regierung und die Gewährung der Unabhängigkeit. Am 25.6.1975 wird Mosambik ein souveräner Staat und Samora Machel Staatspräsident der Volksrepublik Mosambik. Obwohl allseits bekannt ist, daß die FRELIMO von Tansania, China und in geringem Maße von der Sowjetunion unterstützt wird, hat die westliche Welt kein Problem mit dem FRELIMO-Regime und zunächst einmal auch keinen Grund dazu: Ein Aufstand portugiesi- scher Siedler wird von FRELIMO und portugiesischen Truppen ge- meinsam niedergeschlagen. Mosambik verstaatlicht Cabora Bassa nicht, übernimmt die Schulden Portugals, liefert ab 1977 wie vor- gesehen Strom an die Republik Südafrika und beginnt, mit den Ein- nahmen die Kredite zurückzuzahlen. Export der cash crops besorgt das unabhängige Mosambik ebenso wie Portugal. 1974-1976 verlassen 90% der portugiesischen Siedler das Land, nehmen ihr mobiles Geldkapital mit und zerstören, was sie zurück- lassen müssen. Rapide Produktionsrückgänge stellen sich ein. Da- gegen müssen die Importe gesteigert werden. Auch bei der zweiten Deviseneinnahmequelle des Küstenstaats, als Handelsumschlagplatz zu dienen, werden erhebliche Verluste verbucht. Die Regierung in Maputo begegnet dem mit der Verstaatlichung von Plantagengesellschaften, dem Aufbau von "gemeinschaftlichen Dör- fern" und Produktionsgenossenschaften. Von Siedlern verlassene Betriebe, Farmen und Geschäfte werden Verwaltungskommissionen un- terstellt. Staatliche Initiierung der Schwerindustrie sowie die planmäßige Ausbildung von Fachkräften werden in Angriff genommen. Erziehungs- und Gesundheitswesen werden auf- und ausgebaut. Der Westen hat noch immer nichts dagegen. Bald nach der Unabhängigkeit begeht Mosambik seine erste Tod- sünde. Es schließt die Grenzen zu Rhodesien und unterstützt die dortige Befreiungsbewegung ZANU. Das bringt dem Land nicht uner- heblichen wirtschaftlichen Schaden ein (Rhodesien war der zweit- wichtigste Handelspartner nach Südafrika) und dazu noch die Über- fälle der Smith-Truppen von 1976-1979. Und Mosambik unterstützt den ANC, der gegen das Regime in Südafrika kämpft. Das führt zu Überfällen und Bombenangriffen der Republik Südafrika. Vor allem aber führt die nationale Widerstandsbewegung RNM (Nationale Wi- derstandsbewegung von Mosambik) - von Südafrika und anderen west- lichen Staaten ausgiebig unterstützt, also überhaupt ins Leben gerufen - Krieg gegen die Regierung in Maputo. Die zweite Todsünde begeht Mosambik, indem es seine Außenpolitik mit Hilfe der Sowjetunion zu realisieren versucht. "Bereits im März 1976 sollen sowjetische Panzer in Mosambique entladen worden sein. Im Mai desselben Jahres statteten Staats- und Parteichef Samora Machel und Verteidigungsminister Tschiponde der Sowjetunion einen Besuch ab, in dessen Mittelpunkt die Frage sowjetischer Unterstützung für den Befreiungskampf im südlichen Afrika, insbesondere in Rhodesien stand. (...) Außerdem muß über die Belieferung Mosambiques mit sowjetischen Waffen gesprochen worden sein, denn in der Folgezeit war ein relativ massiver Zu- strom von östlichen Waffen zu beobachten. ... Februar 1977 gab Machel bekannt, daß die FRELIMO in eine marxi- stisch-leninistische Kaderpartei der Arbeiter und Bauern umgewan- delt werden solle (...); wenige Wochen später schlossen beide Staaten einen Freundschafts- und Kooperationsvertrag ab, der eine weitgehende Zusammenarbeit auch im militärischen Bereich fest- legte..." (Joachim Krause, Sowjetische Militärhilfepolitik gegen- über Entwicklungsländern, Internationale Politik und Sicherheit Band 16, Baden-Baden 1985, S. 319-320) Das von außen und innen mit Krieg versorgte Land kann den wirt- schaftlichen Niedergang mit der Aufbau-Hilfe aus dem Ostblock nicht aufhalten, es wird auch nicht durch Entwicklungshilfe zum nützlichen Partner des Westens hergerichtet - und signalisiert Entgegenkommen als Notprogramm. "Die westliche Hilfe ist größer als die des Ostens. Sie kam in den ersten Jahren der Unabhängigkeit vor allem von kleineren eu- ropäischen, insbesondere den skandinavischen Ländern, von denen die Frelimo schon im Guerillakrieg Unterstützung erhielt. Westli- che Hilfe in größerem Umfang hat M. bisher wegen seiner pro-so- wjetischen Außenpolitik nicht erhalten. Mit der Bundesrepublik z.B. war bis 1981 wegen der 'Berlin-Klausel' noch kein Wirt- schaftsabkommen unterzeichnet worden. Im Rahmen seiner 1979 in- itiierten Kampagne gegen wirtschaftliche Ineffizienz