Quelle: Archiv MG - AFRIKA LIBYEN - Weltterrorist Nr. 1?


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       Wiener Hochschulzeitung, 08.04.1986
       
       USA bestrafen Libyen:
       

EIN BISSCHEN KRIEG

Die Weltmacht Nr. 1 schickt den gewaltigsten Flottenverband aller Zeiten ins Mittelmeer und schießt dem Kleinstaat Libyen einige Patrouillenboote samt Besatzung sowie eine Fliegerabwehrraketen- Stellung zusammen. Damit hat sie eine "friedliche Übung" (so das Weiße Haus) in der Großen Syrte so erfolgreich wie geplant abge- schlossen, und der ganze US-Flottenverband bleibt für weiterge- hende Wiederholungen zusammen. Fragt sich bloß, was da im Mittelmeer geübt wird. Freiheit der Schiffahrt ----------------------- Die USA geben darüber bereitwillig Auskunft: "An einem Manöver, das dem Ziel dient, das Recht auf Freiheit der Schiffahrt zu bekräftigen, ist nichts Ungewöhnliches. Ungewöhn- lich ist nur, daß Mr. Gadafi es für angebracht gehalten hat, dar- auf mit Gewalt zu reagieren." (Pentagon-Sprecher Robert Sims) Über dieses famose Recht kann man sich natürlich die kindische Vorstellung halten, es ginge darum, daß Ausflugsdampfer und Han- delsschiffe zum Wohle der Menschheit und ohne staatliche Schika- nierungen frei die Wellen pflügen können. Selbst dieses niedliche Bild verrät noch, daß mit dem "Recht auf Freiheit der Schiffahrt" ein A n s p r u c h gegenüber der Staatenwelt geltend gemacht wird, mit ihrer Souveränität der universellen Benutzbarkeit der Meere nicht in die Quere zu kommen. Ein Anspruch, der genau so weit reicht wie ein Staat über die Gewaltmittel verfügt, ihn ge- genüber seinesgleichen durchzusetzen. "Unsere" friedlichen Inter- essen werden da sehr schnell zu einem fraglos feststehenden Kriegsgrund, sollte sich etwa - ein in der Öffentlichkeit seit Jahren beliebter "Fall"! - der Iran zur Sperre der Straße von Hormuz entschließen. In der Großen Syrte wollen kundige Beobach- ter eine "Verletzung unserer Interessen", die einen Krieg drin- gend geboten scheinen läßt, so unmittelbar nicht entdecken kön- nen. Altmeister Kreisky z.B. ist dafür, "im Umgang mit so gefähr- lichen Waffen vorsichtiger zu sein", zumal "Handelsschiffe ohne Probleme passieren können". Das ist wohl ein Plädoyer dafür, daß "so gefährliche Waffen" nur dann eingesetzt gehören, wenn es nö- tig und effektiv ist; wenn ihre "unvorsichtige" Handhabung 150 Libyer auf den Meeresgrund befördert, dann muß man das wahre Op- fer aufrichtig bedauern: "Ich glaube, daß diese Vorgangsweise dem Prestige der USA auf vielerlei Art schadet. Und genau das ist es, was ich auch be- daure." (Kreisky) Daß es um freie Fahrt für Fischkutter gar nicht geht, hat die "Neue Zürcher Zeitung" (NZZ) treffend bemerkt: "Die Wege durch dieses Gewässer führen n i r g e n d s s o n s t h i n als nach einem Teil Libyens". Diese navigatorische Auskunft läßt die NZZ zu dem subtilen Befund gelangen, daß die USA z w a r voll im Recht sind - "Ohne Zweifel hatten die Amerikaner das R e c h t, mit Waffen- gewalt zu reagieren." -, a b e r die Wahrnehmung dieses ehrenwerten Rechts wohl doch nicht das Motiv ihres Handelns ist: "Es besteht Grund zur Annahme, daß das ganze jetzige Manöver zum vorneherein darauf angelegt war, den libyschen Revolutionsführer zu provozieren und sich so den Vorwand zur Verabreichung eines Denkzettel zu verschaffen." (NZZ, 28.3.) Diese Sortierung der amerikanischen Kriegsaktionen in einen unan- greifbaren Völkerrechtstitel und eine dahinter stehende, eventu- ell problematische Gadafi-Bekämpfungsmethode - "Ob große Kriegs- maschinerien geeignet sind, vom Terrorismus abzuschrecken, ist fraglich." (ebd.) - läßt einige Begeisterung für beides erkennen, verpaßt