Quelle: Archiv MG - AFRIKA ALLGEMEIN - Hungertod in 24 Staaten
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Münchner Hochschulzeitung Nr. 9, 06.02.1985
ZUMINDEST EIN VERSUCH?
"Hunger in Afrika": Leser zu dem Flugblatt 'Die Gentlemen bitten
zur Kasse' und Antwort
Ich fand vorhin das Flugblatt in meinem Briefkasten "Ein Tag für
Afrika" ... würde mich interessieren, wie "etwaige Verbesserungs-
und Änderungsvorschläge Eurerseits aussehen würden - hier fand
ich nur eine Aufstellung all jener Punkte, die diese Sammelaktion
"in
Grund und Boden stampften".
Auch ich gehörte zu jenen Menschen, die spendeten - wohl weniger
aus Gewissensbissen heraus, sondern mehr aus der Hoffnung heraus,
damit einen Anfang setzen zu können - einen Anfang für einen Um-
denkungsprozeß, der nicht am Ende jenes Tages geendet haben
sollte.
Wenn diese Aktion noch von anderen Leuten so aufgefaßt worden
ist, wäre das doch begrüßenswert - und wenn dieser "symbolische
Zug" in barer Münze ausgedrückt werden konnte, der der sog. 3.
Welt sinnvoll zugewendet wird, so halte ich das für richtig.
Im übrigen muß diese Einstellung von mir nicht bedeuten, daß ich
alles für gut heiße, was von oben kommt...; aber nur sarkastisch
kritisieren - alles ablehnen, was ein Versuch ist - allem nur
pessimistisch gegenüberstehen??
Mit freundl. Gruß B. L.
1.
Du hast die Hoffnung, daß der Spenden-"Tag für Afrika" der ARD
den "Anfang für einen Umdenkungsprozeß" bedeuten könnte. Hast Du
auch einen Vorschlag, was "jene Menschen die spendeten", in Zu-
kunft besser denken sollten?
2.
Welches Um-Denken könnte aus dem Entschluß zu einer milden Gabe,
mal bei Licht betrachtet eigentlich entstehen? Der einzige Ge-
danke, der mit dem Herschenken von Geld für hungernde Neger lo-
gisch zu verknüpfen ist, besteht im Glauben an eine Verantwortung
von "uns" für das Schicksal fremder Völker, eventuell bebildert
mit Vorstellungen von einem Nutzen, den "wir" von ihnen gehabt
hätten. Und dieser Gedanke ist grundverkehrt, das wollten wir in
dem Flugblatt a u c h zeigen - z.B. mit dem Hinweis daß einer
von uns gar nie in der Lage ist, einem hungernden Afrikaner etwas
wegzuessen oder durch eigenen Verzicht seinen Lebensunterhalt zu
sichern. Der G r u n d für die fortschreitende Verelendung der
afrikanischen Volksmassen liegt durchaus hier, aber ganz anders:
Er liegt in den weltumspannenden Geschäften, die auch von bundes-
deutschen Multis ihren Ausgang nehmen und auf der ganzen Welt
keinerlei Wirtschaften übriglassen als ein solches, das ihnen
nützt; und in der ebenso globalen Gewalt mit der die Bundesregie-
rung im Verein mit ihren Alliierten dieses Geschäftswesen betreut
und vor der Gefahr des Kommunismus beschützt. Genau diese Wahr-
heit wird durch einen moralischen Schwindel ersetzt, wenn
Menschen die selber nichts als bezahlte (oder arbeitslose)
Geschäfts m i t t e l und steuerzahlendes Menschen m a t e-
r i a l der bundesdeutschen Weltmacht sind sich für alles
verantwortlich erklären, was an Ruin auf dem Globus zurückbleibt,
wenn Kapital und Freiheit einmal zugeschlagen haben.
3.
Solches Verantwortungsbewußtsein ist nicht bloß ein falscher Ge-
danke, sondern eine praktische Stellung zum weltpolitischen Ge-
schehen, die ausgerechnet das Eine todsicher nicht aufkommen
läßt: Gegnerschaft gegen die Veranstalter. Man hat ja s i c h
s e l b s t zum Thema erkoren. Das Unkritische dieser Einstel-
lung scheint Dir selbst aufgefallen zu sein. Wir haben aber gar
nicht den Verdacht, daß Du "alles für gut heißt, was von oben
kommt ..." Wir fürchten nur, daß Leute wie Du den praktischen Ge-
schäften der Gewalt hauptsächlich mit selbstkritischem Getue be-
gegnen: Was konnte i c h am bösen Lauf der Welt verbessern?
4.
Alles, was wir Dir hier zu bedenken geben, könnte jedem ganz
deutlich daran aufgefallen sein, wie die politischen Betreuer
sämtlicher bundesdeutschen Ansprüche an den Rest der Welt den
"Tag für Afrika" genossen haben Kohl und Konsorten haben gleich
begriffen, daß ihrer Politik der ökonomischen Ausnutzung und neo-
kolonialistischen Kontrolle Afrikas gar nichts besseres passieren
kann, als daß die Folgen als moralischer Auftrag an "uns alle"
aufgefaßt werden - an ein "wir", in dem sie mit ihren angeberise-
hen drei Hunderten genauso gut aufgehoben sind wie ... z.B. Du!
5.
Genau eine Woche später machen dieselben Herrschaften wieder
Afrika-P o l i t i k - und verweigern einen bundesdeutschen Zu-
schuß zu einem Weltbank-Kredit an die Länder südlich der Sahara.
Wir trauen diesem Kredit zwar keinen anderen Zweck zu als den,
gewisse Mindestbedingungen für den Fortgang der geschäftlichen
und strategischen Benutzung des "Schwarzen Kontinents" zu si-
chern; dafür bürgen schon Mitterrand und Thatcher als
Haupt-Spender. Das war aber n i c h t der Grund, weshalb die
finanzkräftigste Macht Europas diese Initiative nicht mitgetragen
hat. Den Herrschaften in Bonn ist die Weltbank als Mittel um in
die afrikanischen Staaten hineinzuregieren, zu umständlich! Des-
wegen bleibt das Staats-"Portemonnaie" zu. In welchem Sinne haben
diese Menschen, die doch auch gespendet haben, denn wohl
"umgedacht"?
6.
Alles schlechtmachen, "nur sarkastisch kritisieren" - das paßt
Dir nicht.
Und was, wenn die Veranstaltungen regierender wie regierter Pa-
trioten nichts besseres verdienen? Soll man dann auf die Suche
nach einem doch vorhandenen Symbolwert oder nach anderen ähnli-
chen Veranstaltungen gehen, die vielleicht doch etwas taugen
könnten? Oder soll man sich dann nicht besser genügend Leute zu-
sammensuchen, die die eigene Abneigung gegen die Politik teilen,
um die "Veranstaltungen", die tagtäglich s t a t t f i n d e n
und das massenhafte Elend rund um den Globus hervorbringen, end-
lich mal zu verhindern?
Da hast Du unseren "Verbesserungsvorschlag".
Gruß, Marxistische Gruppe (MG)
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