im Staats- sektor hat M. jedenfalls das Interesse an intensiveren Wirt- schaftsbeziehungen mit dem Westen, auch mit Privatunternehmen, signalisiert." (Nohlen/Nuscheler (Hrsg.), Handbuch der Dritten Welt, Bd. 5, S. 377) Die Regierung in Maputo lockert ihre Bindungen an Moskau: "Die Führung in Maputo hatte sich wiederholt um Wirtschafts- und Entwicklungshilfe in Moskau bemüht und 1981 sogar einen Antrag auf Vollmitgliedschaft im RGW gestellt. ... Auf die Ablehnung seines Antrags auf Aufnahme in die östliche Wirtschaftsgemein- schaft (...) reagierte Mosambique mit einer Reduzierung der mili- tärischen Bindung an die Sowjetunion - Ende 1981 wurden Militär- hilfeabkommen mit Portugal und Tansania abgeschlossen (... ) - und einer wirtschaftlichen und politischen Öffnung zu den westli- chen Staaten..." (Joachim Krause, S. 321) Südafrika, auf dessen Handel Mosambik entscheidend angewiesen ist, eskaliert mittels seines Vortrupps RNM den Krieg gegen den Anrainerstaat, so daß große Teile des Landes praktisch dem Zu- griff der Regierung in Maputo entzogen sind. Vor lauter Kampf ge- gen die eigene Contra kann die Regierung an einer Unterstützung des ANC kaum mehr denken. Die RNM sprengt die Stromleitungen, über die Mosambik Energie nach Südafrika liefert. So kommt der historische Kompromiß zustande, daß sich Machel und Botha die Hand reichen: "Am 16. März 1984 schloß die Regierung in Maputo mit der RSA einen Vertrag über Nichtangriff und gute Nachbarschaft (Nkomati- Akkord). Dieser Vertrag ist in seinem Kern ein Anti-Subversions- abkommen, da sich beide Staaten verpflichten, zu verhindern, daß von ihrem Boden aus Terroranschläge oder Guerilla-Aktionen unter- nommen werden... Wenngleich der Vertrag von Mosambique als Erfolg hingestellt wird - immerhin war die Unterstützung, die Maputo der südafrikanischen Oppositionsbewegung ANC gewährte, nie so groß wie die Hilfelei- stung Pretorias für die MNR -, so sind die näheren Umstände ge- eignet, in ihm eher eine politische Niederlage des schwarzafrika- nischen Kampfes gegen die Apartheid-Politik Südafrikas zu sehen: Erstmals bestätigte in diesem Vertrag ein schwarzafrikanischer 'Frontstaat', daß der Rassenkonflikt in Südafrika eine interne Angelegenheit sei." (Joachim Krause, S. 351) Während Mosambik sich vertragsgemäß verhält, geht der Krieg der RNM - natürlich jetzt völlig ohne südafrikanische Unterstützung weiter. Die Macht der Regierung in Maputo erstreckt sich auf ein Gebiet von 15 Kilometern im Umkreis der Hauptstadt; dahinter be- ginnt der Terror der antikommunistischen Widerstandsbewegung an der Leine Südafrikas. Im Westen wird das zur Kenntnis genommen und von dem bevorstehenden endgültigen Ruin des FRELIMO-Regimes berichtet. Am 16.10.1986 meldet man hierzulande von einer Einschätzung, die ein südafrikanischer Minister gegeben hat: "Das seit Jahren vom Bürgerkrieg erschütterte Mosambique steht nach Ansicht des südafrikanischen Verteidigungsministers Magnus Malan vor dem Zusammenbruch. In einem Interview des staatlichen Senders warf Malan am Mittwoch dem marxistischen Präsidenten des Nachbarlandes, Samora Machel, vor, den 'Weg des Terrors' gewählt zu haben. Als 'absurd' wies der Minister Berichte zurück, Süd- afrika massiere an der Grenze Truppen und unterstütze die Rebel- lenbewegung Nationaler Widerstand von Mosambique (MNR). Tausende hungernder Flüchtlinge sind von Mosambique nach Süd- afrika, Malawi, Swasiland und Sambia geflohen. In Simbabwes Hauptstadt Harare verlautete, - Ministerpräsident Robert Mugabe und der sambische Präsident Kenneth Kaunda seien bei den Victo- ria-Fällen zusammengekommen. Beide Politiker seien über Berichte besorgt, daß die MNR-Aufständischen ihre Offensive gegen - die Regierung verstärkt hätten." (Süddeutsche Zeitung, 16.10.86) Angesichts dieser klaren Lage ist der letzte Zwischenfall gera- dezu unwichtig, ebenso wie die Frage, ob es sich um einen Unfall gehandelt oder Südafrika nachgeholfen hat: Am 21. Oktober 1986 kommt der Staatspräsident Mosambiks, Samora Machel, bei einem Flugzeugabsturz über südafrikanischem Territorium ums Leben. Außenminister Botha reist zur Absturzstelle und nennt Machel einen "großen" Staatsmann. Als einen "mutigen" Staatsmann würdigt ihn die Regierung Reagan in Washington... Die RNM erklärt: "Unsere Offensive wird verstärkt, und der Kampf wird bis zur Be- freiung unseres Landes weitergehen." Bild ansehen Landkarte Mosambik zurück