Quelle: Archiv MG - AFRIKA AETHIOPIEN - Armes Land in bevorzugter Lage


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       MSZ 3/85
       
       Internationale Heimatkunde: Äthiopien
       

EIN ARMES LAND IN BEVORZUGTER LAGE

Es ist gute demokratische Sitte, den Bundeswehrmaschinen, die ne- ben den äthiopischen Hungerlagern und über den unzugänglichen Hungergebieten Getreidesäcke abladen, öffentliche Anklagen gegen das sowjetfreundliche Regime in Addis Abeba mit auf den Weg zu geben. Es ist offenbar nichts leichter und zufriedenstellender als die Mitteilung, Mengistu und seine Mitregenten aus den Reihen des Militärs seien in allen Belangen gescheitert, trügen die (Mit-, Haupt-, Allein-)Schuld am massenhaften Hunger ihrer Unter- tanen, benützten den sogar gegen die Separatisten, importierten Waffen statt nahrhafter Marktwirtschaft... Geistige Rentenmitsa- nierer, Waffenhändler, Landesverteidiger, Wiedervereiniger und Weltwirtschaftsfans kennen also den feinen Unterschied zwischen Nord und Süd. Angesichts der katastrophalen Herrschaften dort un- ten sind "wir" immer zum Handeln aufgerufen, zum Helfen allemal. Dabei wird Äthiopien längst in sämtlichen Belangen geholfen. Mehr jedenfalls, als denen dort unten gut tut, auch wenn die davon kaum etwas wissen. I. Das bescheidene Staatskapital: Strategische Lage und Kaffee -------------------------------------------------------------- "Die Vereinigten Staaten von Amerika haben das Recht, die beste- henden militärischen Einrichtungen in Äthiopien zu nützen, diese auszudehnen und neue zu bauen; die bewaffneten Streitkräfte der USA, darunter auch die Luftwaffe, erhalten das Recht der uneinge- schränkten Bewegungsfreiheit im ganzen Lande;... den USA ist es gestattet, in den ihnen zuerkannten Militärbasen Kriegsmaterial in dem Umfang zu lagern, wie sie es für notwendig erachten. Für die Nutzung der militärischen Einrichtungen verpflichtet sich die Regierung der USA, eine entsprechende finanzielle Entschädigung an die äthiopische Regierung zu zahlen." (Inhalt des Vertrags 'über gemeinsame Verteidigung' von 1953, wiedergegeben in Bart- nicki, Mantel-Niecko: Geschichte Äthiopiens, S. 563) "Trotz klimatisch guter Voraussetzungen ist die Landwirtschaft Äthiopiens noch immer rückständig und nicht ausreichend markt- wirtschaftlich orientiert. Dennoch beruht fast der gesamte Export des Landes auf Agrarprodukten, wobei Kaffee zuletzt 67% (66315t im Wert von 791 Mio. DM) ausmachte." (Munzinger-Archiv/Internat. Handbuch 20-21/83) "Äthiopiens Ökonomie wankt unter den steigenden Ölkosten bei ab- nehmenden Einnahmen aus dem Kaffee-Export..." (Times, 15.9.81) Das sind sie auch schon, die beiden entscheidenden Revenuequellen dieses zu den "ärmsten Entwicklungsländern" zählenden "Dachs von Afrika" mit einer "mehr als 1500-jährigen Kaiserreichs- und christlichen Glaubensgeschichte". Das sind sie schon unter dem letzten Negus gewesen, das sind sie noch unter dem "Provisorischen militärischen Verwaltungsrat (DERG)", der als So- wjetvasallenmannschaft verschrien ist. Ein mehr oder weniger unzugängliches, mehr oder weniger kahlge- wirtschaftetes riesiges Hochland mit subsistenzwirtschaftenden Bauern, ausgedehnte Randsteppen und Wüsten voller Nomaden mit dem größten Viehbestand Afrikas, zwei nennenswerte Städte mit etwas Industrie für den Eigenbedarf, Millionen Hungernde und Verhun- gernde - all das ist keine tragfähige Basis für Politikerambitio- nen, nicht einmal für regelmäßige bescheidene