Quelle: Archiv MG - AFRIKA ALLGEMEIN - Hungertod in 24 Staaten
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MSZ aktuell, Februar 1980
Richtigstellung in Sachen:
DIE AFRIKANER UND IHRE FREUNDE
Man sollte meinen, die Frage, ob man einen Neger als solchen be-
zeichnen dürfe, sei angesichts des aktuellen Wirkens des Imperia-
lismus überall auf dem Globus so ziemlich das hinterletzte Pro-
blem. Weit gefehlt! Letzte Woche verteilte ein "Arbeitskreis der
Afrikaner" an der Uni ein Flugblatt mit dem Titel "Die Afrikaner
und ihre Feinde". Darin wird der MARXISTISCHEN GRUPPE im Tonfall
moralischer Empörung vorgeworfen, sie disqualifiziere ausländi-
sche Kommilitonen als "Neger" und mache sich damit des Rassismus,
gar des Faschismus, schuldig.
In der BREMER HOCHSCHULZEITUNG Nr. 10 haben wir geschrieben, sol-
che Anmachereien an unsere Adresse seien reichlich absurd, weil
dabei der Imperialismus als ein Produkt der MG ausgegeben wird.
Besagter Arbeitskreis hat diese absurde Sicht der Welt noch einen
Schritt vorangetrieben. Er hat die weite Welt sortiert und her-
ausgekommen ist: überall in der Welt haben die Afrikaner Freunde,
nur nicht in den Reihen der MG. Diese Sichtweise ist durchaus
korrekt, w e n n man den Standpunkt des Arbeitskreises teilt,
die A n e r k e n n u n g der Afrikaner als Menschen und poli-
tische Subjekte sei der Maßstab für Gut und Böse, für Freund und
Feind. Denn wer von Carter über Breschnew und Hua bis Genscher
und Grzimek wollte den Negern diese Anerkennung versagen? Und, so
entnehmen wir dem Flugblatt, an nichts ist den afrikanischen Kom-
militonen mehr gelegen als an eben dieser Anerkennung. Die Fron-
ten sind also klar: nenne den Neger einen Afrikaner, und du bist
sein Freund - und damit schon ein halber Anti-Imperialist.
Kommilitonen brauner Hautfarbe, denen es um Freundschaft zu tun
ist, und Kommilitonen weißer Hautfarbe, die ihnen diese Freund-
schaft schon immer schenken wollten, brauchen an dieser Stelle
nicht weiter zu lesen. Wir wollen nämlich anläßlich des genannten
Flugblatts noch einmal ein paar Worte verlieren über die Erschei-
nungsformen des hiesigen Anti-Imperialismus, nebst (aus gegebenem
Anlaß) einigen unfreundlichen Bemerkungen über den Lernprozeß
afrikanischer Kommilitonen.
Der studierte Aberglauben
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Aberglauben haben wir die Vorstellung genannt, der N a m e, den
man dem Neger gibt, habe etwas mit der B e h a n d l u n g zu
tun, die ihm widerfährt. Die Verfasser des Flugblatts halten
diese Kritik für Rassismus, denn sie seien keine "Fetisch-
priester, die an der Magie von Worten kleben, sondern denkende
Menschen, die gelernt haben, daß es wichtig ist, für neue
historische Prozesse und neue theoretische Erkenntnisse ent-
sprechende Begriffe zu finden." Recht haben sie. Nicht heidnische
Zaubermänner huldigen hier dem Fetisch des Worts, sondern gebil-
dete Menschen brauner Hautfarbe. Das nimmt freilich den Aberglau-
ben nicht zurück, im Gegenteil. Die ganze Leistung des Flugblatts
besteht darin, an dem Namen, der heutzutage dem Neger gegeben
wird, den Fortschritt der afrikanischen Sache auszumachen. Und
gelernt haben die afrikanischen Kommilitonen in der Tat einiges
vom Imperialismus und seiner Wissenschaft. Gekonnt tragen sie die
Auffassung vor, der historische Prozeß der Ablösung des Kolonia-
lismus durch den Imperialismus und die damit zusammenhängende
theoretische Erkenntnis, daß es sich bei den Produkten des Kolo-
nialismus um souveräne politische Subjekte handle, bedürfe auch
des adäquaten Vokabulars. Sie beherrschen es perfekt und machen
es zum Maßstab für die Rück- oder Fortschrittlichkeit eines je-
den, der sich zu Afrika äußert.
