Quelle: Archiv MG - AFRIKA ALLGEMEIN - Hungertod in 24 Staaten
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Münchner Hochschulzeitung, 18.02.1987
Professor Raum: "Die historischen Wurzeln der Armut in den länd-
lichen Gebieten im südlichen Afrika"
AUSBEUTUNG - THE ORIGINAL WAY OF AFRICAN LIFE
Es gibt an der Münchner Uni eine Wissenschaft; die exotischen
Völkern interessiert über die Schulter schaut, wie sie "als Men-
schen" an der "Gestaltung i h r e r Ordnung" werkeln. Üblicher-
weise waltet bei der ethnologischen Betrachtung S y m p a-
t h i e den Opfern gegenüber, denen der Imperialismus ihre "ei-
genständige Kultur" schädigt.
Nun hat sich Professor RAUM bezüglich der Neger im südlichen
Afrika eine neue Bewertung ausgedacht, die "o b j e k t i v"
sein will. Sein Anspruch zielt indes nicht auf Erkundung der
G r ü n d e, warum es den Menschen dort so schlecht geht, son-
dern stellt die R a d i k a l i s i e r u n g des eh schon we-
nig menschenfreundlichen Ansatzes seines Fachs dar: Die schwarzen
Antipoden sind als Kulturträger für ihr Schicksal - die Armut -
erst einmal schwer v e r a n t w o r t l i c h.
In regelmäßigen Abständen ist den bundesrepublikanischen Medien
zu entnehmen, wie der südafrikanische Staat mit seiner schwarzen
Bevölkerung umspringt: Sie wird gemäß dem Prinzip der "Apartheid"
vom weißen Menschenmaterial geschieden und als Arbeitsvieh "ohne
gesellschaftlichen Wert" einem Kapital zugeführt, das "nicht auf
einer erfolgreichen Ausbeutung einer regulären, staatlich aner-
kannten Arbeiterklasse b e r u h t" (Resultate Nr. 6, Imperia-
lismus III, S. 166). Der Rest wird von der Republik Südafrika
(RSA) in die "homelands" abgeschoben wo er dann schauen kann, wie
er sein Überleben hinbekommt. Wer aufmuckt, wird niedergemacht.
An diese jedermann bekannte Realität erinnert der Ethnologe und
Südafrikaexperte Professor RAUM - um sie völlig neu zu interpre-
tieren:
"In diesem Seminar soll anhand von neueren Untersuchungen von
Wirtschafts- und Sozial- sowie Ethnohistorikern nach den grundle-
genden Ursachen für die Verarmung in den ländlichen Gebieten in
dem Raum etwa südlich der Lunda-Schwelle gesucht werden. Denn die
Armut in diesem Raum ist kein Phänomen, das erst in jüngster Zeit
aufgrund solcher Faktoren wie der 'Apartheid'-Politik etwa ent-
standen ist. Ihre Wurzeln gehen viel weiter in die Vergangenheit
zurück." (Seminarankündigung)
Darauf muß man erst mal kommen: Wirkungen der Apartheit, wie die
"Verarmung" der schwarzen Bevölkerung als Folge der Sortierung
des Menschenmaterials nach der Hautfarbe, sind nicht der Politik
zuzuschreiben, die sie b e t r e i b t, sondern "eigentlich"
der Sproß einer "Wurzel", die "viel weiter in die Vergangenheit"
zurückreicht.
Der Mann macht es sich schon sehr einfach: Er t r e n n t die
"Verarmung" der Leute von ihren jeweiligen "Ursachen" - erklärt
also mit der Rede von der "Armut" es für völlig gleichgültig, ob
mangelnde Beherrschung der Natur oder deren kapitalistische Be-
nutzung, die jede Menge Reichtum produziert, von dem die Schwar-
zen ausgeschlossen und, zu "Hungersnöten" führen -, um darüber
eine Identität zwischen "jüngster Zeit" und "Vergangenheit" zu
konstruieren. Schon ist die "wissenschaftliche" Aufgabe geboren,
nach "historischen Wurzeln" in der Geschichte Afrikas zu fahnden.
Afrika - ein Hungerkontinent von Natur aus
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"Auch in vorkolonialen Zeiten... gab es ländliche Armut, die auf
die ökologischen Bedingungen und einfache Agrartechniken... zu-
rückzuführen war." "Ökologische Faktoren (Instabilität des Kli-
mas, Bodeneigenschaften) führten in Südtansania immer wieder zu
Hungersnöten." (Studentisches Thesenpapier)
Was heißt hier eigentlich "auch"? Heutzutage werden schließlich
in den maßgeblichen Anbaugebieten Afrikas alles andere als
"einfach Agrartechniken" verwendet; und "ökologische Faktoren"
wie eine "Instabilität (?) des Klimas" oder "Bodeneigenschaften"
haben nicht verhindern können, daß selbst Wüsteneien mit äußerst
"stabilem Klima" Erträge abgewonnen werden - sofern diese sich
l o h n e n.
So inszeniert man den Schein einer historischen Kontinuität, de-
ren "grundlegende Ursache" in der Lüge besteht, daß die spezi-
fisch a f r i k a n i s c h e N a t u r regelmäßig die Neger
verhungern läßt. Mit dieser ethnohistorischen Affirmation einer
hierzulande geläufigen Ideologie hat die Argumentationshilfe
"auch" noch lange nicht ausgedient.
