Quelle: Archiv MG - AFRIKA ALLGEMEIN - Hungertod in 24 Staaten
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Bremer Hochschulzeitung Nr. 10, 22.01.1980
DIE NEGER UND IHRE FREUNDE
Nichts hat man an der Bremer Uni leichter am Hals als den Vor-
wurf, ein Parteigänger des Imperialismus zu sein. Dafür genügt
schon die leiseste Kritik an den Praktiken des Anti-Imperialis-
mus; manchmal auch schon weniger. Mitten in unserem politisch
eher harmlosen, Weihnachts-Teach-In überführte ein ausländischer
Kommilitone den Referenten imperialistischer Tendenzen, weil er
angeblich den Islam aus der Sicht des Christentums beurteilt
hatte. In der Diskussion mit M. v. Freyhold über ihre Thesen zur
"Frau in Afrika" standen wir als Handlanger der Imperialisten
schon aufgrund der Tatsache fest, daß wir die Bewohner Afrikas
"Neger" genannt hatten. Eigentlich sind solche Anmachereien eher
lustig, weil sie alle in die absurde Behauptung münden, der Impe-
rialismus sei ein Produkt der MARXISTISCHEN GRUPPE. Lustig ist
die Sache deswegen nicht, weil die Verdächtigungen, die uns ge-
standene Anti-Imperialisten unterschiedlicher Hautfarbe anhängen,
Bestandteil eines recht lebhaften kulturellen Imperialismus sind,
der in Bremen einen gut ausgebauten Stützpunkt hat. Für die Neger
zu sein, ist hier heute ebenso chic, wie weiland für die Arbeiter
zu sein; und mittlerweile hat es die "Kaderschmiede" geschafft,
diese Sorte anti-imperialistischen Denkens zum Bestandteil eines
ordentlich-Sinnvollen Studiums zu machen.
In dieser Ausgabe der BHZ wollen wir aus gegebenem Anlaß der
Frage nachgehen, wieso man den afrikanischen Kommilitonen alles
sagen kann, außer, sie seien Neger. Bei unseren Recherchen zu der
Frage, warum ein Neger nicht ein solcher genannt sein will, hat-
ten wir Glück. Wir stießen ganz unerwartet auf ein französisches
Nachschlagewerk, das sich durch ungewöhnliche Sachlichkeit aus-
zeichnet. Wir drucken ungekürzt und übersetzt die einschlägigen
Ausführungen zum Stichwort "Neger".
Enzyklopädisches Stichwort: Neger
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(Auszug aus dem Dictionnaire Raisone", Tome 14, ed. Hoepli, 1980)
NEGER, Angehöriger einer ursprünglich südlich der Sahara behei-
mateten Rasse, die sich durch ihre Hautfarbe von anderen Rassen
unterscheiden läßt. Der Eifer, den Neger mit den Weißen zu ver-
gleichen, hat zu allseitiger Farbenblindheit geführt; die Neger.
(lat. niger = schwarz) sind nämlich braun. Das hindert sie nicht
daran, an einer Unsitte festzuhalten, die keineswegs ein Merkmal
ihrer Rasse ist: sie behaupten, abergläubisch wie alte Weiber, es
stünde ihnen besser zu Gesicht, "Schwarze" (engl. black) oder
"Farbige" (engl. coloured) genannt zu werden - aber nicht
"Bunte". An der B e z e i c h n u n g entdecken sie wie zu
Hause in den primitiven Stammesreligionen die dämonische Macht,
der sie sich beugen müssen, als ob mit einem anderen N a m e n
einem einzigen "Schwarzen" geholfen wäre! In diesem Aberglauben,
den sie auch außerhalb ihrer Heimat nicht aufgeben wollen, gehen
sie sogar so weit, Leuten die sie falsch benennen, die Absichten
des Imperialismus zu unterstellen. Dabei beharren sie so sehr auf
ihrer "Identität", daß sie ganz offen ihren N a t i o n a l i s-
m u s heraushängen lassen. Ein wirklicher Negerstaat, so sagen
sie recht häufig, wäre eine Wohltat - eben für die N e g e r.
