Quelle: Archiv MG - AFRIKA LIBYEN - Weltterrorist Nr. 1?
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MSZ 2/86
DAS LIBYEN GADAFIS
"Die Parlamente sind das Rückgrat der traditionellen Demokratie,
wie sie heute besteht. Ein Parlament ist eine Mißrepräsentation
des Volkes, und parlamentarische Regierungen sind eine irrefüh-
rende Lösung des Demokratieproblems. Ursprünglich wurden Parla-
mente eingerichtet, um das Volk zu repräsentieren, aber dies ist
in sich selbst undemokratisch, da Demokratie die Macht des Volkes
bedeutet und nicht eine Macht, die an seiner Stelle handelt. Die
bloße Existenz eines Parlaments bedeutet die Abwesenheit des Vol-
kes, denn wahre Demokratie besteht nur durch die Beteiligung des
Volkes, nicht durch die Aktivität seiner Repräsentanten." (Das
grüne Buch)
Am 1. September 1969 putschte in Libyen ein "junger Offizier",
als sich der libysche Monarch Idris gerade zu einem Kuraufenthalt
in der Türkei aufhielt. Der hatte sich damit zufrieden gegeben,
daß er nach dem 2. Weltkrieg als Figur der Alliierten die Herr-
schaft über die Cyrenaika, Tripolitanien und Fezzan zugesprochen
bekommen hatte. So war 1951 das Königreich Libyen entstanden, in
dem sich amerikanische Ölfirmen tummeln durften und italienische
Großgrundbesitzer auf den wenigen ertragreichen Ländereien der
Küstenregion Gemüse für den Export zogen. Der junge Offizier galt
als Mann der CIA, denn er war ein Gegner der Aktivitäten der
UdSSR im Mittelmeerraum. Öl war bis dahin das einzig nennenswerte
Produkt des Landes. Aufgrund seines reichlichen Vorkommens unter
dem Wüstensand, niedriger Förderkosten, wie sie sonst nur noch
Saudi-Arabien vorzuweisen hat, sowie der Lage auf einem geografi-
schen Längengrad, der infolge des internationalen Ölpreisverrech-
nungssystems für eine zusätzliche Differentialrendite sorgte, war
das Ölgeschäft in Libyen so ertragreich, daß sich im Windschatten
des Kartells der "seven sisters" noch etliche "independents" hal-
ten konnten. Von Italien bis Ingolstadt entstanden Raffinerien,
die auf die Qualität libyschen Erdöls ausgelegt sind. Dort bildet
es, etwaigen anders lautenden Auskünften zum Trotz, nach wie vor
einen ausgezeichneten Geschäftsstoff.
Mit einem König Idris als Staatsinhaber, dessen Interesse "mehr
der Auslegung des Koran und geistlichen Übungen als praktischer
Politik" (FAZ) galt, war es nur eine Frage der Zeit, wann sich
auch in Libyen ein politischer Führer durchsetzen würde, der sei-
ner Nation einen Anteil am Öl-Boom der Nachkriegszeit sicherte
und der aus dem Reichtum, der im Land gefördert wurde, ein Stück
libyscher Souveränität schaffen wollte. Daß dieser Mann aus der
Armee kommen sollte, versteht sich von selbst. Abwählen konnte
man den König nicht, und eine gesellschaftliche Klasse, die eine
Nation gefordert hätte, gab es nicht. Der neue Staat wurde durch
seinen Gewaltapparat konstituiert.
Libyen zählt zu den "low absorbers", d.h. den Ölländern, die im
Verhältnis zu ihrer Ölförderung über eine geringe Bevölkerung ge-
bieten. Mit seinen 2-3 Mio. Bevölkerung kommt es sogar auf ein
besseres "Pro-Kopf-"Verhältnis als Saudi-Arabien. Das gab dem
jungen Offizier und seinen Gesinnungsgenossen viel Freiheit, ihre
Nation auszugestalten.
Als erstes begann man damit, die Insignien fremder Herrschaft zu
beseitigen. Einer Gesellschaft von Moslems wurde - um ein Bei-
spiel herauszugreifen - Alkoholverbot als Lebensart verordnet.
