Quelle: Archiv MG - AFRIKA ALLGEMEIN - Hungertod in 24 Staaten


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       MSZ 6/84
       
       Eine Reportage aus Afrika
       

"DAS VIEH KREPIERT, DIE KINDER KRIEGEN DICKE BÄUCHE."

Da ist ein Land in Afrika, ziemlich groß. Viele schwarze Menschen leben darin. Seitdem die Kolonialherren abgezogen sind, haben sie eine eigene Regierung und eine Hauptstadt, deren Namen viele von ihnen sogar verstehen. Die schwarzen Menschen leben zum Teil von Ackerbau, indem sie dort säen und pflanzen, wo es am besten wächst; zum Teil vom Vieh, das sie immer dorthin treiben, wo es etwas zu fressen und Wasser gibt. Das Land ist ja so groß. Von Überbevölkerung kann nicht die Rede sein. Wenn die Savanne in der gewohnten regenlosen Zeit austrocknet, ziehen die Viehzüchter nä- her an den Urwald oder an die Flüsse. Die Ackerbauern roden, wenn der fünf Jahre bebaute Boden nichts mehr hergibt, eben ein neues Stück. Der Urwald ist ja so groß und wächst auch immer wieder zu. In die Quere kommt man sich kaum es sei denn, ein christlicher Missionar und ein ehrgeiziger Medizinmann ohne Missio brechen aus Konkurrenzgründen eine sinnlose Stammesfehde vom Zaun. Wenn schon einer auf dem Stück Land sitzt, zieht man halt weiter. Gegend gibt's ja genug. Dann kommen weiße Menschen mit gepflegten Negern aus der Haupt- stadt. Die wollen eine Plantage aufmachen. Sie sagen, so kämen viel mehr Nahrungsmittel heraus. Sie nehmen sich ein riesiges Ge- biet von der fruchtbarsten Gegend. Da merken die aufgeweckten schwarzen Menschen, daß es enger wird. Einmal bleibt der normale Regen aus. Da wären sie normalerweise dorthin gezogen, wo jetzt die Plantage ist. Jetzt treten sie sich schon auf die Füße. Der Boden, auf dem etwas wächst, wird knapp. Es gibt schon sieben Plantagen. Und die übrige Gegend gibt so wenig her. Die Viehzüch- ter müssen immer weitere Wege ziehen. Die Plantagen brauchen so viel Wasser. Die schwarzen Menschen sehen, wie ungemein viel Erd- nüsse und Bananen auf den Plantagen wachsen. Davon kriegen sie nichts. Die werden in die Hauptstadt abtransportiert. Einige Ne- ger gehen schon auf die Plantage arbeiten. Sie zeigen ihren Stam- mesgenossen stolz ihr Geld. Dann kommen Holzfäller-Kolonnen. Die Herren aus der Hauptstadt sagen, man könne das Holz gut verkaufen und mit dem Geld auf dem urbar gemachten Boden ganz viel Hirse anbauen. Die Holzfäller roden mit ihren riesigen Sägen an einem Tag rie- sige Flächen. Dann sind sie weg und die abgeholzte Gegend sieht wüst aus. Das abgeholzte Land bleibt so liegen. Jetzt bleibt der gewohnte Regen schon das dritte Mal aus. Weite Gebiete der Sa- vanne werden zur Steppe. Und was vorher Steppe war, ist jetzt Wü- ste. Die Ackerbauern fangen an, auf schlechtesten Böden wenig nahrhafte Knollenfrüchte zu ziehen. Einige verkaufen, was sie noch an Mais und Sojabohnen geerntet haben, in der nächsten Stadt. Nachher stellen sie fest, daß das Geld nicht reicht, um Saatgut zu beschaffen. Die Viehzüchter greifen ihre Stammherde an, die durch die Dürre schon stark reduziert ist. Sie stillen damit den Hunger ihrer Familien oder verkaufen das Vieh in der nächsten Stadt. Was sie dafür kaufen können, ist schnell aufgegessen. Die Lebensmittel, die jetzt eingeführt werden, sind sauteuer. Der Be- stand der Herden geht ständig zurück. Einige Söhne der Familien gehen in die Hauptstadt. Man soll da als Soldat einen guten Sold bekommen. Das ist ein Esser weniger. Das Kinderkriegen wird näm- lich wie gewohnt gepflegt, und die schwarzen Menschen merken gar nicht, daß sie damit eine "Überbevölkerung" in die Welt gesetzt haben. Dann wird ein Staudamm gebaut. Sie sagen, daß dann ganz viele Leute elektrisches Licht kriegen und riesige Flächen bewässert und fruchtbar gemacht werden können. Das Licht kommt nicht, es geht in