Rückschrittlich ist unsereins, wenn er von Negern spricht, nicht
einfach nur deshalb, weil er ein Wort verwendet, daß die Kolonia-
listen in die Welt gesetzt haben. Verwerflich ist dieser Sprach-
gebrauch, weil er ein gravierendes Mißverständnis reproduziert,
das angeblich den Kolonialismus und seine Ideologie des Rassismus
kennzeichnet.
"Wer Neger hört, assoziiert auch 'primitiv', nachdem die Europäer
unsere Kultur, die sie nicht verstanden, nach Kräften zerstört
haben."
Modern sind sie also, unsere Afrikaner. Die Lüge, der Kolonialis-
mus mitsamt seiner Ideologie des Rassismus sei eigentlich nur das
Produkt eines falschen Menschenbildes oder anders: einer noch un-
terentwickelten Kultur gewesen, hat der Imperialismus mitsamt
seiner Wissenschaft in die Welt gesetzt; und die Botschaft, die
darin steckt, ist nicht schwer zu entziffern: kein überholtes
Vorurteil, keine antiquierte Namensgebung, keine voreilige Dis-
kriminierung soll der Benutzung der alten kolonialen Reiche durch
die demokratischen Länder der alten und der neuen Weit im Wege
stehen. Das Groteske an der hier vorfindlichen modernisierten
Form des Aberglaubens ist nur, daß er von denen vorgetragen wird,
denen der Imperialismus sein aufgeklärtes Verständnis schenkt.
Die Verfabelung des Rassismus in ein schwarz-weißes Verständi-
gungsproblem dient unseren Fetischpriestern als Auftakt, den
Fortschritt in Sachen Verständnis und Namensgebung als Fort-
schritt der afrikanischen Sache auszugeben; wozu auch die Unver-
frorenheit gehört, die modernen Gedanken, die sich die studierten
Zaubermänner durch den Kopf gehen lassen, für das selbstverständ-
liche Gemeingut aller Afrikaner auszugeben.
"Heute geben wir Afrikaner uns selbst den Namen und brauchen uns
von keinem Europäer mehr sagen zu lassen, wie wir zu heißen ha-
ben."
Denkste! Nur geht die Sache heutzutage anders zu. Heute werden
die Landstriche in Afrika nicht mehr mit Namen belegt, aus denen
ihre unmittelbare Brauchbarkeit für die Kolonialherren hervor-
geht, es gibt weder Gold noch Sklavenküsten. Heutzutage dürfen
sich die afrikanischen Staaten, allesamt souverän geworden, von
den Europäern und, Amerikanern sagen lassen, daß sie ihre
Freunde, Partner, Verbündeten usw. sind; lauter Ehrentitel, mit
denen man den Afrikanern bekundet, daß man sie m i t ihrem Wil-
len zu gebrauchen gedenkt, je nachdem für die westliche oder die
östliche Sache. Es stimmt schon, wenn die Flugblattschreiber be-
haupten, daß heutzutage niemand mehr den Schwarzen und Braunen
die Anerkennung als Menschen verweigern will. Selbst in den USA,
dort ist man inzwischen so weit, daß der erste farbige Sportler
an den Olympischen Winterspielen teilnimmt.
Zimbabwe und kein Ende
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Seit geraumer Zeit ist Zimbabwe der Test auf das anti-imperiali-
stische Gewissen. Wer Rhodesien sagt, ist Rassist, wer Zimbabwe
sagt, ein Fortschrittsmensch. Die Penetranz, mit der an dieser
Sache der Wortfetisch vorgetragen wird, wächst mit der Trostlo-
sigkeit der Ereignisse, die sich dort unten abspielen. Was ist
Zimbabwe?. Ein Wort mit drei Silben, das auf dem alten rhodesi-
schen Gebiet einige Tausend Neger überhaupt buchstabieren können?