aber den Witz: Für die Planer der "Operation Prairie Fire" (unter diesem Titel läuft in den USA das Kriegsprogramm ge- gen Libyen) ist das ein und dasselbe. "Der Zweck ist die Ausübung des amerikanischen Rechts, an jedem Ort der Welt See- und Luftmanöver abzuhalten." (US-Außenminister Shultz) Dieses unverbrüchliche Recht der USA, daß sich kein Erdenwinkel seiner Bestimmung entzieht, Exerzierplatz amerikanischer Militär- macht zu sein, hat Gadafi mit seiner Proklamation einer "Todeslinie" am Eingang zur libyschen Bucht verletzt. Die USA ha- ben es mit ihrer überlegenen Gewaltmaschinerie wieder herge- stellt. Ein K r i e g soll es nicht gewesen sein. Die USA sind so frei, die militärische Brechung jedes ihr nicht gehorsamen souveränen Willens als N o r m a l i t ä t d e s F r i e- d e n s zu definieren; umgekehrt ist k r i e g e r i s c h e G e w a l t, was sich dieser pax americana nicht bedingungslos fügt... Gadafi bestrafen ---------------- Mit der Widerlegung von Gadafis Souveränitätsanspruch durch die US-Flotte ist die Angelegenheit noch längst nicht erledigt. Die USA haben die Politik Gadafis zum Verbrechen erklärt und über ih- ren Veranstalter das Todesurteil gefällt. Sie wickeln ihren Kriegskurs gegen Libyen als internationale Verbrechensbekämpfung ab und haben damit der kompletten Mittelmeerraum quasi der ameri- kanischen Rechtshoheit unterstellt. Der moralische Ehrentitel für den US-Strafvollzug heißt "Terrorismusbekämpfung". Es ist nicht zu leugnen, daß sich Gadafi für die Palästinenser stark macht. Er ist sehr dafür, daß die aus dem heutigen Israel vertriebenen und geflohenen Araber, die sich selbst als "palästinensisches Volk" verstehen, einen eigenen Staat brauchen. Ob diese Leute mit einer arabischen Republik zwischen Mittelmeer und Jordan gut bedient wären, womöglich mit einem Arafat an der Spitze, erscheint der WHZ-Redaktion zwar mehr als zweifelhaft. Aber sonst gilt doch immer der Aberglaube, einem Volk wäre nichts nötiger und lebensnotwendiger als ein e i g e n e r S t a a t. Daran d a r f ein guter Bürger noch nicht einmal zweifeln. Und auf dem Standpunkt stehen Gadafi und die Palästinensischen Be- freiungsorganisationen eben auch. Nun meinen Gadafi und seine Schützlinge, für die Durchsetzung ei- nes eigenen Staatswesens der Palästinenser bräuchte es G e w a l t. Wo haben sie das wohl her? Sie können es bei den I s r a e l i s gelernt haben, die der britischen Besatzungs- macht in den vierziger Jahren ihren Staat mit einigem Terror und viel amerikanischer Unterstützung abgetrotzt haben. Sie können sich durch die a f g h a n i s c h e n "F r e i h e i t s- k ä m p f e r" bestätigt sehen, die von Pakistan aus einer Regierung, die sie nicht mögen, und deren sowjetischen Hilfstrup- pen mit blutigen Anschlägen zusetzen. Denen helfen die Regierun- gen von Pakistan, von Saudi-Arabien und vor allem die amerikani- sche zehnmal mehr als Gadafi den Palästinensern; entsprechend größer sind die anfallenden Leichenmengen. Vielleicht haben die palästinensischen "Terroristen" auch in das H a n d b u c h d e r C I A für "Widerstandskämpfer gegen kommunistische Regie- rungen" geschaut. Oder sie haben überhaupt bloß zur Kenntnis genommen, daß in der zivilisierten Welt von heute kein Staat sich sehen lassen kann ohne militärischen Gewaltapparat, und daß da ein jeder nur so viel zu melden hat, wie er an griffigen Erpressungsmitteln in der Hand hat. Natürlich ist nicht zu übersehen, daß die palästinensischen Kom- mandos ihre Gewaltmittel gar nicht am Ort des Geschehens einset- zen: in Palästina, wo sie ihren Staat gründen wollen, sondern weit entfernt, wo ihr Feind, der Staat Israel bzw. sein amerikanischer Pate, nur symbolisch vorhanden