Quelle: Archiv MG - AFRIKA ALLGEMEIN - Hungertod in 24 Staaten
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Marxistische Gruppe Bremen, Januar 1985
"Ein Tag für Afrika"
DIE GENTLEMEN BITTEN ZUR KASSE!
Ein Tag der verordneten Heuchelei!
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M i t l e i d sollte herrschen in der BRD. Geschlagene und mit-
tags durch Glockengeläut halbierte 24 Stunden lang. Mitleid mit
verhungernden Negern.
So muß es wohl auch gewesen sein. Denn:
- Wozu sonst die extra-rührenden Bilder von hungrigen Kindern mit
großen traurigen Augen? Kanaken, die schlecht riechen, sind ja
wirklich nicht gut fürs mildtägige Herz. Von Leuten, die sich ge-
gens Elend wehren, ganz zu schweigen. Garantiert harmlos, un-
schuldig eben, und ein bißchen süß müssen sie schon sein, die
vorgezeigten Opfer, damit das Portemonnaie sich auftut. Sonst
kommt das christliche Gemüt ja gar nicht auf seine Kosten.
- Wozu sonst der Großauftrieb von Prominenz auf den Hauptsammel-
plätzen? Vis-à-vis Caroline Reiber wird das Spenden doch erst
richtig schön. Ein Autogramm von Rudi Carell möchte schon dabei
sein - dann hat man mit der milden Gabe doch wenigstens gleich
einen kleinen Schnitt gemacht. Und wie kann man sich sicher sein,
beim Spenden richtig zu liegen, ohne höchstpersönliche Anmache
durchs Staatsoberhaupt? Vom geistigen Führer ganz oben durchs
Fernsehen die Wange getätschelt: darauf hat ein ehrlicher Spender
doch ein Recht!
Mal ehrlich: Wen die Kenntnis des brutalen Elends in den Hinter-
höfen der EG nicht ärgert, der kommt durch dessen prominente, mit
Farbfotos angereicherte Anpreisung nur auf psycho-moralische
Dummheiten. Und dafür wurden doch einen Tag lang Gelegenheiten
inszeniert, wo man sich selbst so richtig gefallen konnte als
guter, ja als öffentlich anerkannter guter Mensch. Gelegenheiten
für christliches Mitleid eben - damit man "weiterhin sich selbst
in die Augen schauen", sich selber einfach Klasse finden kann.
Ein Tag der Lügen
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Spenden sollte man, damit verhungernde Afrikaner am Leben blei-
ben, hieß es.
- Bitte: Für wie lange denn? Für drei Tage? Für drei Wochen? Die
Ausdehnung der jetzigen, noch weit größere zukünftige Hungersnöte
wurden doch schon gleich kaltblütig angekündigt - mitten zwischen
den Spendenaufrufen!
"Menschenleben retten" - das war die L ü g e N r. 1 der Spen-
denaktion Die Wahrheit ist: Christen mit Fernsehkameras vorm Auge
lassen verhungernde Menschen noch nicht einmal beim Sterben in
Ruhe. Kurz vorm Tod dürfen sie noch einmal mittun - als Statisten
in einem nationalen Rührstück von deutscher Mildtätigkeit!
Spenden sollte man, o b w o h l das den verhungernden Negern
überhaupt nichts mehr hilft - darauf haben sogar die Spendenauf-
rufe selbst immer hingewiesen. Die W a h r h e i t wurde ange-
führt - bloß um sie mit einem um so energischeren "trotzdem!" zu
erschlagen. "Jetzt helfen (auch wenn's nichts hilft), über die
Ursachen des Elends später nachdenken!" hieß von München bis
Hamburg die Parole.
- Hat man dieses "jetzt" und "später" nicht schon mal gehört?
