Quelle: Archiv MG - AFRIKA AETHIOPIEN - Armes Land in bevorzugter Lage


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       Duisburger Hochschulzeitung, 06.11.1984
       
       Hunger in Äthiopien
       

NÜTZLICHES ELEND

Seit ein paar Wochen erfreuen sie sich hierzulande wieder mal großer öffentlicher Beliebtheit - die Hungerleider vom Horn von Afrika. Kein Tag vergeht ohne Berichterstattung vom Hungern und Sterben in Äthiopien - ausführlich, in Farbe und garantiert live. Je kleiner und abgemagerter die Negerkinder, um so packender die Reporterfrage nach dem seelischen Befinden von Rot-Kreuz-Kranken- schwestern beim Aussortieren der Halbtoten. Die Tatsache, daß in Äthiopien die Leute verrecken wie die Flie- gen und in dieser Region schon seit Jahrzehnten jährlich etliche -zigtausend Hungerleichen "anfallen", ist im "zivilisierten" Eu- ropa nie unbekannt gewesen. Daran kann die plötzliche Aufmerksam- keit also nicht liegen. Und wenn Hungertote an sich schon Grund genug wären für Empörung und Aufregung, dann hätten unsere Öf- fentlichkeitsapostel viel zu tun mit ihren Fernsehkameras. Den wirklichen Grund, warum ausgerechnet Äthiopien jetzt Thema ward, sagt die Bild-Zeitung auf ihre erfrischend direkte Art: "Das marxistische Regime leistet sich eine der größten Armeen von Afrika. In der Wüste hungern indes die ungeliebten Nomaden." "Äthiopien ist Verbündeter der Sowjets..." (Bild am Sonntag, 28.10.84) Die verhungernden Negerkinder sind ein willkommener Anlaß für die beliebte alte Platte. "Die Russen sind an allem schuld." Diese Sorte Propaganda, einschließlich sämtlicher Augenaufschläge des smarten Karl-Heinz Böhm, ist die Begleitmusik zu handfesten p r a k t i s c h e n M a ß n a h m e n, die die Regierungen der europäischen Gemeinschaft in die Wege leiten. Unter dem Motto: Die Hilfsgüter müssen an die richtigen Stellen kommen! wird zur Zeit folgendes vorbereitet: - Die britische Regierung richtet eine Luftbrücke ein. - Das Bundesverteidigungsministerium stellt Flugzeuge und Spezi- alfahrzeuge für unwegsame Strecken zur Verfügung. Die Bedienungs- mannschaften gehören selbstverständlich dazu. Eine vom Bundesent- wicklungsminister Warnke ausgeschickte Truppe von Fachleuten hat die Lage vor Ort bereits erkundet. - Eine internationale Kommission soll in Äthiopien selbst die Verwaltung und den Transport der EG-Lieferungen regeln. Auf die dortige Regierung sei kein Verlaß, heißt es. Als Wunschkandidat für den Vorsitz dieser Kommission wurde von den EG-Häuptlingen Willy Brandt ausgeguckt. - Vom Sudan aus machen vom Westen ausgerüstete Aufständische wei- ter das Land unsicher, um das prosowjetische Regime in Äthiopien zu schwächen. Gleichzeitig präsentieren die westlichen Regierun- gen den Machthabern in Addis Abeba (der Hauptstadt Äthiopiens) als Bedingung für "humanitäre Hilfe" die Forderung, die Kämpfe gegen diese Rebellen einzustellen. Und das Auslaufen der Schiffe mit den Hilfsgütern erfolgt streng nach politischem Fahrplan Mit "schneller, unbürokratischer Hilfe für Millionen vom Hunger- tod bedrohter Menschen" hat das Ganze herzlich wenig zu tun. Sehr viel dagegen mit der Erpressung einer mißliebigen Herrschaft. So soll der Verbündete der Sowjetunion am Horn von Afrika unter EG- Verwaltung gestellt werden. Und wenn die