Quelle: Archiv MG - AFRIKA LIBYEN - Weltterrorist Nr. 1?
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Tübinger Schulzeitung, 17.04.1986
Krieg im Mittelmeer
BOMBENTERROR GEGEN LIBYEN
Es wird wieder mal "zurückgeschossen"
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Ein paar militärische Anlagen und Kasernenviertel in libyschen
Städten - und was gerade im Wege stand - werden von US-Söldnern
kurz und klein gehauen - und jeder zivilisierte West-Bürger
meint: das geht in Ordnung. Ein prächtiger Erfolg. Leichen und
Trümmer auf der richtigen Seite - wunderbar! So sieht es aus,
wenn demokratische Politiker ihren Spruch ernst nehmen: "Gewalt
darf kein Mittel der Politik sein!" Gemeint ist immer die Politik
der anderen, die sich westlicher Allmacht ein bißchen widersetzt.
Dagegen ist nicht bloß alles erlaubt, dagegen ist jede Brutalität
geboten. Der Weltfrieden, den der Westen meint, geht nicht ohne
Krieg. Er wird erst so richtig schön und sicher durch Schlächte-
reien mit überlegenen Waffen.
Krieg gegen "den Terrorismus"
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Die Heuchelei, es ginge der US-Regierung um das Leben unschuldi-
ger Kindlein, widerlegen die Kriegsherren selbst zur Genüge. Sie
wollen Menschenleben retten? Da hätten sie viel zu tun - und zwar
mit anderen Lebensmitteln als mit Bomben. "Die Seuche unserer
Zeit" wollen sie ausrotten? Da bräuchten sie nicht weit zu gehen.
Ihr eigener Geheimdienst unterhält mit Geld, Waffen und Terrorex-
perten massenhaft terroristische "Seuchenherde" - in Kambodscha
und Angola, in Afghanistan und Nicaragua; überall, wo Staaten
nicht gleich strammstehen vor den Machtworten aus Washington.
Worum geht es wirklich, wenn die Freie Welt "dem Terrorismus" den
Krieg erklärt und ihn mit Bomben auf Libyen führt? Offenbar denkt
man in der Zentrale der NATO wirklich so: 1. Die ganze Welt ge-
hört uns. 2. Wo die Welt nicht uns gehört, ist sie nicht in Ord-
nung; da gibt es einen Feind, der uns unser gutes Recht wegnehmen
will. Wo US-Bürger im Ausland zu Schaden kommen - Israelis sind
etwas weniger wert, Westeuropäer noch etwas weniger, aber im
Prinzip gilt für sie dasselbe -, da haben wir die Welt nicht ge-
nügend unter Kontrolle. Da rührt sich also noch ein Feind, der
uns unsere Weltherrschaft streitig machen will. Jeder West-Bürger
- eine kleine US-NATO-Fahne; jeder Tourist - ein Stück Weltherr-
schaftsanspruch des Westens. Also: jeder Anschlag - ein Stück
"Krieg" gegen unsere selbstverständliche Weltmacht.
Die USA messen jeden Überfall auf eigene Bürger, den sie so sehen
w o l l e n, an ihrem Anspruch, die ganze Welt total und lücken-
los im Griff zu haben. Sie b e h a n d e l n ihn als Versuch,
ihre allgegenwärtige Macht aus fremden Staaten "hinauszubomben".
Das paßt sehr genau zu ihrem eigenen Verfahren: die USA überzie-
hen ja selber etliche Staaten mit innerem Terror, um ihren Haupt-
feind dort hinauszubomben. Mit ihren Freiheits-Söldnern von Nica-
ragua bis Afghanistan führen sie selbst an verschiedenen Fronten
einen einheitlichen Krieg gegen die Macht ihres Konkurrenten. Ge-
nauso sehen sie sich als Kriegsgegner gefordert, wo einem ihrer
lebenden Nationalfähnchen ein Leid geschieht.
Für die Führungsmacht der NATO hat der 3. Weltkrieg längst begon-
nen. Sie führt ihn jedenfalls längst. In zwei Formen: mit Terro-
rismus gegen falsche Regierungen und mit Kriegsaktionen gegen die
falschen Terroristen und deren Hintermänner.