Steuereinnahmen. Vor eine ausgiebigere Nutzung als Rohstoffland hat die Laune der Geographie und die Vergangenheit als selbständiges Kaiserreich die Kosten gesetzt, die auch nur die minimalste Erschließung des Landes erfordert. Eineinhalb Eisenbahnlinien von der Küste ins Land und kaum mehr als eine Allwetterstraße - das erlaubt noch nicht einmal einen flotten Kaffeetransport aus dem Hinterland. Und die jahrzehntelang von Italien beherrschte, besser erschlos- sene Küstenprovinz Eritrea mit ihren 2 Häfen und einigen Baum- wollplantagen steht für die Spekulation auf ausländisches Kapital erst gar nicht zur Verfügung, weil sie seit 20 Jahren umkämpft ist. Erst die doppelte Gunst der imperialistischen Stunde erlaubte es nach dem Zweiten Weltkrieg dem Negus Negesti, sein wiedererlang- tes Reich auf eine heute noch gültige staatstragende Grundlage zu stellen: Die USA konkurrierten erfolgreich mit den alten Koloni- almächten um die strategische, politische und ökonomische Siche- rung Afrikas, und die USA suchten in Afrika nach einem dauerhaf- ten Ausgleich für die Schwankungen der brasilianischen Kaffeepro- duktion, die sich '49 störend bemerkbar gemacht hatten. Was den Kaffee angeht, den die neuen Herren inzwischen in Staats- regie vertreiben, so ist im Kaffeeabkommen, das Produktionsquoten und Preismargen festlegt, längst anerkannt und höchstoffiziell geregelt, daß und inwiefern es sich bei diesem Produkt nicht um eine produzierte Ware normaler kapitalistischer Qualität handelt. Die als Russenknechte verschrienen Männer in Addis Abeba mögen die 100%ige Ausweitung des Kaffee-Exports in die westlichen Län- der für das laufende Jahrzehnt planen; sie mögen den Schwarzhan- del in den Sudan zu unterbinden versuchen und den teils wildwach- senden Kaffee vermehrt in Plantagen anbauen. Das beansprucht zwar Land, reich macht es den Haushalt deshalb nicht. Denn die Auswei- tung des Anbaus, soweit sie überhaupt vom Abkommen erlaubt wird, wirkt durch die Vermehrung des Angebots und eine entsprechende Preissenkung den erwünschten Mehreinnahmen entgegen. Umgekehrt sorgen die riesigen weltweiten Lagervorräte inzwischen dafür, daß Produktionsschwankungen nur in Ausnahmefällen nicht leicht ausge- glichen werden können und in höheren Preisen zu Buche schlägen. Den für die kapitalkräftigen Nationen so segensreichen Weltmarkt- Mechanismus, daß man "1969 noch für einen 16-Tonnen-Lastwagen etwa den Wert von 66 Sack Kaffee bezahlen" mußte, heute aber "die doppelte Menge dafür nötig" ist, können die regierenden Militärs überhaupt nicht beeinflussen - ganz abgesehen von den Dollarkon- junkturen, denen sie sich schließlich nicht dadurch entzogen ha- ben, daß sie den 1942 eingeführten äthiopischen Dollar 1976 in Birr umbenannt haben. Wenn bis zu einem Drittel des Staatshaus- halts vom erzielten Verkaufserlös an den Kaffeebörsen abhängt, dann spricht das eben nicht für den Exportschlager Kaffee, son- dern gegen diesen Haushalt als Mittel des Staates. Viel besser steht es aber auch nicht um die geopolitische Revenu- equelle, die exponierte strategische Lage am Ausgang des Roten Meeres. Solch ein Gut hat einen politischen Preis, der sich ganz und gar nicht nach den Erwartungen und politischen Plänen des Ha- fenbesitzers, Küsteninhabers und Hinterlandsregenten richtet. Um- gekehrt muß er sich danach richten, was das Interesse an der Re- gion abwirft, und darauf bedacht sein, dieses Interesse nicht zu verletzen. Die eingangs zitierte freie militärische Verfügung der USA