die Hauptstadt oder ganz anderswo hin. Das Wasser kommt und bleibt so lange stehen, bis der Boden endgültig sauer ist. Wo die Bewässerung dosiert geregelt wird, mit Rohren und so, bricht nach zwei Jahren die Instandhaltung dieses Bewässerungssystems zusammen. Die Regierung gibt nichts. Die Erträge der Kleinbauern sind negativ. Sie können mit den Plantagen nicht konkurrieren. Jetzt hätten sie besser Knollenfrüchte für sich statt Zuckerrohr für den Markt in der Stadt angebaut. Die Grundlagen für die näch- ste Aussaat müssen aufgezehrt werden. Geld hat man kaum oder gar nicht. Die Kleinkinder schreien. Nach dem Einkauf der paar Pfund Milchpulver aus der Stadt wundern sich die Eltern, daß ihre Klei- nen das kalte Kotzen kriegen. Sie und der Medizinmann können da- mit nichts anfangen. Die nomadisierenden Viehzüchter können wegen des Staudamms kaum noch herumziehen. Der Regen bleibt zum siebten Mal aus. Die Holzfäller sind immer noch am Werk. Das Vieh kre- piert, die ersten Kinder kriegen dicke Bäuche. Einige machen beim Bau des Staudamms mit und ziehen nachher in die Stadt ab - da soll es was geben. Die langen Wege reduzieren das Maß der "Überbevölkerung" ein wenig. Dann kommt die Entwicklungshilfe. Ein paar Neger, die es gerade trifft, bekommen von Agraringenieuren und Missionaren gesagt, wie man's machen sollte. Auf einen grünen Zweig kommen die auserlese- nen schwarzen Menschen damit nicht. Die Selbstversorgung geht nicht, weil für den Markt produziert werden soll. Und da sieht's finster aus: Die erzielten Preise sind keine Grundlage für den kontinuierlichen An- und Ausbau. Dann geht das Entwicklungsgeld- projekt wieder zu Ende. Die Missionare versuchen immer noch, das beste draus zu machen. Der liebe Gott mit seinem großen Zauber bietet Abwechslung. Hier und dort, ab und an werden Reisrationen verteilt. Kaufen kann die Lebensmittel, die die Regierung ein- führt, nachdem sie vorher die Plantagenprodukte ausgeführt hat, sowieso niemand mehr. Misereor füllt ein paar dicke Bäuche. Un- terdessen krepieren Hunderttausende, weil die Regenzeit schon zum 10. Male ausgeblieben ist und Hunderttausende in Sandwüsten rum- torkeln, wo sie vorgestern noch Hirse angebaut hatten oder Vieh hatten grasen lassen. Andere wundern sich unterdessen, daß sie angereisten Soldaten im Weg zu stehen scheinen. In Flüchtlingsla- gern treffen sie Karlheinz Böhm und warten unter Anleitung eines Roten Kreuzes auf bessere Zeiten. Doch nicht genug damit. Die einzige Aktivität wird den schwarzen Menschen von Abgesandten von der Bevölkerungsplanungsbehörde der Regierung madig gemacht, was die schwarzen Menschen einfach nicht kapieren: Was soll denn falsch daran sein, den Weibern dicke Bäu- che zu machen? Lederne Omas und Opas stopfen das Inlett von Kak- teen und nahrhafte Termiten in sich hinein, weil das den Bauch wenigstens ausfüllt. Eine Safari kommt vorbei. Fünf Krieger wer- den kurz vor Dakar von Audi Quatro umgefahren. Dann kommt der Re- gen, und nicht zu knapp. Die heißersehnte Regenzeit führt zu Überschwemmungen, die auch noch die letzte Ackerkrume wegreißen. Viele ertrinken einfach. Die Regierung weiht einen Nationalpark und ein neues Stadion ein und begrüßt Außenminister Genscher mit Folklore. In den Slums der Hauptstadt treffen sich ehemalige Stammesgenossen wieder. Hier üben Neger ohne Ausbildung die Kunst des Abfall-Recycling. Die Alternative Hunger oder Klauen oder Ab- geknallt-werden steht den Stadtrandnegern offen. Ein Papstbesuch bringt Rummel in den Dschungel. Ein Medizinmann wird blaß vor Neid und stirbt. Gleichzeitig wird den Hunderttausenden im ganzen Land, die kurz vor dem Krepieren stehen, "Hilfe zur Selbsthilfe" und "kulturelles Selbstbewußtsein" anempfohlen. Sie helfen sich auch selbst, indem sie einfach abkratzen. Diese Kultur lassen sie sich nicht nehmen. zurück