Richtig: Die ARD selbst hat alte Filme abgespult, von 1968, die
haargenau die gleichen Elendsgestalten aus haargenau den gleichen
Elendsgebieten vorfuhren (noch in Schwarz-Weiß). Und die haar-
genau dieselbe Mahnung verbreitet haben: Helfen jetzt - das Kri-
tisieren kriegen wir später!
- Wann, bitte schön ist denn dieses "Später"? Wann machen Spen-
denprediger und Gläubige, milde Samariter und ihr Publikum sich
denn mal gemeinsam auf und legen auch nur eine einzige der Roh-
stoffbörsen lahm, an denen über Hunger und Elend in den "armen
Ländern" t a t s ä c h l i c h p r a k t i s c h entschieden
wird?
"Später kritisieren" - das war die Lüge des Tages Nr. 2. Gemeint
war: Um Gottes willen aus dem Elend keine "falschen Schlüsse"
ziehen. Im Namen der Opfer: keine häßlichen Töne gegen die Täter!
Ein Tag des nationalistischen Gewissens
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Nein, es wurde nicht gespart mit "Hintergrundinformationen" und
Beschuldigungen. Dabei kamen "die Industrienationen", sogar die
unsere, gar nicht gut weg. Also doch: Kritik? Von wegen! Was auch
immer aufgetischt wurde an Ursachenforschung - alles wurde im-
merzu auf den einen und hauptsächlichen n a t i o n a l i-
s t i s c h e n S c h w i n d e l gereimt: "Schuldig sind wir!"
"Wir" verbrauchen zu viel; "wir" füttern Mastschweine statt
Negerkinder, "wir" leisten "uns" Butterberge in Brüssel und aus-
erlesene Lammkeulen in 3-Sterne-Lokalen. Darf man fragen
- Welcher "wir" macht eigentlich die Export-Import-Geschäfte?
- Welchem "wir" gehören eigentlich die hierzulande reichlich vor-
handenen Lebensmittel?
- Welcher "wir" macht daraus Geschäftsmittel, und welcher "wir"
nimmt zur "Verteidigung" der Lebensmittelpreise auch schon mal
"Ware aus dem Markt"?
- Welcher "wir" spekuliert eigentlich an den Warenbörsen und pro-
fitiert davon?
Oder andersherum gefragt:
- Welcher bundesdeutsche Lohnempfänger hätte denn jemals im Leben
überhaupt die Chance, aus eigenem Entschluß einem Neger seine
Hirse wegzuessen?
Mit dem allgegenwärtigen "wir" wird jede Kritik an den Gründen
des bejammerten Elends, noch bevor sie begonnen hat, in der Dumm-
heit eines nationalen Gewissens ersäuft - eines Gewissens, mit
dem sich selbst noch die einheimischen Sozialfälle mit den Ma-
chern und Nutznießern des bundesdeutschen Geschäftslebens solida-
risieren können und sollen.
Zur Belohnung darf man sich dann betrachten, wie Kohl und Riesen-
huber auch mit fröhlich lachendem Gesicht ein schlechtes nationa-
les Gewissen heucheln, republikweit vermeldete 300 D-Mark in
Warnkes Sammelbüchse stecken - und vorführen, wie fix aus einem
schlechten das allerbeste Gewissen wird!
Ein Tag der hemmungslosen Volksgemeinschaft
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Heino und Udo Lindenberg in ein und demselben Unterhaltungspro-
gramm? Trio und Millowitsch - Arm und Arm für denselben Zweck?
Der Hunger macht's möglich - und die ARD, die ihre Zuschauer ra-
ten läßt: Die Hungershow geht weiter, jetzt aus einer neuen Sen-
deanstalt - welcher Star wird geboten? Was bietet er? West-
deutschlands Pop-Elite quetscht sich einen raus - darüber, daß
unterdessen mal wieder massenhaft Leute abkratzen - und hält das
für den besten Grund zum Singen!