Regierung in Addis Abeba eines dieser "Hilfsangebote" ablehnt, dann ist das erstens "typisch russisch" und deshalb zweitens umso mehr ein Beweis, daß "wir" da unten verstärkt das Ruder in die Hand nehmen müssen - schon wegen der vielen kleinen Negerlein. Der Grund für die Dauer-Hungersnot in Äthiopien ----------------------------------------------- darf einen bei dieser Sichtweise nicht interessieren. Daß Millio- nen Leute keine Chance haben, ihre notwendigsten Lebensmittel zu produzieren, liegt nämlich weder an einer besonderen "Negernatur" noch am ausbleibenden Regen. Solange man noch laufen kann, hinter irgendwelchen eßbaren Körnchen herlaufen, und wenn man sich nicht mehr auf den Beinen halten kann, teilnahmslos auf den Tod zu war- ten - damit Leute in diesen Zustand kommen, muß schon einiges passiert sein; so etwas kommt nicht "von Natur". Und es waren die Regierungen der westeuropäischen "Industrienationen", die da schon seit Generationen ganze Arbeit geleistet haben. Sie haben selbst noch die Wüstenlandstriche im Osten Afrikas nutzbar ge- macht - und d a f ü r waren die zufällig dort lebenden Eingebo- renen schon immer eine lästige Angelegenheit. Lästig deshalb, weil sie sich mit ihren Viehherden und ihrer altertümlichen Land- wirtschaft, mit der sie sich mehr schlecht als recht ernähren konnten, fast immer am falschen Platz herumgetrieben haben. In den Gegenden nämlich, die schon die italienischen Kolonialherren für die Anlage von Zuckerrohr- und Obstplantagen brauchten, und in denen später, zu Zeiten der "Unabhängigkeit", mit amerikani- schem und westeuropäischem Kapital Kaffeeplantagen angelegt wur- den. Was lag da näher, als die Nomaden in andere Gebiete abzu- drängen. Wenn es dort weniger regnet und der Boden nichts mehr hergibt, dann haben sie halt Pech gehabt. Auch die neue "moskaufreundliche" Herrschaft "durfte" das Land mit Hilfe von westlichen Krediten "weiterentwickeln". Solche Kre- dite waren natürlich an die Bedingung geknüpft, die Produktion von Exportgütern, von Kaffee z.B., auszuweiten - und zwar um so mehr, je weniger bei fallendem Weltmarktpreis dafür gezahlt wird. Die BRD ist selbstverständlich einer der wichtigsten Handelspart- ner Äthiopiens. Die Kaffeeplantagen müssen also ausgedehnt werden - Neger, die dabei im Weg sind, werden weitergetrieben. Beim Weiterziehen müssen sie "nur" darauf aufpassen, nicht in ein Kampfgebiet zu geraten. Denn so gut die westliche Staatenwelt das Land auch wirtschaftlich im Griff hat, ein "moskaufreundliches" Regime ist und bleibt ein Unsicherheitsfaktor, der bekämpft ge- hört. So sorgen westliche Geheimdienste auf dem Umweg über das nördliche Nachbarland Sudan dafür, daß der "Bürgerkrieg" in Äthiopien nicht zur Ruhe kommt. Im Namen von Marktwirtschaft und Freiheit kann man das "Revolutionsregime" in Addis Abeba nicht in Ruhe lassen die "Unkosten" in Form von ein paar Millionen Negern ohne Chance zum überleben lassen sich wieder nützlich machen. Denn, auch wenn sie es nicht wissen, verrecken sie doch nicht ganz umsonst. Jetzt machen die Herrschaften, deren Geschäft in aller Welt für Elend sorgt, im Namen aller Hungertoten Propaganda für die Festigung und Ausdehnung ihrer weltweiten Verantwortlich- keit. Und dieser Propaganda folgen neue, weitergehende Eingriffe auf dem Füße. zurück