sind: an den Abfertigungsschaltern der israelischen Staatsfluglinie oder in US-Flugzeugen. Sie haben eben v e r d a m m t w e n i g zu bieten an erpresserischer Gewalt. Ihre Stützpunkte um Israel herum hat teils die israelische Armee mit überlegener Gewalt und ohne Rücksicht auf zivile Opfer zerschlagen. Teils haben die arabischen "Schutzherren" der Palästinenser, etwa der im Westen so beliebte König Hussein von Jordanien, dieses blutige Geschäft selber erledigt. Zu einem Bürgerkrieg in Palästina, oder auch nur zu andauernden Terrorüberfällen, wie die "Contras" sie unter dem Schutz der USA gegen Nicaragua verüben, hat die "Palästinensische Befreiungsarmee" es nie gebracht. Da war Israel mit seinen Kriegen und überfällen allemal schneller und bedingungslos überlegen. Inzwischen sind die meisten Palästinenser samt ihrer Organisation sogar aus Libyen vertrieben und können nur noch mit S e l b s t m o r d kommandos ein bißchen Unruhe stiften. Deren Attentate schädigen Israel schon gar nicht mehr, sondern beweisen bloß noch, daß die Palästinenser trotz vier Jahrzehnten voll Nie- derlagen und trotz ihrer Ohnmacht noch nicht aufgegeben haben. Erpressen läßt sich dadurch kein Staat; s o l c h e Aktionen behandeln anständige Machthaber, ganz unabhängig vom politischen Zweck, als b l o ß e V e r b r e c h e n. E i n d r u c k ma- chen ihnen nur Erpressungsaktionen größeren Kalibers. Etwa Terroraktionen von gediegener militärischer Machart, die gleich an Ort und Stelle für große Mengen von Opfern sorgen. Es ist also bloß die M a c h t l o s i g k e i t der palästi- nensischen Möchtegern-Staatsgründer, die ihrer Politik eine so verzweifelte Ähnlichkeit mit p r i v a t e n Gewaltakten auf- drückt, die die Staatsgewalt als Verbrechen ahndet. Selbst das ist aber noch nicht der Grund für die einhellige Verurteilung des von Libyen "angestifteten" "palästinensischen Terrorismus" durch die westlichen Staaten. Wo sie ins Konzept passen, werden klei- nere Mordtaten ebenso verziehen wie reguläre Kriege. Ein palästi- nensischer Staat paßt aber nicht ins westliche Konzept; und daß die Palästinenser und Herr Gadafi trotzdem unbelehrbar daran festhalten, paßt erst recht nicht. D a s ist deren unver- zeihliches Verbrechen. Und es ist eine zynische politische Leichenfledderei, wenn die westlichen Staatsmänner immer auf die armen Opfer des palästinensischen Staatsgründungsterrorismus verweisen, um ihre Verurteilung Gadafis und seiner Schützlinge zu begründen. Die toten Menschen interessieren sie ja bloß als moralische Rechtfertigung für ihre politischen Absichten im Nahen Osten, die sich mit einem palästinensischen und Gadafis großarabischen Nationalismus nicht vertragen. Haben die Leichen eine andere Staatsangehörigkeit - etwa die afghanische - und dient ihr Tod einem gebilligten Zweck - z.B. der Schädigung politischer Absichten der Sowjetunion -, dann können dieselben zartbesaiteten Herrschaften ja gar nicht genug davon bekommen. Der Anklagepunkt Nr. 1 gegen Gadafi enthält also nichts als die scheinheilige Frechheit, mit der die NATO-Mächte unter Einschluß Israels und unter Führung der USA die totale Kontrolle über alle Staaten und politischen Bewegungen im Nahen Osten und die Oberho- heit über sämtliche dort stattfindenden politischen Gewalttaten beanspruchen. Dafür halten sich die USA alle Optionen offen: - die freie Eskalation nach den Plänen von "Prairie Fire", in denen von Palästinenser Camps über Pipelines und Ölfelder bis zu Gadafis Quartier jede Menge vernichtenswerter Ziele angeführt sind; - oder eine gemeinsame Invasion mit Ägypten; - oder einen sauberen Mord durch die CIA; - oder einen Putsch der libyschen Militärs, denen durch amerika- nische