über einen entscheidenden Kontrollposten der Suezkanalzone, der Golf- staaten und des westlichen indischen Ozeans hat Äthiopien zwar endgültig vor britischem Zugriff bewahrt und dem Land den Vorteil eingebracht, das erste und lange Zeit bevorzugte afrikanische Entwicklungsland der USA zu sein. Schließlich hatte der Weltpoli- zist zu jener Zeit immerhin noch mit einer unsicheren Ölregion, einem moskaufreundlichen arabischen Nationalismus in Ägypten, dem sowjetischen Aufbau eines Flottenstützpunktes im somalischen Ber- bera und der sowjetischen Unterstützung der Befreiungsbewegung in Eritrea zu rechnen. Das bißchen Kaffeeexport in die USA, amerika- nische "Entwicklungskredite", Militärhilfe und Militärberater wa- ren eben allein darauf berechnet, dem Land und seinen Herrschern ein großes Militär mit modernen Waffen zu bescheren. Und das ha- ben sie auch geleistet. Das amerikanische Vorbild hat einige an- dere Nationen zu entsprechender Entwicklungshilfe beflügelt und außerdem dem Land noch eine Elite mit äthiopischen Fortschritts- ideen und meist amerikanischem Diplom beschert. Mehr als eine trotz aller Bürgerkriege fest gesicherte Küstenbasis der USA mit ausgedehntem Hinterland ist nie daraus geworden. Nur die äthiopischen Zuständigen haben das anders gesehen. Auf der einen Seite sind sie immer unzufriedener mit der Ertragskraft ihrer halb feudalen, halb stammeseigentümlichen und nomadischen Wirtschaft für die wachsenden Bedürfnisse der Regierung und ihres Anhangs geworden und haben die mageren heimischen Quellen deshalb um so rücksichtsloser beansprucht oder vernachlässigt. Auf der anderen Seite haben national geschulte Studenten, Militärs und von der CIA aufgebaute und geförderte Gewerkschaften in den tra- ditionellen Nutznießern des neuen Reichtums von außen einen ein- zigen Anachronismus und Verstoß gegen äthiopische Entwicklungs- möglichkeiten entdeckt. Die mit US-Angeboten und Israels Kriegen geförderte Änderung der politischen Kräfteverhältnisse in der Golfregion und der Schwenk Ägyptens hatten andere Staaten zu den bevorzugten Adressaten amerikanischer Waffenlieferungen gemacht und die Bedeutung Eritreas und damit Äthiopiens relativiert. An- dererseits teilten die USA aus ihren Gründen die Kritik der ein- heimischen Militärs, daß Eritrea immer noch nicht befriedet sei, und kalkulierten in dem Maße mit der Unzufriedenheit mit dem Kai- ser, wie diese sich in den kleinen einschlägigen Kreisen verall- gemeinerte und schließlich zum Militärputsch führte. Umgekehrt hat - wiederum erst die US-Entscheidung, den Militärs und ihren Flügelkämpfen zu mißtrauen und den äthiopischen Erz- feind und regionalen Konkurrenten Somalia in die strategische Rolle eines US-Verbündeten einzusetzen sowie seine Lokalkriege gegen Äthiopien zu finanzieren, Mengistu zum endgültigen Durch- bruch im DERG verholfen und Äthiopien zu einem Waffenhilfsempfän- ger Moskaus gemacht. Seitdem sieht sich das Regime, das mit dem wohlwollenden Interesse des Imperialismus steht und fällt, bei aller AKP-Zugehörigkeit auf einen der hintersten Plätze der Ent- wicklungshilfeliste versetzt und nach Kräften befeindet. Eine strategische Bedeutung für die westliche Weltsicherung verträgt keine Kursabweichung und kann sich eben auch völlig umkehren. So bekommt das Land am Horn von Afrika den Vergleich westlicher und östlicher Geschäfts- und Gewaltmittel umgedreht und um so härter zu spüren. II. Die Staatsmacht und ihr großartiges Programm: ------------------------------------------------- Das