Schulklassen malen Bilder, die ARD versteigert sie - für den Hun-
ger. Nena verscheuert einen alten Pulli, drei Berliner Herzchen
stürzen sich drauf - für den Hunger. Ein vierjähriges Blag, ach
Gott wie süß!, verzichtet auf seine Geburtstagsgeschenke und
spendet einen Hunderter - für den Hunger. Härtere Sachen gefäl-
lig? In Stuttgart (Schwaben!) verkaufen Imbißstände überteuerte
Würstchen - für den Hunger in Afrika. Im Bundestag schenken pro-
minente Fettsäcke Erbsensuppe aus - für den Hunger in Afrika. Mi-
nister machen Wahlwerbung einmal anders, fressen öffentlich Fla-
denbrot und Hirsebrei - für den Hunger in Afrika.
Kann man überhaupt irgendetwas tun, was sich nicht diesem edlen
Zweck widmen ließe? Nein, man kann nicht. Wenn einmal dieses ab-
surde Entweder-Oder machtvoll in die Welt gesetzt ist: "Bist du
auch gegen Hunger oder etwa nicht?", dann gibt es kein Ausweichen
mehr.
Beim F r i e d e n, das beherrscht jeder gute Bürger inzwischen
auswendig, kann man "über die Methoden verschiedener Meinung
sein". Aber beim Hunger? Wer ist denn schon f ü r s Verhungern?
Na also!
Beim Frieden, da kann man noch was falsch machen; denn da heißt
die Parole: "Gehorchen!" Für den Hunger, da soll man nur eins:
Spenden. Viel, wenig - egal: Was Verkehrtes kann man da gar nicht
tun. Wer traut sich denn noch, nach Gründen zu fragen und an den
Mitteln zu zweifeln, wenn ihm immer gleich die Gleichung vor-
geknallt wird: Wer gegens Verhungern ist, hat gefälligst zualler-
erst zu spenden! -? Na also!
Wer wagt es denn schon, d a d i e W a h r h e i t zu sagen:
"Ich habe mit dem Verhungern von jeder Menge Leute in Afrika
n i c h t s z u s c h a f f e n!" -? Um Gottes willen. Da wäre
ja glatt die Fortsetzung fällig. - "... meine Firma aber schon;
meine Politiker erst recht. Denen muß also das Handwerk gelegt
werden!"
Im Namen des Hungers in Afrika werden wir alle ein wenig kindisch
und eine riesengroße Aktion Sorgenkind. Da können keine Streite-
reien auftauchen - Rentner und Rentenkürzer, Schüler und Lehrer,
Arbeiter und Angestellte, Publikum und Stars, Wähler und Mini-
ster: Alle, alle sind wir g l e i c h mit unseren Spenden-
scheinchen. Da sehen wir doch unseren Unterhaltungskünstlern die
Angeberei mit der Gage, auf die sie verzichtet haben, nach. Da
lieben Omas einen Nachmittag lang den Groenemeyer und Punker den
Prinz Karneval aus Köln. Da beklatschen wir unser Stadtväter und
Minister, wenn sie sich zum Betteln mit der Sammelbüchse herab-
lassen: Imagewerbung mit dem Hunger, einfach goldig!
100 Millionen für Afrika: Respekt! Was sind wir doch für eine
großartige Nation. Das sollen uns die anderen erst einmal nachma-
chen.
Hunger in Afrika - wie unterhaltsam! Hunger in Afrika - was für
ein prächtiges nationales Bindeglied! Hunger in Afrika - das
schafft patriotische Nestwärme!
Und darauf kommt es doch wohl an - in diesem kalten Winter und in
Kohls Wende-Republik!