Nein. Ein Name für ein vor-kolonialistisches, recht ungemütliches
tribales Herrschaftsgebilde? Nein. Zimbabwe "bezeichnet die so-
zialen und politischen Hoffnungen der Massen auf eine bessere Zu-
kunft." Hier schlägt die Absurdität, die jedem Aberglauben anhaf-
tet in offenen Zynismus um. Mit diesem dreisilbigen Wörtchen wer-
den gegenwärtig einige Tausend Neger, denen man einst ein Gewehr
in die Hand gedrückt und die Freiheitsparole "Zinzbabwe" ausgege-
ben hatte, aus dem Busch in die gemeinsam von Briten und Zimab-
wern kontrollierten Sammellager gerufen, damit sie demnächst, un-
ter derselben Parole, ihrer neuen Pflicht, der des Wählens, nach-
kommen können. Wollen die Flugblattschreiber ehrlich behaupten,
der Namenswechsel hätte auch nur einem Neger einen Furz materiel-
len Fortschritt gebracht?
Sie wollen gar nichts behaupten. Denn Zimbabwe und anderes steht
nur für d a s Argument, von dem das Flugblatt und damit die An-
macherei an unsere Adresse lebt. Was ist denn das ganz Schlimme
an der Imperialismusanalyse der MG?
"Sie ignoriert, daß die Verhältnisse in diesen, Ländern zwar oft
nicht besser, aber mindestens anders geworden sind."
Modern gedacht, Afrika zum Exempel sozialen Wandels zu machen,
und die eigene politische Identität, ungeachtet aller Ereignisse,
die sich auf dem schwarzen Kontinent abspielen, in eben diesem
Gebilde zu finden. Afrikaner wollen unsere Fetischpriester gehei-
ßen werden, und der Titel, auf den sie Anspruch erheben, will er-
klärtermaßen nicht mehr heißen, als daß sich die Dinge in Afrika
verändert haben.
So hartnäckig die afrikanischen Kommilitonen an ihrem Aberglauben
festhalten; man merkt ihrem Flugblatt an, daß die ganze morali-
sche Empörung, die sie auskotzen, nicht einfach von daher rührt,
daß wir sie Neger nennen. Daß wir ihre Gleichsetzung von nationa-
lem Befreiungskampf mit anti-imperialistischen Tun für grund-
falsch halten, das verübeln uns die farbigen Kommilitonen nebst
ihren weißen Freunden. Ob sie's nur von den revisionistischen
Vereinen abgeschrieben haben oder nicht; die Flugblattschreiber
fassen ihre moralische Empörung in das Urteil, wir seien Vatali-
sten (und als solche Parteigänger des Imperialismus), weil wir
behauptet hätten", der Imperialismus sei allmächtig."
Dem Imperialismus göttliche Eigenschaften anzudichten, ist uns
freilich nicht in den Sinn gekommen. Wir haben uns nur ausgelas-
sen über die Gewalt, auf der er beruht (in den Metropolen), und
über die Gewalt, die er überall in der Welt konzessioniert. An-
ders als den hiesigen Afrikanern ist es uns nur nicht in den Sinn
gekommen, an den Konzessionen ein fortschrittliches Moment zu
entdecken, und zwar deshalb, weil wir wissen, wer die Konzessio-
nen verteilt und wer sie erhält.
Den Streit um die gerechteste, beste Verteilung der Konzessionen
sollen die Kommilitonen vom Arbeitskreis gefälligst unter sich
ausmachen, dafür sind sie schließlich zum Studium der westlichen
Zivilisation hierhergekommen.
Nicht nur das Handwerkszeug des modernen Rassismus haben die
afrikanischen Kommilitonen hierzulande gelernt. Daß man auf Argu-
mente verzichten kann, wenn man den Kontrahenten
p s y c h o l o g i s c h fertigmachen kann, ist ihnen beim Stu-
dium hiesiger Gebräuche nicht entgangen.
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