Quelle: Archiv MG - AFRIKA LIBYEN - Weltterrorist Nr. 1?
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Bremer Hochschulzeitung Nr. 92, 02.05.1984
Wochenschau
DIE SCHÜSSE AUS DER LIBYSCHEN BOTSCHAFT
in London haben die gesamte westliche Öffentlichkeit in einen Zu-
stand künstlicher Aufregung versetzt. Die tote Polizistin lei-
stete dabei, vor allem für die britische Staatsgewalt, einen
letzten Ehrendienst: als Anlaß, den libyschen Staatschef Oberst
Khadhafi erneut zielstrebig des Terrorismus zu überführen und mit
dem Entzug diplomatischer Anerkennung zu bestrafen.
Es ist schon merkwürdig! Wenn die obersten Machthaber der
"zivilisierten" Welt ihre Gewaltmittel - gegen die sich Khadhafis
Volksarmee geradezu lächerlich ausnimmt - planmäßig zur Durchset-
zung ihrer Interessen einsetzen; wenn also die Eiserne Lady ihre
Flotte gegen Argentinien in den Krieg schickt oder Ronald Reagan
seine Marines zur "Befreiung" Grenadas abkommandiert - dann fragt
sich unsere kritische Öffentlichkeit (sofern sie nicht gleich
Beifall klatscht) regelmäßig, ob es sich dabei nicht um ziemlich
"sinnlose", eigentlich von niemandem gewollte Aktionen handelt.
Wenn aber wirklich einmal irgendjemand zu einer politisch ziem-
lich "sinnlosen Tat" schreitet und aus der libyschen Botschaft
heraus mit einer MP auf Demonstranten vor dem Eingang ballert,
dann handelt es sich nach einhelliger Auffassung der Meinungsma-
cher garantiert um eine von langer Hand g e p l a n t e Tat,
also um vorsätzlichen Mord, nur Khadhafi höchstpersönlich im
Schutze seines Zeltes unten in Libyen ausgeheckt und befohlen ha-
ben kann. (Womöglich, um seinen schlechten Ruf als Staatsterro-
rist vor aller Welt zu bestätigen?)
Da hat es der libyschen Regierung überhaupt nichts genützt, daß
sie - der nach den diplomatischen Gesetzen des zwischenstaatli-
chen Verkehrs die Hoheitsrechte über das Botschaftsgelände zukom-
men - den Vorfall öffentlich bedauert und der britischen Regie-
rung angeboten hat, "eine Untersuchungskommission zu entsenden"
und "gegebenenfalls den oder die Schuldigen vor einem libyschen
Gericht zur Verantwortung ziehen zu lassen" (Süddeutsche Zei-
tung). Im Gegenteil. Dieses vor den Maßstäben der Staatendiploma-
tie völlig korrekte Verhalten wurde prompt als "obstruktives
Verhalten" bei der Aufklärung der Schießerei gebrandmarkt und von
Mrs. Thatcher als Argument für den Rausschmiß der ganzen
Botschaft in Anschlag gebracht, Das "konstruktive Verhalten",
welches die britische Regierung gefordert hatte, hätte nämlich
darin bestanden, daß sich die Mitglieder der libyschen Botschaft,
die von Spezialkommandos der englischen Polizei w i e eine
Terroristengruppe belagert wurde, freiwillig zu einer solchen
erklären und den britischen Machtorganen bereitwillig die Tore
für Durchsuchungen, Verhöre und Bestrafung öffnen. Und weil
Khadhafi, der von Anfang an seinen Willen zu einer gütlichen Bei-
legung der Affäre kundgetan hatte, sich diesem unverhohlenen An-
griff auf die libysche Souveränität über sein "Volksbüro" nicht
beugte, galt dies jetzt umgekehrt als Beweis dafür, daß
L i b y e n sich eines "völlig unakzeptablen und beispiellosen
Bruchs" internationaler Gesetze schuldig gemacht und d e s-
h a l b jeden Anspruch auf normale staatliche Beziehungen
verwirkt habe.
Das ist die Logik, die sich die mächtigen Demokratien im Bewußt-
sein ihrer überlegenen Gewalt im Umgang mit einem Staatswesen
herausnehmen, dessen Regierung sich trotz aller Drohungen nicht
zu einem bedingungslosen Erfüllungsgehilfen der westlichen
"Weltordnung" machen will - und d e s h a l b für "verrückt"
erklärt und bei jeder sich bietenden Gelegenheit als der Feind
behandelt wird, zu dem er längst definiert worden ist. Und weil
besagte Demokratien es sind, die die Macht haben, weltweit das
Recht zu setzen und es zu interpretieren, ist Khadafi ein für al-
lemal ein Terrorist; Thatcher, Reagan und Kohl hingegen ehren-
werte Frauen und Männer, die immer moralisch einwandfrei, also
aus purer "Verantwortung" zuschlagen!
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