Quelle: Archiv MG - AFRIKA GHANA - 30 Jahre unabhängig
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MSZ 5/87
IN AFRIKA EIN JUBILÄUM
Ghana, die vordem britische Kolonie Gold-Küste, wurde am 6. März
1957 als erster afrikanischer Staat in die Unabhängigkeit entlas-
sen. Ghana galt als Symbol für die - noch zu bildende - Souverä-
nität und Unabhängigkeit anderer afrikanischer Heimatländer.
Kwame Nkrumah, Ghanas erster Präsident, wurde - einfach durch die
erlaubte Staatsgründung - zur Leitfigur der Befreiung Schwarz-
afrikas von der europäischen Kolonialherrschaft. Das gefiel dem
guten Mann so sehr, daß er sich schon bald selbst zum "Osagyefo",
zum Heiland und Erlöser ernannte.
Mit falscher Politik Unabhängigkeit vergeigt?
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Jetzt hat Ghana sein 30jähriges Jubiläum gefeiert. Und alle Welt
gibt sich enttäuscht darüber, daß aus dem hoffnungsvollen Auf-
bruch dieses Staates in die Unabhängigkeit nichts geworden ist.
Man meint, sich unbedingt darüber wundern zu müssen, daß das
afrikanische Staatswesen an der Goldküste heute schlechter da-
steht als in seiner Geburtsstunde. Mit lauter Konzessivsätzen
wird der Idealismus bedient, daß nationale Unabhängigkeit und
eine Eigentumsordnung unter eigenständiger Souveränität eine im
kapitalistischen Sinne positive Entwicklung hätten erbringen müs-
sen. Obwohl die Staatswerdung unblutig verlief; obwohl das Volk
hinter Nkrumah stand; obwohl die aus der Kolonialzeit übernomme-
nen wirtschaftlichen Bedingungen ganz gut waren; obwohl das Aus-
land Unterstützung gewährte... hat sich nicht eingestellt, was
angeblich möglich gewesen wäre.
"Dabei war Ghanas Ausgangsposition besser als die der anderen
afrikanischen Länder. Der Unabhängigkeitskampf war friedlich ver-
laufen, es gab keine Zwietracht und keine Blutschuld, die zu lö-
schen, keine Rache, die zu üben gewesen wäre. Der Unabhängig-
keitskampf hatte das Land so geeint, daß sich die damals sechs
und heute zwölf Millionen Ghanaer seither Ghanaer nennen und
nicht mehr Aschanti oder Ewe oder Ga oder Dagomba oder nach einem
anderen der vier Dutzend Völker und Stämme. Trotz der Kakao-
Monokultur war die Wirtschaft in gutem Zustand. Die Devisenreser-
ven waren zehnmal so hoch wie die Schulden, das Verkehrswesen
verband alle Landesteile miteinander, aus dem Ausland kamen Pri-
vatinvestitionen und öffentliche Entwicklungshilfe. Nkrumahs
'schwarzer Stern' (das Staatswappen Ghanas) schien in eine glanz-
volle Zukunft zu weisen." (Frankfurter Allgemeine, 16.3.)
So als hätte die Kolonialmacht Großbritannien Ghana aus selbstlo-
sem Idealismus in die Unabhängigkeit entlassen, damit die Schwar-
zen dort unten auch ihre ureigene Herrschaft hätten, und nicht
die weitere Benutzung der früheren Kolonie im Sinn gehabt; als
wären die Entwicklungshilfen tatsächlich selbstlose Spenden zur
Förderung von Macht und Reichtum da unten und nicht Hebel der
Einflußnahme und/oder kreditäre Mittel der geschäftsmäßigen Nut-
zung des Ländchens durch die westlichen Industrienationen; so als
müßten Geschäfte mit dem neuen Negerstaat unbedingt auch diesem
nützen; so als gäbe es den Imperialismus gar nicht, der aus den
afrikanischen Staaten das gemacht hat, was sie heute sind - ent-
deckt man Fehler über Fehler beim schwarzen Staatsmann, die die
eigentlich mögliche Entwicklung des Landes ins Gegenteil verkehrt
hätten. Dabei konnte selbst ein Nkrumah mit seinen verrückten
panafrikanischen Visionen und Zielen, mit seinem im Vergleich zu
einer westlichen Industrienation mickrigen Repräsentationsgehabe
der Macht, mit seinen wirtschaftspolitischen Einbildungen nicht
das zustandebringen, was aus Ghana inzwischen geworden ist. Poli-
tische "Fehler" bewirken jedoch nie und nimmer die Ergebnisse,
die nun an Ghana bedauert werden. Vieles, was man dem afrikani-
schen Staatsmann vorwirft, geht hierzulande ganz gut m i t
wachsendem Reichtum einher.