Vernichtungsaktionen beigebracht worden ist, daß sie nur an der Seite der USA eine Zukunft haben. Wie auch immer: "The next act of terrorism will bring the hammer down." (so ein "top U.S. official", zitiert nach "Newsweek"). Die Russen testen ----------------- Was in den regierungsamtlichen Erklärungen aus Washington und in der öffentlichen Berichterstattung - wenn überhaupt - nur am Rande erwähnt wird, war und ist schon am U m f a n g der einge- setzten US-Flotte augenfällig: Gegen Libyen allein ist diese Ar- mada nicht berechnet. Auch wenn die USA so tun, als hätte die Anwesenheit eines auch recht ansehnlichen Flottenverbandes der Sowjetunion weiter keine Bedeutung: gerade mit der demonstrativen Ignorierung des manifest angemeldeten sowjetischen Interesses geben die USA kund, gegen wen es auch und gerade in Libyen geht und wie tödlich ernst es ihnen dabei ist. Wenn Gadafi zur Zeit an erster Stelle der US-Abschußliste steht, so vergißt doch Reagan darüber keineswegs daran zu erinnern, daß das wahre "Reich des Bösen", die "Zentrale des Weltterrorismus", in Moskau liegt. Daß Gadafi eine "sowjetische Marionette" ist (so US-Kriegsminister Weinberger), macht ihn erst so unwiderruflich abschußreif. Mit ihm will die US-Regierung die Position der Sowjetmacht am Mittelmeer treffen. Diese Position ist zwar nicht so übermäßig eindrucksvoll. Mit sowjetischer Militärhilfe sorgt Gadafi gerade dafür, daß sein Stück Mittelmeerküste nicht der NATO zur Verfü- gung steht; den Russen hat er es keineswegs überlassen. Und von einem "zweiten Kuba", einem "Satelliten am Mittelmeer", kann überhaupt keine Rede sein. Um so gewaltiger sind dafür die Ansprüche der USA, was die Gleichschaltung der arabischen Staaten und ihre Einschwörung auf eine kompromißlos a n t i sowjetische Politik angeht. Die Füh- rungsmacht des Freiheitsbündnisses hält es schon nicht mehr aus, wenn ihr ein Stück Küste fehlt bei der Beherrschung des Mittel- meeres. Sie wird ungeduldig, wenn es da noch die M ö g- l i c h k e i t gibt, daß feindliche Kräfte sich festsetzen. Sie handelt streng nach dem Motto der Freiheit, mit dem die USA groß geworden sind: Wer nicht für uns ist, ist gegen uns! Also muß die gesamte arabische Region schleunigst aufgeräumt wer- den und umgestaltet zu einem lückenlosen NATO-Hinterland. Kompro- mißlos geht die Reagan-Regierung gegen einen der letzten arabi- schen Staaten vor, der sich für seine Zukunftspläne eher auf die Sowjetunion als auf die amerikanische "Freundschaft" verläßt. Die sowjetische Regierung hat also allen Grund, sich auf die Seite Gadafis zu stellen - auch wenn sie es mit der "Solidarität" zu dessen großarabischen Nationalismus keineswegs übertreibt. Schließlich führt der Westen mit seiner Vergeltungsaktion gegen Libyen zielstrebig seine Linie fort, alle Staaten, die sich noch ein Stück Einigkeit mit der Sowjetunion leisten, zu terrorisieren und in "Krisenherde" zu verwandeln. In Libyen wird darüber hinaus gerade ein amerikanisches "Experiment" durchgeführt: der militä- rische Test, w i e v i e l Krieg die Sowjetunion für einen Partner riskiert, den die USA direkt bekämpfen. Auf diesen Test bestehen die USA; und das riesige Militäraufgebot, das sie zu seiner Abwicklung vor Ort disloziert haben, zeigt, daß sie sich in ihrem Kriegskurs gegen Libyen von seinem Ausgang a u f k e i n e n F a l l abhängig machen. Die USA (und mit ihr ihre vielen Pressesprecher in den westlichen Redaktionsstuben) finden offenbar gar nichts weiter Gefährlicheres mehr dabei, im Verlauf ihrer "internationalen Terrorismusbekämpfung" die Sowjetunion ge- zielt d i r e k t herauszufordern. Der Westen will die Entscheidung. Und die muß irgendwo ja schließlich anfangen. zurück