Die Sowjetunion soll sich raushalten
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Sie wird "vorher informiert" und zum Stillhalten aufgefordert;
der US-Außenminister beteuert, es ginge nicht gegen sie - auch
eine Art klarzustellen, worum es geht. Natürlich ist die sowjeti-
sche Macht im Visier, wenn die führende NATO-Macht Terror- und
Anti-Terror-Kriege führt. Reagans Anschuldigung, Moskau wäre das
"Zentrum des Weltterrorismus", bleibt unvergessen und wird ja
auch nach Bedarf wieder aufgewärmt. Nur möchte die US-Regierung
jetzt und an dieser Stelle den direkten Zusammenprall mit der
Roten Armee vermeiden. Man will durch die Konzentration überlege-
ner Machtmittel die Russen zum Stillhalten zwingen, während ihr
wackliger Verbündeter am Mittelmeer geschlagen wird und sowjeti-
sche Waffen ausgeschaltet werden - gleichzeitig ein "Test", was
die neue Führung der Sowjetunion sich vom Westen gefallen läßt.
So kommt man der Hauptsache näher! Wie nahe, hängt nur noch davon
ab, wieviel sich die angeblich so aggressiven "Herren im Kreml"
wirklich gefallen lassen.
Und die "Friedenstauben in Europa"?
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Von wegen, die europäischen NATO-Partner wären nicht beteiligt an
der Kriegsaktion. Daß ihr Militär nicht mitgemacht hat, ist ei-
gentlich das Einzige, was noch gefehlt hat. Aber sonst! Bomber
sind von den US-Stützpunkten in Großbritannien aufgestiegen, um
den Schlag gegen Libyen zu führen - und das läuft nicht ohne Zu-
stimmung der britischen Regierung. In Windeseile haben die EG-
Außenminister weil sie mit der Kriegsattacke der USA gerechnet
haben und ihre Bedenken wenigstens vorher anmelden wollten - eine
windelweiche Resolution verfaßt: gegen Libyen müsse schon etwas
getan werden, aber bitte keine militärische Lösung des Konflikts!
Der Zweck der US-Politik wurde ohne Vorbehalt und Abstriche ge-
billigt; die Bedenken gegen die Methode waren folglich eine mehr
als matte Angelegenheit - und den von den Amerikanern ganz rich-
tig verstanden - als feiges Alibi. Genscher hätte sich seine
geheuchelte Empörung, als er eine Stunde vor der Landung in den
USA von dem Bombardement erfuhr, ruhig sparen können. Was hat er
denn getan, um eine Kriegsaktion zu v e r h i n d e r n? Von
einem freundschaftlichen Ultimatum an den großen Bruder, daß die
militärische Aktion "ernsthafte Folgen" für das Bündnis haben
würde, ist nichts bekannt geworden.
Der Vasallen-Nationalismus der europäischen NATO-Verbündeten
kommt mal wieder in seiner ganzen Widerwärtigkeit zum Vorschein.
Aus nationalistischen Gründen haben die Europäer sicher etwas ge-
gen das Vorgehen der USA, wollen sie jetzt keinen Krieg im
Mittelmeer, aber eben aus nationalistischen Gründen, und nicht,
weil sie Krieg überhaupt nicht mögen. Was soll man denn von deut-
schen Gegenmodellen einer internationalen "Polizeitruppe" gegen
den Terrorismus halten? Bloßer Quatsch, in der Sicherheit, daß
die Amerikaner das Nötige sowieso erledigen, oder die gar nicht
mehr heimliche Sehnsucht, endlich einmal selbst mitschießen zu
dürfen? Aus denselben nationalistischen Gründen heraus haben sie
doch für den Krieg ihrer Führungsmacht tiefstes und vollstes
"Verständnis". Sie sagen "Jawohl! " dazu - mögen sie sich über
den unverblümten Gewaltrealismus der USA, über deren unbedingte
Entscheidungsfreiheit, die nicht in Europa nachfragt, sondern die
Bündnispartner hinterher informiert, noch so sehr die Fressen
zerreißen. Die Amerikaner haben eskaliert, die Europäer haben Be-
denken angemeldet und stehen natürlich voll hinter der gerechten
Sache. So ist man zusammen im Westen wieder ein Stück vorwärts
gekommen - auf dem Felde des Kriegs.
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