"Aber Nkrumah verdarb alles. Außenpolitische Fehler, wie ein Ge-
schenk von zehn Millionen Dollar an Guinea, als das sich von
Frankreich losgesagt hatte, Großmannssucht, wie der - nie fertig-
gestellte - Bau eines sowjetischen Atomversuchsreaktors, wirt-
schaftliche Unvernunft, wie eine viel zu schnelle Industrialisie-
rung, und ideologischer Starrsinn auf seinem Weg zum Sozialismus
sorgten dafür, daß er das Kapital verspielte: das materielle der
Ghanaer und sein politisches bei den Ghanaern. Aus den 1,4 Milli-
arden Mark Guthaben von 1951 waren in neun Jahren 1,4 Milliarden
Schulden geworden, und Reserven gab es keine mehr." (ebd.)
Nkrumah hat einiges an überhaupt vorhandener Industrie oder land-
wirtschaftlichen Betrieben verstaatlicht, weil er sicherer an das
bißchen Geld herankommen wollte, das im Lande gemacht wurde;
vielleicht auch, weil er weltmarktfähigere Geschäfte heranzüchten
wollte. Das und weil er es auch ein ganz klein wenig mit den Rus-
sen versuchte oder von Sozialismus getönt hat, bringt ihm den
Vorwurf ein, sich den "Fehler" Sozialismus geleistet zu haben.
Dann soll er auch noch Kapital verspielt haben, das die Ghanaer
gar nicht hatten und bei einigen wenigen auch nicht besonders gut
sproß. Dabei hat er nur vorhandenes Geld staatshaushaltsmäßig
verbraten, neues floß aus der heimischen Wirtschaft nicht zu. Was
macht da selbst der aufgeklärte Neger? - Schulden.
Nkrumah muß wirklich ein Übermensch gewesen sein, wenn man zählt,
wieviel Fehler er in seiner Person akkumuliert, und bedenkt, wel-
che sagenhaften Folgen er damit bewirkt hat:
"Nkrumah hat sein Volk selbstbewußt, aber auch arm gemacht. In-
flation, hohe Auslandsverschuldung, Kapitalflucht, Warenmangel
und eine stagnierende Landwirtschaft ernüchterten gründlich die
hochgeschraubten Erwartungen. Politisch hatte er nahezu alle ar-
tikulationsfähigen Gruppen (im besonderen die Ashanti-Kakao-Far-
mer) in die Opposition getrieben; außerdem verprellte er die Ar-
mee durch den Aufbau einer präsidentiellen Sondertruppe. Westli-
che Investoren und Kreditgeber konnten kein Interesse haben, sei-
nen radikalen Antiimperialismus zu finanzieren. Am 14.1.1966
putschte eine Gruppe von prowestlichen Militär- und Polizeioffi-
zieren, die aus dem Westen verräterisch schnell Anerkennung und
Hilfe erhielten.
Die politischen und wirtschaftlichen Fehlentwicklungen der Nkru-
mah-Zeit stellten eine nachhaltige Belastung und Einschränkung
des politischen Handlungsspielraums für alle folgenden Regierun-
gen dar." (Handbuch der Dritten Welt, Westafrika und Zen-
tralafrika, Bd. 4, Hoffmann und Campe 1981, 2. Ausgabe, S. 175)
So hat der zunächst als begnadeter Führer afrikanischer
Unabhängigkeit Angesehene schließlich noch den unverzeihlichen
Schnitzer begangen, für die Sicherung seiner Macht zu sorgen.
Alles soll er falsch gemacht haben, so daß seine Nachfolger auf
dieser Grundlage gar nicht anders konnten, als weiter nur Mist zu
bauen.
Ein Fall von ganz normalem Imperialismus
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Für die Tatsache, daß es in Ghana außer "30 Jahre Unabhängigkeit"
nichts zu feiern gibt, sind sowohl die natürlichen Bedingungen,
das vorhandene Menschenmaterial, als auch die gar nicht so ver-
schiedenen politischen Umtriebe der Herrschaften dieses Landes
ziemlich belanglos. Auch "einem der reichsten Länder Afrikas"
(dtv-Lexikon, 1967) hat es nichts genutzt, keine Stammesstreitig-
keiten bestehen zu müssen und sogar mit einem finanziellen
Staatsguthaben in die Unabhängigkeit überzugehen. Mit der Grün-
dung der Herrschaft auf Geld und Eigentum, mit der selbstver-
ständlich daraus folgenden Produktion für den Weltmarkt, damit
dem Staat ein Geld zukomme, war schon alles gelaufen.