Militär befiehlt 'Äthiopien voran!' --------------------------------------- "Der Militärrat erließ an diesem Tage eine Deklaration, in der die allgemeinen politischen Programmgrundsätze der Regierung dar- gelegt und zum ersten Mal eine Definition des 'Äthiopischen So- zialismus' gegeben wurden. Dabei war der Militärrat bemüht, seine Konzeption in einer für die breitesten Schichten der Bevölkerung verständlichen Sprache vorzustellen, was keine leichte Aufgabe war; denn solche Begriffe wie 'Gesellschaft', bzw. 'Sozialismus' waren in der amharischen Sprache kaum bekannt ... Für den Begriff 'Sozialismus' wurde der Neologismus 'Hibretesebawinnet' - 'Menschengemeinschaft' geschaffen." (Bartnicki, S. 606) "An dieser Aufklärungskampagne für die Landbevölkerung nahmen ca. 56.000 Studenten, Lehrer und Schüler teil... Sie sollten die neue politische Weltanschauung propagieren... die Bauern auf die be- vorstehende Bodenreform vorbereiten... Analysen über die Nutzung des Bodens sowie über das Eigentumssystem im jeweiligen Gebiet zusammentragen... erklären, daß die Arbeit und Zusammenarbeit Ge- meingut ist und die Würde des Menschen ausmacht ... durch Stra- ßen-, Brücken- und Brunnenbau beispielgebend wirken... die Bedeu- tung der nationalen Einheit erklären... das Niveau der Hygiene erhöhen und sich um das Gesundheitswesen kümmern... eine Alphabe- tisierungskampagne unter den Kindern und Erwachsenen durchfüh- ren." (Bartnicki, S. 609) Es gibt nichts im äthiopischen Hoch- und Tiefland, woran die Mi- litärs mit ihrem Programm anknüpfen könnten. Seine Verkünder ha- ben sich schlicht vorgenommen, Land und Leute überhaupt erst brauchbar zu machen für einen einheitlichen modernen Staat. Ihre Aufklärungskampagne zeugt von der Tatsache, daß der Staatswille nur in den Köpfen der 56.000 und ihrer Auftraggeber steckt. So müssen sie sich gleichermaßen um Latrinenbau und Staatseinheit, Menschenwürde und bis-10-Zählen, Brunnengraben und rechte Weltan- schauung kümmern - keine Voraussetzung für einen nationalen Fort- schritt, die nicht erst noch hergestellt werden müßte! Das Mili- tär, dieses unter Haile Selassie ausgebildete Instrument der Kai- serherrschaft, ist überhaupt die ganze Staatsmacht. Es verdankt seine Existenz und seinen Fortbestand nicht der Benutzung des Landes und seiner Bevölkerung, über die es wacht, sondern Finanz- quellen, wie die Weltpolitik sie so hergibt. Einerseits eröffnet sich ihnen damit die Freiheit, alles auf die politische Tagesord- nung setzen zu können, worauf sich die Offiziere einigen. Ande- rerseits liegt eben darin die Schranke, daß aus ihren Vorhaben politische Wahrheit nur soweit wird, wie die Macht des Militärs reicht - und wie es entsprechende materielle Mittel bereitzustel- len vermag. Und genau da liegt nun wiederum der Haken. Die Volks- freunde von Heer, Luftwaffe und Marine mögen noch so sehr von ei- ner Entwicklung durch ausländische Anleger geträumt, noch so sehr an eine "grüne Revolution" auf den kahlgeweideten, abgeholzten und von Erosion zerfressenen Hochebenen des Nordens und etwas bunteren Flächen des südlichen Hochlands gedacht haben. Erstere blieb völlig aus, letztere ist ein Armutsprogramm für die wach- sende Bevölkerung gegen wachsenden Hunger und zunehmende Dürre geblieben, bzw. mehr und mehr geworden. III. Der innere Fortschritt: ---------------------------- Armutsprogramme für das politische Überleben -------------------------------------------- "'Man weiß wirklich nicht, wo