Quelle: Archiv MG - AFRIKA LIBYEN - Weltterrorist Nr. 1?
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Bochumer Hochschulzeitung, 14.01.1986
Weltpolitik als Strafgericht
WOBEI STÖRT GADAFI?
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Die Freie Welt hat Gadafi zum "Outlaw" und "Paria" in der Staa-
tengemeinschaft erklärt. Damit hat sie sich den Auftrag erteilt,
nötigenfalls durch den Einsatz des Militärs Gadafi zu beseitigen.
Als Urteilsbegründung dient der palästinensische Terrorismus.
Gadafi muß weg: So lautet das inzwischen von niemandem "bei uns"
mehr ernsthaft bestrittene Credo der internationalen Gewalt im
Namen der Freiheit. Das R e c h t, das hier auf seine maßlosen
Ansprüche pocht, ist - wie immer im Völkerrecht, aber hier ganz
unverhüllt - das Faustrecht des Stärkeren: Lächerlich allein die
Vorstellung, Nicaragua drohe den USA mit Militäreinsatz wegen des
Terrors der CIA-gesponsorten Contra. Undenkbar eine Kriegserklä-
rung der Regierung in Kabul gegen Pakistan, dem Hinterland aller
Mosleminsurgenten in Afghanistan. So ist es auch völlig gleich-
gültig, ob Gadafi wirklich etwas mit den ihm zur Last gelegten
Anschlägen zu tun hat, und niemanden interessiert ernsthaft, was
eigentlich hinter dem palästinensischen Terror an politischen Ab-
sichten steckt: Die Freie Welt hat ein Urteil über Gadafi ge-
fällt, und die USA haben sich mit der Vollstreckung beauftragt.
Warum?
2
Der libysche Revolutionsführer unterstützt mit seinen Öldollars
weltweit Befreiungsbewegungen, von denen er glaubt, daß sie sei-
nen antiimperialistischen Ansichten nahestehen.
Das unterscheidet den Politiker aus Libyen in der Tat von respek-
tablen Staatsmänner in zivilisierten Weltgegenden wie den USA und
der Bundesrepublik: Männer wie Kohl und Reagan würden nicht im
Traume daran denken, etwa die IRA oder El Fatah sympathisch zu
finden. Ihr Verständnis gilt Herrschaften wie Augusto Pinochet,
Pieter Botha und Alfredo Stroessner. Was nicht heißt, daß sie
nicht auch was für Terroristen täten: Ohne ihr Geld kämen weder
die 'Contras' in Nicaragua noch die heldenhaften Freiheitskämpfer
des Pol Pot in Kampuchea, geschweige denn die islamischen Glau-
benskrieger Afghanistans an die Front oder auch nur in die Spal-
ten der Weltpresse. Gadafi hat eindeutig die falschen Freunde:
Weltpolitisch hält er es mit den Störenfrieden, während "wir"
ausnahmslos auf den friedensstiftenden S t a a t s t e r-
r o r i s m u s setzen, bzw. deren bewaffnete Freiheitskämpfer
vor Ort.
3
Der starke Mann Libyens distanziert sich nicht von den bewaffne-
ten Aktionen der Palästinenser. Er unterstützt auch noch mit Geld
und Propaganda den radikalen Flügel der PLO.
Dadurch wird der Libyer zum Störenfried im Nahen Osten. Dabei
sorgt doch in dieser Region "unser" Freund und Verbündeter Israel
so nach- und eindrücklich für Ruhe und Ordnung, daß es inzwischen
kaum mehr militärisch einsatzfähige palästinensische Truppen
gibt, sondern nur noch Selbstmordkommandos. Und Israel hat ein
vom Westen anerkanntes Monopol auf Kriegführen in der gesamten
Region - von Tunis bis Bagdad. Eben deshalb fragt man sich bei
"uns" gespannt, wie lange die Zionisten und ihre Schutzmacht USA
den Staat Gadafis noch in Frieden lassen können.
4
Gadafi besitzt die diplomatische Unhöflichkeit, den USA zu dro-
hen, er werde den Terror in die Straßen New Yorks tragen und das
ganze Mittelmeer in ein Schlachtfeld verwandeln.
Das ist die "aggressive" Reaktion des "unberechenbaren" Wüsten-
sohns auf die freundlich-friedlichen Drohungen Reagans, die USA
würden sich militärische Aktionen jederzeit vorbehalten. Dabei
hat der Mann in Tripolis nicht einmal "Bild am Sonntag" vom 5.
