Quelle: Archiv MG - AFRIKA AETHIOPIEN - Armes Land in bevorzugter Lage
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Münchner Hochschulzeitung Nr. 10, 13.02.1985
ETHNOLOGISCHER RADIKALISMUS
Hermann AMBORN: "Nordost-Afrika in Mittelalter und Neuzeit"
Der Ethnologe AMBORN ist einer der wenigen, die nichts für west-
deutsche Hungerhilfe übrig haben. Er macht den Westen verantwort-
lich für den Hunger: Genau im heutigen Hungergebiet Äthiopiens
hätten früher Kolonialmächte und heute Warenbörse und westliche
Entwicklungshilfe dafür gesorgt, daß der Reichtum dieses Gebiets
abtransportiert worden wäre, Erosion und Verwüstung in Gang ge-
kommen seien und Überbevölkerung geschaffen worden sei. Er ist
für eine alternative "Hilfe zur Selbsthilfe" statt "Hunger-
speisung".
Eine sehr untaugliche Kritik an der von oben inszenierten Spen-
denheuchelei; denn daß "wir" und insbesondere ein von Berufs we-
gen geradezu prädestinierter Gelehrter denen dort "helfen" müs-
sen, ist eine Vorstellung, die die "Verantwortung", die unsere
Staatsführer für Afrika praktisch in Anspruch nehmen, auf ihre
idealistische Weise teilt. Daß Kohl und seine Freunde das Elend
dort produzieren (was das Seminar seiner eigenen "Einfluß-
faktoren"sammlung durchaus entnehmen könnte!), dem sie dann einen
Tag lang öffentlichkeitswirksam abhelfen lassen wollen, ist Herrn
AMBORN daher ein Ungedanke. Da müßte er ja gegen so ziemlich
alles hier sein, was er auch offen ausspricht:
"Wenn ich gegen den Einfluß des westlichen Kapitals und der west-
lichen Staaten in Äthiopien vorgehen wollte, da müßte ich ja Ter-
rorist werden."
Das ist zwar koketter Blödsinn, zeigt aber, wieweit ein kriti-
scher Ethnologe geht mit seiner Kritik. Gegen Staat und Kapital?
Um Gottes willen! "Realistischer" ist es da, f ü r etwas zu
sein, eine wahre Identität der Äthiopier auszutüfteln, für sie
ganz entschieden Partei zu ergreifen und den Imperialismus dann
anzuklagen: als Verhinderung dieses Ideals der ursprünglichen
Afrikaner"kultur" nämlich. Durch diesen Fehler wird er auch
gleich etwas freundlicher benamst und heißt Einfluß "von außen"
und "Einbindung in den Weltmarkt". Diese beiden Herren haben die
eigenständige Geschichte Äthiopiens verschüttet, was dem Ethnolo-
gen logischerweise die Aufgabe beschert, sie wieder auszugraben.
Was wäre der Äthiopier auch ohne das 13. Jahrhundert?! - "das ist
wichtig zur Beurteilung der gegenwärtigen Situation". In der Tat;
nämlich für das museale Interesse, den Negern vor Ort dabei zu
helfen, "von unten ihre eigene Kultur wiederzufinden". Wozu die
taugen soll, darf man hier nicht mehr fragen. Schließlich ist es
ihre eigene. Und damit sie sie auch finden, reist AMBORN dem-
nächst selbst in die ehemalige "Schweiz Afrikas".
Eine bessere Antwort auf die absichtlich bornierte Frage "Was
kann ich a l s E t h n o l o g e tun?" wird sich schwer finden
lassen.
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