beginnen in einem Land, in dem al- les fehlt', sagte ein äthiopischer Beamter... Trotz mißlicher Be- dingungen unternimmt die Regierung des sozialistischen Äthiopien große Anstrengungen zur Verbesserung der Landwirtschaft auf der Grundlage der Landreform von 1975... Adressat der Bodenschutzbe- strebungen ist in Äthiopien nicht der einzelne Bauer, sondern stets die Bauernvereinigung. Vor 1974, als Äthiopien noch feuda- listisches Kaiserreich war, waren die meisten Bauern Pächter von Großgrundbesitzern und mußten bis zu 75 Prozent ihrer Erträge als Zins abliefern. 1975 wurde der Boden nationalisiert und an die Bauern verteilt... Viele Bauern ziehen es vor, ihr Stück Land nach eigenem Gutdünken zu bebauen..." (Tagesspiegel, 19.4.83) "Terrasse ist das Schlüsselwort: Nur so können rutschende Bö- schungen befestigt, neue Anbauflächen gewonnen werden. Das Bauen von Dämmen und Terrassen ist eine mühsame Plackerei - allerdings mit einem gewissen Anreiz. Jeder der Bauern erhält für acht Stun- den Terrassieren drei Kilogramm Weizen und 110 Gramm Pflanzenöl. 'Food for work' heißt das Programm." (Konkret) "Umsiedlung ist für schwer geschädigte Gebiete, in denen Boden- schutzmaßnahmen keine Aussicht auf baldigen Erfolg haben, die einzige Alternative zur totalen Abhängigkeit von Nahrungsmittel- hilfe." (Tagesspiegel, 19.4.83) Radikal war sie schon, die Bodenreform. Allerdings ist die Verän- derung der Eigentumsverhältnisse, die aus Pächtern und Leibeige- nen Kleinbauern und zum geringeren Teil Bauerngenossenschaften machte, noch nicht der Aufbau einer Produktion. Nicht einmal eine automatische Besserstellung der mit eigenem Land bedachten Bauern ist sie. Ohne Ausstattung könne Bauern schließlich nicht produ- zieren, schon gar keine Überschüsse für Genossenschaften und Märkte, die es noch gar nicht gibt. Nicht einmal das nackte Über- leben ist gesichert, wenn das entscheidende Produktionsmittel, das Zugvieh, in der Hand der ehemaligen Herren bleibt, die es lieber schlachten würden, bevor sie es hergeben; wenn Kahlschlag, Überweidung, Bodenerosion, beschleunigter Wasserabfluß und aus- bleibender Regen sich wechselseitig bedingen und steigern. Wo der zivilisatorische Stand der Bevölkerung und ihre internationale Betreuung gerade dazu ausreichen, daß sie sich beständig vermeh- ren und die Natur - zunehmend beanspruchen, wo es aber nicht dazu reicht, genügend für alle zu produzieren und die Produktions- grundlagen zu erhalten und zu verbessern - da braucht der Staat mehr als guten Willen und Gesetzeskraft, um die Basis des Überle- bens seiner Bevölkerung überhaupt erst wieder herzustellen; mehr auch als die Reformmannschaft aufzubringen imstande oder willens ist. Der 'äthiopische Sozialismus' auf dem Lande trägt deshalb ein trostloses Doppelgesicht der absoluten Not. Einerseits werden die mehr als 90% Landbevölkerung auf die gerade in ihrem Umkreis vor- handenen Gegebenheiten verwiesen, wobei nicht einmal die Abschaf- fung der immensen Pachtabgaben früherer Zeit die Bauern existenz- fähig gemacht hat. Andererseits halten die staatlichen Stellen die wenigen Bauernkollektive, die es bisher gibt, dazu an und un- terstützen sie dabei, wenigstens die elementarsten Produktionsbe- dingungen notdürftig wiederherzustellen, wobei sie mit dem "Zerstörungswerk" der wegen der Produktionsweise "Überzähligen" nicht Schritt halten können. Die Umsiedlung - garantiert keine Frage von Völker- und Menschenrechten - von Hunderttausenden in den weniger bevölkerten