"Auch (!) in vorkolonialer Zeit... gab es ländliche Armut, die
auf die Ausbeutung durch die aristokratische Schicht oder die äl-
teren Männer in Gemeinschaften mit Altersklassensystem zurückzu-
führen war." (Studentisches Thesenpapier)
Wahnsinn, was Ethnologen so alles kennen! "Altersklassensysteme"
mit "älteren Männern", eine "aristokratische Schicht" mit richti-
gen Negerfürsten wie dem Zulukönig Shaka haben das frühere Afrika
bevölkert. Bloß: Was haben eigentlich ein "alter Mann", ein
schwarzer Aristokrat und die Firma Siemens in der RSA miteinander
zu schaffen?
Antworten darauf sind im Seminar nicht vorgesehen; dahingehende
Fragen werden als sachfremde Beiträge interpretiert. Schließlich
will man hier irgendwelche Benutzungsverhältnisse aus der Ge-
schichte Afrikas ausbuddeln - um mit einem "auch Ausbeutung"
z i r k u l ä r auf eine afrikanische Ausbeutungs w u r z e l
zu "schließen". Von der weiß man dann, daß es sie gibt, weil sie
wirkt (und umgekehrt) - und hat mit dieser Inhaltslosigkeit die
passende "grundlegende Ursache" für das selbstgeschaffene Ausbeu-
tungsmischmasch aus "älteren Männern", "aristokratischer Schicht"
und südafrikanischem Kapital.
Der Kolonialismus - Einklinken in die Glasperlenmentalität
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Unsichtbar, aber um so wirkungsvoller durchzieht also ein Wurzel-
geflecht aus afrikanischer Natur und negroiden Lebens- bzw. Aus-
beutungsgewohnheiten die Jahrhunderte - und schlägt selbstver-
ständlich "auch" zu Zeiten der Kolonialisierung des schwarzen
Kontinents voll zu. Schon daß die weißen Eroberer sich nicht im-
mer und überall mit Feuer und Schwert gegen die Eingeborenen
durchsetzen mußten, beweist dem interessierten Sachverstand das
Mitmachertum der Einheimischen und damit die Mit g e s t a l-
t u n g an ihrer eigenen Kolonisation. Obwohl die Neger dem
Kolonialismus einiges an kriegerischer Gewalt entgegenzusetzen
gehabt hätten -
"Da muß ich die Afrikaner auch etwas in Schutz (!) nehmen, die
waren nämlich militärisch so schwach auch nicht." (Raum) -
haben sie diese angeblich nicht genügend eingesetzt, was schla-
gend "beweist", daß sie der Durchsetzung des Kolonialismus eine
Art praktische Geburtshilfe geleistet haben. Die Albernheit, daß
ohne die Schwarzen deren Unterwerfung und Benutzung gar nicht
hätte stattfinden können, macht aus den Opfern Mittäter.
"Die wirtschaftliche Entwicklung kann nicht allein durch Verweis
auf den Kolonialismus, das kapitalistische Wirtschaftssystem, den
Markt oder den Staat erklärt werden. Die innere Dynamik der so-
zio-ökonomischen Verhältnisse prägten in entscheidendem Maße die
Art und Weise mit der die Xhosa-Gesellschaften auf das Eindringen
der kapitalistischen Wirtschaft reagierten." (Studentisches The-
senpapier)
Die absurde Behauptung lautet, daß ausgerechnet die Reaktion der
Xhosa deren A k t i v i t ä t gegenüber den Kolonialisten und
ihren Interessen bezeuge. Hier wird einfach mit nicht näher be-
stimmten Wortgetümen wie "Dynamik" und "sozio-ökonomische Ver-
hältnisse" der A n s c h e i n erweckt, daß dieser Eingebore-
nenstamm mit einem irgendwie gearteten Hin und Her einen mordsmä-
ßigen Einfluß auf die "kapitalistische Wirtschaft" genommen
hätte.
Weil es ausschließlich auf den formellen Nachweis ankommt, daß
die Schwarzen i r g e n d e t w a s gemacht, i r g e n d-
w e l c h e Interessen verfolgt und i r g e n d w i e auch
Vorteile gehabt hätten - um über die so konstruierte
M i t w i r k u n g der Afrikaner den E i n f l u ß "histo-
rischer Wurzeln" zu belegen oder zumindest nahezulegen -, kommen
"Argumente" folgenden Kalibers zustande:
"Der Aufschwung des Angolahandels ermöglichte es vielen Afrika-
nern zunächst, sich von dem Druck der herrschenden Schicht zu be-
freien. Vielfach kam es aber lediglich zu einer Verlagerung, d.h.
es waren nur besonders erfolgreiche oder skrupellose Händler, die
die Produzenten ausbeuteten." (Studentisches Thesenpapier)
War hier etwa die afrikanische Emanzipations-Dialektik am Werke -
'Befreiung von Druck durch dessen Verlagerung'?!
Der Ertrag
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Haben sich die Weißen mit ihrer Wirtschaftsform bei den Afrika-
nern eingeklinkt (!) und haben sie Angebote (!) zur Ausbeutung
ausgenutzt?" (Raum) Ein unmißverständliches Angebot zum
"Einklinken" in ein parteiliches Weltbild: Die Folgen der
K o l o n i s a t i o n wie der aktuellen P o l i t i k im
"südlichen Afrika" haben ihre Ursachen in "weit in der Vergangen-
heit zurückliegenden Wurzeln", der afrikanischen N a t u r und
dem Charakter der Neger! So geht Aufklärung...
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