Januar gelesen, wo bereits die Aufmarschpläne für einen US-NATO-
Blitzkrieg an der Großen Syrte ausgemalt werden und auf die wirk-
lichen Kräfteverhältnisse hingewiesen wird.
5
Weil gadafi "unser" feind ist, kann er überhaupt nichts richtig
machen. Alles, was in Libyen passiert, ist Beleg für das Wirken
eines unberechenbaren Fanatikers.
Gadafi hat vor allem zuviel Geld. Wenn er es ausgibt, auch nicht
viel anders wie "unsere Ölscheichs", dann wird es noch schlimmer:
Kauft er Waffen, dann überschreitet er sofort die "Legitimen Ver-
teidigungsinteressen" Libyens. Legt er sich Aktien zu, will er
uns erpressen. Bewässert er die Wüste, so handelt es sich um ein
"sinnloses Prestigeprojekt" mit unabsehbaren Konsequenzen. Sein
Volk hält er einerseits mit "eiserner Knute" nieder (sehr wir-
kungsvoll dabei die allgemeine Volksbewaffnung), andererseits be-
sticht er eiskalt die von Natur aus eher "arbeitsunwilligen" Li-
byer mit Null-Mieten, kostenloser Ausbildung, Gesundheitswesen
und Staatspension für alle Alten. Ferner, so erfährt man, hält
dieser Mohammedaner seine Frau aus dem öffentlichen Leben raus
und läßt sich auch noch von "attraktiven" Leibwächterinnen be-
schützen. Und bei alledem sieht dieser Kameltreiber unverwüstlich
fotogen aus.
6
Vorläufig begnügen sich die USA mit Wirtschaftsboykottmaßnahmen.
Deren Wirkung gilt als zweifelhaft, zumal die Europäer nicht mit-
ziehen.
Warum wollen eigentlich die USA die libysche Wirtschaft ruinie-
ren? Einen Boykott der Republik Südafrika lehnen sie doch mit dem
Argument ab, so etwas schade nur der Bevölkerungsmehrheit und sei
überdies als Druckmittel ungeeignet. Und wieso verbietet die
"freizügigste Demokratie der Welt" auf einmal ihren mündigen Bür-
gern die Freiheit, solange in Libyen zu bleiben, wie sie wollen?
Ist das Kernstück des Libyen-Boykotts vielleicht nichts anderes
als die Evakuierung der eigenen Zivilisten vor der Invasion mit
einer Abteilung Staatsbürger in Uniform? Bleibt Kohl ein Freund
Reagans, ein Beschützer Israels und ein Frontkämpfer gegen den
"internationalen Terrorismus", wenn Bonn auf das Geschäft mit Ga-
dafi noch nicht verzichten will? Wer holt hier für wen die Kasta-
nien aus dem Feuer?
7
Gadafi hat die Russen ins Land geholt. Wegen der 2000 sowjeti-
schen Militärberater sind jetzt bei einem Angriff auf Libyen un-
mittelbar Interessen der UdSSR tangiert. Das ist durchaus beab-
sichtigt. Einerseits. Andererseits wird dadurch der "Krisenherd"
Libyen zur "Weltkriegsgefahr".
Das gibt die SU zu bedenken. Sie läßt Libyen nicht im Stich. Die-
ses Bedenken teilen auch westliche Militärexperten - vor einer
Kriegsaktion gegen Tripolis: Neben Libyern und Palästinensern
könnten die US-Boys auch einen Russen erwischen. Eine "saubere,
regional begrenzte" Aktion à la Grenada ist leider nicht drin.
Und ob die Liquidierung von Gadafis Libyen auch gegen ein sowje-
tisches Veto durchgefochten werden soll? (Vielleicht geht ja
erstmal eine Ermordung von Gadafi? Das empfehlen jeden Tag US-
Professoren als Experten im Deutschen Fernsehen!) Diesen
"Bedenken" zufolge hätte es im Mittelmeer schon längst Krieg ge-
geben, wenn da nicht sowjetische Interessen und russische Solda-
ten präsent wären. Also doch die Sowjetunion Weltfriedensmacht
und die Rote Armee das einzige Mittel zur Kriegsverhinderung?
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