Ghanas Wirtschaft dreht sich um Kakao. Der dritte oder vierte
Platz in der Kakao-Weltrangliste erbringt zwei Drittel der Devi-
seneinnahmen. Um den Export für Devisen geht es nur noch, weil an
der Londoner Börse zwar der Kakao-Preis festgelegt und gesenkt
wird, der Cedi aber dort nichts zu suchen hat, sondern nur als
heimisches Zirkulationsmittel seine jährlichen 200-300prozentigen
Inflationssprünge machen darf. Das kommt daher, daß der Staat das
Geld druckt, das er nicht hat, um seinen Herrschaftsapparat auf-
rechtzuerhalten und den Kakaofarmern wenigstens die Hälfte des
Weltmarktpreises zahlen zu können, damit sie auch weiter produ-
zieren und nicht noch mehr - als das geschätzte Fünftel - Kakao-
Produkte in die Nachbarländer schmuggeln. Die Kakao-Devisen rei-
chen nicht, aber da sind ja noch Manganerz, Gold und Bauxit und
diverse landwirtschaftliche Produkte - alles wird exportiert.
Letzteres hat wiederum die dumme Folge, daß eingenommene Devisen
für Grundnahrungsmittel ausgegeben werden müssen, die zu einem
Drittel im Ausland gekauft werden, wo der Cedi nichts gilt. Die
Cedi-Besitzer wissen dann nicht, wie sie Zucker und Salz und Öl
bezahlen sollen. Ausgerechnet Bauern, die für den Markt, also für
den Export produzieren sollen, können sich ihre Lebensmittel
nicht mehr kaufen. Setzlinge, Kunstdünger und was sonst noch für
die Landwirtschaft notwendig ist, sind nicht vorhanden oder uner-
schwinglich. Kredite gibt es nicht, oder sie sind von vornherein
der Anfang vom Ende. Das ergibt Landflucht auf der einen, Rück-
kehr zur Subsistenzwirtschaft auf der anderen Seite. Eine Menge
Hack- und Wanderfeldbauern im Norden Ghanas vegetiert sowieso
ohne die umständliche Erkenntnis, daß Geld und Eigentum arm ma-
chen, beweglich vor sich hin. Eigenartig, daß trotzdem die Un-
sitte nicht ausstirbt, die segensreichen Wirkungen des Geldes als
schlechte Verteilung von Gebrauchswerten zu kritisieren.
"Aufgrund der sinkenden Nahrungsmittelproduktion und der mangel-
haften Verteilungssystems, das die Importe nicht dorthin brachte,
wo die Not am größten war, häuften sich die Versorgungskrisen. In
Ghana wird wieder gehungert. Ohne Kalabule funktionierte auch die
Versorgung mit dem Lebensnotwendigen nicht mehr." (Handbuch der
Dritten Welt, Bd. 4, S. 191)
Das Ding heißt im zivilisierten Europa Korruption, hat aber of-
fenbar in Afrika die Bedeutung eines ökonomischen Hebels, weshalb
es unverständlich ist, daß man dauernd afrikanischen Politikern
vorwirft, sie würden wegen ihrer Korruptheit ihre Wirtschaft in
die Scheiße reiten.
Ghana hat auch einen Regenwald. Der ist inzwischen zu zwei Drit-
teln verschwunden, weil Holz Devisen bringen soll. Einen Umwelt-
minister hat Ghana nicht. Erosion ist kaum zu exportieren. Das
Land exportiert auch Aluminium, hergestellt in der Schmelze einer
US-Firma, aber nicht aus der Tonerde des Landes, sondern aus
Rohmaterialien, die aus Südamerika importiert werden. Bauxit wird
als Rohstoff ins Ausland verhökert. Ghana besitzt einen der größ-
ten Stauseen der Welt am Volta-Fluß. Das Wasserkraftwerk liefert
50% seines billigen Stroms an die Aluminiumschmelze; ansonsten
fehlt es überall im Lande an Elektrizität. Ein neuer Seehafen hat
eine Milliarde gekostet. - Inzwischen beträgt die Staatsverschul-
dung Ghanas gegenüber dem Ausland an die 10 Milliarden, in DM ge-
rechnet. Wegen des Kapitalmangels und der butterweichen Währung
braucht es Devisen. Wegen Devisenmangels müssen Kredite her. Ihre
Bedienung erfordert wieder Devisen. Für dieses Wirtschaftspro-
gramm müssen Land und Leute herhalten, damit es s o weitergeht.
Ghana hat seit seiner Unabhängigkeit einen Nkrumah, zwei demokra-
tische Wahlen, vier Militärputsche und vier Palastrevolten er-
lebt. Gerade ist der Fliegerhauptmann Jerry Rawlings mal wieder
an der Macht. Das gibt hierzulande Anlaß, sich die rhetorische
Frage nach der Reife der Neger zu stellen. Ein ziemlich primiti-
ver Zynismus! Würde es etwa den Leuten in Ghana besser gehen,
wenn 12 demokratische Wahlen stattgefunden hätten?
"30 Jahre freies Ghana"! Woran mag es wohl liegen, daß es den
Leuten in Ghana zum Ende des Kolonialismus relativ besser ging
als heute, nach drei Jahrzehnten Unabhängigkeit? Es ist kaum zu
übersehen, daß U n a b h ä n g i g k e i t die effektivste Form
k o l o n i a l e r A u s b e u t u n g ist.
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Unser Ghana im Freien Afrika
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