Süden bleibt solange ein Notprogramm, wie die Regierung außerstande ist, die Produktionsmittel mitzulie- fern. Ob sie es nun wissen und wollen oder nicht - bestenfalls machen sich die Herren in Addis Abeba an dem Problem zu schaffen, daß das Volk politische Unkost ohne jeglichen Ertrag, laufendes Hemm- nis staatlichen Vorankommens, statt sein Mittel ist. Dagegen ver- suchen sie mit ihren Maßnahmen vorzugehen. Eine ziemlich vergeb- liche Mühe, die allerdings jenseits aller Differenzen von "Frankfurter Rundschau" bis "Allgemeine" herablassend gewürdigt wird; entspricht sie doch genau dem gültigen Ideal von 'Hilfe zur Selbsthilfe', die unsere angeblich laufend verplemperten Entwick- lungskredite für lukrativere 'marktwirtschaftlichere' Unterneh- mungen freimachen soll. Das Bonmot aus äthiopischem Sozialistenmund an die Adresse der EG-Vertreter: "Marx und Engels können warten, bis wir wieder einen vollen Magen haben", zeugt allerdings von wenig Einsicht in die Leistungen des Lome-Abkommens; es belegt genau umgekehrt den Willen der Militärs, sich mit dem Westen nach Möglichkeit neu zu arrangieren. Denn das bekommen sie auch mit, daß der Westen ihnen ihre wenigen Mittel noch knapper macht. Das ist ja auch unüber- sehbar. IV. Dauerkrieg mit fremden Mitteln: ----------------------------------- Der vergebliche Kampf um die Erhaltung der Bedingungen ------------------------------------------------------ der Möglichkeit staatlicher Souveränität ---------------------------------------- "Der Krieg gegen die sezessionistischen Guerillagruppen in den Nordprovinzen Eritrea, Wollo und Tigre kostet Addis Abeba immer noch rund eine Million Dollar am Tag. Ohne die Zerstörung, die Verluste und die Ausfälle an Nationalvermögen zu rechnen, hat Äthiopien das Kriegführen in den Jahren seit dem Sturz des Kai- sers fast so viel gekostet, wie unter dem neuen Lome-Abkommen die Europäische Gemeinschaft über fünf Jahre zusammen 64 Entwick- lungsländern in Afrika, der Karibik und im Pazifik Hilfe zahlen wird, nämlich 6,3 Milliarden Dollar... Die wegen ihrer marxi- stisch-leninistischen Ziele früher von Kuba und Bulgarien geför- derte und bewaffneten Rebellen in Eritrea ebenso wie die Aufstän- dischen in Wollo und Tigre werden jetzt von arabischen Regierun- gen unterstützt, vor allem solchen, die mit den Vereinigten Staa- ten befreundet sind." (FAZ, 24.12.84) Der DERG ist mit seinem 'Äthiopien voran!' in einer viel grund- sätzlicheren und politisch entscheidenderen Hinsicht gescheitert: an der Schaffung eines geschlossenen und befriedeten Staatsgebie- tes nämlich. Und das liegt nicht daran, daß überall Nutznießer oder Opfer der alten Verhältnisse, Pachtherren und Hörige, Kir- chenmänner und grundbesitzende Militärs, Nomaden, Bauern und An- gehörige der verschiedenen Stämme gute und weniger gute Gründe hatten, am Alten festzuhalten oder sich einen anderen Fortschritt vorzustellen. Solche Unruhen flammten zwar in den verschiedensten Provinzen auf. An den Rand des Zusammenbruchs geriet die Militär- regierung allerdings deswegen, weil Befreiungsbewegungen in Eritrea und Tigre, geführt von der DERG-Mannschaft kongenialen Figuren, die Provinzen nicht zur Ruhe kommen ließen und gleich- zeitig im Süden nahezu der gesamte Ogaden mit somalischer Unter- stützung von Aufständischen erobert wurde. Wo sich eine ohne ge- festigte Nation zu nationaler Politik berufen fühlende Mannschaft einen einheitlichen Staat schaffen will, da finden sich genügend Herrschaftsanwärter an