Ein Tag der imperialistischen Frechheiten
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Das Thema "Selbstkritik" war schnell durch und abgehakt an dem
Spenden-Mittwoch. Logischerweise stand danach an: Kritik an den
anderen. Das gute Recht darauf hat die Nation sich und ihren An-
führern schließlich erkauft mit ihren 100 Millionen. Also, auf
geht's: - Die Hilfeempfänger verstehen oft gar nicht, wie die
Futterhilfe aus deutschen Landen gemeint ist. Sie essen das Zeug
einfach auf und sind bald wieder so hungrig wie zuvor, diese un-
produktiven Gemüter. Statt daß sie ein bißchen P r i v a t-
i n i t i a t i v e entwickeln und einen flotten A g r a r-
m a r k t aufmachen, wo emsige Bauern lohnende Geschäfte machen
und die Kundschaft immer genug zu essen findet, auch wenn es
ihnen an Geld für den Einkauf fehlt. Machen Billigpreise nicht
die Produktion kaputt? Behindern Geschenke nicht den gesunden
Geschäftssinn? I n s o f e r n, warnt Minister Warnke, könnte
s o g a r die edelmütigste Hungerhilfe Schaden stiften.
Moral Nr. 1: "Wir" müssen den Opfern gleich nach dem Essen vor
allem die Freie Marktwirtschaft beibringen. Sonst machen sie bloß
Mist statt Geld.
- Die Regierungen da unten machen nichts als Fehler. Sie verfol-
gen keine "den Geldgebern angepaßte" Entwicklungspolitik - hat
Minister Warnke entdeckt. Die wollen zu schnell zu viel, und die
ganz Schlechten wollen das sogar für ihr Volk statt für eine blü-
hende Marktwirtschaft. Das kann ja nicht gut gehen!
Moral Nr. 2: "Wir" müssen den Regierungen da unten viel genauer
auf die Finger schauen. Und immer rechtzeitig auf die Pfoten
hauen, damit sie ihre "sozialistischen Experimente" lassen. Eine
Regierung, deren Untertanen "wir" füttern, hat jedes Recht ver-
spielt!
- Die Russen machen erstens nichts; und was sie machen, ist zwei-
tens verkehrt. Da siedeln sie doch jetzt wahrhaftig auf Bitte der
Regierung halbverhungerte Äthiopier per Luftbrücke in fruchtbare
Gegenden um. Das darf doch nur unser Böhm! Wenn Kommunisten das
machen, muß ganz einfach eine schlechte Absicht dahinterstecken.
Welche, das vermochte zwar auch die ARD nicht so recht zu ermit-
teln. Aber für solche Fälle bleibt ja immer noch der furchtbare
Vorwurf, daß die Umgesiedelten "zwangsweise" ins Flugzeug ver-
frachtet wurden; und außerdem verlieren sie an ihren neuen Wohn-
orten todsicher ihre "kulturelle Identität" oder so. Typisch Mos-
kauer Völkermord!
Moral Nr. 3: "Wir" müssen die hungernden Neger nicht bloß fut-
tern. Vor allem müssen wir sie vor marxistisch-leninistischer
Freiheitsberaubung schützen. Nur gut, wenn unsere Luftwaffe beim
Lebensmitteltransport schon ein bißchen übt vor Ort!
Alles zusammengenommen kommt ganz klar ein unbezweifelbarer Auf-
trag heraus: Die BRD muß schleunigst viel kräftiger aufmischen in
der "3. Welt". Mit der Hungerhilfsaktion ihrer Bürger ist der Re-
gierung in Bonn das Recht ja geradezu die Pflicht zur Aufsicht
über auswärtige Staaten erwachsen. Millionen verhungernde Neger
sind der Beweis: Die Welt wartet noch aufs bundesdeutsche Staats-
wesen, um daran zu genesen.
Dieser Anspruch bleibt felsenfest bestehen. Dafür wird sich das
mildtätige deutsche Volk noch manchen Report über den Hunger in
Afrika ansehen dürfen. Der Stoff dafür geht sowieso nicht aus: Es
wird weiter massenhaft krepiert. Krepiert an den Folgen von Ge-
schäft und Gewalt, die die Bundesrepublik samt Verbündeten schon
längst in großem Stil nach Afrika exportiert hat.
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