Noch nicht einmal das wollen sie von den Weißen lernen" daß auch
deren Staaten, wenngleich von Menschen ein- und derselben
Hautfarbe gemacht, nur für einige Weiße eine Wohltat sind; daß
politische Herrschaft also ebensowenig eine Frage der Pigmente
ist wie der Nomenklatur.
In der Verbreitung des Aberglaubens, Rassismus sei nicht etwa ein
praktisches Urteil der imperialistischen Mächte über die ökonomi-
sche und politische Brauchbarkeit von Angehörigen einer Rasse,
sondern eine eigensinnige Namensgebung, haben es die Neger samt
ihren hellhäutigen Freunden zu einer gewissen Fruchtbarkeit ge-
bracht. Als Freund oder Feind der Bewohner Afrikas bewährt man
sich mit dem Namen, den man ihnen gibt und, nicht nur Staatsmän-
ner, auch Intellektuelle tun gut daran, die folgenden Regeln der
Etikette zu befolgen:
(1)
Als d i s k r i m i n i e r e n d, wenn nicht offen rassi-
stisch, gilt aus besagten Gründen die Bezeichnung "Neger". Das
Eigenschaftswort "afrikanisch" hingegen zeugt von einer aufgeklä-
ren Stellung Afrika gegenüber, wobei es sich empfiehlt, durch
Hinzufügung eines passenden Hauptwortes (e.g. Freund, Partner,
Genosse) zum Ausdruck zu bringen, wie sehr man den Menschen im
Andersfarbigen schätzt. Zwar dürfte der Bezug der Einwohner Afri-
kas zum Stamm der Afrikaner (nördlich der Sahara beheimatet), der
dem Kontinent seinen Namen gegeben hat, nicht allzu groß sein;
die Bezeichnung "afrikanisch" aber anerkennt die p o l i-
t i s c h e Identität, die die Angehörigen einer Rasse im
kontinentalen Maßstab gefunden haben. Demgemäß läßt die Um-
schreibung eines afrikanischen Politikers als "dicker Neger"
schon durch die Wahl der Worte auf handfeste kolonialistische
Vorurteile schließen, während folgende Einschätzung seiner Poli-
tik als Ausdruck einer modern-aufgeklärten Stellung zu den Pro-
blemen Afrikas gelten kann:
"Die Autonomiebestrebungen in den Staaten Afrikas müssen be-
schleunigt werden, um den sowjetischen Einfluß zurückzudrängen."
(GENSCHER)
(2)
Um gewisse, nicht zu übersehende Widersprüche zwischen den ein-
zelnen Staaten des schwarzen Kontinents nicht allzu sehr zu stra-
pazieren, empfiehlt es sich, die Neger als den Staatsbürger sei-
nes jeweiligen Staates zu adressieren, also beispielsweise als
Ghanese, Togolese oder Gambier. Die Neger selbst fühlen sich of-
fenbar in dieser Identität am wohlsten, wobei es den Bewohnern
N i g e r i a s (Federal Republic of Nigeria) oder N i g e r s
(Republique du Niger) nichts <?> auf diesem Umweg als Neger be-
zeichnet.
In einigen Landstrichen Afrikas hat der Aberglaube, am Namen
hänge das persönliche Wohl und Wehe, die Form angenommen, dem ei-
genen nationalen Gebilde den Namen der Herrschaftsformen anzuhän-
gen, die in alten Zeiten auf heimischem Boden existierten, wie
Benin oder Zimbabwe. Davon, daß in diesen Namen die Befreiung vom
Übel des Kolonialismus und Imperialismus stecke, wollen die Neger
sich offenbar durch nichts abbringen lassen: weder durch das Bild
des britischen Soldaten, der die Flagge Zimbabwes hißt, noch
durch den Hinweis darauf, daß die alten tribalen Herrschaftsge-
bilde, deren Namen jetzt als Befreiung wiederaufersteht, für die
Neger kein Segen waren, wohl aber für ihre gleichfarbigen Herr-
scher.
(3)
Das eigenwillige Bestreben der Neger, als solche ihre Identität
zu finden und zu bewahren, und doch nicht Neger geheißen zu wer-
den, hat zu seltsamen Bereicherungen der Farbenlehre geführt.
