Quelle: Archiv MG - AFRIKA ALLGEMEIN - Hungertod in 24 Staaten
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Marxistische Schulzeitung, 29.06.1988
Noch ein "Umweltskandal":
KLOAKE AFRIKA
Noch schwappt die kapitalistische Scheiße an der Nordseeküste
über, da steht schon ein neuer Umweltskandal ins Haus: "Wird
Afrika mehr und mehr zur Giftmüllkippe?" (Weser-Kurier)
Die Gruselgeschichten von europäischen Giftmülldampfern, die nach
monatelanger Irrfahrt ihre stinkende Fracht klammheimlich im
afrikanischen Boden verbuddeln, gehen an der Sache vorbei. An der
gar nicht abenteuerlichen Tatsache nämlich, daß bis heute ein
Dutzend afrikanischer Staaten, meist auf den untersten Plätzen
der internationalen UNO-Statistik rangierend, mit imperialisti-
schen Geschäftspartnern Verträge über die massenhafte Lagerung
von Giftmüll abgeschlossen haben bzw. abschließen wollen, die
ganze Land- und Küstenstriche in ein einziges Giftarsenal verwan-
deln werden. Zu einem solchen Deal gehören zwei Gangster. Die
afrikanischen Herrscherfiguren im Kongo, in Benin, in Guinea-Bis-
sau und anderswo wollen nicht Dreck in ihr Land holen, sondern
Devisen. Die Kosten ihrer Herrschaft, die ihr einziger Reichtum
ist, steigen und sind mit dem Entgelt für den Abtransport der
bißchen Bodenschätze nicht aufzuwiegen. Von dieser Bedarfsrech-
nung her muß es beispielsweise den Politikern in Bissau wie die
wunderbare Brotvermehrung vorgekommen sein, als ihnen europäische
Giftmüllschieber folgende Rechnung aufgemacht haben:
"Im Laufe der kommenden fünf Jahre sollen im Norden des Landes,
nahe der senegalesischen Grenze, insgesamt 15 Millionen Tonnen
Giftmüll vergraben werden. Die finanzielle Gegenleistung beläuft
sich auf 40 Dollar die Tonne, d.h. unterm Strich 600 Millionen
Dollar, oder anschaulicher Dreimal das Bruttosozialprodukt Gui-
nea-Bissaus, 25 mal seine jährlichen Exporterlöse..." (taz, 1.6.)
Das Schöne an diesem Geschäft besteht für die vertragsschließen-
den Herren nicht nur in dem Dollarbatzen, der in ihre Staatskasse
fließt, sondern darin, daß sie keine andere Vorleistung erbringen
müssen, als die, für die sie ohnehin geradestehen: die unbedingte
Verfügung über Land und Leute. Das Land dient ganz ohne infra-
strukturellen Aufwand als Müllkippe, mit ein paar Mann Bewachung
drumherum. Und die Leute fungieren als die Statisten einer groß-
angelegten Verseuchung und Verstrahlung, wenn nötig auch noch mit
etwas Bewachung. Einen Hafen und zuvorkommende administrative Be-
handlung gibt's gratis dazu. So wird ein Land ganz legal zur
Giftmüllkippe. Es ist schon ein abgefeimter entwicklungspoliti-
scher Idealismus, an solchen Drecksstaaten unsere Töpfers und Fi-
schers mit ihren ausgeklügelten Sondermüllkonzepten zu vermissen.