anderer Stelle, die eine eigene eigentli- che Nation mit Tradition und jahrhundertelangem Kampf gegen oder gar jahrhundertelanger Unabhängigkeit von Unterdrückung erfinden. Die günstige Lage Eritreas, seine koloniale Sonderentwicklung un- ter italienischer und britischer Oberhoheit macht da gleich ein eigenständiges Interesse, nicht unter die Gewalt von Addis Abeba zu kommen. Und genauso lassen sich somalische Nomaden zum Fußvolk für ein großsomalisches Zukunftsreich machen, wenn sie dafür ge- nügend ausgehalten werden. Wenn schon in Addis Abeba die Militär- laufbahn im umgekehrten Verhältnis zum bäuerlichen Elend eine ge- sicherte Karriere darstellt, so finden sich bei entsprechender Ausstattung auch die kampfwilligen Lokalmannschaften, die nachts die Gebiete unsicher machen, die tags von der Regierung kontrol- liert werden. Wo alles nur eine Frage des Militärs ist und auch der DERG seine Schlagkraft nicht aus den heimischen Hungerprodu- zenten bezieht, da hängt solch' ein Freiheitsprogramm allein von den Geld- und Waffengebern ab, die man für sich zu gewinnen ver- steht. Und derer gibt es genug; eben all die strategischen Interessenten an einer stabilen oder instabilen Lage in dieser Ost-West-Ecke. Denn nachdem die USA den Ausbau des somalischen Ex-Russen-Stütz- punkts Berbera übernommen haben, soll die Sowjetunion gerade des- wegen noch lange nicht ebenso leicht und unbehelligt an der nörd- licheren Küste Fuß fassen können. Das organisierte Chaos und die Zerstörung in den Provinzen sind das Mittel, die Sowjetunion zu treffen und ihr ihren Vasallen teuer zu stehen kommen zu lassen. Umgekehrt stört es die Sowjetunion bei der Sicherung ihres Ein- flusses am Roten Meer auch nicht übermäßig, daß ihre Verbündeten in Addis Abeba einen Kampf um eine 'wirtschaftlich vielverspre- chende Küstenregion', um ein denkbares Entwicklungsmittel des ar- men Landes, führen, welcher alle Entwicklungsanstrengungen hin- fällig macht, noch ehe sie überhaupt hätten unternommen werden können. So existiert mit ausländischer Hilfe seit Jahren die Herrschaft in Eritrea und einigen anderen Provinzen eigentlich bloß entlang der paar befestigten Straßen und Orte, während ab- seits davon die Rebellen mehr oder weniger große Gebiete 'besetzt' halten und beide Parteien wechselseitig das Zustande- kommen von Ruhe und Ordnung verhindern. Dank großzügiger Spenden der Geldgeber zerstört der Dauerkrieg also nicht den Gegner, son- dern nur Land und Leute. V. Hungerfortschritte: ---------------------- Die Macht der imperialistischen Verhältnisse -------------------------------------------- Der oberste und immerzu vordringlichste Programmpunkt der Mili- tärregierung ist notgedrungen der dauernde Versuch, die jeder Po- litik vorausgesetze Existenz eines einheitlichen politischen Ge- meinwesens herzustellen. Statt daß der bescheidene Staatshaushalt den eigentlichen Vorhaben, so gut oder schlecht sie gemeint sein mögen, zugutekäme, geht er zum größten Teil in den Militäräusga- ben auf. Und was sich dank der Kriegsumstände in diesem Land al- lein entwickelt, ist seine Desorganisation und Ruinierung. Längst lebt dieses Land in jeder Hinsicht und in all seinen Fraktionen über seine Verhältnisse, die es nicht selber bestimmt. Das ver- gißt der aufgeklärte Staatsbürger hierzulande gern, wenn er kopf- schüttelnd bemängelt, daß der DERG von der eigenen Bevölkerung eine magere Hungerabgabe eintreiben will, vom Westen jedwede Hilfe bekommt, dem Osten Waffenkredite zurückzahlt