So sehr es dem Neger wiederstrebt, die schwarze Farbe im Namen zu
führen, nichts scheint er dagegen zu haben, wenn man ihn bei ei-
ner Farbe nennt, die es gar nicht gibt: als "farbig" (coloured)
tituliert zu werden, ist durchaus akzeptabel, auch wenn die süd-
afrikanischen Rassisten auf ihrer Farbskala sehr feinsinnig, eben
je nach Brauchbarkeit, "black" und "coloured" (= nicht-afrikani-
sche Farbige) unterscheiden. Das widersprüchliche Unterfangen der
Neger, sich unter Berufung auf ihre rassischen Merkmale (wenn man
sie nur positiv sieht) von der Unterdrückung der imperialisti-
schen Herrscher freizumachen, der Wunsch also, a l s
S c h w a r z e aufzuhören, Neger zu sein, hat nicht nur gro-
teske Farbspielereien gezeitigt, wie etwa die Behauptung einiger
amerikanischer Neger, ihre Hautfarbe sei die des märchenhaften
Ebenholzes (weswegen sie sich durch die Gazette "Ebony" emanzi-
pieren wollen). Dem Aberglauben, der weiße Mann übe durch seine
Namensgebung Herrschaft über die Neger aus, sind sie mit einem
anderen Aberglauben begegnet, dem nämlich, in der schwarzen Haut
des Negers stecke seine Macht (übrigens ist auch in der engli-
schen Sprache schwarz (black) die Farbe des Widersachers!). Auf-
geklärte Neger haben diesem Aberglauben eine zeitgemäß-weltliche
Form gegeben:
NEGRITUDE: Die Einsicht westlich erzogener Intellektueller brau-
ner Hautfarbe aus Westindien (CESAIRE, DAMAS) und Afrika
(SENGHOR), daß zur nationalen Unabhängigkeit in den ehemaligen
Kolonialgebieten,sprich: zur Übernahme der Herrschaft durch west-
lich erzogene Intellektuelle brauner Hautfarbe, auch ein Schuß
nationaler kultureller Tradition gehört. Die Erfinder der Negri-
tude haben dem ästhetischen Fehlurteil: black is beautiful also
durchaus Taktische Konsequenzen abgerungen - mit unterschiedli-
chem Erfolg: die einen schrieben nur Traktate über die afrikani-
sche Seele und entsprechende Gedichte, ein anderer hat es damit
zum Staatspräsidenten einer afrikanischen Republik gebracht, die
der Welt außer den Gedichten ihres Staatschefs vornehmlich Erd-
nüsse liefert, aber auch zum Träger des Friedenspreises des Deut-
schen Buchhandels. Daß die Ideologie der Negritude den nationalen
Befreiungskampf der schwarzen M a s s e n angestachelt habe,
ist ein Gerücht. Für die professionellen Nationalisten unter den
Negern war und ist die Sache freilich ebenso brauchbar wie für
die kulturschaffenden Menschen des Westens, die aus obigem Fehl-
urteil einen nicht unerheblichen Bestandteil ihrer kulturellen
Szene gemacht haben. Inzwischen gilt unter fortschrittlichen Ne-
gern und bei ihren fortschrittlichen Freunden die Ideologie der
Negritude als "elitäre Exklusivität, freiwilliger Verzicht auf
die Kommunikation mit den Volksmassen" (ein DDR-Lexikon). Die ly-
rischen und philosophischen Ergüsse eines SENGHOR oder NKRUMAH
sind out; aber die Botschaft, in der kulturellen, historischen,
nationalen oder sonstigen Identität der Neger liege der Schlüssel
zu ihrer Befreiung, will kein ordentlicher intellektueller Neger-
massen. Zur Absicherung dieses Aberglaubens kann er sich mittler-
weile, je nach Gusto, zu den diversen afrikanischen Sozialismen,
zu den jüngsten Erkenntnissen der Ethno-Soziologie, oder auch
ganz global zur Theorie des anti-imperialistischen Befreiungs-
kampfes bekennen. Kein Wunder, daß die Kennzeichnung jener geisi-
tigen Leistung des schwarzen Mannes als moderner Aberglauben den
Vorwurf der Unwissenschaftlichkeit ebenso einstecken muß wich den
des Verrats an der gemeinsamen anti-imperialistischen Sache. Bei-
des ist übrigens kein Merkmal der schwarzen Rasse.
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