"In den meisten Fällen fehlt den afrikanischen Ländern jedoch die
Infrastruktur und die Erfahrung mit Müll umzugehen, der Gesund-
heits- und Umweltgefahren heraufbeschwören kann." (Weser-Kurier)
Als wäre nicht unter der Ägide der Töpfers und Co. die überbor-
dende Mülldeponie Europa zustandegekommen, dessentwegen Afrika
als Abladeplatz zunehmend interessant würde. Die europäischen
Vertragspartner in Sachen Giftmüll treibt nicht die Menschenver-
achtung, sondern das Geschäftsinteresse. Eine stattliche Abtei-
lung des Handelskapitals sichert sich seinen Anteil am Profit da-
durch, daß es effektiv und kostengünstig für den Verursacher -
AKW-Betreiber, Pillendreher, Chemie-Konzerne und sonstige Dreck-
schleudern die kapitalistische Scheiße wegschafft. Vergiftung und
Verstrahlung werden in der freien Marktwirtschaft nicht unterbun-
den, sondern in geregelte Bahnen gelenkt. Das läßt die Giftmüll-
Tonnage rapide wachsen und die Giftmüllspediteure nach neuen Ab-
lagesphären schauen. Einmal, um die bürokratischen Umstände und
die ökonomischen Kosten zu verringern. Aber auch deshalb, weil
ganze Landstriche in Europa und - wie man jetzt beiläufig erfährt
- auch im Südpazifik und der Karibik mit giftigem und strahlendem
Müll buchstäblich zugestellt sind. Da bieten sich afrikanische
Staaten geradezu an: zur kostengünstigen, quantitativ unbe-
schränkten und geräuschlosen Müllabfuhr. Ungefähr so zugänglich
wie das offene Meer, aber ganz legal und ohne Greenpeace-Beglei-
tung.
Nigeria - Umweltschutz oder verletzte Souveränität?
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Zu einem hierzulande breitgetretenen Skandal wäre die Kloake
Afrika allerdings nicht geworden, wenn nicht die nigerianische
Regierung einige ihrer Bürger, darunter einige bestechliche Be-
amte der Zoll- und Hafenverwaltung, dabei erwischt hätte, wie sie
auf eigene Faust und in die eigene Tasche den Giftmüll-Deal ko-
pieren wollten, der in den Nachbarstaaten mit staatlicher Protek-
tion zustandekommt. 2000 Tonnen Giftmüll aus italienischen Be-
ständen blieben in der Hafenstadt Koko solange vergraben, bis die
Anwohner die giftigen Dämpfe nicht mehr aushalten konnten. Die
Regierung in Lagos reagierte energisch: Sie drohte die Todes-
strafe für die einheimischen und auswärtigen Dealer an und zog
unter Protest ihren Botschafter aus Rom zurück. Jetzt steht in
der hiesigen Öffentlichkeit die Regierung des Generalmajors Ba-
bandiga wie eine Gruppe ökologischer Widerstandskämpfer da. Daß
hier die Sorge um Leib und Leben der Nigerianer ihre Obersten zur
Rage gebracht hat, kam ja wohl nicht stimmen. 1. Welch eine
Kloake muß mit Wissen und Willen der Regierung eine Stadt wie
Koko sein, wen sich dort wochenlang stinkender Mist vergraben
läßt, ohne irgendwem aufzufallen: 2. An die Schließung der staat-
lich lizensierten Bergbaugesellschaft, die sich schon lange als
Endlagerungsstätte für europäischen Chemieabfall anbietet, hat
Nigeria ebensowenig gedacht wie an die Unterbrechung auch nur ei-
ner Handelsbeziehung zu seinen europäischen Freunden.
Der Skandal lag für die Herrscherfiguren darin, daß ihre H o-
h e i t verletzt wurde: Wer mit wem welche Geschäfte macht,
fällt nicht in die Privatinitiative eines x-beliebigen Negers,
und die imperialistischen Partner sucht sich die Regierung immer
noch selber aus. Von diesem Gesichtspunkt gekränkter Souveränität
fiel die Umweltschutzmission Nigerias sehr eindeutig, eben straf-
rechtlich aus.
"Wir beseitigen lieber 20 Nigerianer - dumme Nigerianer -, als
daß wir ihnen erlaubten, das Leben von Millionen Landsleuten und
Mitafrikanern zu gefährden." (Der Regierungssprecher in Lagos)
Für die Dummheit, zu vergessen, daß auch auf dem schwarzen Konti-
nent nur die Staatsgewalt sich die Gefährdung von Leib und Leben
herausnehmen darf, werden einige Köpfe rollen. Auch eine Art von
Umweltschutz.
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