und für den Transport der Hilfsgüter in die hauptsächlich betroffenen Provin- zen gar nicht garantieren kann, weil er sie nicht in der Hand hat. Der Hunger ist also doppelt und dreifach sichergestellt, und die Folgen davon sind keineswegs bloß menschenfreundlich. Im Hunger, gegen den diese Regierung machtlos ist, hat man längst ein wei- teres Mittel zur Erpressung der mehr oder weniger mittellosen Re- gierung entdeckt. Deshalb hat man letztes Jahr und die Jahre zu- vor zunächst geflissentlich die Katastrophenmeldungen überhört, bis die Regierung in Addis Abeba gar nicht anders konnte als bei Organisation und Verteilung der Hilfe lauter Zugeständnisse an westliche Verantwortung zu machen. Das spricht in den Augen von Fanatikern "unserer Verantwortung" für die Welt nie und nimmer für ein kalkuliertes Verhältnis der zivilisierten Länder gegenüber solchen 'Katastrophen' und schon gar nicht für ihre Mittäterschaft bei all den 'Faktoren', die Schuld am Hunger sein sollen. Sie entdecken ja in den Millionen Hungerbäuchen zielsicher die Wahrheit, daß hier ein Land mit sei- nen Verhältnissen nicht zurechtkommt, seine Souveränität nicht aufrechterhalten kann, auch wenn und gerade weil sie nicht von den Massen abhängt. Mit jedem Sack Getreide wird dieses Urteil praktisch vollstreckt und der Anspruch eingeklagt, daß eine stör- rische Regierung einzulenken und sich von ihren östlichen Helfern abzuwenden hat. So gesehen ist der Hunger ein Ausweis erfolgrei- cher Politik gegen Äthiopien. Daß die betroffenen Millionen gar nichts davon wissen, welche Schwierigkeiten sie ihrer Herrschaft machen und welche Gelegen- heit sie anderen Herrschaften eröffnen, zeugt von der Leistungs- fähigkeit der zivilisierten Welt. Um hunderte von Kilometern durch die Öde zu marschieren und sich einen für Hungerbäuche ex- tra verträglichen Zwieback reinzuschieben, braucht man von Kaf- feepreisen, strategischer Lage und Eindämmung 'sowjetischer Ag- gression' nichts zu wissen. So gesehen ist Äthiopien wirklich nichts Besonderes. Bild ansehen Hungerkarte Äthiopien *** Der Neger und sein Dessert -------------------------- "Obst ist keine Hungersmahlzeit In der SZ vom 19./20.1. hat Herr Bachmeier als Beleg für den 'Wahnsinn heutiger Staatskunst' die Meldung der SZ vom 28.12.1984 herangezogen, in der auf die angebliche Obstvernichtung der Euro- päischen Gemeinschaft hingewiesen wurde. Dabei wird der Eindruck erweckt, als könne man mit dem Obst (!), das aus dem Markt genom- men wird, Millionen Menschen, die hungern, ernähren. Ob Herr Bachmeier einmal darüber nachgedacht hat, wie der Magen eines Hungernden reagiert, der Obst bekommt? Aber dies ist vermutlich auch gar nicht von denen beabsichtigt, die diese Meldungen von der 'Vernichtung' in die Welt setzen. ... Rainer Schwarzer Referent des Europabeauftragten der Bayerischen Staatsregierung Augustenstraße 14a 8000 München 1" ( Leserbrief in der Süddeutschen Zeitung vom 9./10.2.1985) Endlich ein Europabeauftragter, der an die Gesundheit der Verhun- gernden in Afrika denkt. Da hat er doch recht, der Referent. Fruchtsäure vertragen diese Neger der Bananenrepubliken doch nie und nimmermehr. Nicht aus dem Markt genommenes Milchpulver, in kleinen Dosen von der deutschen Luftwaffe abgeworfen über dem Ge- biet, wo es seit Jahren kein Wasser mehr gibt - darauf reagiert der Magen eines Hungernden mit Sicherheit ganz anders, als wenn er mit aus dem Markt genommenen Obst (= Obstschnaps) nur vorder- gründig seinen Bauch beruhigt. zurück