Die Ideologie des islamischen Rechtsstaates kann sich mit der
christlich-bürgerlichen Heuchelei durchaus messen:
"Das traditionelle Gesetz erlegt moralische, nicht materielle
Strafen auf, die dem Menschen angemessen sind... Die Religion er-
kennt keine irdischen Strafen an, außer in extremen Fällen, in
denen sie zum Schutz der Menschen notwendig sind." (Das grüne
Buch)
Britische Stützpunkte wurden ihren Besitzern weggenommen, italie-
nische Kolonialherren zurückgeschickt, und in den Ölabtransport
versuchte der libysche Staat ein gewisses Maß an Geschäftsgebaren
einzuführen. Er pochte auf seine staatliche Hoheit bei der Ver-
gabe von Konzessionen und gelangte auf diese Weise in den Genuß
von Einkünften aus dem Ölgeschäft. Dies wurde dadurch möglich,
daß die Ölgesellschaften ihre Explorations- und Fördertätigkeit
auf teurer zu erschließende Lagerstätten ausweiteten, um die ge-
stiegene Nachfrage zu befriedigen. Das teuerste Öl "diktierte"
den Preis, und der so beträchtlich gewachsene Differentialgewinn
für Öl aus dem Nahen Osten und dem Mittelmeer ließ einen Spiel-
raum für die Befriedigung nationalistischer Ansprüche.
Am Abrechnungsmodus wurde einiges geändert. Die libyschen Revolu-
tionäre hatten sich vorgenommen, das Erdöl zum Mittel ihrer na-
tionalen Unabhängigkeit zu machen. Dazu haben sie sich mit inter-
nationalen Geschäftsmethoden vertraut gemacht. Sie bestanden da-
her auf einer nationalen libyschen Ölgesellschaft, ohne aber ihre
amerikanischen Partner zu verschrecken. Keine Konzession wurde
ohne Entschädigung zurückgenommen, und keine Ölgesellschaft mußte
befürchten, daß sie - selbst zu Zeiten amerikanischen Boykotts -
ihr Bohrgerät ohne Bezahlung in der Wüste zurücklassen mußte.
Seitdem finden sich Ölexploration und die anderen Kosten des Öl-
geschäfts auf der Ausgabenseite libyscher Konten, ohne daß dieser
Sachverhalt bei der großzügigen Berechnung der Einnahmen aus dem
Ölgeschäft in der Öffentlichkeit hierzulande jemals vermerkt
würde. In Geschäftsdingen waren die neuen Herren berechenbarer
als so mancher Saudi-Prinz.
Umgekehrt störte sie die Abhängigkeit von ihrem einzigen Ge-
schäftsartikel, die sie laufend zu spüren bekamen. Daher sollte
in Zukunft nicht nur der R o h s t o f f Erdöl verkauft werden,
sondern er sollte im Land selbst zu Plasten und Elasten oder
sonstwie hochwertigen Stoffen verarbeitet werden, nicht nur, um
Plastikschüsseln nicht mehr importieren zu müssen, sondern um sie
auch exportieren zu können. Bezeichnend hierfür ist das Verbot
der US-Regierung vom November letzten Jahres auf Antrag der öl-
fördernden US-Staaten, verarbeitete Ölprodukte aus Libyen einzu-
führen. Darüberhinaus sollte der Ölpreis dazu dienen, der Nation
eine eigene Produktionsbasis zu schaffen. Neben der Vergabe von
Aufträgen für den chemischen Anlagenbau wurden Stahlwerke geor-
dert, Häfen und Straßen einschließlich der Zementwerke gebaut und
weitere Rohstoffe im Land gesucht.
Dumm jedenfalls sind die Projekte nicht, auch wenn sich so manche
Investition im Endeffekt als selbstbezahlte Infrastrukturmaßnahme
für den Abtransport libyscher Naturschätze herausstellen mag. Mit
Erdöl läßt sich immerhin auch für die nationale Wirtschaft eini-
ges anfangen, von der Energieversorgung übers Nyltest-Hemd bis
zur Produktion von Dünger für die Landwirtschaft. Die Industrie-
anlagen, die sich die libysche Regierung gegen gutes Geld von al-
len Ländern errichten läßt, sollen ebenso der Selbstversorgung
des Landes mit allen national erforderlichen Gütern dienen.
"Es gibt keine Unabhängigkeit für die, die ihre Nahrungsmittel
aus dem Ausland einführen müssen", ist der Wahlspruch Gadafis.
Entsprechend wird die Landwirtschaft gefördert. Das enteignete
bebaubare Land wurde an Bauern verteilt, die es bearbeiten woll-
ten. Dafür erhielten sie Traktoren, auf deren Bezahlung ange-
sichts der staatlichen Öleinkünfte zwar nicht verzichtet wurde;
aber jedenfalls fungieren die Regierungskredite nicht als das Er-
pressungsmittel gegen die Schuldner, das sie in der Hand von
Geldhändlern wären. Bewässerung wurde in einem Maße in Angriff
genommen, daß der Grundwasserspiegel in den wasserführenden Bo-
denschichten der Küstenregion, die auch nicht mit Wasserreichtum
gesegnet ist, so weit absank, daß Meerwasser nachlief. Seither
gibt es ein neues Projekt: den "großen Fluß von Menschenhand" für
3,3 Mrd. Dollar in der 1. Ausbauphase. Bei der Prospektion von
Erdöl waren riesige unterirdische Wasserreservoirs im Landesinne-
ren entdeckt worden. Die Ölgesellschaft Occidental hatte schon
früher die Bewässerung der Wüste bei den Oasen Kufra und Sarir
vorgeschlagen. Ein Landwirtschaftsunternehmen, das seither jeden
modernen Atlas schmückt. Dieses Wasser soll nun in Röhren aus dem
Landesinnern in die Küstenregion geleitet werden, um dort den
Wasserbedarf von Leuten, Landwirtschaft und Industrie sicherzu-
stellen.
Nach dem Willen der neuen Machthaber soll Libyen ein Land ohne
Ausbeutung sein. Banken und Rechtsanwälte sind deswegen abge-
schafft, der Großhandel wurde verstaatlicht, und auch den kleinen
und mittleren Händlern wurde die Gelegenheit entzogen, sich an
den "Bedürfnissen des Käufers zu bereichern". Jetzt muß der Li-
byer im Kaufhaus einkaufen. Er muß in Häusern wohnen, die von
westlichen Firmen hochgezogen wurden und die Vertrautheit einer
arabischen Altstadt vermissen lassen. Dafür besitzt jeder Libyer
eine Wohnung; wenn er sie nicht bezahlen konnte, bekam er sie ge-
schenkt. Westliche Reiseberichte kommen immer ganz unisono zu dem
Ergebnis, daß es den Libyern gutgeht, auch wenn das Leben unter
dem Islam natürlich eine Vergewaltigung der Menschennatur ist.
Nur Gadafi ist mit seinem Volk unzufrieden. "Wir müssen uns all-
gemein um mehr Produktivität bemühen", erklärt er. So produktiv
kann man eine halbe Million arbeitsfähiger Libyer gar nicht ma-
chen, daß ihre Leistung auch noch das letzte große Projekt ihres
"Revolutionsführers" möglich macht. Gadafi hat sich nämlich der
Mission verschrieben, alle Araber zu einen, damit sie die ihnen
zustehende Macht haben in der Konkurrenz der Völker. Bei der
Feststellung der Hindernisse, die diesem Vorhaben im Wege stehen,
ist er durchaus Realist. Er weiß, daß die nötige Macht aus den
Gewehrläufen kommt, und hat sich deswegen schwer um die nationale
Aufrüstung verdient gemacht. Außerdem täuscht er sich auch nicht
darüber, wer die Gegner seiner panarabischen Ambitionen sind.
Beides wird ihm ziemlich übel genommen.
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Organogramm der Volksmacht
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Wasser für die Wüste: Gut in Israel, pfui in Libyen?
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